Simo Cell & Abdullah Miniawy – Kill Me Or Negociate (BFDM) 

Einem beliebten Sprichwort zufolge ist Musik das, was zwischen den Tönen passiert. Wer auch immer den Aphorismus ersonnen hat, tat das vermutlich in einer Zeit lange vor Gabber oder Singeli und anderen hyperaktiven Spielarten elektronischer Musik, die auf ziemlich wenig Raum jede Menge Action unterbringen und so überhaupt keine Verschnaufpausen bieten. Tatsächlich sind im sehr weiten Feld der Dance Music Leerstellen und Pausen, sprich die klangliche und rhythmische Reduktion, in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade en vogue gewesen. Ob im Techno oder anderen Spielarten: Zwischen den Tönen passiert im Vierviertelbereich zumeist herzlich wenig, weil überall sonst sehr viel stattfindet.

Der Franzose Simo Cell wurde als Produzent anders sozialisiert und geschult. Zwar wuchs er in Frankreich auf, doch orientierte er sich schnell in Richtung Großbritannien und damit am Hardcore Continuum, dessen musikalische Grundlage – jamaikanischer Dub – immer schon einen Fokus auf das legte, was zwischen Beats und Bass passierte. Interne Spannungen stehen seit seinen ersten EPs ab dem Jahr 2015 für Labels wie Livity Sound und Wisdom Teeth schon immer im Zentrum seiner Arbeit.

So überrascht es dann auch nicht, dass seine Mini-LP mit Abdullah Miniawy für Brothers From Different Mothers nicht nur im Umfang reduziert daherkommt und innerhalb von nur knapp 26 Minuten und sechs Tracks ein ganzes Universum eröffnet, ohne dabei viel zu klotzen. Selbst die Songs, die den vor allem durch sein Kollaborationen mit Carl Gari bekannten Sänger in den Vordergrund stellen, sind spartanisch eingerichtet, lassen viel freien Raum zwischen den einzelnen Momenten und sind deshalb umso dichter.

Kill Me or Negociate beginnt mit Synthie-Chorälen, gleißenden Keyboard-Melodien und traurigen Trompetensounds, bevor „Pending the Pattern” mit einem gezügelten Beat den Start markiert. Der Bass brummt und Miniawy scheint sich graduell aufzuwärmen, während nur selten Melodiefetzen im Mix auftauchen, der bedrückend flach eingerichtet ist. Es gibt keine räumliche Tiefe in dieser Musik, alles ist hyperfokussiert auf das Miteinander von tiefen Frequenzen sowie Snare- und Hi-Hat-Rhythmen: ein Trap-Beat, eigentlich. Die Atmosphäre ist dementsprechend spannungsgeladen und wird mit „Music Gene” von einem ähnlich minimalistisch arrangierten Stück gefolgt, das von Miniawys repetitiven Lyrics seinen Drive verliehen bekommt. 

„Denn Kill Me or Negociate ist als Loop konzipiert, als Kürzestalbum, das seine Kraft aus der Wiederholung schöpft und sich dabei auf Reduktionen verlegt, um seine Wucht aus den inneren Spannungen zwischen staubtrockenen Beats und Miniawys expressivem und doch distanziertem Gesang zu gewinnen.”

„Locked in Syndrome” leistet sich mehr Spielereien, kurze Spoken-Word-Passagen ebenso wie launische Synthie-Sounds, die vielleicht nicht ohne Grund an einen Meilenstein des Musik-als-Klang-zwischen-den-Tönen-Ansatzes erinnern: Japans „Ghost”. Denn selbst im wohl detailliertesten Stück dieses sich überwiegend im Midtempo-Bereich fortbewegenden und doch komplett statisch erscheinenden Albums herrscht eine sonderliche Ödnis. Alles ist Akzent, nirgendwo sind Phrasen zu finden, überall sind Bruchkanten zu sehen und nirgendwo Verbindungen.

Das wird mit „Caged in Aly’s Body” weitergetragen, erneut begleitet von sparsam eingesetzten Trompetenklängen. Diese stellen zwar im Gesamten eine innovative Zugabe dar, sorgen aber im Einzelfall ebenso nicht für mehr Üppigkeit im Klangbild, sondern nur für die Intensivierung der emotionalen Durchschlagskraft, indem sie ein Gefühl von Leere evozieren. So ruft dann auch der spukige Closer „Weed in the Freezer” endgültig Erinnerungen an Jac Berrocals beste Momente auf, mischt dem aber auch – natürlich sehr feindosierte – flirrende Synthie-Sounds hinzu. Es ist ein klaustrophobisches Finale, das nahtlos den Bogen zum Anfang schlägt. 

Denn Kill Me or Negociate ist als Loop konzipiert, als Kürzestalbum, das seine Kraft aus der Wiederholung schöpft und sich dabei auf Reduktionen verlegt, um seine Wucht aus den inneren Spannungen zwischen staubtrockenen Beats und Miniawys expressivem und doch distanziertem Gesang zu gewinnen. Auf diesen sechs Stücken ist in erster Linie interessant, was zwischen den dumpfen Snare-Schlägen und den wenigen melodischen Momenten, zwischen den dumpf abgemischten Gesangseinlagen und den eindringlichen Bässen passiert. Was genau das ist, lässt sich deswegen schwer greifen. Umso schwerer aber beeindruckt es, und zwar nachhaltig. Kristoffer Cornils