Am kommenden Wochenende feiert die ELSE ihren 13. Geburtstag. Booker Timm Mühlenberg, der sich als Mitgründer der Veranstaltungsreihe HEISSS einen Namen gemacht hat, spricht mit GROOVE-Redakteur Alexis Waltz über das äußerst diverse Line-up, die Beziehung zum Schwesterclub Renate – und über einige Veränderungen, die den Dancefloor auch für schüchterne Tänzer:innen zugänglich machen sollen.
GROOVE: Zu eurem 13. Geburtstag feiert ihr 40 Stunden nonstop mit so verschiedenen Künstler:innen wie Len Faki, Nthng, Nightmares on Wax, Stella Zekri oder Young Marco. Wie ist dieses Line-up entstanden und wie passen die einzelnen Acts zusammen?
Timm Mühlenberg: Wir wollten für den Geburtstag ein Line-up zusammenstellen, das die ELSE möglichst gut widerspiegelt. Unser Booking ist bewusst offen angelegt. Über die Saison hinweg bringen wir unterschiedliche Genres, Szenen und Generationen zusammen, ohne uns auf einen bestimmten Sound festzulegen.

Was wollt ihr damit musikalisch bieten und erzählen?
Ein Line-up mit Artists wie Young Marco, Len Faki, Nightmares on Wax, nthng oder Kameliia ist für uns kein Stilbruch, sondern genau das, wofür die ELSE steht. Entscheidend ist für uns weniger, in welchem Subgenre ein Artist zu Hause ist, sondern ob die Stile eine sinnvolle Dramaturgie erlauben. Natürlich braucht so ein breites Programm einen klaren Aufbau.
Wie sieht diese Dramaturgie konkret aus?
Wir haben den Samstag bewusst etwas houselastiger angelegt und den Sonntag stärker in Richtung Techno entwickelt. Dadurch entsteht über die 40 Stunden ein natürlicher Spannungsbogen, ohne dass sich alle Slots gleich anfühlen.
Gleichzeitig war es uns wichtig, unterschiedliche Generationen abzubilden. Mit Artists wie COZi oder Kameliia haben wir einige der spannendsten internationalen Newcomer im Programm. Gleichzeitig freuen wir uns, mit Len Faki oder DJ TOOL Künstler dabei zu haben, die die Berliner Clubkultur seit vielen Jahren prägen. Dazu kommen Acts wie Stella Zekri oder Matrixxman, die das Bild weiter abrunden.

Gerade über 40 Stunden funktioniert so eine Mischung besonders gut. Tagsüber fühlt sich die ELSE anders an als nachts. Der Fokus verlagert sich zwischen Outdoor- und Indoor-Floor und das Publikum verändert sich ständig. Dadurch entwickelt das Wochenende seine eigene Dynamik, statt einfach nur eine besonders lange Clubnacht zu sein.
Im letzten Jahr habt ihr euren Geburtstag zum ersten Mal als selbst produzierte Veranstaltung gefeiert. Was habt ihr aus der Premiere im vergangenen Jahr gelernt?
Letztes Jahr haben wir gemerkt, dass es einen großen Unterschied macht, wenn wir das Wochenende komplett selbst gestalten. Wir konnten den Geburtstag als Ganzes denken und mussten uns nicht an ein bestehendes Veranstaltungskonzept anpassen.
Wie habt ihr es in diesem Jahr weiterentwickelt?
Dieses Jahr haben wir das noch konsequenter umgesetzt. Das Programm greift stärker ineinander und wir haben unsere Partnerkollektive bewusst eingebunden. Mit AOS, Coconut Concepts und PULS gestalten wir den Night Garden gemeinsam. Uns war wichtig, dass über die gesamten 40 Stunden überall auf dem Gelände etwas passiert und sich die Floors gegenseitig ergänzen. Außerdem wollen wir lokale Akteure, die die ELSE über die Saison mitgestalten, auch beim Geburtstag miteinbinden.

Die ELSE ist als Open-Air-Ableger der Renate entstanden. Wie eigenständig ist die ELSE heute, 13 Jahre später, und was verbindet die beiden Orte bis jetzt?
Ja, die ELSE ist als Idee für größere Open-Airs entstanden, weil unsere Schwesterlocation Renate nicht mehr genügend Platz dafür hergegeben hat. (Beständige) Open-Air-Flächen waren in Berlin nicht immer leicht zu finden. Das Brachland an der Elsenbrücke sah zu Beginn auch nicht sonderlich einladend aus, aber wir wollten etwas unter freiem Himmel machen. Die aktuelle Fläche erlaubt keine festen Bauten – das ist auch ein Grund, warum die ELSE so aussieht, wie sie aussieht. Die Nähe der Standorte war ein netter Nebeneffekt, aber wie sich die Venues seitdem entwickelt haben, war ein Prozess über mehrere Jahre.
Werden die Clubs von einem oder von zwei Teams betrieben?
Unsere Teams arbeiten zwar eng zusammen, aber in Kuration und kreativer Ausrichtung steht die ELSE für sich. Das musikalische Programm war von Anfang an anspruchsvoll ausgerichtet, in den 2010er Jahren waren Acts wie Dixon, Todd Terje, Mathew Jonson oder Miss Kittin und lokale Helden wie Erobique vertreten. Aus der Idee, eine bestehende Location zu erweitern, wurde am Ende ein Ort mit ganz eigener Identität. Gerade seit der Pandemie steht jede Venue noch mehr für sich. Der musikalische Anspruch ist geblieben, auch wenn wir mehr den Spagat zwischen modern und jung auf der einen und etabliert auf der anderen Seite fokussieren – wie auch am Geburtstag.
Und: Aus einer Fläche Brachland kommend, ohne Wasser und Strom, ist man jetzt, 13 Jahre später, natürlich schon stolz, was daraus geworden ist. Und gerade solche Projekte zeigen, wie divers Stadtentwicklung sein kann und wie Clubkultur selbst aus unwirtlichsten Orten einen lebendigen Begegnungsraum schaffen kann.
„Gerade solche Projekte zeigen, wie divers Stadtentwicklung sein kann.”
Ihr habt eine Lambda Labs QX3-Anlage und eine 180-Grad-DJ-Booth und eine Tribüne eingebaut. Wie verändert sich dadurch das Erlebnis?
Die drei Dinge greifen eigentlich ineinander. Uns ging es nicht darum, einfach neue Technik einzubauen, sondern den Outdoor-Floor als Ganzes weiterzuentwickeln. Mit der Anlage konnten wir den Sound noch einmal deutlich verbessern. Gerade auf einem großen Open-Air-Floor mitten in der Stadt ist es wichtig, dass Musik nicht nur direkt vor der Booth gut klingt, sondern überall auf der Tanzfläche. Und das, trotz der Herausforderungen mit Lärmschutz und den Nachbarn.
Die 180-Grad-Booth rückt die Artists nah ans Publikum. Dafür ist die Booth flacher gebaut. So entsteht statt einer klaren Front eine offenere Situation, der:die Artist ist mehr auf Augenhöhe und die Energie verteilt sich besser über den Floor. Das passt gut zur ELSE, weil sich Dancefloor und Stage ohnehin eher wie ein gemeinsamer Raum anfühlen statt wie eine klassische, frontale Bühnensituation.
Die Tribüne ergänzt das Ganze nochmal. Je nach Veranstaltungszeit und Fülle wird sie verschieden genutzt: In Peak-Time-Momenten dient sie als Dancefloor-Erweiterung, dann fühlt sich die Tanzfläche an wie ein großer Kessel. In den ruhigeren Stunden kann sie als Rückzugsort genutzt werden, wo sie schüchternen Tänzer:innen einen leichteren Start in die Veranstaltung ermöglicht. Gerade an den langen Weekendern machen oft genau solche Orte den Unterschied.
Am Ende war die Idee dahinter, den Aufenthalt auf dem Gelände insgesamt angenehmer zu machen, egal, ob man für einen kurzen Tanz kommt oder längere Zeit in der ELSE verbringt.

Day-Tickets ab 20 Euro, Weekend-Pässe ab 30 – die Tickets für den Weekender sind günstig. Wie wichtig ist euch Zugänglichkeit in einer Stadt, in der Eintritte immer teurer werden?
Wir merken natürlich genauso wie alle anderen Clubs, dass Produktionen immer teurer werden. Trotzdem wollten wir den Geburtstag bewusst so bepreisen, dass möglichst viele Leute dabei sein können. Gerade ein 40-Stunden-Weekender lebt davon, dass Menschen spontan vorbeikommen, mit Freund:innen feiern können, entweder 40 Stunden lang oder einfach für ein paar Stunden. Das funktioniert nur, wenn die Eintrittspreise nicht zur Hürde werden.

Wie kommt ihr da auf eure Kosten?
Natürlich muss sich so eine Veranstaltung wirtschaftlich tragen. Aber wir glauben, dass sich ein fairer Preis langfristig auszahlt. Lieber haben wir einen vollen, gemischten Dancefloor und eine Veranstaltung, die sich lebendig anfühlt, als die Ticketpreise immer weiter zu erhöhen und dadurch nur noch für bestimmte Gruppen zugänglich zu sein. Clubkultur lebt für uns von einem vielfältigen Publikum, von unterschiedlichen Generationen, Backgrounds und Szenen, die sich auf demselben Dancefloor begegnen.