Das Motherboard aus dem August findet ihr hier, die Mixe hier.
Al Wootton & Irene Bianco – Rope (Trule)
Ein Album, zwei Remixe, drei EPs: der Brite Al Wootton war 2025 besonders fleißig. Dazu kommt seine Arbeit mit Bands wie Holy Tongue. Nun folgt die erste Veröffentlichung 2026, eine Kollaboration mit der in Dänemark lebenden italienischen Perkussionistin Irene Bianco. Sieben Stücke, alle improvisiert. Frei, neblig und durchzogen von furiosen Dub-Nuancen. Woottons Sample-Arbeit wird von Gitarre, Bass und Klarinette ergänzt und trifft auf Biancos experimentelles Spiel mit Schlagzeug, Glocken und Vibraphon. Vordergründig wirkt die Musik entspannt, doch unter der Oberfläche brodelt es. Biancos Freeform-Percussion fügt sich zurückhaltend in die elektronischen Klangräume ein. Klassische Grooves sind nicht vorhanden. Stattdessen entstehen locker wirbelnde Klang- und Texturgebilde aus Drone-Schleifen, Gong-Sounds, Holzbläsern, Perkussion, Hall- und Tape-Effekten, die trotz aller Freiheit organisch ineinandergreifen. Bei allem behält das Duo souverän die Kontrolle, umschifft konsequent Offensichtliches und verliert selbst im dichtesten Feedback-Strudel nie den Faden. Experimentell, psychedelisch und anregend unberechenbar, ein Album, das von Anfang bis Ende bannt. Michael Leuffen

Arca – XXXXX (XL Recordings)
Während sich in Berlin Rekordtemperaturen mit Niederschlagsepisoden und Eclipse-Spektakel abwechseln und aus den zu Rollkoffern mutierten JBL-Monolithen die immergleichen, weichgespülten Autotune-Hymnen schallen, stopft die venezolanische Produzentin und Sängerin Arca das Sommerloch mit einem Sound, der mehr Aufmerksamkeit bedarf und gewissermaßen die Hyperpop-Antithese zum brat-Summer darstellt. Nachdem ihre fünfteilige Kick-Reihe 2021 ihren Abschluss gefunden hat, bewegt sich die in Barcelona lebende Künstlerin mit XXXXX, ihrer bereits elften LP, zwischen abstrakten Formen und konkretem Sounddesign. Beides dient ihr als ästhetisches Exoskelett für eine Auseinandersetzung mit Themen wie Spiritualität, digitaler Mutation und ritualisierter weiblicher Unterdrückung.
Nichts daran wirkt zufällig. Selbst das Artwork erinnert mit seinen sexualisierten Machtfantasien an die biomechanischen Körperwelten H. R. Gigers. In den expliziten Lyrics von „Fxck” verschwimmen sexuelle Ekstase, strukturelle Repression und die Scham des eigenen Ausgeliefertseins. Dancefloor-Funktionalität ist hier nur eine Imagination, ein spontaner Impuls, der Club eine Metapher für die innerliche Zerrissenheit zwischen Bedrängung und Ekstase, quasi BAMBIIs Infinity Club, nur als Albtraum. Dabei ist die hysterische Soundkulisse nicht nur Kunstgriff, sondern zugleich Schauplatz von Unterdrückung und Selbstbehauptung. Arca erschafft eine entmenschlichte, postindustrielle Brachlandschaft, füttert sie mit unwirtlicher, synkoper Breakcore-Rhythmik und kindhafter Hyperpop-Exzentrik und stellt beiden eindringliche und zugleich entrückte Spoken-Word-Passagen zur Seite, die in ihrer derangierten, echoten Ästhetik, dem permanenten Zustand zwischen Schreien und Flüstern, stellenweise an Alice Glass erinnern.
Gerade vor dem Hintergrund postindustrieller Zuspitzung und technischem Antagonismus beschwört Arca in Songs wie „Willow” eine symbiotische Vereinigung von Mensch, Maschine und Natur herauf. Eine ausladende Science-Fiction-Oper, die sich zu einer maschinellen, fremdgesteuerten Rhythmik mit aufblitzenden Chiptune- und Dembow-Fragmenten reduziert. Ein Glitch, eine begehbare Gefühlswelt, ein assoziativer, auditiver Raum zwischen Dominanz und Intimität, wobei das erregte Chaos nicht überwunden, sondern bewohnbar gemacht wird. „Wenn zwei Menschen denselben Traum träumen, hört er auf, eine Illusion zu sein.” Jakob Senger

Black Rave Culture – Black Rave Culture Vol 4 (Black Rave Culture)
Bereits zum vierten Mal tut sich das aus James Bangura, Amal und DJ Nativesun bestehende Produzenten-Trio als Black Rave Culture zusammen, um gemeinsam eine Kollektion von in diesem Fall 13 Bangern zu produzieren. Unterstützt wurden sie dabei auf zwei Tracks, einmal von Bok Bok vom Label Nightslugs und zum anderen von JD. Reid. Dabei kommt Amal mehr aus einem Drum’n’Bass-Kontext. Nativesun wiederum ist bekannt für Stücke, die stark vom Gqom beeinflusst sind, einer düsteren, südafrikanischen Bass-Music-Variante. Und James Bangura macht eigentlich alles, unterliegt von House bis Bass zu Techno und Electro keinerlei Genre-Zwang.
Mischen die Drei nun alle ihre musikalischen Skills zusammen, wie hier geschehen, entsteht eine so explosive wie unwiderstehliche musikalische Melange moderner Dance Music. Bei strammem Tempo – kaum einer der Tracks ist unter 140 BPM – segelt das Trio mühelos von Chicago-House-Einflüssen zu britisch anmutenden Garage-Mutationen, von Deep-House-Anmutungen zu düsteren Breaks oder wilden Juke-Perlen. Alles brillant produziert und sehr offensichtlich dem schwarzen Erbe des britischen Hardcore Continuums verpflichtet, auch wenn das Trio aus den USA, genauer gesagt Washington, D.C., stammt. Mit „Herengracht” liefern sie obendrein noch einen veritablen Sommerhit ab, der auf Techno- und House- wie auch auf Bass- und Breakbeat-Dancefloors für Furore sorgen dürfte. Tim Lorenz

buttechno & Triš – the spirit (PSY X)
the spirit ist Teil von so etwas wie einem Subgenre, das seit Jahren sein atmosphärisch dichtes Dasein fristet: Osteuropäischer Pop mit Trip-Hop-, Downtempo-, Jungle- und Electronica-Einflüssen. Die Rollen dieses Duos sind auf diesem Album wie schon bei der Kollaboration In Your Head von 2023 klar verteilt: Der Wahlberliner buttechno produziert die Beats, die ukrainische Sängerin Triš steuert Vocals bei.
Das Instrumental „400db”, in dem Triš nur gegen Ende als fernes Echo auftaucht, markiert die extremste Jungle-Aggression des Albums. „star” oder „another” wiederum sitzen am anderen Ende des Spektrums und zeigen, welch makellosen, von einem diffusen Gefühl der Wehmut durchzogenen Pop die beiden zu leisten imstande sind. Dass Melancholie Hall benötigt, wird anhand des Gesangs über die komplette Albumlänge hinweg deutlich. „ifeel” aber baut in seiner Mitte ein optimistisches Zwischenspiel mit Heliumstimme ein und hellt die latent körperlose, ungewisse Grundstimmung auf. „by the rain” ist der nächste Ohrwurm, in dem sedierender Gesang und hektische Breaks einen cleveren Kontrast schaffen. Obwohl the spirit der eben erwähnte nachdenkliche Ton prägt, fächert das Album in der Tristesse ein breites Register an Gefühlen auf. Bemühte Post-Sowjet- oder gar Kriegs-Assoziationen braucht es bei diesem Meisterwerk der Schwermut gar nicht. Maximilian Fritz

Eden Aurelius – Entre Nous (Short Span)
Algengleich bewegen sich die Tracks auf dem Debütalbum der New Yorker Produzentin Eden Aurelius, wobei man sich diese Klang gewordenen Wasserlebewesen am besten mit durchschimmernder Sonne vorstellt. Ein bisschen trübe wirkt das Licht auf Entre Nous, vor allem dank wattiger Synthesizerakkorde, einer der Zutaten ihres Ambient-Dub-Techno-Stils. Hall und Echo tun ihr Übriges, um die Konturen weichzuzeichnen. Friedlich geht es auf dieser Platte zu, jede einzelne Nummer fließt einem so warm entgegen, als wollte sie einen persönlich umarmen. Ganz gleich ob mit sanftem Beat, sehr sanftem Beat oder gar keinem Beat, herrscht stets ein freundlicher Ton in der Musik von Eden Aurelius. Wenn man strenge Kritikermaßstäbe anlegt, kann man vielleicht sagen, dass das Album klar in einer Tradition steht und diese eher weiterführt, als sie nennenswert zu erweitern. Eine souveräne Fortsetzung von etwas kann mitunter aber besser gelingen als der verbissene Versuch, dem eigenen Sound um jeden Preis mit Innovationen zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Entre Nous ist so eine Platte, die im Hintergrund laufen könnte, ohne dass man sie groß bemerkt. Doch es ist gut denkbar, dass man anschließend, wenn sie verhallt ist, mit einem affirmativen Was war das gerade? reagiert. Tim Caspar Boehme

Legowelt – Ambient Trip Commander (System Revival)
Eine narrative oder vielleicht auch cineastische Komponente hatte die Musik von Danny Wolfers alias Legowelt schon immer. Nicht erst seit den liebevollen Aquarell-Artworks seiner jüngsten Arbeiten spielen Bilder eine essenzielle Rolle für den Sound jenes Mannes, der den Amiga nach wie vor für den kreativsten Computer aller Zeiten hält. Frühe Veröffentlichungen wie die Klaus Kinski EP (2002) oder der fiktive Agenten-Thriller-Soundtrack The Rise And Fall Of Manuel Noriega (2008) referenzieren die Filmwelt nicht nur, sie komplementieren sie und generieren selbst Szenarien, Erzählungen, Gedankenfotos. Dass Wolfers nach vereinzelten Animationen und Commodore-Scores wie dem Loch Ness Complete Soundtrack (2013) irgendwann einmal beides in die Hand nehmen würde, Ton und Bild, ließ sich erahnen. Vor drei Jahren im August war es dann so weit: Mit Ambient Trip Commander veröffentlichte der Synth-Wizard den ersten Soundtrack zu einem Film, den er quasi in Eigenregie gezeichnet, animiert, geschnitten und vertont hat. Abgesehen von der dafür notwendigen kreativen Energie und Motivation sind auch das Level der musikalischen Einlassung und die schummrige Traumatmosphäre jedes Bildes, jedes Tracks, jedes Plot-Elements mehr als beachtlich gelungen. Nun ist über das libanesische Label System Revival ein angemessener Vinyl-Release umgesetzt worden, der dem Soundtrack in jeder Hinsicht gerecht wird.
Ominös und schläfrig raunen da zu Beginn und im weiteren Verlauf immer wieder die Voice-Samples von Samantha Tapferstern, der fiktiven Protagonistin des Films, zwischen körnigen Synth-Keys und aufwallenden Pad-Nebeln hindurch. Wie in Trance knüpft Wolfers einen erzählerischen Faden von Track zu Track und spannt schon mit Titeln wie „Night Bus RPG City Simulator”, „You Arrive At Lonetal” oder „Mini Mall Arcade Theme” diese latent liminale Atmosphäre auf, in der ein Schwebezustand zwischen Angst und Aushebelung der Realität erreicht wird – irgendwo in der Schnittmenge von Prog Electronics, Comfy Synth und Ambient. Dafür nutzt er eine Vielzahl analoger Instrumente wie den Casio HT-3000 und Roland Boutique D-05, einen Novation Mininova und den saturierten Prophet-5, in dessen Effektkaskaden es sich über die gesamten 70 Minuten hinweg zu verlieren gilt. Neben den filmischen Qualitäten der Tracks und ihrer Sequenzierung als Album sind auch die melancholischen Farbtupfer in „Museum And Black Metal Store” oder „Where Can One Find Heaven” Teil der Erzählung und ein wiederkehrendes melodisches Motiv, das die depressive Einsamkeit der Protagonistin, aber auch ihrer Welt greifbar macht. Angesiedelt in einer mittelgroßen, mitteleuropäischen Stadt und später in Lonetal, einer Twin Peaks-Version der Alpenregion, wandelt der Film ebenso wie seine Begleitmusik zwischen Albtraum und kindlicher Erinnerung, zwischen Paranoia und Nostalgie. Eine innere Verfasstheit, die unsere geisterhafte Zeit und den Zeitgeist gleichermaßen widerspiegelt. Nils Schlechtriemen
