Die Platten der Woche mit 11:68PM, Arno, LOVEFOXY, Polygonia und Talismann

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11:68PM – Craft Services 001 (Craft Services)

Nach den ersten Akkorden von „Lessons” wähnt man sich im Basic-Channel-Quadranten des Dub-Koordinatensystems. Diese Assoziation ist ein über Dekaden eingeübter Automatismus und so unausweichlich wie abgegriffen. 11:68PM verlegt über dem zeitlosen Fundament einen frischen Boden – sein Ansatz legt mehr Wert auf Groove, auf Lebendigkeit. Die Grundhaltung, die die Bassline kommuniziert, ist auf Tanz ausgerichtet. Kontemplation liefern schwüle Pads und Vocal-Fetzen, die Erinnerungen an die Sepia-Emotionalität von Lo-Fi-House wecken. Auch „Voices” vereint dubbiges Wabern mit muskulösem Dancefloor-Korsett, woraus sich eine aparte Mischung aus Abschweifung und Funktionalität ergibt. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die gesamte EP, wobei die Upbeat-Nummer „Future Attraction” toolig beginnt und später ein weit entferntes, schwaches Saxofon-Echo zu den Dub-Chords packt. Rave-Sehnsüchte, clever ihrer Plakativität beraubt, der Nachhall des Exzesses, wie ihn Wolfgang Voigt mit seinem Alias GAS in Stimmungen goss. Auf „Solid State” schmiegen sich Acid und feine Anflüge von Trance in Dub, Stimmen verbreiten Nostalgie und Ungewissheit. „Jawlock” beschwört mit seiner Gemächlichkeit Afterhour-Geist, der digitale Bonustrack „Yours” fährt prägnante Hi-Hats auf, versetzt zurück an den Anfang der Party und bildet den Abschluss einer EP, die dem zeitgenössischen Dub-Spektrum kaum Gekanntes beimengt: musikalische Innovation. Maximilian Fritz

Arno – What Is Life !? (ARNO)

What is Life !?, fragt sich Arno, früher Einzelkind, der aus Frankfurt am Main stammt und Resident im Robert Johnson ist. Die dritte EP auf seinem eigenen Label ARNO beinhaltet den Titeltrack und einen Remix von Melchior Productions. Auf dem Cover zu sehen ist der kleine Arno im Kinderwagen, der von seiner Mutter über einen Feldweg geschoben wird und in die Kamera gähnt – die Platte widmet er allen Müttern dieser Welt.

Das Original bietet neun Minuten und 15 Sekunden pure Emotionalität in minimalem House. Eine schöne, warme Klangfarbe, sanfte flüsternde „What is life”-Vocals, eine ausdrucksstarke Bassline und nicht zu aufdringliche Claps machen den Track rund. Wellenartig kommen immer mehr Highs dazu, hypnotisch, träumerisch, Sehnsucht weckend.

Arno hat schon überall auf der Welt gespielt, diverse Festivals mitgenommen und Mixe für Gottwax (Gottwood Festival) oder themuddshow gemacht. Stichworte, die in seiner Biografie auftauchen, sind: Kraftwerk, das Omen, Väth, Detroit, Chicago, Ricardo, das Robert, die Panorama Bar, Luciano – und sein erster Plattenspieler, den er mit drei Jahren bekommen hat. Greta Allgöwer

LOVEFOXY – Catcall EP (HOTLORD)

„HOTLORD RECORDS” steht in leuchtenden roten Buchstaben auf dem Cover von LOVEFOXYs drei Tracks umfassender Catcall EP. Dabei handelt es sich um den Namen ihres neu gegründeten Labels, das mit dieser Veröffentlichung nun offiziell an den Start geht. HOTLORD verspricht eine Vision von echter House Music zu liefern, die Legenden des Genres und vielversprechende Newcomer vereint.
Der erste und titelgebende Track „Catcall” löst dieses Versprechen direkt mit einem Feature mit dem etablierten Detroit-House-DJ Kyle Hall ein. Er startet die EP mit einer prägnanten Kick und einem erschütternden Bass. Getragen wird „Catcall“ durch eine klare Melodie, die final Vocals der Künstlerin Natasha Kalila umspielen. „Lovin Me” ist eine Hommage an die goldenen Zeiten des House. Der verträumte Sound lässt Nostalgie fühlen und erinnert an unbeschwerte Sommernächte, in denen man sich zur Musik über den Dancefloor treiben lässt. Die Tatsache, dass die Lyrics von LOVEFOXYs Mutter stammen, die selbst in den Neunzigern als Sängerin aktiv war, verstärkt diese Wahrnehmung. Bereits ausgiebig auf der Tanzfläche erprobt, zieht „LOVEFOXY’s Groove” das Tempo noch einmal ordentlich an. Der heiße und treibende Track steht für den unverkennbaren Sound der Berlinerin und beendet die EP mit einem Knall. Daniel Böglmüller

Polygonia – Ceaseless Motion (Timedance)

Einmal wieder, na ja, dem Stillstand entkommen und spüren, dass sich die Welt trotz der eigenen psychosozialen Verstockungsmisere in unablässiger Bewegung befindet. Während also die Mikrowelle eifrig brütet und sich der farbenfrohe YouTube-Feed aufdrängt, verfällt man kurz der Digital-Detox-Schwelgerei. Demnach: Schauen, wo ein Vogel trällert, ein Wind jault oder ein Zweiglein krkst, Hauptsache, die Sprachmemo-App draufhalten, nur um beim Upload in die Cloud einen Full-Circle-Moment zu erleben. Denn Wildlife-Shazam und Feldstudien-Epik sind kein Lock in die prähistorische Disketten-Ära, sondern zyklische Archetyp-Programmierung. Und überhaupt: Sämtliche Neubauten sind längst eingestürzt.

Auch Polygonia befindet sich mit ihrer neuen, vierteiligen Maxi in ständiger Bewegung – aber vielmehr in Auseinandersetzung mit den äußeren und ausufernden Rändern des erweiterten Bass-Music-Spektrums, wobei die Münchnerin die bruchartigen Rhythmus-Divergenten mit modularen Sinusschwingungen unterlegt. Den Titeltrack dominiert eine militante Kick-Folge samt folgsam-perkussivem Gemurmel, das sich immer wieder verdichtet und verschiebt, wobei die hypnotischen, fragmentierten Synthesizer-Auswüchse als permanenter, rastloser Build-up fungieren. In „Fleeting Moments” findet man musikanatomische Soundrelikte aus waberndem Tieffrequent und zerklüfteten, sich formenden Klangpartikeln, die sich subtil und organisch zu einem exzentrisch-tribalistischen Groove vebinden. „Splintered Soul Fragments” überschattet ein brachial-unbändiger Synth, der sich wie modularer Urschleim verformt, auflöst und in neue Formen transzendiert. Der perkussiv-rituelle Rhythmus läuft beständig und gewinnt nur minimal an Intensität, damit sich die vertrackten und mäandernden Hochfrequenzen frei entfalten können. „Intrinsic Values” beschließt die Kurzspielhörung mit einem treibenden Tribal-Stepper-Cut, der sich als einziger Track der EP klar dem rhythmischen Ansatz widmet und es versteht, alle perkussiven Streuungen zu einem konsistenten Ganzen zu vereinen und dabei das Tempo mit auktorialer Schärfe zu diktieren. Jakob Senger

Talismann – Kliniek 3 (Talismann)

Talismann, der mit bürgerlichem Namen Guy Blanken heißt, hat mit KLINIEK 3 eine neue EP veröffentlicht. Nach KLINIEK 1 (2023) und KLINIEK 2 (2025) folgt der dritte Teil in seinem Sound den Vorgängern und wirkt düster, hypnotisch und clubtauglich. Eine epische Länge mit fast 16 Minuten hat der erste Track „Eyes Don’t Lie”, eine tanzbare Reise mit treibenden Beats, Acid-Elementen und gedämpften Hi-Hats. Die restlichen Tracks sind zwar wegen ihrer kürzeren Länge weniger eindrucksvoll, erfüllen aber ebenso einen hohen handwerklichen Standard, mit dem Talismann solide Werkzeuge für den Dancefloor bastelt. Der Track „Nicotine” offeriert eine verzerrte Baseline, „Eyes Don’t Cry” prägt eine industrielle Kick, die sich minimal verändert. Diese EP erfindet das Rad nicht neu. Momente auf dem Dancefloor, in denen die Tracks ihre volle Wirkung entfalten werden, wird es aber mit Sicherheit geben. Robert Zimmermeier

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