Das Motherboard aus dem März 2026 findet ihr hier, die Mixe des Monats hier und die Compilations hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.
VA – Ricardo Villalobos pres. When There Is No Sun (Omni Sound)
„I am an instrument. A timbre of my voice flies with the winds of heaven. I belong to one who’s more than a musician”, verriet Sun Ra bereits in den 1950er-Jahren im Song „I’m an Instrument”, einer frühen Aufnahme des kosmischen Jazzers, der seine Musik total DIY vertrieb, seine Band als Kommune verstand und sich selbst als nicht von dieser Welt. Als einer der freigeistigsten Visionäre des 20. Jahrhunderts vereinte er Jazz mit früher Elektronik, Poesie und extravaganten Performances. Seine winds of heaven eröffnen bis heute neue Welten von Klang, Fantasie und Identität, wie sich eindrucksvoll auf einer Kompilation zeigt, die Ricardo Villalobos mit dem New Yorker Label Omni Sound kuratiert hat.
Der Berliner DJ und Produzent hat unterschiedliche Produzent:innen elektronischer Musik gebeten, sich dem Sun-Ra-Kosmos frei zu nähern. Mit dabei: Underground Resistance, Chez Damier & Ben Vedren, Calibre, A Guy Called Gerald, Baris K, SHE Spells Doom und Villalobos selbst. Als Ausgangsmaterial dienten die Omni-Sound-Veröffentlichungen Living Sky, eine Sun-Ra-Arkestra-Aufnahme aus dem Jahr 2021, und My Words Are Music: A Celebration of Sun Ra’s Poetry, ein Spoken-Word-Sampler aus dem Jahr 2023, auf dem Poesie von Künstler:innen wie Saul Williams oder Mitgliedern des Sun Ra Arkestra vorgetragen wird.
Underground Resistance starten kosmisch. Detroit-Wellenlängen in CinemaScope. Souliger Freeway-House mit Saul Williams am Mikrofon. Auch der zweite Tune der Detroiter Technolegenden bringt seine Stimme, diesmal den Text „The Outer Darkness” sprechend. Dazu bouncy Clubbeats mit perkussivem Brothers’-Vibe-Vibe und den unnachahmlichen Underground-Resistance-Chord-Fantasien und Space-Melodien.Der aus Sambia stammende, in der Schweiz lebende Produzent SHE Spells Doom liefert ebenso House. Seine kraftvollen Drum-Beats spielen mit der Melodie des Originals „Somebody Else’s Idea” und drücken hittig im diskreten Gqom-Style auf die Tanzfläche. Sein „Portrait of the Living Sky”-Remix bringt kongolesische Rumba-Nuancen, fliegende Perkussion und Jazz. Zwei infektiöse Tracks für die späten Stunden im Club. Chez Damier & Ben Vedren sind da schon früher dran, zur Peaktime. Ihr Track „Endless Realm” ist klassisch federnder Chicago House mit Stringsamples und Orgelsolo. Dazu Sun-Ra-Texte vom TV-on-the-Radio-Frontmann Tunde Adebimpe. Heavy Clubvibes, hands in the air.
Das geht partiell auch beim irischen Produzent Calibre. Seine Mixe spielen mit dem Stück „Chopin”. Einer ist lupenreiner Drum’n’Bass voll euphorischem Jazzloopzauber. Der andere trippiger Folk-Ambient mit Akustikgitarre, irgendwo zwischen The Caretaker und Syd Barrett zuhause. Dem kommt nur der A-Guy-Called-Gerald-Tune „Message to Black Youth” nahe. Auch er ist Ambient, faszinierend gestaltet aus Pianochords, Synthschleifen, Drones und der fesselnden Stimme der US-Poetin Mahogany L. Browne.
Richtig trippig wird es dann bei Barış K und Ricardo Villalobos. Ersterer zeigt mit seinem „Somebody Else’s Idea”-Mix, wie maximal Minimal House sein kann. Der Istanbuler verwebt die Stimme des Last-Poets-Mitglieds-Abiodun-Oyewole mit einem treibenden Groove, über und unter dem manische Stimmfetzen, Synthsounds und Mikrorhythmen tanzen. Es empfiehlt sich, die Lautstärke hochzuschrauben. Das sollte immer so sein, wenn Villalobos läuft. Sein Beitrag, ein Remix von „I Have Forgotten” mit der Sun-Ra-Arkestra-Violinistin Tara Middleton als Stimme, kommt zweifach. Version 2 hat alles durchdringende Mikrorhythmen, super psycho. Wir fallen in den Tune und stürzen mit ihm immer tiefer in ihn hinein. Absolut weit drin im Villalobos-Film. Version 1 ist nicht so nervös, grummelt aber ebenso unendlich. Die Kick bouncet im Pan-Effekt. Immer wieder tauchen neue Ideen aus den Synthkabeln auf, inspirieren kurz und tauchen wieder ab im repetitiven Sog. Mächtig viel Space Is The Place hier. Bei Villalobos und allen anderen. Keine plakative Sun-Ra-Interpretation. Alle eigen, zugleich dem individuellen Stil des Remixers verpflichtet und im Bann der winds of heaven. Einziger Wermutstropfen: Schade, dass das Gender der Remixer so einseitig verteilt ist.