GROOVE Reviews: Die Alben im August 2026 (Teil 2)

Das Motherboard aus dem August findet ihr hier, die Mixe hier, Teil 1 der Alben hier.

Overmono – Pure Devotion (XL Recordings)

Auf ihrem zweiten Album bewegen sich die Brüder Ed und Tom Russell alias Overmono stark in Richtung Pop. Kaum einer der elf Tracks des Albums kommt ohne Gesangs-Feature aus. Dadurch schreddern die Brüder, die mit ihrer sehr eigenen Mischung aus UK‑Bassmusik mit trancigen Arpeggios und schwelgerischen Melodien, die an Folk-Musik ihrer walisischen Heimat erinnern, schon immer stark in Richtung Cheese-Grenze tendierten, haarscharf am Abgrund entlang. Und schreiten auch mal in diesen, etwa in „Even Angels Ghost”, das mit seinen R’n’B-Vocals schon arg zuckrig daherkommt. Meist aber bekommen sie dank cleverer polyrhythmischer Arrangements doch die Kurve und erschaffen so eine Art Future-Pop, der seinesgleichen sucht, auch wenn er nicht jedermanns Tasse Tee sein dürfte. Zwischen diese zahlreichen Bass-Pop-Tunes streuen sie immer wieder ein paar Dancefloor-Burner in ihrem sehr eigenen futuristischen UK-Sound ein. Und auch nicht jeder Vocal-Track ist eine Süßigkeiten-Orgie. So erinnert zum Beispiel „Knight In Shining Prada” mit John Joseph Holt an den Vocals, der mehr ein Gedicht rezitiert als singt, stark an The Streets. Durchaus ein Kompliment. So kann man den Brüdern am Ende dann doch nicht böse sein. Tim Lorenz

Picture – Uuuuuuuu (Short Span)

Techno bedeutet für mich seit dessen Geburt immer auch Zukunft, Neues, Versprechen, Wagnis. Klar, das sind Projektionen, die standen auf keinem Etikett. Dennoch, die frühen Jahre des Genres vermittelten etwas Derartiges, vielleicht auch durch Rückkopplungseffekte mit den weltweiten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Wie auch immer, eine solche Erwartungshaltung wird selten erfüllt, völlig klar, deswegen geht ein großer Teil der härteren Four-to-the-Floor-Bewegung oft an mir vorbei.

Picture aber kriegt mich, schon nach ein paar Takten. Nicht weil da Spektakuläres passieren würde – eigentlich geschieht erst einmal außer einer Bassdrum für eine Weile fast nichts. Aber dann folgen subtile Elemente und Sounds in nicht allzu gewöhnlicher Anordnung, und schon steigt das Interesse. Und reißt bis zum Ende des Albums nicht mehr ab, dank Vermeidung allzu üblicher Klang- und Arrangement-Muster. Steht doch einmal ein typischer Sound im Mittelpunkt wie in „Leeeeeee”, machen die perkussiven Elemente komische Sachen. Minimal Techno hat seine Spuren hinterlassen, wird aber nicht zitiert, Rhythmik dominiert insgesamt über Akkorde und Flächen, mündet aber nicht in Klickerklacker. Das vielzitierte Rad wird hier nicht neu erfunden, logisch, aber verdammt inspiriert geschliffen, poliert, aufgeraut oder geflammt. Zu all dem passt, dass der Act auf Bandcamp statt eines Albuminfos nur einen Satz unter den Player schreibt: „Back with more. Still burning.” Da brenn‘ ich mit. Mathias Schaffhäuser

Posthuman – Gang Of 404 (Balkan Vinyl)

In sogenannten Zeiten wie diesen ist positiv konnotierter Futurismus eine Seltenheit. Die letzten freundlich gesinnten Roboter haben sich offenbar in die Vocals breakiger Electro-Tracks geflüchtet. So einige davon sind auf Posthumans neuem Album Gang of 404 zu finden, das eine „Liebeserklärung” an ihre Electro-Reise ist, wie die beiden Cousins und Speerspitzen der UK-Acid- und Experimental-Techno-Bewegung erklären.

Diese Reise beginnt mit einem Opener, der sich stoisch vor sich hin arbeitend schnell zu einem maschinellem Groove à la Anthony Rother verhärtet. „Break Bones” bringt industrielle Rave-Wucht, bevor sich diese in ambienten Nebel auflöst und mit „Facts Not Opinions” zu den klassischen Electronica-Wurzeln der frühen Zweitausender zurückfindet. In jene Zeit also, in der die späteren Betreiber der Partyreihe I Love Acid ehemalige Londoner U-Bahn-Stationen im wortwörtlichen Sinne in einen Underground verwandelten. Nostalgie, die alles andere als rückwärtsgewandt ist. Entsprechend der dystopischen Tracktitel „Another Earth and Wasted Future” hatte man sich bei der hardware-getriebenen Produktion jeglichen KI-Einsatzes entsagt. Fast schon folgerichtig, dass mit den ältesten Mitteln manchmal der glaubwürdigste Blick nach vorne entsteht. Lea Jessen

Pye Corner Audio – More Songs About The Sun (Sonic Cathedral)

Sieh’, die Uhren mit ihren Ziffern und Blättern und wie sie schmelzen, die Sonnenblumen auf dem Felde, wie sie dahingehen im gleißenden Lichte des Strahleplaneten, und wie sich biegen die Töne gleich Elaste in der Hitze dieses Sommers.

Fife, die Agrarregion nördlich von Edinburgh in Schottland, hat selbst im Januar nur elf Regentage. Innerhalb Schottlands quasi Südsee. Und so kommt Martin Jenkins mit seinem Pseudonym Pye Corner Audio und liefert einen Soundtrack zum Glutsommer. In „Rays Of Sunshine” zerfließen weiche Cluster zu einem stehenden Schellenkranz-Beat bei 118 BPM. Sie muten jedoch eher an wie 59, und sie lassen Luft. Das ist der schöne Unterschied zur Realität: Es bleibt hier eher bei der Überwältigung durch Licht und der Easyness, auf jeder Mauer rumsitzen zu können. Luftwegbleiben, Hitzeflecken, das kommt nicht vor.

Für diese Luft sorgt auch Shoegaze-Halbgott Andy Bell, der anfangs der 1990er-Jahre gemeinsam mit Marc Gardener die Songs von Ride schrieb, Gitarre spielte, sang und später noch Bassist von Oasis wurde. Bell macht schon seit etwa 20 Jahren eine ganz ähnliche, lockere, warme, traumhafte Musik, und Jenkins featuret ihn hier auf einigen Tracks. Es führt dazu, dass More Songs About The Sun das dramaturgisch rundeste Album von Pye Corner Audio wird: Sommertanz, später; mindestens sehr warm, manches strahlend, weniges überhitzt. Mit Madchester-Beats, Downbeats, verträumten Jungs-Gesängen, einer Spoken-Word-Story des schottischen Krimi-Stars Ian Rankin. Hör‘. Christoph Braun

Sarah Davachi – The Will of Tongues (Late Music)

Das ist „Healing & Listening Music at its best”, und das im wahrsten Sinne. Wer sich auf Sarah Davachis The Will of Tongues einlässt, begibt sich auf einen Trip – und gelangt durch den Klang zu sich selbst. Über zwei Stunden dauert die Reise durch fein austarierte mikrotonale Klangräume mit Orgel, Stimmen, Streicher, Holz- und Blechbläser. Diese Kompositionen belohnen mit einem Sog, der sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Schon „Interlude I: Polyphonic, for Strings” eröffnet verschiedene Tonebenen, als würde sich das Ohr langsam auf eine andere Klangwelt einstimmen. „Canto Duo” führt nach oben: hohe Töne, die den Raum öffnen und wie ein meditatives Ausatmen daherkommen. In „Songs of the Smile’s Fig: I. Hours” erklingt zum Beispiel ein sirenenhafter Gesang, der fast schon sakral daherkommt. Davachi arbeitet mit kleinsten Verschiebungen von Klangfarben und Obertönen. Nichts drängt sich auf. „The Second Tuning” erdet, während „The Rose Dialogues, Part I” erstmals Spannung in diesen schwerelosen Zustand bringt. „Part II” nimmt sie wieder zurück und findet zu einer ruhigeren Meditation. Dann die Stimmen: „Songs of the Smile’s Fig: II. Salts” klingt wie eine Anrufung nach oben, bevor „Four Narrow Forms” wieder erdet. „The Will of Tongues” ist Healing-Musik ganz ohne Schnickschnack. Nach einer durchtanzten Nacht perfekte Musik, um wieder zu sich zu kommen. Liron Klangwart

Sofie Birch – Bivabippabualukka (STROOM)

Sofie Birch ist ganz schön fleißig! Seit ihrer ersten Veröffentlichung 2019 ist das neueste schon das neunte Album der Kopenhagener Künstlerin. Ihre Kunstform nennt sie „Ambient Abracadabra” und meint damit sowohl ihre Liveperformances, aber auch Radioshows und immersive Umgebungen. Neben der Musik ist Birch nämlich auch große Naturliebhaberin und hat passend dazu auf einer Insel bei Kopenhagen ein Studio mit Garten, den sie gerne zum Musizieren nutzt. Das neue Album hat sie gemeinsam mit ihrem Bruder Alfred Bundgaard aufgenommen. Darin verarbeiten die beiden nicht nur alte Traumata, sondern lassen vor allem das innere Kind aufblühen. Diese Lebensfreude will Birch an ihre Hörerschaft weitergeben, denn „we need comfort in these times”. So klingt das Album auch. Will man diesen Sound in konkrete Genre-Schubladen packen, ist das gar nicht so einfach. Ambient ist definitiv dabei, aber auch Folk und Indie, Jazz und sogar Bossa Nova. Wunderbar verspielt, mit kindlichen, fast naiven Synthesizer- oder Trompetenmelodien. Meistens dabei: Field Recordings vom Rauschen des Windes im Wald, Vogelgezwitscher oder das Quaken von Fröschen. Vor dem geistigen Auge entsteht beim Hören ein Bild, das stark an alte Astrid-Lindgren-Verfilmungen erinnert, voller Spielfreude, Leichtigkeit und Streichen. Ein absolutes Wohlfühlrelease und Must Have für jeden Urlaub oder Ausflug ins Grüne. Lukas Simmer

Steve Rachmad – Light and Time (Dekmantel)

Wie ein Zahnrad, in dem Tausende kleine Rädchen autonom vor sich hin arbeiten, dabei doch ineinandergreifen und miteinander etwas Neues schaffen: So ließe sich diese Platte vielleicht am ehesten beschreiben. Steve Rachmad arbeitet auf Light and Time mit orchestraler Instrumentierung und besonders mit der Art und Weise, wie sich diese einzelnen Elemente arrangieren und übereinanderlegen.

Zwischen kratzenden, pochenden und rasselnden Klängen, die kontinuierlich durch die Tracks dieser LP flackern, dehnen sich im Hintergrund Synths aus, die aus gesampelten Orchesterklängen hervorgehen. So bekommt das Album neben seinem maschinellen Charakter zugleich etwas Organisches. Steve Rachmad bewegt sich auf diesen 15 Tracks an den Rändern von Techno. Sie sind zu dezent, um unmittelbar als Tanzmusik erfahrbar zu werden, und doch weit entfernt von einem reinen Minimalismus à la Steve Reich. Was hier zusammenkommt, sind die Kunstfertigkeit und die Erfahrung eines Pioniers der elektronischen Musik, der die Grenzen des Genres nicht mit großen Gesten verschiebt, sondern sie behutsam und fast magisch auslotet. Wencke Riede

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