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Motherboard: Januar 2026

Alan Abrahams ist einer der interessantesten und souveränsten Live-Acts, der von Vocal-House über Melo-Techno bis zu abstrakter Elektronik so gut wie alles kann. Unter dem Alias Portable erschienen, sind die bei einem Konzert in Berlin mitgeschnittenen gesammelten Ambient-Werke des mittlerweile in Paris lebenden Südafrikaners nun als African Ambient Live at Funkhaus (Circus Company, 16. Januar) erhältlich. Und den zuvor nur verstreut auf EPs und Remixen angedeuteten Sound, den Abrahams „African Ambient” nennt, macht er, von Vocals und Beats befreit, ebenso selbstverständlich zu seinem ureigenen Genre. Das gezielt improvisierte Konzert verwendet Live-Instrumentierung ebenso wie live prozessierte Samples aus seiner Jugend in Südafrika. Loops und Gitarre, orchestrale Samples, Field Recordings und – für Abrahams tatsächlich eher ungewöhnlich – crunchy Noise kommen so organisch und tiefenwirksam zusammen, als hätte er in den vergangenen 25 Jahren nichts anderes gemacht.

Der prosaische Titel Von Jetzt An (Frosti, 12. Dezember 2025) markiert das zehnte Album des Kieler Producers Wolfgang Röttger unter dem lyrischen Alias Morgen Wurde. Dieser Name könnte und sollte von den Pop Ambient-Kompilationen der vergangenen Jahre bekannt sein und steht einerseits für immer guten, klassischen wie zeitlosen Ambient, stellt andererseits aber doch einen kleinen Ausreißer in der Kompakt’schen Definition des Genres dar. Nicht nur weil gelegentlich Stimmen zu hören sind und sich immer wieder erkennbar akustische Instrumente in den Vordergrund spielen, etwa die Trompete Tetsuroh Konishis, sondern mindestens ebenso weil Röttger den Stücken gerne orchestrales Flair mitgibt; keine übermäßige Schwere oder Dichte, eher eine gewisse Festigkeit, jazzig modal-melodiöse Haltepunkte im fließenden Flächenverkehr. Unter der nicht geringen Zahl an guten bis sehr guten Ambient-Alben, die jüngst erschienen sind, schafft es dieses doch, immer noch ein bisschen besonders zu sein.^^

Als DJ und Produzentin Tauceti hat die zurzeit in Lyon lebende Französin Alizée „Lilou” Chelal gerade einen ziemlichen Lauf. Auf Labels wie Semantica, 47, 30D oder Psyks Non Series erschienen, konnte ihr zeitgemäßer wie kompromissloser Dark-Tribal-Sound an ziemlich viele Enden des härteren Techno-Undergrounds andocken. Ein konsequent ohne Beats auskommendes, aber von immenser innerer Spannung und kreativer Unruhe gezeichnetes Album, noch dazu auf einem etablierten hiesigen Electronica- und Ambient-Label, kommt daher definitiv als Überraschung. Und was für eine: Das zwischen Dark Ambient und dunkler Neoklassik changierende Guanyin (Denovali, 24. Oktober 2025) demonstriert überragende Produktions-Skills und eine Einfühlung in die subtilsten Nuancen der klanglichen Dunkelheit, die für ein Debüt im beatlosen Genre wirklich erstaunlich sind.

Den Schmerz allein in Klang zu sublimieren, ist nicht ausreichend. Denn Schönheit, Sehnsucht und Melancholie verlangen ebenfalls ihren Tribut. Die Verbindung von Düsternis und Verzweiflung mit Lebensfreude und Stärke, was an Natur und Kultur durch den Körper schwingt, macht die Mountains of Poetry (Bilna’es, 24. November, 2025) der in New York lebenden Performance-Künstlerin, Cellistin und elektroakustischen Komponistin Muyassar Kurdi zu einem nicht gerade leichten, doch nahekommenden Werk höchster Intensität.

Zwischen Post-Industrial, cinematischem Ambient und nichtakademischer Elektroakustik, also im Schnittpunkt von einigem, was problemlos als winterlich vergrübelte Mood Music mit einem dunkel patinierten Stimmungs-Hintergrund verschwimmen könnte, sich aber noch besser als intensive, zum tiefen Zuhören einladende experimentelle Aufmerksamkeitsmusik anbietet, geht eigentlich immer viel. In den vergangenen Monaten aber noch mehr als üblich. Drei überhaupt nicht wahllos herausgegriffene Highlights auf drei Labels, die sich um das Zwischen-Genre besonders verdient gemacht haben, sind etwa die zwischen rostig-erdig tribaler Handfestigkeit von Metall-auf-Metall-Industrial und flüchtigen Ambient-Sphären changierenden Ephemeral Rituals (The Helen Scarsdale Agency, 14, November 2025) der in Manchester lebenden Jo Montgomerie, die komplexen elektroakustischen Mini-Hörspiele Bi Gezur (Everest Records, 5. Dezember 2025) von Luz González  aus dem spanischen Vigo und das massiv gewittrige wie immersive, in einer halben Stunde sämtliche Dynamik-Bereiche sprengende Imagined Presence (Superpang, 21. November 2025) des ansonsten für sehr schöne, aber doch etwas weniger wagemutige Neoklassik bekannten Kanadiers Olivier Alary.

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