Wie sich ein Hybrid aus Loraine James, Jlin, Varg2TM und Jan Jelinek anhören könnte, eine moderne Art von IDM und Glitch-Electronica, die von gebrochener Bass Music aller Art informiert ist, sich dann aber doch abwechselnd in clubfernem Dark- und Post-Techno und in den Knister-Clicks von Noise-Ambient ausspielt, das untersucht das zweite Album des Luxemburger Newcomers Arthur Clees. Dass er ausgebildeter Jazzmusiker, Vibraphonist und Cellist ist, hört man seinen Arbeiten unter dem Eigennamen nur indirekt an. Denn All of the Days That Go By (SOWASVON, 20. Februar) eröffnet ohne Umwege ein elektronisch knisterndes, subfrequent dräuendes und subtil gebrochen bollerndes Klangpanorama, das ganz und gar für sich steht. Jazz in etwas traditionelleren Spielarten studiert und macht Clees übrigens weiterhin. Es bleibt also spannend, was da noch so entsteht aus der Reibung so verschiedener Klangwelten.
Ganz schön eigenwillig, ja sogar eigenartig, aber doch schön eingängig präsentiert sich PERIODE, das rein instrumental gehaltene Minimal-Postrock-Projekt von Kreidlers Laptop Andreas Reihse mit dem Berliner Gitarristen Thomas Winkler und einem Drumcomputer der alten Doktor-Avalanche-Schule. Grapes of Nothingness (Karlrecords, 30. Januar) macht keine Kompromisse in der Simplizität des Sounddesigns und der Stringenz der Produktion. Der effektsatte, analog-digitale Sound ermöglicht eine erstaunliche Offenheit und Weite, eine leicht paradoxe Dichte und Üppigkeit in der Reduktion der Mittel und Elemente und umgekehrt eine Leichtigkeit, die der starken Bearbeitung, den vielen eingesetzten Pedalen und Soundprozessen locker trotzt.
Die zivilisationszerfressenen postindustriellen Landschaften Yorkshires sind noch lange nicht zu Ende erzählt. Nach einigen (relativ) kurzen EPs hat der anonyme nordenglische Produzent Craven Faults wieder einmal weit ausgeholt und auf Sidings (The Leaf Label, 23. Januar) die ganze Fülle und Breite der cinematisch-erzählerischen Möglichkeiten seiner Analogsynthesizer ausgerollt. Knapp 70 Minuten reisen wir im gemächlichen Schritttempo durch karge Landschaften von schroffer Schönheit, entlang langsam sich entfaltender Arpeggien und Hüllkurven – klangliche Schichtungen von immersiver Intensität.
Toll, dass eine so kompromisslos experimentelle Kollaboration wie Paper Masks (Mute, 20. Februar) von Phew & Danielle de Picciotto mit großer Geste auf einem großen Label erscheinen kann. Mehr als verdient, angesichts der langen und wechselvollen Karrieren beider Künstlerinnen. Phew, eine der kontinuierlich innovativen Stimmen der japanischen Noise-Avantgarde seit den frühen Tagen von J-Punk, hatte von Beginn an ein Interesse an den hiesigen Sounds, hat mit Can, DAF und den Einstürzenden Neubauten kollaboriert, sich dabei nie zurückgenommen, nie in eine Supportrolle stellen lassen, nicht wenn es um musikalischen Ausdruck geht. Danielle de Picciotto war auf andere Weise ebenso unbeugbar, von den frühen Westberliner Indie-Rock-Tagen über die Gestaltung und Mitgründung der Loveparade bis zum kontinuierlich jung gebliebenen Ehepaar-Projekt hackedepicciotto. Ein gemeinsames Album der beiden klingt genauso abenteuerlustig wie erwartet, aber niemals aggressiv oder abweisend. Es ist eine ganz und gar organische Avantgarde, die die beiden betreiben. Eine Freude am Spiel und am Klang.
Niemand Geringeres als Jóhann Jóhannsson hat den in Berlin lebenden Briten Sam Slater zur elektronischen Musik gebracht. Seither arbeitet er fleißig an Filmsoundtracks, am prominentesten wohl zusammen mit Hildur Guðnadóttir, mit der er auch im Abstrakt-Metal- und Post-Industrial-Projekt OSMIUM spielt oder – je nach Betrachtungsweise – fiesen Krach macht. Ein gewisser Hang zum dunkel grundierten Noise ist ihm also nicht abzusprechen. Seine seltenen nicht spezifisch funktionalen Arbeiten wie sein zweites Soloalbum Lunng (Mt Brings Death, 6. Februar) sind daher ebenfalls tief ins Säurebad digitaler Zerfallsoptionen getaucht. So wird aus angedeuteter cinematisch üppiger Neoklassik mit feinster Melodik meist so ein Zwischending von Heavy Ambient und Post-Club-Beats. Ein heftig trippiger, immersiver Hybrid für kalte, dunkle Nächte.