Industrial-Lärm, Glitch-Flackern und eine aus dem Club bekannte Trance, aber im Plüsch der Hochkultur: Aus diesem Widerspruch bezieht Karlheinz Stockhausens Oper Mittwoch aus Licht ihren dekadenten Reiz. Unser Autor Jan Joswig erklärt in seiner Rezension der Premiere in der Deutschen Oper in Berlin vom vergangenen Samstag, warum spirituelles Pathos und das Kamel, das sieben Bälle köttelt, nicht ohneeinander können wie der Hubschrauberlärm und „The End” von den Doors in Apocalypse Now.
Das Supramental ward ausgeschüttet. Karlheinz Stockhausen bringt seinen synkretistischen Olymp zum Klingen, und das Publikum amüsiert sich in die Seligkeit. In der Oper Mittwoch aus Licht verknüpft der Neue-Musik-Pionier traditionelle Instrumente und Elektronik, GOTT und Sri Aurobindo zu einer Himmelfahrt zu seinem gelobten Planeten Sirius.
Um die weltanschauliche Herausforderung zu skizzieren, die Mittwoch aus Licht zusätzlich zur musikalischen Herausforderung bedeutet, hilft ein Zitat von Sri Aurobindo. Der indische Yoga-Geistliche war in den Sechzigern ein großer Star im westlichen Alternativ-Milieu – und auch für Stockhausen. „Licht” ist ein Zentralbegriff in Aurobindos Schriften. Gegen „unfruchtbare intellektuelle Diskussionen” bringt er in Das Rätsel dieser Welt ins Feld: „Das intellektuelle Mental kann sich nicht einmal vorstellen, was das Supramental ist (…). Nicht durch Argumentation, sondern durch ununterbrochene Erfahrung, durch Wachsen des Bewusstseins, durch Weiten in das Licht vermag man jene höheren Bewusstseinsebenen über dem Verstand zu erreichen (…) .” Machen wir uns also auf den Schwingen von Stockhausens Oper und dessen kompositorischer „Superformel” auf den Weg ins „Supramental”.
Ein Ritus, um in Trance zu verfallen
Mittwoch aus Licht ist Teil des siebenteiligen, 29 Stunden langen Opernzyklus Licht, Die sieben Tage der Woche, an dem Stockhausen von 1977 bis 2003 schrieb. Mit dem Zyklus hat Stockhausen in der Musik einen Alternativ-Mythos in episch-multidisziplinärer Ausuferung geschaffen wie Matthew Barney mit seinem Cremaster-Zyklus in der Kunst. Kunst, Metaphysik und Fantasy mischen sich nerdig-schamanisch zu einem Privatkosmos, in den man sich vorbehaltlos hineinfallen lassen muss.
Regisseurin Susanne Kennedy gibt für Mittwoch aus Licht die Richtung vor, für sie ist die Oper „ein Ritus, um in Trance zu verfallen”. Immerhin scheinen Stockhausen-Hörer zu unkontrollierten Rauschzuständen zu neigen. In meiner Neue-Musik-Schallplattensammlung haben keine Platten so viele Kratzer wie die von Stockhausen.


Der vierstündige Mittwoch-Part ist in vier Szenen unterteilt, eins und vier vom Chor bestimmt, zwei und drei von den Instrumentalist:innen. Die elektronische Grundierung kommt ausschließlich als Playback, während Chor und Instrumentalist:innen auf der Bühne agieren.
Man kann die Musik wie Glitch von Microstoria oder Industrial von Throbbing Gristle hören, aber sie entstammt keiner jugendlichen Subkultur, sondern dem Inbegriff der erwachsenen Hochkulturwelt: progressive Musik in einem konservativen Umfeld. Diese Ambivalenz gibt dem Abflug einen zusätzlichen dekadenten Kitzel.
Kosmische Solidarität mit Späßchen
In der ersten Szene tritt der ca. 40-köpfige Chor in blassbeigen Mönchskutten zu abwartendem Drone auf die Bühne, an Kathederreihen Männer links, Frauen rechts. Hinter einem haushohen Beton-Totem zeigt eine Leinwand atmenden Sand. Der Drone wird heuschreckiger, der Chor erhebt sich kathedralisch, auf der Leinwand entfacht sich Wüstenkrieg.
Nach dieser Gruß-Zeremonie tritt das Weltparlament zusammen. Das Video zeigt einen endlosen Aufstieg in einem Sichtbeton-Turmskelett. Der Aufstieg ist hymnisch, der Turm düster, aber: „Die Liebe ist unser Thema.” Zum Schriftzug GOTT löst sich der Turm in Regenbogen-Quecksilber auf, das dritte Auge blinzelt uns zu und neben der Liebe wird „kosmische Solidarität” beschworen.


Warum das etwas anderes ist als quasi-religiöser Hokuspokus? Darauf hat das Libretto keine Antwort. Stockhausen steht hier vor einem generellen Dilemma. Über Spiritualität zu sprechen, ist wie zu Architektur zu tanzen. Sprache ist das Instrument der Vernunft. Will man mit ihr das Außervernünftige erfassen, gerät sie zu Geraune. „Liebe – Freundschaft – kosmische Solidarität – alle Geister drehen in Spiralen sich zum Licht der Welt”: Da unterscheiden sich Stockhausens Slogans nicht von Poesiealbum-Sprüchen – obwohl, der Hinweis auf die Spiralbewegung ist von stupender Präzision.
Aber als wollte er die pathetische Luft ablassen, hat Stockhausen mehrere profane Späßchen eingebaut. Erstes Späßchen: Das Weltparlament wird unterbrochen von einer Durchsage: „Das Auto mit der Nummer M (wie Mittwoch) 2026 soll gerade abgeschleppt werden.” Daraufhin eilt der Vorsitzende von der Bühne.
Kakophonie in die Transzendenz
Vor der zweiten Szene ist eine halbstündige Pause angesetzt. Ist sie Teil der Opern-Liturgie? Führt das plaudernde Publikum das Weltparlament fort? In der zweiten Szene übernehmen die Musiker:innen von den Sänger:innen. Der Chor-Gesang holte das Publikum im Frühchristlich-Sakralen ab. Die Instrumentalist:innen führen es ins postchristlich Sirius-Sakrale. Ihre Live-Soli werden von der Playback-Elektronik in die Ferne gezogen. Während die Klarinette auf der Leinwand von einer Flucht gotischer Kathedralen begleitet wird und zum Cello der Ozean heranwogt, begibt sich die Geige auf eine Geisterfahrt gegen einen Vogelschwarm, der zu Kindern mit Flügeln morpht.
Drittes Späßchen: Das Luzikamel köttelt sieben Bälle – für die sieben Wochentage und sieben Erdteile.
Die Instrumente tasten sich fragend vor, nichts jubiliert, klagt oder wird lyrisch. Die Musik hält sich in der emotionalen Schwebe – einer Schwebe, die sich entgrenzt. Diese Kakophonie der Unentschiedenheit treibt in eine Ratlosigkeit, die man für kosmisch halten kann. Ist das der Königsweg in die Transzendenz? Zweites Späßchen: Eine Mumie schickt den ekstatischen Bassisten per Gong-Schlag auf die Bretter.
Das berüchtigte Helikopter-Quartett
Die dritte Szene vereinigt platte Metaphorik, musikalische Chuzpe und inszenatorischen Größenwahn zu einem Fest der Überwältigung. Beim Helikopter-Quartett steigen vier Streicherinnen in vier von männlichen Piloten gesteuerte Hubschrauber, um gegen den Rotorenlärm anzuspielen, höher und höher dem Sirius zu. Der Flug wird als Filmsequenz auf der Leinwand eingespielt. Das sausende Anschwellen begleiten Flakscheinwerfer und Kunstnebel auf der Bühne.


Die Streicherinnen versuchen im Stakkato vor den Helikopterlärm zu kommen, steigern damit aber nur den Terror. Der Weg zum gelobten Planeten führt über himmlische Schlachtfelder. Die Terror-Intensität wird über 25 Minuten gehalten. Stockhausen dachte bei dem Helikopter-Quartett wohl an den Apocalypse Now-Moment aus der Eingangssequenz des Films, bei der der Hubschrauberlärm in „The End” der Doors übergeht. Wenn man Lärm und Musik nur brutal genug aufmischt, entsteht ein faszinierendes Monster.
Ein Kamel für die kosmische Solidarität
Für die Schlussszene, die wieder zu Liebe – Freundschaft – kosmischer Solidarität zurückfindet, versammelt sich das Weltparlament im Wahlbunker. Der Chor kommt an die Grenzen seiner Contenance und wird immer marktschreierischer. Das Luzikamel tritt auf. Unter einer lebensgroßen Kamelattrappe stecken zwei Sängerinnen. Drittes Späßchen: Das Luzikamel köttelt sieben Bälle – für die sieben Wochentage und sieben Erdteile. Schleifende Bläser siechen zu Kurzwellen-Klängen dahin. Im Raum steht die Frage: „Universal messages, die kein Mensch versteht? Operator!” Vom Operator Stockhausen kommt prompt der erlösende Wink zur Lesart seiner Oper: „Sirius-Geister haben Humor.”


Auf der Leinwand guckt das Publikum in die Röhre, die sich vom stählernen Raumschiff zum blutigen Kapillarendickicht und schließlich zu Strohringen wandelt. Dem Stroh, das übrig bleibt, wenn alles komisch Kosmische gedroschen wurde?
Das Ensemble verlässt die Bühne, die Musik weitet sich aus. Sie bringt das ganze Haus zum Dröhnen, während auf der Leinwand noch einmal der Helikopter seine Rotoren kreisen lässt. Der Klang stülpt sich über einen, und man fragt sich, im Inneren welches Wals man steckt. Oder ist es das Innere des Luzikamels? Aber vielleicht bin ich auch falsch eingetaktet und statt im Mittwoch aus Licht im „Tal des falschen Lichtes” gelandet, vor dem schon Sri Aurobindo eindringlich gewarnt hat.