Das Whole Festival 2026: Die befreiende Kraft des Mut zum Ungenierten

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Unser Gastautor Maximilian Schäffer nimmt Europas wichtigstes queeres Techno-Festival zum Anlass, die Praktiken, Themen und Werte der queeren Kultur der Gegenwart zu vermessen – in dem Moment, in dem das WHOLE zur globalen Marke wird.

Am Strand nackt sein, die Sonne überallhin scheinen lassen, entspannt die Körperformen der Anderen vorbeiwabern lassen. Lesen, schlafen, verbrennen. Nudisten-Urlaub gibt es in Sachsen-Anhalt bestimmt seit 100 Jahren, mindestens seit der DDR. Der Tagebau Golpa-Nord, neben der Kleinstadt Gräfenhainichen südlich von Wittenberg existiert seit 1957. Der Realsozialismus baute hier knapp 35 Jahre lang stolz die ineffizienteste und schmutzigste aller Energieformen ab. Mit riesigen Baggern brach man die Braunkohle aus den Flözen, das Loch wurde später geflutet. Nach der Wende erkannte man die Eisenriesen als historische Dekoration und machte ein Event-Areal aus dem Revierungeheuer. Seit 2000 heißt es Ferropolis, beherbergte 27 Jahre lang das MELT-Festival (Elektronik), heute unter anderem noch das Splash! (Teenie-Hip-Hop), das Hive (Mainstream- und Hardtechno) und das Ironcity (Geile Autos). Seit 2018 findet auch das WHOLE dort Heimat. Öffentlich nackt sein darf man in Ferropolis wohl nur auf dem WHOLE. Öffentlich nackt sein und am Strand vögeln darf man in Ferropolis unbedingt nur auf dem Whole. Dabei ist das Whole kein ausgesprochenes Nudistenfestival, auch kein ausgesprochenes Sexfestival – es läuft unter dem Motto „United Queer“. Wen und was wiederum das Queersein alles umfasst, das wissen nur Wenige.

Auch mein Reisepartner rätselt. Ich frage ihn (trans, schwul, sexpositiv), ob ich (cis, homoflexibel, oft geil) in seinen Augen die Kriterien erfülle. Er zweifelt und ich zweifle auch. Zwar kennen wir uns von Grindr und übers Ficken, waren einige Male miteinander auf der Nacktparty im wohl härtesten schwulen Sexclub der Welt (Lab.Oratory), wechseln hochfrequent die Partner und scheren uns nicht so viel ums Gender(n). Ich aber bin wohl nicht queer, er eindeutig schon. „Das ist schon auch eine politische Sache!“ meint er selbstbewusst und ich frage mich, ob ich noch rausfinden werde, um was es eigentlich geht. Der Regenbogen, die Einhörner, die Pronomen und Identitäten sind ja mittlerweile sowas wie Leitkultur, also liberale Einheitsfront Demokratie gegen den Oberteufel „Nazis“ und seine niederen Inkarnationen „AfD“ und „Islamisten“. Obwohl die AfD bekanntlich nicht gerade lesbenfrei ist. Da treffen sich Deutsche Bank und JPMorganChase mit der taz beim CSD in Berlin, zusammen mit konservativen Politikern und Grünen und Linken. Eine Million Leute gleichzeitig für die „Queere Community“, ein Regenbogenbegriff, den sogar der eher grau-beige Bundeskanzler öffentlich abnutzt.

Whole Analogs (Foto: Pit Reding @pprivate/ Whole)

Das WHOLE entstand im Umfeld des “Pornceptual“-Kollektivs, das seit 2013 pornöse Partys in Berlin veranstaltet. Es geht ums „Ja“ zum Sex ums „Ja“ zum Körper und endlich vor anderen mal nicht „Nein“ sagen. Dabei so scheiße aussehen können, wie man nur selbst das möchte und das Selbstauspressen als Kunst begreifen. Ein bisschen ging es immer auch um Musik und Techno. Meine Freunde und Kollegen, die sich jetzt, jenseits der Mitte-30 Kinder und Monogamie aneigneten, feierten diese Partys vor zehn Jahren raunend. Endlich durften sie mal so horny sein wie ihre schwulen Kumpels. Einmal den basischen Enddarmmuff in Melange mit Poppersduft aus dem Lab.Oratory, Ficken3000, Tom’s Bar und den Scheißhäusern des House Of Shame schnuppern. In Latex und Leder, G-Strings und Bikinis alles raushängen lassen. „Chemsex“ – einst mysteriöser Begriff unter besorgten Sozialarbeitern im Nollendorfkiez. Dann Option einer gemischten Partyavantgarde, die sich so inklusiv wie ratlos als „queer“ verstand. Wer auf der Fotogalerie der „Pornceptual“-Website als Anwesender dokumentiert wurde, war mit großen Augen ganz vorn dabei.

Whole Analogs (Foto: Pit Reding @pprivate/ Whole)

Für wen also ist dieses Festival? Ein ausgesprochenes Festival elektronischer Musik ist es zwar, lockt mit Größen der Szene (Freddy K, Quelza, Miss Kittin, Bashkka), setzt den Schwerpunkt aber betont auf Community. „Die Berliner Queers fahren da gar nicht mehr hin“, steckt mir der Kollege mit Pornceptual-Vergangenheit trocken, „– zu teuer.“ Und das, obwohl die Anreise aus der Hauptstadt mit dem Auto gerade einmal anderthalb Stunden dauert. Tatsächlich sind 279€ für drei Tage (bzw. Freitagabend bis Montagmorgen) schon als Mainstream-Tarif zu bezeichnen, dazu 4,90€ für 0,3l Bier, 13,90€ für Gyros im Brot, 8€ für Pommes. Spaß hat seinen Preis, das Kapital ist dem Patriarchat als Feind gewichen. Viele jetten aus der ganzen Welt herbei, das Whole ist 2026 ausverkauft, mehr als 15.000 Besucher. Aus Australien, USA, China und Brasilien kommen sie, europäische Freiheit zu schnuppern.

Whole Vibe Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Im November wird das Konzept nach São Paulo exportiert, das Whole Brasil findet dort vom 6. bis zum 11. November statt. Hier in Ferropolis tummeln sich geschätzt 70% oberflächlich als schwule Männer zu identifizierende Menschen, die meisten mit Fitness-Abo. Dazu eine auffallend große Anzahl von Transpersonen, einige Wesen in Hundemasken, eine Handvoll Lesben und dazu beste Freundinnen von allen. Ein gewisser Dresscode ist nicht von der Hand zu weisen: Möglichst wenig und möglichst was der Durchschnitts-Hans als peinlich bis obszön identifiziert. Große, haarige Ärsche verschlucken glitzernde Tangas. OP-Narben in Brusthöhe unter Sternchenstickern. Nackte, ausladende Busen hängen akkord zu hart das Höschen plusternden Schwänzen. Alle Kombinationen sind möglich, pink als Signalfarbe.

Whole Ambiance Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Der Mut zum Ungenierten entfaltet tatsächlich schnell seine unleugbar befreiende Kraft. Wir liegen am Strand, fummeln rum, werden feucht und hart. Keinen interessiert es und wenn es einen interessiert, folgen nur wohlwollende, freundliche Blicke. Der kühle See, die fröhliche Crew, nackt und entspannt – ein kleines Paradies und irgendwie fast überall anderswo außer hier undenkbar. Der Festivalstart am Freitag verzögert sich deutlich, ein Wetter zieht auf, wir nutzen die Sturmpause für Sex im Auto. Die Nachbarn grinsen nett – „recht habt ihr“. Wind und Wolken ziehen vorbei, die Massen an Queers ziehen endlich ein. Hopsen und trudeln und schweben in die Eisenstadt. Ob ich meine Wampe jetzt einfach nackt durchs Areal wuchten kann, frage ich meinen Reisepartner irritiert. Der lacht nur: „Na klar, siehst gut aus.“ Ich bin mir nicht so sicher, packe notfallmäßig Hemd zur Hose ein.

Whole Beach Crowd (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Stages verteilen sich über das gesamte Gelände, überall ausgestattet mit gut ausgesteuerten Funktion-One-Anlagen. Am Sound gibt es fast nie was zu meckern – der charakteristische, knochentrockene Bass aus den Hörnern und eher schwache Höhen. Nicht unbedingt Hifi, aber fürs Ohr auch nach vielen Stunden wenig ermüdend. Oft scheitert es eher an den verwendeten MP3s, denen man ihre scheiß Auflösung immer anhört. Oder eben an der gespielten Musik, die besonders auf den gut besuchten Forest- und Beach-Stage in beständiges Mid-Tempo-Partygeblubber übergeht. Klar, sie wollen lustig aussehen, knutschen und wackeln. Ohne Drogen ist mir das zumindest nach zwei Stunden hoffnungslos langweilig. Ebenso das Geballer auf der Hauptbühne namens Arena. Hypnotischer harter Techno für Berghainmäuse, keine Frage. Der Bass ist gnadenlos, zwei Nächte im Zelt werden zu zwei Nächten im Auto. Die Bodenvibrationen treiben nicht nur Maulwürfe, sondern auch mich in den Wahnsinn. Ich quetsche den Kadaver in den winzigen Toyota, voll angezogen, mit Schlafmaske und Oropax. Wieso eigentlich schlafen? Nun, das Substanzthema.

Homogene Buntheit, ausgestellte Körper, sanfter Einheitsspaß

Jenes darlegt sich überall, am eindrucksvollsten aber im Cruising-Village im Wald. Hier regieren maskuline Zombies, die außer den Magengrundlagen Prep (HIV-Prophylaxe) und Doxy (präventives Antibiotikum) ihr System mit G (GHB) und Tina (Meth) und Mephedrone (modernes Amphetamin) und was auch immer auf den Handyscreen und ins Röhrchen passt, befruchten. Sildenafil (Viagra), und dicker Cockring weil sonst auch untenrum nix mehr geht. Ich sitze da rum und trinke brav meinen Alkoholdrink, während ich einem Typen mit Riesenschwanz zuschaue, wie er innerhalb einer halben Stunde sieben Löcher schafft. Dazu diese immer leeren, totgeilen Augen. Ein Junge lässt sich nehmen und schüttet sich erst die Poppers (Raumduft) über die Hand, rutscht dann ganz durchs Gestänge, der Schwanz aus ihm raus, Kopf zuerst in den Rindenmulch, die Hand rutscht ins Auge.

Whole Ambiance Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Was bedeutet Sex noch, wenn er in totaler Dröhnung 30, 50 Mal am Tag passiert? Ohne Kommunikation, ohne Empathie, gar ohne Orgasmus. Wer kann noch frei entscheiden, im Gehege von Sucht und Zwang? Halten wir es zumindest mit Aleister Crowley, um echt jeden Anflug von Moralismus zu vermeiden: „Love is the law, love under will”. Ich will ab und zu wichsen, dann bin ich nur noch traurig. Mein sexpositiver Reisepartner dreht kurz den Kopf zum Eingang des Cruising-Village, und hat schon keinen Bock mehr. Wir haben beide keinen Bock mehr. Ich blase zwei Schwänze von zehntausend und gehe mir den Mund waschen.

Whole Ambiance Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Gleich neben den Untoten sprießt die „Ambient“-Stage wie ein beruhigendes Pilzchen aus dem Waldboden. Da darf man zuhören, chillen, dösen, sich informieren lassen. Nachts dröhnen Ambient-Sounds durch die Lichtung. Einige schlafen, einige kuscheln. Dann Dichterlesungen mit viel Identität: Ein libanesischer Flüchtling berichtet von seiner Erfahrung in Neukölln. Auseinandersetzungen mit Arabern und Türken, Auseinandersetzungen mit Deutschen, Auseinandersetzungen mit Heteros. Er findet sie alle ekelhaft – manche lachen, manche dösen, manche knutschen. Er tänzelt über Israel und die Hamas nach Berlin und Beirut den Schlenker zum Holocaust. Alle chillen, keiner fragt nach. Tagsüber Diskussionen zu weiteren internen Themen der „Queeren Community“ die sich vielmehr als Ansammlung vieler „queerer Communities“ versteht. 

Whole Ambiance Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Kleinstgruppen bestimmter Interessen und Bedarfssituationen aus Affekt, Not, Fetisch, Haltung. In einem Talk sitzen zwei Lederlesben und ein asiatischer Lederschwuler aus Schweden zum Thema Lederszene international. Ein Berliner Lederverein legte dem asiatischen Lederschwulen aus Schweden angeblich ans Herz, sich doch vielleicht nicht als europäischer Polizeimann zu verkleiden – Samurai oder Ninja sei für ihn kulturell angemessener. Die Bühne gackert unisono empört, die Tribüne am Nachmittag döst, oder legt aus den Röhrchen nach, um nicht zu dösen. Sein großer Wunsch wäre der erste asiatische oder farbige Berliner „Mr. Leather“ – sein Wunschtraum gar. Dazwischen immer wieder die Selbstversicherung noch Avantgarde zu sein, radikal zu sein und benachteiligt zu werden. Queers bekommen in Berlin keine Wohnung, heißt es. Niemand bekommt in Berlin eine Wohnung, hieße es richtig.

Es mag den Queers wie den historischen Hippies gehen. Eine Avantgarde wird zur Massenbewegung, verliert sich in kleinlicher Klüngelei, Mode und spezifischen Drogen. Nach drei Tagen wird mir das Ganze eher zum Loch, da braucht es kein Wortspiel. Zu viel leere Substanzaugen, zu leere Musik, zu viel knutschen und wackeln. Homogene Buntheit, ausgestellte Körper, immer dieser sanfte Einheitsspaß, die drögen Beats, das geile Gebumse, positive Vibes only.

Whole Ambiance Arena (Foto: Tatiana Matillat @polisses/ Whole)

Dem Reisepartner geht meine Negativität gehörig auf die Nerven. Er mag die Musik, mag die Atmosphäre, die Leute, fühlt sich verstanden, will wiederkommen. Wer weiß, ob das alles noch geht, wenn hier bald die AfD das Land übernimmt. Morgens tanze ich konservativ zu Acid House, süße Queers aus Vietnam legen fröhlich und frei Hi-Energy auf. Am Strand wird geblasen, im Flinta-Darkroom ist nix los. Unterhaltungen über Muskelwachstum und Gleitgel. Faustfick-Workshop zum Mitmachen. Karaoketunten und Bauchtanzperser. Eine Installation namens „Pussy Portal“ mit haarigen Zähnen um den Kitzler, in pink und lila und giftgrün, geschaffen von einem (Zitat) „transdisziplinären Team von Verrückten, das radikale Kreativität, offenes Design und kritische Nachhaltigkeit erforscht“, thront da im Wald. Als ich das Fotzentor durchschreite, kommt es mir so eindeutig wie ein Prostataorgasmus: Queerness ist das Orakel der Freiheit.

Maximilian Schäffer ist Autor, Schauspieler und Musiker (Electronic Airport Rusk, COCKGRINDER, Flamingo Strauß, Manfred Biersack, Feeling Burroughs, Titus Germanicus). Aktuell ist der Lyrik-Band Geile Kriege erschienen. Als Festivalreporter hat sich Schäffer einen Namen mit seiner TSV-1860-München-Eloge Einmal Löwe, immer Löwe gemacht.

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