fhainest gehört zu den jungen Berliner Techno-Kollektiven, die in der Corona-Zeit entstanden sind. Bei der Gruppe schließen sich Nahbarkeit und professioneller Anspruch keineswegs aus. Mit Partys im Mensch Meier, der Alten Münze und zuletzt dem Lokschuppen machten man sich im Berliner Nachtleben und darüber hinaus einen Namen.
Die programmatisch betitelte Party „One Last Dance” fand im vergangenen Herbst statt, um fünf Jahre fhainest und damit auch das Ende des Kollektivs zu feiern. Parallel veranstaltet die Crew das Shifted Festival. 2024 fand die erste Edition statt. In diesem Jahr geht es in die dritte Runde.
GROOVE-Autorin Katharina Pittack traf sich mit der Crew, die hinter fhainest und Shifted steckt, um über die kollektiven Anfänge zu sprechen, in Erinnerungen zu schwelgen und den Weg zum Festival nachzuvollziehen.
Ich treffe mich mit Jannik, Zoe, Clemens und Sabine in ihrem Office direkt an der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain. Die Köpfe hinter dem ehemaligen fhainest-Kollektiv und nunmehrigen Shifted Festival bieten mir selbstgebackene Reeses-Kekse an. Wir setzen uns auf eine große graue Couch, über der ein grün leuchtendes Shifted-Logo hängt. Neben dem Eingang kleben zahlreiche Plakate vergangener fhainest-Partys, darunter auch eines der bislang wohl größten am 4. März 2023 in der Münze, bei der ich selbst dabei war.

Damals befand sich fhainest in seiner Hochphase. Das Team bestand aus 16 Mitgliedern. Auf die größten Partys mit Dtect in der Münze kamen rund 1.700 Besucher:innen. Es gab aber auch Partys in Locations mit einer Kapazität von 800 bis 900 Leuten, wo am Ende nur 50 Personen auftauchten. „Das waren komplette Fails. Aber ich würde sagen, die haben uns als Team krass zusammengeschweißt”, sagt Jannik, der von Anfang an dabei ist und sich heute um die Personalplanung kümmert.
Von Anfang an, das heißt: vor Corona. Ende 2019 lernten sich zwei benachbarte WGs in der Rigaer Straße in Friedrichshain kennen. Schnell war der Name fhainest auserkoren. Er sollte eine Verbindung zum Bezirknamen Friedrichshain herstellen und zugleich vielseitig einsetzbar sein: fhainest-Events, fhainest-Podcast, fhainest-Livestream.
Die erste Idee war aber das Technobike, ein Fahrrad, aus dem die WGs ein fahrendes DJ-Setup zusammengebaut hatten. Zu seinem ersten Auftritt kam es auf der Fahrradveranstaltung Critical Mass. Dank eines viralen Videos stieg die Follower:innnenzahl von 150 auf 3.000. Damit war der Grundstein für die fhainest-Partys gelegt. Nach einigen Park-Raves, Tanzdemos, Livestreams und Corona-Safe-Raves fand im August 2021 das erste fhainest-Event Anura im H13 statt. Kurz darauf folgte das erste Club-Event in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Sensus in der ehemaligen Anomalie.
Einfach mal machen
Im Laufe der Zeit entstanden immer mehr Tätigkeitsfelder, in die die Teammitglieder hineinwuchsen. Viele von ihnen hatten keine formale Ausbildung oder spezielle Vorerfahrung. Stattdessen nutzten sie ihre Interessen und Stärken zu ihrem Vorteil. So installierten sie 2022 auf der Bucht der Träumer das Licht auf der Hauptbühne ganz ohne technische oder handwerkliche Vorkenntnisse. „Wir sind da einfach hingefahren, haben ultraviel Licht gemietet, das aufgebaut, verkabelt, und am Ende war es echt professionell, obwohl keiner von uns was in die Richtung gelernt hatte”, sagt Sabine, die heute für die Dekoration verantwortlich zeichnet.

Die Zeit nach Corona beschreibt Clemens mit dem Wort „Goldgräberstimmung”. Es sei kaum möglich gewesen, eine schlecht besuchte Party zu veranstalten, weil die Leute jede Chance zum Auszugehen wahrgenommen haben. „Die Clubs waren Monate am Stück, jedes Wochenende, rappelvoll”, sagt Clemens, der beim Shifted Festival die Bühnenleitung übernimmt.
„Allerdings war es auch ganz schnell wieder gesättigt”, schiebt Jannik nach. Doch: Die finale Opening-Phase nach den Corona-Lockdowns markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Arbeit des Kollektivs. Man wollte weg von günstigen Partys im Mensch Meier mit befreundeten Kollektiven und wenigen externen Gäst:innen, hin zu eigenen Events mit Headlinern, die extra einfliegen.
Zufälle gibt’s
Anders als viele andere Kollektive entwickelte sich fhainest nicht aus einem bestehenden Freundeskreis. Die Begegnungen waren immer zufällig – nicht nur das erste Treffen der WGs, auch spätere Mitglieder stießen auf die banalsten Weisen dazu. Louis etwa stolperte in seiner ersten Woche in Berlin an einem Livestream vorbei und kam so mit dem Team ins Gespräch. Hanna sah einen Rave am Tempelhofer Feld und sprach die Crew an, weil sie die Aktion cool fand. Und Marc saß auf dem Weg zum Wilde Möhre im Bassliner zufällig neben Sabine, wodurch sie Freunde wurden.
Um sich zu organisieren, trifft sich das Team konsequent jeden Montag im Office an der Warschauer Straße. Nicht immer einfach, weil die meisten nebenbei noch anderen Tätigkeiten nachgehen. Einige arbeiten, andere studieren, manche tun beides. Mit dem Projekt selbst verdient die Crew, die derzeit aus 15 Mitgliedern besteht, kein Geld für private Zwecke. Alle Einnahmen fließen direkt zurück ins Projekt.

Ein Projekt, das sich inzwischen gewandelt hat. fhainest ist Geschichte. Die Entscheidung, das Kollektiv aufzulösen, traf das Team aber nicht von heute auf morgen. Es sei ein schleichender Prozess gewesen, sagt Zoe, die Barmanagerin im Team ist. fhainest habe sich irgendwann zum No-Brainer entwickelt – die Abläufe liefen automatisch, die Prozesse waren eingespielt. Doch das Kribbeln, das die ersten Partys noch begleitet hatte, sei mit nach und nach verblasst. Hinzu kamen steigende Gagen für Acts und der wachsende Druck, bei jedem Line-up Headliner zu buchen, um ein großes Publikum anzuziehen.

„Die letzte Party war aber kein trauriger Abschied, sondern ein Fest der schönen gemeinsamen Zeiten. Außerdem gibt es jetzt das Festival”, so Zoe. Sie meint: Shifted, ein Festival-Wochenende in Brandenburg, das 2024 zum ersten Mal stattfand und 2026 in seine dritte Edition geht.
Vorbereitung ist alles
Die Idee, ein Festival zu veranstalten, kam von Louis, einem weiteren fhainest-Mitglied. Er meinte, er habe Bock auf was Großes, so Zoe. Ein paar Wochen später habe er allen den Vorschlag präsentiert – ein Dreivierteljahr bevor die erste Ausgabe stattfand. „Natürlich hatten wir große Bedenken, wir haben immer noch Bedenken. Trotzdem machen wir es, weil wir Lust drauf haben und weil wir merken, dass es bei den Leuten ankommt”, sagt die Barmanagerin.
Was bei der Planung eines Festivals schiefgehen kann, merke man allerdings erst, wenn man anfängt eines zu organisieren. Von zu wenig Heißklebepistolen für Dekorationszwecke bis hin zu einer eingezeichneten Wasserstelle, die für die Installation der Duschen geplant war und sich lediglich als Gartenschlauch entpuppte, gebe es viel Spielraum für mögliche Katastrophen, so das Team.

Doch aus den Fehlern der Vergangenheit habe man gelernt: „Bei allem, was wir schon geschafft haben, kann es eigentlich kein Problem geben, das wir als Gruppe nicht bewältigen können”, sagt Jannik. Auf das Shifted 2025 war die Crew zum Beispiel deutlich besser vorbereitet: Man plante die Stromversorgung mit einem Ingenieurbüro. Vor Ort überprüfte ein Messbüro die Lärmbelastung. Und ein Testlauf aller Anlagen lief gleichzeitig, um sicherzustellen, dass die Elektronik der Belastung standhält und es zu keiner Überlastung kommt.
Alle für alle
Für die dritte Ausgabe dieses Jahr rechnet das Team mit bis zu 3000 Leuten. „Wir sind auf dem richtigen Kurs, ein qualitativ hochwertiges Festival abzuliefern, wo die Leute eine gute Zeit haben und sich sicher fühlen”, so Jannik.
So spielt auch Awareness eine zentrale Rolle. Schon mit fhainest suchte man den Austausch mit der Clubcommission, um im Awareness-Bereich gut beraten und vorbereitet zu sein. Das Team besuchte Fort- und Weiterbildungen. Sein Konzept zeigt sich auch in praktischen Maßnahmen wie T-Shirts mit dem Aufdruck „We are here for you”.

Dieser Füreinander-Gedanke ist der rote Faden in der Kollektivgeschichte. Zu Beginn habe man sich zum Beispiel noch vor den Partys mit dem Club-Personal getroffen, um sich kennenzulernen und auszutauschen. Im Laufe der Zeit sei dieses Ritual zwar verschwunden, doch die Erinnerungen daran sind bis heute noch immer bei allen präsent, sagt Clemens.
Ende gut, alles gut:
Inzwischen hat Shifted zwei Festival-Wochenenden veranstaltet. Bereits jetzt haben sich unzählige Erinnerungen angesammelt. Sabine, die sich um die Deko kümmert, erzählt mit leuchtenden Augen, wie eine Besucherin an ihr vorbeilief. „Sie sah die Lichter und alles und meinte nur: ‚Ich liebe das Festival jetzt schon.’ Das sind die Momente, wo man merkt: Dafür machen wir das!”
„Oder für die Closings”, sagt Jannik, und alle nicken. „Dieses Gefühl, wenn man weiß, man hat es geschafft. Wenn alle gemeinsam auf dem Floor stehen, im besten Fall kein Funkspruch über die Walkie-Talkies mehr reinkommt und alles reibungslos über die Bühne gegangen ist – das ist es doch, oder?”

Er könne sich jedenfalls noch genau daran erinnern, wie sich nach dem ersten Shifted die ganze Crew versammelt hat – „um kurz alles fallen zu lassen und sich in die Arme zu nehmen”, sagt Jannik. „Da haben wir alle gecheckt, dass wir es geschafft haben”, meint Zoe. „Auch wenn vor 48 Stunden keiner geglaubt hat, dass wir das wirklich hinkriegen”, fügt Clemens an. Und Sabine schmunzelt: „Nächstes Jahr wird noch besser!”