Mixe des Monats: August 2026

Das Motherboard aus dem August findet ihr hier.

Ben Klock — HATE Podcast 500

Vielleicht ist die Spirale das Formprinzip, das Ben Klocks Sets zugrunde liegt. Sein HATE-Jubiläums-Mix jedenfalls wird von keiner linearen Entwicklung getragen: Jeder neue Track nimmt Elemente des vorherigen auf, dreht sie aber um eine andere Achse und offenbart so auf unerwartete Weise Facetten eines bestimmten emotionalen Zustandes. Die Treiber des kurzatmigen Sets variieren, sein Kern bleibt unverändert: eine Melancholie, die nie verschwindet, aber immer anders klingt.

Im Finale etwa sorgt Pfirters „Melt” für Verflüssigung, ist Zeugnis von Erschöpfung. Orbes „Forms” konstruiert daraus auf unerwartete Weise klar umrissene geometrische Strukturen. Trotzdem vermitteln beide Nummern ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Klock macht loop-basierte Musik, in der es faktisch keinen Loop gibt. Eine dramatische Kurve wäre da natürlich auch zu viel; Ben-Klock-Raver:innen leben allein von variierenden Intensitäten derselben Melancholie. Vielleicht ist Klock eine Art Archäologe dieses einen Gefühls, das durch die Nacht, durchs gesamte Leben führt. Es ändert sich nie – offenbart sich aber doch in jedem Moment auf neue Weise. Alexis Waltz

Carrier – Bassiani invites Carrier/Podcast 320 (Bassiani)

Es gibt Techno und es gibt Techno. Der eine treibt, der andere taucht, der eine marschiert, der andere forscht. Carrier hat sich anno dazumal als Shifted zumeist dem Four-to-the-Floor-Ansatz verschrieben, aber seit jeher als mehr verstanden denn als rein funktionaler DJ und Producer. Dieses Mehr lebt er mit dem von seinen Drum’n’Bass-Wurzeln inspirierten Alias Carrier zur Gänze aus.

Dieses dreistündige Set wurde live im Bassiani aufgenommen. Das beeindruckt schon deshalb, weil es trotz aller Rhythmen und Bassfrequenzen, die aufeinanderprallen, klingt wie eine lupenreine Ableton-Visitenkarte, ein hermetisch abgeriegeltes Gewächshaus ungezügelt ineinander wuchernder Vegetation bei tiefschwarzer Nacht. Gebrochener Techno in UK-Tradition, wie in Forest Drive West oder Pessimist kultivierten, trifft mitunter auf glasklaren Dub. Der Exzess spielt sich hier nicht zwingend auf der Tanzfläche, sondern zuallererst im Kopf ab, abgeschnitten von der Außenwelt, immer tiefer im Morast. Maximilian Fritz

DJ Jauche – 3000Grad Festival 2026

Opal Sunns „Liquid” ertastet mit reduzierter Percussion und viel Hall den nächtlichen Festivalfloor, bevor Floyd Lavines „Masala” mit treibenden Toms und Afro-House-Percussions für ein wenig Wärme sorgt. Mit Vincenzos „Assassin” und dem Rekids-Remix von Dino Lennys „Not About The Volume” bringt der Berliner Nacht-Veteran mit einem Track-Record von Walfisch bis Berghain das Peaktime-Gebot ins Spiel. Als Liebhaber saftiger Melodien ist Jauche ein DJ am derberen Ende des House-Spektrums; Ron Trents Klangesoterik ist ebenso wenig sein Ding wie minimales Understatement. Ein Souverän ist er allemal.

Jauche pendelt zwischen Deep House, Afro-Techno und Disco-Splittern: Kerri Chandlers Instrumental-Dub von RiskSoundSystem und Atjazz‘ Galaxy-Aart-Remix für Vince Watson liefern verträumte, jazzige Momente, während Fantastic Twins auf dem Optimo-Label und Hot Toddy, Magnolia, Bustin‘ Loose & Catalina auf The Disco Express eine discoide Note setzen. Ron Basejams „The Hurt Inside” und André Lodemanns Freerange-Meilenstein „For Those Who Care” halten die Balance zwischen Schwermut und Wärme. Zum Ende setzt dann der Harry-Romero-Dub von Radio Slaves „All Rize” im Spannungsbogen noch einen Akzent, bevor sich der Sven-Marquardt-Bruder mit Frankie Goes To Hollywoods „Relax” einen augenzwinkernden Abgang verschafft. Jauches gelungener Mix aus Selbstbewusstsein und Humor unterstreicht so ein originär Berlinerisches House-Verständnis, das mehr mit Wowereits Arm, aber sexy-Diktum zu tun hat als mit den Fondation-Beyeler-Ambitionen nachfolgender Berliner House-Generationen. Alexis Waltz

Jona Sorger – Afterhours: Untitled (streamlines)

Festivals zu Walde so: Hinein mich euch ins Gebüsch! Heißt eigentlich: ins gern zitierte Hinterland, das dann doch nur eine Bear-Grylls-Attrappe mit Autobahnanbindung ist. Ganz anders das Streamlines in Österreich. Dort, also im Nirgendwo, muss man allein für die Anreise in drei Kamelbäuchen übernachten und sich von rohen Fischaugen und Eigenurin ernähren. Dafür hat man auch ein echtes Erlebnis, von dem man nachträglich wochenlang rumschwärmen darf. Erlebnis-Ermöglicher Jona Sorger lebt und arbeitet folgerichtig zwischen Wien, Amsterdam und (weil es sich so gut im Lebenslauf macht) einem 1000-Einwohner:innen-Kaff an der tschechischen Grenze. Da tummeln sich bald der Fuchs und ein Hase und ein paar Survival-Trip-Kandidat:innen. Für das Geäst. Und die gute Laune. Christoph Gleich

Marie Montexier – Nation of Gondwana Wiese 2026 (Nation of Gondwana)

Mit 19 veranstaltete sie illegale Raves im Wald, heute spielt Marie Montexier auf der Wiese. Natürlich nicht auf irgendeiner, sondern auf der gleichnamigen Hauptbühne der Nation of Gondwana. Daneben legt die Kölnerin regelmäßig im Berghain, auf Festivals wie dem Awakenings und in zahlreichen anderen renommierten Clubs auf. Der Mix des Monats kommt allerdings von der Nation – und offenbart die ganze musikalische Bandbreite Montexiers.

Getragen von Yaleesa Halls Remix von Malins „Deorbital Descent”, startet das Set mit dubbigen Flächen, bevor sich repetitiver, zugleich ausgesprochen grooviger Minimal einschleicht. Immer wieder zieht Montexier mit ravigem Techno das Tempo an, nur um kurz darauf in perkussiven Microhouse abzubiegen. Sie bewegt sich mühelos zwischen Tracks wie Altinbas‘ „Sphaere”, dessen weite Dub-Chords den Raum aufziehen, und reduziertem, hypnotischem Minimal Techno. Lange bleibt sie dabei nie in einem Modus, sondern wechselt zügig zwischen Tempi, Energieleveln und Genres. Ab etwa der Hälfte des Sets, mit Desrois „Vortex Ring State”, hält sie die Energie dann konstanter oben. Über treibenden Dub Techno bewegt sich Montexier hin zu Joe Millis „Mantra”, mit dem sie noch einmal auf die bislang eher selten gesetzten perkussiven Grooves zurückkommt. Von dort geht es, wer hätte es vermutet, erneut über ausladenden Dub zu André Zimmers epischem „Bearing the Weight”. Den Abschluss bildet schließlich DJ Rolandos „Knights of the Jaguar”, das dem technoiden Treiben noch einmal ein atmosphörisches Krönchen aufsetzt. Johanna Lühr

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Stone Techno 2026: Ein Festival im Jahr der Transformation

100 Artists, fünf Floors, Mut zur Nische: Das Stone Techno Festival 2026 begeistert künstlerisch – trotz Startschwierigkeiten am Freitag.

CRO und Bootshaus im AMØK Club auf Mallorca: Minikleider, Leinenhosen und Akrobatik in angenehm entschleunigter Dynamik  

Horrende Preise machen das Feiern auf Ibiza für die meisten unerschwinglich. Wie sieht's auf Mallorca aus?

Die Platten der Woche mit Atrevido, Djrum, Pancratio, Ken Ishii & David Castellani und Nico Lahs

Die Platten der Woche – mit Reviews zu Atrevido, Djrum, Pancratio, Ken Ishii & David Castellani und Nico Lahs.

Motherboard: August 2026

Von Delilah Hollidays Bedroom-R'n'B bis zu Slushwave von Mondoriviera: Das Motherboard fühlt in die Nischen der elektronischen Musik.