Motherboard: Januar 2026

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Seine elektrische Gitarre klingt gerne mal nach Kirchenorgel oder Modularsynthesizer-Hüllkurven-Arpeggio, kann aber auch einfach losscheppern, als würden gleich die Libertines einsteigen. So lässig beherrscht der kanadische Komponist und Improv-Virtuose Tim Brady sein Instrument und seine Effekt-Pedale. Das raumgreifende Solo-Album For Electric Guitar (People Places Records, 14. November 2025 ) fährt auf zwei CDs sämtliche Stile, von expressiv-kratzig-noisig bis zart in sich ruhend und flirrend hibbelig, ab, von Jazz zu Postrock zu Fusion, zu Elektroakustik, zu Free Noise zu Ambient. Das wahre Kunststück liegt allerdings nicht in der immensen, beinahe übermenschlichen Instrumentenbeherrschung,, die ist quasi die Grundierung von allem, sondern in der Fähigkeit Bradys, seine strukturell disruptiven, reichlich radikal experimentellen Stücke immer in einem locker hörbaren Rahmen zu halten. Als unmittelbare Folge einer verheerenden Diagnose, die Brady 2023 erhielt, ist das Album aber zuallererst ein trotziges Festhalten am Leben, eine Feier des Möglichen, eine Feier der Musik.

Wie viel Verbindendes noch in den Zwischenräumen von strikter Komposition und freier Improvisation steckt, zeigen aktuell einige Veröffentlichungen aus der französischsprachigen Welt. Angefangen mit dem Montréaler Streichquartett Quatuor Mémoire, das auf Chronos, Kaïros et Aiôn (Mnémosyne, 12. Dezember) drei neue Werke der eher jungen und nicht so bekannten zeitgenössischen Komponist:innen Florence M. Tremblay, Louis-Michel Tougas und Olivier St-Pierre interpretiert. Wobei die Natur der Stücke, mikrotonal, Drone-affin, mit Glissandi, Bogen und Corpusklappern und Saitenkratzen schon in sich über eine klassische „Urtext”-Interpretation hinausgeht und die Musik aktiv ausgestaltet. Ähnlich reich an Ober- und Zwischentönen wie rauer Textur exploriert das langformatige Violin-Solo aẓǝl (Sbire, 10. Dezember 2025) der Genfer Ethnomusikologin Anouck Genthon Musik im Schritttempo, Komposition im Gehen, Elektroakustik to go. Die wortwörtlich aus der Zeit gefallenen Improv-Kompositionen hORs TempS (Ambiances Magnétiques, 5. Dezember 2025) der beiden Frankokanadier Géraldine Eguiluz & Michel F. Côté verbinden akustische Elektronik mit Gespieltem und Gefundenem – mal spielerisch übervoll, mal streng im Ausdruck reduziert, meist leicht, oft beinahe Pop, immer musikalisch-ethnologische Grenzen absuchend.

Was dem mittwinterlichen Motherboard noch fehlt, um das Jahr zu eröffnen, ist ein geschmeidiger Soundtrack, wie ihn zum Beispiel Daniel Blumberg, einer der prominentesten und preisbehangensten Soundtrack-Komponisten jüngeren Jahrgangs, abliefern kann. The Testament of Ann Lee (Mute, 16. Januar), ein teils fiktionalisiertes Biopic über die Gründerin der vorwiegend im anglophonen 19. Jahrhundert einflussreichen „United Society of Believers in Christ’s Second Appearing” ist dafür bestens geeignet. Die christlich-spirituelle Bewegung, auch „Shaker” genannt, hat die vermeintlich nahe Endzeit nämlich bevorzugt mit rituellen Tänzen und Gesang beschworen. Der Filmscore des britischen Musikers und Komponisten bewegt sich zu ungefähr gleichen Teilen in deskriptiver Neoklassik in Form atmosphärisch unterstützender Begleitsounds sowie in den Gesängen der Shaker selbst, die entweder von Blumberg adaptiert, oder im Geiste der Originale neu geschrieben wurden.

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