Nichts ist verloren. Die jüngste Klangwerdung der viel gereisten und weit gekommenen Berliner:innen Danielle de Picciotto und Alexander Hacke alias hackedepicciotto manifestiert sich auf Lichtung (Mute, 10. Juli) als dunkel eingefärbter, schwer cinematisch-symphonischer Post-Rock mit existenzschweren Lyrics, Eindrücken von Mittelalter-Drone und Tribal-Industrial-Neofolk, experimentell frei wie pathosgeladen dicht. Und sie erzählen doch von Freiheit und Frieden, Liebe und Ruhe, von den Dingen, die das Leben wirklich ausmachen. Von denen, die mit leichtem Herzen und verschmitzter Miene schwer an den Zeitläufen zu schleppen haben. Es gibt sie noch, die Inseln der emotionalen Vernunft in dieser Welt. Es muss wohl Altersweisheit sein, die sich hier manifestiert – das Weltwissen zweier immer Junggebliebener.
Die in Frankreich lebende Grande Dame des experimentellen Trip-Hop und schmelzwarmen Glitch-Pop, Tujiko Noriko, kehrt zu dem Label zurück, mit dem sie um die Jahrtausendwende bekannt wurde. Diese Rückkehr ist ein erfreuliches Statement und eine feine Geste. Mit PON (Editions Mego, 12. Juni) präsentiert sie ein Album, das im Volumen ihr bislang ergiebigstes Werk darstellt. Noch dazu ist es bei aller ausprobierend suchenden Herangehensweise an Musik und Songwriting ihr zartestes und zugleich üppigstes, am tiefsten durchdachtes und am weitesten durchlebtes, gelebtes Album. Mit Kindheitserinnerung und Melancholie in die Zukunft weisend. Noriko Tujiko ist eine durch und durch kompromisslose Ausnahmekünstlerin, was hier bedeutet, dass ihre Musik in aller Offenheit und Freude am Spiel und Experiment das Gegenteil von kühl, akademisch, abstrakt oder abweisend wäre.
Eine innere Stille, Weltabgewandtheit und Melancholie mit einem gerüttelten Maß an Pathos und Dringlichkeit zu versehen und dadurch kollektiv und intuitiv für viele bis alle verständlich werden zu lassen, ganz verschiedene Quellen und Emotionen zusammenfließen zu lassen und sie populär, ja stadiontauglich machen zu können, das ist eine rare Gabe. Der französische Musiker und Filmemacher Erwan Castex alias Rone besitzt sie definitiv. Sein jüngstes Großwerk Megaptera (InFiné, 12. Juni) bringt diese Fähigkeit, zu vermitteln und zu übersetzen und doch in etwas wiedererkennbar Eigenem zu enden, wieder einmal auf mehreren Ebenen auf den Punkt. Als Soundtrack zum Dokumentarfilm La Baleine et le Musicien bildet das Album zugleich ein musikalisches und meeresbiologisches Experiment ab, das sich dem Gesang der Wale, insbesondere der titelgebenden Buckelwale, künstlerisch anzunähern versucht, ein Verständnis sucht, das über analytische Beschreibung und wissenschaftliche Informationsverarbeitung einer Interspezies-Kommunikation hinausgeht und dabei auch bewusst dahinter zurückbleibt – als Suche nach Austausch und Verstehen.
Was wäre, wenn die robuste Signaltransformation von Hyperpop, EDM und Mainstream-R’n’B zerbersten würde, sich daraufhin wieder zu etwas Neuem, fragil Vorläufigem zusammensetzen würde, bereit, jederzeit in ungeahnte Richtungen auszubrechen, sich im Fragment zu verlieren oder wiederzufinden? Wenn aktuell Künstlerinnen wie Charli xcx, Lorde oder Sky Ferreira für die offensive Selbstbestimmtheit eines hybriden wie gefestigten Pop-Sounds stehen könnten, dann repräsentiert K Á R Y Y N, Projekt und Alias von Karin Tatoyan aus Los Angeles, wohl die nächtlich dunkle, introvertierte und experimentelle Seite einer doch so raumgreifenden und extrovertierten Idee von Musik. Ein Sound, dem auch auf Tatoyans zweitem, hochkonzeptuellem Album PHYSICS UNIVERSAL LOVE LANGUAGE (PULL) (Mute, 29. Mai) kein Pathos fremd ist und der sich weder in produktionellen Maximalismen noch in übertriebener Deutlichkeit der Klangsignale und Botschaften ausdrückt. Einen Sound, dem bereits die Erfahrung von Dekonstruktion und Hybridität eingeschrieben ist, zu verflüssigen, zu dekonstruieren, nicht zuletzt zu rekonstruieren, gelingt K Á R Y Y N vollkommen selbstverständlich und (b)innenlogisch. Mit und neben dem absehbaren Geniestreich Heavenly Body: If I’m The Bottle You’re The Message von Eartheater – ebenfalls in Sachen Information, Intimität und Körperpolitik unterwegs – ist das hier fraglos das Pop-Album des Jahres 2026.
Eventuell haben sie ja einen kleinen Gradient-Boost bekommen davon, dass die Idee des Generativen dank KI und Machine Learning plötzlich wieder allgegenwärtig wurde. Jedenfalls erzeugt das Berliner Kollektiv Farmers Manual seit erstaunlichen 30 Jahren Sounds mit generativen Algorithmen, sich stetig verändernden Loops und sich selbst erzeugenden Strukturen (in etwas schickerem Wording kann man dann Emergenz und Autopoiesis dazu sagen). Ein unbeirrbarer, geschlossen-offener Kreislauf mit hin und wieder brillanten Ergebnissen, die auch mal wie eine Jahrzehnte zu frühe Vorahnung von Hyperpop klingen. In letzter Zeit gelingt das der Kombination von Farmers-Manual-Mitinitiator Oswald Berthold und der schottischen Sängerin und Spoken-Word-Künstlerin Sue Tompkins besonders oft. Als tsx x sue tompkins konstruieren sie auf dem vor zwei Jahren privat und nun öffentlich veröffentlichten recur⁷ (Generate and Test, 3. Juni) eine irisierende Welt aus den Hinterlassenschaften von Pop und Glitch. Und zwar tatsächlich konstruieren, nicht de- oder rekonstruieren.
Muqks ist Max Allison, halber Hausu-Mountain-Honcho und gut abgehangener Sample-Glitch-Virtuose. Sein jüngstes Album Juckport (Hausu Mountain, 12. Juni) ist tatsächlich ein Single-Instrument-Werk, das quasi-live, ohne Nachbearbeitung und ausschließlich mit dem besonders bei Hip-Hop-Producern beliebten Hardware-Sampler Roland SP-404 MKII gemacht wurde. Hört sich natürlich kein Stück nach Instrumental-Hip-Hop oder rauchwarendurchzogenem Headz-Kram an, sondern nach digitalem Informationsüberschuss, Data-Overload, einem generellen Viel-zu-viel, das dermaßen überladen ist, dass die Millionen querschießend herumflitzenden Mikrosamples sich in einer Dichte und Enge gegenseitig abschießen, bis letztlich doch so etwas wie Ambient daraus entsteht. Also: Etwas Einfaches aus dem Komplizierten, Klarheit und Minimalismus aus Überfülle.
Handgemacht akustischer Glitch als semielektronisches Songwriting in extrovertierter Selbstversunkenheit, das kann zurzeit niemand so wie der Berliner Fabian Altstötter alias Jungstötter. Dessen reduktiv-dramatischer bis introspektiv-gemurmelter aber immer sonor-charismatischer Bariton leitet uns durch ein knappes Dutzend fragmentiert minimalistischer Quasi-Songs, wie ein spätjugendlicher Scott Walker auf dem Übergang vom mainstreamenden Bombast-Croner zum klangschorfigen Neo-Avantgardisten, David Sylvian zwischen Japan und Fennesz, King Dude oder Nick Cave ohne Country oder Bluesrock-Traditionalismus. Und doch: Sustained (Unguarded, 22. Mai) atmet die Tradition, das Erbe des klassischen Songwritings der Dunkelheit am Abgrund, nur eben durchlässiger und körperlich elektrischer.
Dreimal alles – und zwar von allem, was an Ambient, Analog-Synthie, Shoegaze und Chill-Out da ist, bitte noch mit einer doppelten Portion Postrock und Jazz-Rock-Fusion drüber! Die Fourth World ist nicht genug. Was der im gegenkulturell gut abgehangenen Upstate New York (Woodstock, of all places) lebende M. Geddes Gengras auf Guest List (Hausu Mountain, 26. Juni) so zusammenalchemisiert, lässt sich hörbar kaum im Zaum halten. Klar, dass auch noch Stimme und psychedelischer Gitarren-Fuzz zu hören sind. Der ganz große kollaborative Ambient-Freakout. Gengras war schon immer an Fülle und Dichte interessiert, aber bislang doch eher in einem minimalen Synthesizer-Setup. Ja, das Ganze ist noch Ambient, der Spiritual Jazz und Psychedelic Rock im Macrodosing eingeworfen hat.
Vielleicht mag die geografische Nähe eine Rolle gespielt haben, letztlich ist es aber sicherlich kein Zufall, dass der Däne Mads Kinnerup Jørgensen auf zweien der konsistent besten und spannendsten Ambient-Labels dieser Zeit veröffentlicht hat: dem was die Anzahl der Künstler:innen angeht, durchaus exklusiven Kopenhagener Janushoved und dem ebenfalls sehr selektiven und sorgfältig editierten dänischen Tape-Label No Technique. Passen doch seine klanglichen Ideen ziemlich perfekt ins Portfolio zwischen knusprigem Ambient und kraut-kosmischen Synthesizern. Letztere haben im Trio We Are The Way For The Cosmos To Know Itself mit Julie Christiansen und Martin Rasmussen noch eine vorgehobenere Rolle, doch auch Jørgensens jüngste Soloarbeit Invented Mythology (No Technique, 18. Juni) bedient die Passion für das große Unbekannte da draußen, Weltall und Raumfahrt. Als ausgeruhter Space-Trip auf Basis analoger Synthesizer-Hüllkurven bekommt das Album seinen besonders edlen, feinpolierten Klang durch die Verwendung der Buchlas des EMS (Elektron Musik Studion) in Stockholm, das ihm die Vintage-Geräte für dieses Projekt zur Verfügung stellte.
Selbe Kerbe, ganz anderer Zusammenhang: Danalogue ist neben dem tanzbaren Dan Electro das zweite (analoge) Solo-Alias von Dan Leavers. Bekannt ist er als Schlagzeuger und Keyboarder der immer wieder als Radiohead-Alternative hochgehandelten Avant/Psych-Postrocker Soccer96. Sonst tritt er auch in zahlreichen Cosmic-, Kraut-, Jazz- und Postrock-Projekten wie The Comet is Coming oder Flock auf, die alle von seinem trippigen Drumming und dem verspult-psychedelischen Analog-Synthesizer-Sound gezeichnet sind. Solo auf Teleportations (Castles in Space, 29. Mai) übersetzt sich seine Faszination mit den Weltraumopern klassischer Science Fiction in pure analoge Synthie-Sounds vom Feinsten. Allerdings darf da dann gerne mal ein ordentlicher gerader Beat darunter liegen, was die Krautpsychedelik zu House nach Art von Danny Wolfers (Legowelt usw.) macht. Also ziemlich toll.
Beatrice Masters, in Paris lebende Producerin, DJ und Labelbetreiberin, hat sich in den vergangenen Jahren unermüdlich um die Versöhnung von geraden und halbgeraden Beats verdient gemacht. Ihre Podcasts, Mixe und DJ-Residencies sowie die Veröffentlichungen ihres für Experimente offenen Labels Bait suchen die unterschwelligen Gemeinsamkeiten von Dubstep und Techno, finden die Verbindungen von Minimal, Tech-House und Dub und strapazieren dabei ordentlich die Kniegelenke. Als Beatrice M. führt sie diesen von Szene-Scheuklappen und engstirnigem Purismus weitgehend befreiten Auflegestil, dem es dennoch gelingt, jegliche Anbiederung an Business Techno und Mainstream weiträumig zu umfahren und in tendenziell begradigte, bassgetriebene tanzbare Stücke einzureihen. Zu standardisiertem Dub-Techno wird ihr Sound dennoch nie. Ebenso wenig wie zu schroffen Hybriden oder gefälligen Fusionen. Die Tracks ihres ausladenden Debütalbums Sinking (Tectonic, 5. Juni) auf Pinchs Tectonic-Plattform vertreten jeweils klar und deutlich einen bestimmten Stil wie IDM, Techno, Dubstep, Dub, Minimal, Ambient, sogar vielgeschmähten Tech-House. Dabei finden sie aber jeweils immer einen Weg, die jeweils anderen Stile und Typen subtil mitzunehmen, einzubinden, ohne sie dominant oder zu offensichtlich machen zu müssen.
Diese imposante wie seltene Fähigkeit im Erkennbaren zu sein und doch das Übliche zu meiden, ohne etwas forciert anders machen zu müssen, ist bei der Zürcher Producerin Lua Jungck ebenfalls stark ausgeprägt. Ihre erst zweite EP Chase (-OUS, 22. Mai) zeugt bereits von einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit, einen frischen und vollständig eigenen Sound zwischen Techno und IDM zu definieren.
Wie sich die Musik Johann Sebastian Bachs anhören würde, wenn die Werke ohne harmonische Fülle oder strukturelle Raffinesse auskommen müssten, dabei aber ihre kompositorische Präzision und architektonische Strenge behalten dürften? Wie Techno nahe Electronica! Das behauptet zumindest RSRDGN X LPZG (AMAS_STUDIO, 5. Juni) von AMAS X Frithjof-Martin Grabner, einer Kollaboration des ΔϺΔS stilisierten Stuttgarter Producer-Duos mit dem klassisch geschulten Kontrabassisten Grabner. Spannend an dieser generationenübergreifenden Zusammenarbeit ist nicht nur das sich erstaunlich wenig an Klassik oder Neoklassik anbiedernde Ergebnis. Es ist ebenso die Arbeitsteilung, denn die experimentell knarzenden, Strukturen aufbrechenden modernistischen Soundelemente kommen vom Akademiker Grabner, der die eher konventionellen Tech-House und Dub-Sounds von AMAS gehörig aufmischt.
Dass Techno und Minimal Wave, Post-Punk, Electronic Body Music, Industrial, House und synthetischer Dance-Pop zusammengehören, wurde in den vergangenen drei, vier Jahren immer häufiger und von immer mehr Beteiligten vorgeschlagen. Von Beginn an ganz weit vorne und somit am dringlichsten mit dabei: die Berliner Künstlerin Cosey Mueller, die einen ähnlich anderen Hybrid schon in den Bands Das Das und Glaas verfolgte. Ihr drittes Soloalbum Embodiment of Denial (Bretford Records, 22. Mai) legt dann noch etwas zu und präsentiert sich sowohl politisch-sloganistisch einprägsamer als auch tanzbarer denn je. Hedonistische Dark-Disco-Punisher zum Drübernachdenken.
Ein heimliches bis unheimliches, sanft heranschleichendes, heftig zupackendes Drone/Doom-Metal-Album zu machen, das war wohl ungefähr die Idee hinter den Neubearbeitungen, die Simian-Mobile-Disco-Hälfte James „Jas” Shaw für die in London lebende deutsch-türkische Singer-Songwriterin Alev Lenz produziert hat. 4 in a Cycle of Thirds (Jas Shaw versions) (Alev Lenz, 11. Juni) spielt das im Original halbleicht, zartbitter-barocke Avant-Pop-Album aus dem vergangenen Jahr Stück für Stück nach, mit stöhnend gebeugtem Cello, präpariertem Piano und Lenz’ glockenhell klarer, meist unbearbeiteter Stimme. Die sinistren Drones manifestieren sich als untergründig bedrohliches, erdbebenartiges Grummeln, das sich immer wieder unter die Songs legt. Das passt von der intendierten wie transportierten Stimmung perfekt zu Lenz wohl bekanntestem Stück, dem extra elegischen „Fall Into Me”, das vor knapp zehn Jahren eine der besten Black-Mirror-Episoden veredeln durfte.
Die Australier Aviva Endean und Nick Ashwood verfolgen in ihrem Projekt Driftwood einen schwebend-vibrierenden Drone-Sound aus zwei mikrotonal verstimmten, darin aber präzise aufeinander abgestimmten Orgeln, was zu einem immer leicht archaischen, an Lieder und Kompositionen aus dem späten Mittelalter erinnernden Klang führt. Dies war schon auf dem 2024 erschienenen gleichnamigen ersten Album keine strenge Konzeptkunst, sondern mehrere – von Gitarre und Klarinette akustisch aufgelockert – aparte Drone-Folk-Songs. Für den aktuellen Nachfolger Maps (Room40, 12. Juni) haben sie diese noch einmal elektronisch erweitert. Orgel-Drone ist das Fundament, darüber spielen innig intensive, instrumentale Folksongs.
Das französische Duo Puce Moment könnte rein musikalisch betrachtet Schwester und Bruder von Driftwood sein. Pénélope Michel und Nico Devos arbeiten ebenfalls mit den mikrotonalen klanglichen Möglichkeiten der Interaktion von und mit Orgeln. O.R.G.II (Odd Doo, 12. Juni) ist ebenfalls ihr zweites Album, in dem sie dieser Idee nachgehen, ebenfalls unter Erweiterung des puristischen Orgel-Universums mit akustischen und elektronischen Mitteln. Es ist ebenfalls ein wundervoll weiches, schwebend gleitendes Klangerlebnis zwischen Drone und Song.
Den perfekten Abschluss der diesmonatigen Orgel-Trilogie bietet Music for Intersecting Planes (Ideologic Organ, 27. März) von der Brooklyn-Stockholm-Connection Leila Bordreuil und Kali Malone. Auch hier sind Resonanzen und Vibrationen das entscheidende Moment, der Klang strömender Luft, der atmenden Klangmaschine Orgel. In genau der richtigen Überlagerung von kopfstrenger Konzeptualität und klanglicher Körperlichkeit.
Kunstprojekte, die sich auf eine bestimmte Weise zu Künstlicher Intelligenz stellen, sind nicht gerade selten. Sei es nun kritisch oder affirmierend, dekonstruktiv oder produktiv, als halbironische Aneignung, sorgenvolle Warnung oder Vibe-codierte Content-Generation. Die Assoziation halluzinierender KI mit den Ideen des vor knapp zehn Jahren verstorbenen marxistischen Kulturwissenschaftlers Mark Fisher ist ebenfalls durchaus naheliegend, gerade wenn KI die metaphorisch zu verstehende Fähigkeit zugeschrieben wird, zu halluzinieren. Zum Glück werden die auf einem Theaterstück basierenden Folksongs From the WWW (Fun In The Church, 3. Juli) des nach einem Buch von Fisher betitelten Bandkollektivs Weird & Eerie dem Anspruch gerecht, eine angemessen komplexe künstlerische Form der Auseinandersetzung mit KI zu finden, die entlang von Konzepten wie kapitalistischem Realismus, Technik-Nostalgie, Vaporwave und Hauntology läuft. Also Ideen, die Fisher entweder konzipiert hatte, die von ihm interpretiert und neu gedacht, oder deren Tiefenverständnis in seinem Denken angelegt war, aber nie von ihm selbst ausgeführt wurden. Einer solchen Ambition ihr manches Mal im Übermaß exaltierendes theatralisches Pathos vorzuwerfen, wäre daher definitiv redundant und fehlgeleitet.
Erstaunlich, wozu die ansonsten meist sentimental nostalgisch in Folk, Country und Western eingesetzte Lap-Stee-Gitarre fähig ist, wenn die Kapazitäten des Instruments freigelassen werden. Etwa orchestral-symphonische Neoklassik als Drone-Maximalismus. Dem kanadischen Komponisten Olivier Alary gelingt das mit dem simplen aber höchst effektiven Trick der schieren Anzahl, zwölf der Liegegitarren gleichzeitig spielen zu lassen, zudem noch in elektronischer Verstärkung und digitaler Prozessierung. Auf Vestiges (LINE, 5. Juni) klingen die von der E-Gitarre abgeleiteten Instrumente dann eher nach Bruckner-schweren Streichern oder Mahler-mächtigen Blechbläsern, die immer wieder aufs Neue beweisen, wie viel Kraft und Inspiration in kontinuierlichen und zugleich beweglichen Sounds wie Glissando und Drone liegen kann. Nicht nebenbei erinnert das Album daran, welch qualitätvolle Klänge auf Richard Chartiers nimmermüder Minimalismus-Plattform LINE ohne den geringsten medialen Krawall regelmäßig seit über fünfundzwanzig Jahren erscheinen.
Der schwedische Bassist und Cellist Leo Svensson Sander, eventuell bekannt von seiner Ehepaarband The Tiny (ja genau, die mit dem eigenwilligen Ramones-Cover), spielt seine Vorliebe für strukturellen und instrumentalen Minimalismus öfter in kollaborativen Konstellationen aus. Solo ist selten, sogar so selten, dass der Soundtrack La belle année (Thanatosis, 8. Mai) tatsächlich sein erstes Soloalbum darstellt. Zumindest formal, denn selbstredend wird die Performance wieder von altbekannten musikalischen Gleichgesinnten wie dem Pianisten Alex Zethson und dem Saxofonisten Per „Texas” Johansson ausgeführt oder unterstützt. Einer zurückhaltend unterstützenden Begleitmusik angemessen sind Sanders Stücke kurz und karg, wirken oft skizzenhaft, Variationen weniger Töne auf einem einzigen im Raum isolierten Instrument, frei von jeglicher Ablenkung. So konzentriert und hundertprozentig am Zentrum der Aufmerksamkeit, dass sie eine Art Essenz des jeweils verwendeten Instruments freilegen – also eigentlich das genaue Gegenteil von Skizze oder Fragment.
Abschließend noch der Hinweis auf das expansive Lebenswerk der nach sechzig (!) aktiven Jahren immer noch produktiven, seit Langem in Frankreich lebenden argentinischen Künstlerin Beatriz Ferreyra. Die drei Stücke auf A Distracted God (Room40, 5. Juni) bieten gleichermaßen eine interessante Auswahl aus ihrer Diskografie wie einen punktuellen Überblick über ihre klangschaffende Arbeit, zwischen Musique concrète, Elektroakustik und Synthesizer-Experimenten. Kern dieser expansiven Praxis ist immer das Spannungsverhältnis von introspektiv-tiefem Zuhören und klanglichem Zufall, Musik in Anführungszeichen oder Ausrufezeichen, Sound als Musik, Musik als Hinweis auf Begebenheiten und Intensitäten im Sound.