Das Motherboard aus dem März 2026 findet ihr hier, die Mixe des Monats hier und die Compilations hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier.
Rico Puestel – Vibe (Exhibition)
Clubmusik ist im allerbesten Fall keine übermäßig komplizierte Angelegenheit. Niemand weiß das besser als Rico Puestel, der mit seinem Album Vibe ein absolutes Meisterstück der Unmittelbarkeit vorlegt. Seine Grooves ziehen sich in die ewige Horizontale, haben die gottgegebene Ausdauer von Profi-Raver:innen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, von einem Fuß auf den anderen zu wippen. Jeder einzelne Track ist satt produzierter Tech-House, der mit wirkmächtigen, simplen Chord-Progressionen oder possierlichen Helium-Vocals Serotonin atmet. Drops bahnen sich an, doch ergießen sich nie in den blanken Exzess. Puestel bleibt in ewiger Lauerstellung, wie es einst Keinemusik in ästhetisch erträglicher Form beherrschten. Oder so, wie es Koze in seinen Sets noch heute praktiziert. „Smile” beweist mit einem irren Synth-Motiv und einem Breakbeat-Break Humor und zeigt, dass Simplizität und Dummheit keine Geistesbrüder sind. „The Vibe” hat das Glimmen von Oxias Klassiker „Domino” und dekliniert ein Düdel-Motiv bis zur endgültigen Verschickung durch. Der Opener „Whattosay” trottet nach einer Finte mit Low-End-Grollen versöhnlich los. Rico Puestel weiß, wie man Shaker einsetzt – und hat auf Vibe acht Zustände geschaffen, die niemals enden sollten. Maximilian Fritz

Simo Cell & Abdullah Miniawy – Dying Is The Internet (Dekmantel)
Dystopischer Bass-Futurismus trifft Trompete, arabischer Gesang trifft Auto-Tune. Klingt erst mal weit voneinander entfernt, aber Simo Cell und Abdullah Miniawy zeigen, dass das Sinn machen kann. Sechs Jahre nach ihrem Debüt sind sie jetzt mit der ersten LP auf der Dekmantel-UFO-Serie zurück. Simo Cell hat sich über die letzten zehn Jahre zu einer festen Größe in der internationalen elektronischen Musik entwickelt. Seinen Signature-Sound, irgendwo zwischen britischem Dubstep, amerikanischem Rap und zuletzt French House hat er zuletzt vor allem auf seinem Label TEMƎT weiterentwickelt. Abdullah Miniawy hat in Jazz-Kreisen für viel Wirbel gesorgt, nicht nur wegen seiner Arbeit im Projekt Le Cri Du Caire, für die er 2023 den französischen Jazz-Award bekommen hat. Außerdem ist er seit Beginn seiner Karriere mit elektronischer Musik verbunden und hat auf Labels wie AD 93, oder The Trilogy Tapes veröffentlicht. Zusammen verbinden beide die Welten von basslastiger Clubmusik und arabisch geprägtem Experimentaljazz.
Mit Dying Is The Internet, einer düsteren Kritik am großen Einfluss von KI und dem WWW allgemein, knüpfen sie nahtlos an die Qualität ihrer ersten Kollabo an. Neben einem gruseligen Feature mit dem ugandischen Metal-Künstler Lord Spikeheart malen die beiden Pariser auf acht Tracks ein ziemlich düsteres Bild, voller harter Bassläufe („Pixelated”), Trap-Ästhetik mit Trompete an der Schmerzgrenze („Reels in 360”), Jersey-Club-Bangern („The Dala Effect”) und verzweifeltem, aber kraftvollem Maqam-Gesang („Living Emojis”), den Auto-Tune in unsere Zeit transportiert. Lukas Simmer

styn – BLUPRNT (Nachtwinkel)
Für den Amsterdamer Produzenten styn geht es bei seinen Tracks, wenn man einen Vergleich mit Kraftfahrzeugen bemühen möchte, mehr um das Triebwerk als um die Karosserie. Seine Musik sucht im Club nicht die volle Aufmerksamkeit der Gäste, dafür hingegen die volle Bewegung auf der Tanzfläche. Beginnend bei Dubstep als prägendem Einfluss, geht er den neueren Entwicklungen in der Bass Music nach, integriert straff sykonpierte Rhythmen wie Kuduro. Polyrhythmik ist eines der Hauptelemente, die für das reibungslose Funktionieren seiner Beat-Mechanik sorgen, knappe Stimm-Samples als Schmierstoff dazwischen gesetzt. Praktisch jede Nummer folgt dem Ziel, als Bindeglied zwischen den Höhepunkten eines DJ-Sets zu dienen. Unnötiger Zierat bleibt außen vor. So erfüllt jeder einzelne der zwölf Titel seinen Zweck wie gewünscht. Ein Nachteil von styns Ansatz ist dabei, dass auf Albumlänge zwar für reichlich Momentum gesorgt ist, man aber ein wenig die Stücke vermisst, bei denen man wahlweise die Hände in die Luft reißen, obwohl eigentlich verboten, oder kurz Luft holen kann. Einzig „rise & fall” weicht mit seiner knappen Stakkato-Melodie etwas von der Formel ab. So bleibt der Eindruck, es handle sich bei BLUPRNT weniger um eine LP als vielmehr um eine Sammlung von sehr, sehr guten Tools. Tim Caspar Boehme

Unknown Mobile – Field Work (Pacific Rhythm)
Wie ein Tagebuch klingt das Album des Klangkünstlers Levi Bruce, der unter seinem Künstlernamen Unknown Mobile nach fast sieben Jahren Schaffenspause in die akustischen Räume zurückkehrt. Und wenn es etwas gibt, das im Lärm und Chaos dieser Welt allzu leicht verloren geht, dann sind es genau jene feinen Geräusche, die uns im Alltag oft entgleiten. Umso wertvoller sind Künstler:innen, die diese Klänge einfangen, sie mit Sorgfalt verdichten und schließlich in musikalischer Form konservieren.
Genau das geschieht auf seinem Album Field Work, dessen Titel bereits das Konzept offenlegt. Von Portugal über Schweden, Berlin und Alaska bis hin zu seinem aktuellen Lebensmittelpunkt in Kanada sammelt Bruce die Geräuschkulissen seiner Umgebung. Jeder Ort wird zum Track, und jede Aufnahme zum Fragment seiner Reisen. So entfaltet sich das Album wie ein akustisches Reisetagebuch. Es wirkt wie ein Spaziergang durch unterschiedliche Landschaften. Die Klänge säuseln leise vor sich hin und tragen die Atmosphäre ihrer Kulissen in sich. Dabei werden die Aufnahmen behutsam instrumentell begleitet. Gitarre und Piano legen sich sanft über die Field Recordings und hauchen ihnen einen meditativen Charakter ein. Die Lebendigkeit der Klänge tritt dadurch noch intensiver hervor und wird spürbar berührender. Gleichzeitig arbeitet Levi Bruce auch mit flächigen Synths. „Setophaga Coronata” wirkt kosmisch und entrückt, während „Galterö” durch das zarte Zupfen einzelner Gitarrensaiten an eine ruhige, fast zeremonielle Stimmung erinnert. Wencke Riede

Out Of Place Artefacts – A Complex Interplay Of Zeros And Ones (WSNWG)
Bisher zeichnete sich die Zusammenarbeit von Vril und Rødhåd im Rahmen von Out Of Place Artefacts durch dichte, analoge Synth-Landschaften aus, die von verzerrten Drumcomputern begleitet wurden und einen grundsätzlich maschinell wirkenden Ansatz verfolgten, der sicherlich auf die Bedeutung des Namens des Projekts zurückzuführen ist: Archäologische Funde von Artefakten, die aus heutiger wissenschaftlicher Sicht im historischen Kontext aus einer völlig anderen Zeit zu stammen scheinen, wie beispielsweise der Mechanismus von Antikythera, eine Zahnradkonstruktion aus dem antiken Griechenland, die zu den ersten analogen Computern zählt.
Im dritten Teil der Saga erweitern akustische Instrumente wie Drums, Pianos und Gitarren das klangliche Spektrum. Auch die menschliche Stimme, beigetragen von Sara Clarke und GiGi FM, findet erstmals Platz in den Stücken und verleiht der Reihe eine neue stilistische Dimension. Durch die zusätzliche Präsenz von organischen Elementen und Instrumenten, die im Vakuum schlicht nicht funktionieren, sondern Luft zur Entfaltung benötigen, fühlt sich das Album geerdet und weitläufig zugleich an; als wären die Füße tief in der Erde verwurzelt und der Kopf gleichzeitig in den Himmel gereckt, um die orchestrale Eleganz der Synthesizer genießen zu können.
Das Album eröffnet ein „INTERGALACTIC ANNOUNCEMENT” der Menschen, die einer außerirdischen Lebensform mit der Auslöschung drohen, sollte die Zusammenarbeit verweigert werden. Mit dem Blick zurück auf die Erde kontrastieren Staub aufwirbelnde Drums wie in „CLOSED LOOP GRIDS” die luftigen Pad-Passagen von „BIOMATH”, während in „HEALING OF A GHOST” ohrenscheinlich eine erst qual-, dann heilsame Prozession eines Geistes (Vocals von Sara Clarke) stattfindet. Entschleunigt und rituell konzertiert entfalten sich GiGi FMs Vocals in „QUAND LE TEMPS S’ARRÊTE”, eingebettet in eine warme Dub-Sphäre. „DATASETTE” und „QUANTUM WALTZ” transportieren eine sehnsüchtige Stimmung, in der sich Indie und abstrakt aufgebauter Electro klanglich die Hand reichen und somit, so ein Interpretationsansatz, das Weltliche mit dem Außerirdischen fusioniert. Ein unsichtbares Netz ist gewoben, das alles Existierende miteinander verbindet. Leon Schuck
