GROOVE Reviews: Die Compilations im März 2026

Die Mixe des Monats aus dem März 2026 findet ihr hier.

VA – 20 Years Of Hudd Traxx – 20 Traxx From The Hudd (Hudd Traxx)

Zum 20. Geburtstag veröffentlicht das nordenglische Label Hudd Traxx die Compilation 20 Years Of Hudd Traxx – 20 Traxx From The Hudd, zusammengestellt vom Gründer höchstpersönlich: Eddie Leader. Mit diversen Größen des Underground-House hat er eine zwanzigteilige Werkschau geschaffen, die nach Sommer, Sonne, Strand und Tanzen klingt.

Ein Auszug: Chicago-House-Legende Chez Damier garniert den Kopf-wipp-Track „Conspiracies” mit deepen Vocals. „Play Me Raw” von Groove Armada lässt auch die Arme mitschwingen. Bei „Soul To Soul Communication” von Black Loops zappeln auch die Füße, und die Sonne geht auf. Insgesamt ergibt das 20 Tracks, die in der Plattentasche nicht fehlen sollten, wenn man weiß, dass die Party bis in die frühen Morgenstunden dauern wird.

Dabei ist der aus dem zwischen Manchester und Leeds gelegenen Huddersfield stammende Edward Anthony Leader nicht nur Labelmacher, sondern auch DJ und Producer. Sein housiges Erweckungserlebnis bescherten ihm die legendären Nächte der Partyreihe Hard Times, die Mitte der Neunziger stattfanden. Dort spielten DJs wie Masters At Work, DJ Pierre oder Terry Farley. Heute lebt Leader in Manchester und Ibiza. Dass er zwischen diesen beiden Orten pendelt, ist keine Überraschung und bildet den Sound der Compilation perfekt ab. Greta Allgöwer

VA – DJ Amir presents Strata Records – The Sound of Detroit Vol. 2 (180 Proof/BBE)

Es gibt diese mythischen Labels, die musikalische Welten öffnen können. Strata Records ist so eines. Ein Independent-Label aus Detroit, gegründet aus Drang zur Selbstbestimmung, Community-Gedanken und künstlerischer Notwendigkeit. Wer heute eine originale Strata-East-Pressung besitzt, hält nicht nur Vinyl, sondern Geschichte in den Händen.

Genau hier setzt DJ Amir erneut an und gräbt tiefer, als die reine Suche nach ultimativen Funk- und Groove-Vibes vermuten lässt. Nach dem ersten, stärker soulbetonten Teil zeigt The Sound of Detroit Vol. 2 eine andere, leisere, spirituellere Seite des Labels. Amir versteht es, Strata eben nicht als reines Jazz-Funk-Archiv zu präsentieren, sondern als künstlerisches Ökosystem, das Eleganz, Spiritualität und Avantgarde gleichermaßen verbindet. Gerade die Stücke, die nicht auf den vordergründigen Groove setzen, gehören hier zu den stärksten. Da ist etwa das sublime Fusion-Vocal-Jazz-Juwel „Reflections Of My Past” von Larry Nozero und Dennis Tini: schwebend und introspektiv. Musik, die nicht beeindrucken will, sondern berührt. Ähnlich zeitlos wirkt „Alicia” von Sphere – ein elegantes, fast meditatives Stück, das die spirituelle Tiefe des Labels offenlegt. Hier wird klar, wie sehr Strata Records immer auch ein Ort für Suchende war. Der emotionale Höhepunkt dieser Compilation liegt für mich in „Let Me Be the One” von Keith Boone & Janice Coombs. Ein wunderschöner, soulgetränkter Moment zwischen Jazz und Gospel, getragen von einer besonderen Stimme. Pure Spiritualität, ohne Pathos. Diese Auswahl zeigt eindrucksvoll die Vielfalt des Labels: von eleganter Fusion über kontemplativen Jazz bis hin zu vokaler Deepness.

Strata Records war nie eindimensional – und genau das macht diese Compilation so wertvoll. Sie ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein lebendiges Dokument einer Zeit, in der schwarze, unabhängige Musik neue Wege suchte und fand. Als Triple-Vinyl-LP ist The Sound of Detroit Vol. 2 mehr als nur eine Compilation– das ist ein Statement. Für Sammler:innen, die wissen, dass Originale kaum mehr aufzutreiben sind. Für Hörer:innen, die verstehen wollen, warum Detroit nicht nur Techno, sondern auch spirituellen Jazz von Weltformat hervorgebracht hat. Und für alle, die Musik nicht nur hören, sondern fühlen wollen. Liron Klangwart

VA – Ende Gut Alles Gut (Giegling)

Vor fast einem Jahr tauchte plötzlich die Giegling 30 zur Vorbestellung auf – 90 Euro ohne Vorhören, aber mit Nina Kraviz? Der Titel Ende Gute Alles Gut ließ allerhand Spekulationen aufkommen. Schließlich ist die sechs LPs starke Compilation nicht der Schlussgesang des mittlerweile 25 Jahre alten Kollektivs aus Weimar geworden – das neue Festival startet im Juli –, doch ob sich Warten und Hype gelohnt haben, bleibt Ansichtssache.

Vera eröffnet das Vinyl-Werk geduldig mit introspektiven Beats über zehn Minuten, Leafar Legov setzt mit seinen weichen Melodien erste farbige Akzente, und nach Spoken-Word- und Gitarren-Skits von Otto und map.ache sind es dann die Mountain People, die auf der C1 endlich die Four-to-the-Floor-Bassdrum vom Zaun brechen. Artverwandtes von Lowtec, Sevensol und Oskar Offermann folgt und trifft ebenfalls den Labelkanon, während die Gastbeiträge von Terrence Dixon und Nina Kraviz weniger den Giegling-House bedienen. Doch auch Cassy und Molly schieben mit dubbig-druckvollen Tools nach, bis Rhadoo und Ricardo Villalobos – beide unter Pseudonymen – jeweils viertelstündige Minimal-Exkursionen abliefern. Das hintere Ende der Compilation wirkt wieder wärmer, mit Live-Experimenten aus dem Funkhaus von Ulla & Jan Jelinek, wohlig tiefen Basslines von Lawrence oder Margaux Gazur und dem herausragend guten Acid-Electro von Cosmo & Eduardo De La Calle.

Ist es also die definitive, alles beendende Giegling-Compilation geworden? Es bleibt abzuwarten, doch fehlen dafür die eindeutigen Highlights und Evergreens, wie sie im sündhaft teuren Discogs-Katalog des Labels zu bestaunen sind. Stattdessen ist es eine beachtliche Werkschau geworden, die zumindest im eigenen Selbstvertrauen neue Maßstäbe setzt. Leopold Hutter

Justus Köhncke – Bass ist Musik (Kompakt)

Der Begriff Klassiks ist beim deutschen Überlabel Kompakt zeitlich weit dehnbar. „Jet”, „2 After 909”, „Elan” und „Timecode” von Justus Köhncke habe ich Anfang der Zweitausender auf Dauerschleife durch die Clubs genudelt. Letztere Nummer war eine grandiose Neuerfindung von Aces „How Long” und dem Lipps,-Inc.-Cover der Nummer aus den Siebzigern und Achtzigern. Man kann sicherlich behaupten, dass Köhncke Ende der Neunziger Köln neben den anderen Nu-Disco- und Electroclash-Hotspots dieser Erde – München, Den Haag, Glasgow und London – als ein frühes State-of-the-Art-Zentrum dieser Genre-Welle verortete. Vielleicht nur zwei Handvoll deutsche Musiker:innen haben damals die internationale Clubszene derart nachhaltig, minimal auf den Punkt weggeschossen, beeinflusst („So Weit Wie Noch Nie”). Das hat man damals jedoch eher im Playhouse-Format gespielt! Sei es drum. Umso tragischer und gleichwohl schön ist es, diese Best-Of-Compilation von Justus Köhncke zu hören. Und manchmal fühlt es sich so an, als würden die Menschen, die am meisten Liebe geben, am wenigsten davon profitieren. Aber ja: Rave is a lifestyle. Mirko Hecktor

Passarani – Analog Fingerprints Vol. 0 (Numbers)

Manche Reissues sind Archivarbeit, andere fühlen sich an wie Zeitreisen. Analog Fingerprints Vol. 0 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Diese Sammlung der frühen Zweitausender-Tracks von Marco Passarani wirkt heute weniger nostalgisch als vielmehr visionär: Musik, die sich rückblickend nicht einordnen lässt, sondern immer noch nach vorne deutet. Something from now for the future – lange bevor dieser Satz zum Mantra wurde.

Passaranis Analog Fingerprints-Phase markiert den Moment, in dem sich IDM-Intellekt, Detroit-Referenzen und eine sehr eigene Handschrift ineinander verschränken. Keine sterile Reduktion, sondern Schichtung, Bewegung, Sog. Tanzfläche ja – aber bitte mit offenem Ausgang ins Unbekannte. „Deep Blue” ist dafür ein perfektes Beispiel. Langsam anlaufend, fast tastend schraubt sich der Track nach oben und entfaltet sich wie ein blauer Mahlstrom. Alles ist in Bewegung, nichts steht still. Wer hier einsteigt, sollte sich bewusst sein: Das ist kein Drop-and-out-Tool, sondern ein Strudel, der Tänzer:innen verschluckt. Ob man wieder rauskommt, ist offen – und genau das macht den Reiz aus. Mit „Matro” wird es noch vertrackter. Ein treibender Rhythmus legt die Basis, während im Hintergrund etwas klickert und blinkt wie ein überdrehter Flipperautomat. Claps und Synths schichten sich übereinander, greifen ineinander, lösen sich wieder auf. Wieder dieser Mahlstrom, diesmal mechanischer, nervöser, hypnotischer. Musik, die fordert – Kopf und Körper gleichzeitig. Am Ende öffnet „Way Out” das Fenster in eine andere Dimension. Für mich ein Miami-Track aus der Zukunft: klimpernde Sound-Drops, eine dreckige Synth-Line, darüber aufsteigende, sphärische Flächen. Das ist nicht Miami Vice im Cabrio, sondern Schwerelosigkeit im Raumschiff. Retro-Futurismus ohne Augenzwinkern – Abheben ausdrücklich erwünscht.

Dass diese Musik heute wieder erscheint, passt. Herausgebracht von Numbers, schließt sich ein Kreis zwischen Rom, Glasgow und Detroit. Analog Fingerprints Vol. 0 dokumentiert nicht nur einen entscheidenden Abschnitt in Passaranis Schaffen, sondern erinnert daran, dass gute Techno-Platten nie alt werden – sie warten nur darauf, wieder gehört zu werden. Liron Klangwart

VA – FW 25/26 (Repetitive Rhythm Research)

Schon der Opener macht klar, dass hier niemand an der Festival-Hauptbühnen-Autokratie interessiert ist. Statt Drops gibt es Druck, und die Hookline schielt psychotisch und energetisch wirr in Richtung Gabber (Peder Mannerfelts „The Alternate Current”). Das ist nicht Gabber, klar! Und hat Gabber eigentlich Hooklines? Aleksi Peräläs „FI3AC2502126“ macht eher auf Intergalactic FM in Den Haag. Inhaltlich logisch ist das – das Label Repetitive Rhythm Research kommt aus Rotterdam. Dort knallt die Kick trocken wie ein unbeheizter Betonboden, während die Hi-Hats im oberen Drittel des Spektrums wie das Anschalten von Neonröhren und deren nachfolgendes Lichtflimmern explodieren. Ist das Techno als funktionaler Arbeitszustand im Amphetamin-Rausch und Arbeitsverweigerung zugleich? Conrad Van Ortons „Plaintive Drift” gibt mir die Break- und Deep-Detroit-Synthlayers, als wäre die Wiederholung eine politische Kategorie. In Zeiten algorithmischer Aufmerksamkeit wirkt das schon subversiv (Dynamic Forces’ „MS#4”). Und plötzlich kippt das starre Raster in eine Art trancehafte Selbstvergessenheit? Nicht im Sinne von Euphorie, sondern als kontrollierter Kontrollverlust? Repetitive Rhythm Research nimmt den eigenen Namen ernst – das ist Versuchsanordnung, nicht Moodboard. Mirko Hecktor

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