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November 2025: Die essenziellen Alben (Teil 3)

Teil 1 der essenziellen Alben aus dem November findet ihr hier, Teil 2 hier, die Mixe des Monats hier.

Seefeel – Pure, Impure (Too Pure) [Reissue]

Seefeel ist, das wurde oft geschrieben, zunächst mal eine Band in klassischer Besetzung, also mit Gitarren. Obwohl aus den Neunzigern, haben sie aber nichts zu tun mit dem hedonistischen Pathos des Britpop oder zornigem Grunge. Stattdessen erweitern sie Shoegaze-typische Introspektion um die elektronischen Elemente des Ambient. Die Loopstation spült Gitarrenakkorde wie Wellen an den Strand, elegische Gesangsfetzen hängen als Nebelschwaden über den Drums. Die treibende Bassline lässt ahnen, dass sich der wahre Zauber vor allem live entfaltet.

Mit Pure, Impure wird jetzt eine Reissue-Zusammenstellung drei verschiedener Releases aus dem Jahr 1993 veröffentlicht. Darauf auch zwei (aus dem gleichen Jahr stammende) Remixe von Edelfan Aphex Twin, der durch die Hervorhebung der Perkussion etwas Luft an die dichten Klangteppiche bringt. Der Sound könnte man im Rückspiegel irgendwo zwischen CANs Ege Bamyasi (1972) und Animal Collectives Merriweather Post Pavilion (2009) verorten. Repetition als Stilmittel ist eben zeitlos. Philipp Gschwendtner

Siriusmo – Buletten und Blumen (Monkeytown)

Seriöses Bauen von Beats und eine Vorliebe zum absurden Witz nehmen sich auf Siriusmos viertem Album in die Arme. Beim Anhören von „Meissner Schwerter” (der Titel alleine!) werfen sich friedensselige Blumen von Harmonien über eine scheins von Teletubbybabies bewohnte Blühwiese. Engelschöre übernehmen. In „Lehm” taucht Erobique auf, der ja auch diese hemmungslose Peace-Athmo verbreiten kann. Und Dana singt „Wer schmeißt denn da mit Lehm?”

Hach, es ist wie in einem Max-Goldt-Band. Auf „The Synthesizer Has Been Drinking” torkeln die Tasten in quatschiger Würdigung Tom Waits’. Alles so schön fett gemacht, dass die Heads beim nächsten DJ-Battle nicht dran vorbeigehen können. Dieses Verschmitzte bei handwerklichen Talenten teilt sich Siriusmo mit seinen Labelbossen Modeselektor, mit denen er wenig verwunderlicherweise auch bereits auf Tour gewesen ist. Und wenn „Liquid” mit seinem hinkenden Rhythmusgerüst zu kristallin sprudelnden Synths nach Mr. Oizo klingt: dann ist es auch eine Kollabo mit Mr. Oizo.

Als „faulstes Genie der Gegend” vom eigenen Label angepriesen zu werden, spricht wohl auch dafür, dass Siriusmo eine eigene Kategorie braucht. Denn angesichts dieser unterhaltsamen, dichten, lustigen, abgefahrenen Produktion stellt sich die Frage, warum Moritz Friedrich nicht längst eine internationale Berühmtheit ist. Christoph Braun

Sun People – Look Within (All Things)

Graz wurde einmal als „österreichisches Bristol” bezeichnet. Von Grazification ist die Rede, aber auch von musikalischen Räumen abseits der Hauptstadt-Direktiven. Kollektive wie Greynote pushen die lokale Subkultur in der Stadt, die nur zwei Autostunden von Wien entfernt liegt. Eng mit dem Kollektiv verbunden ist auch Simon Hafner alias Sun People. Für seine am LP Look Within hat er das Label All Things gegründet – für einen Sound, der über die reine Funktionalität hinausgeht und Jungle, Footwork und atmosphärischen Bass miteinander verbindet und ihre Energie aus einem ständigen Wechselspiel zwischen Körperlichkeit und Kontemplation zieht.

„Seasons” eröffnet das Album wie eine treibende Meditation: Ruhe und Rhythmus verschränken sich. Unter die gebrochenen Breaks legen sich Eulengeräusche, verhallende Klangschalen und spirituelle Vocal-Chops, die dem Track eine zugleich organische und schwebende Atmosphäre geben. Von hier aus nähert sich die LP immer mehr dem Dancefloor an, vorwärts, aber nie rastlos, mit Punch und Pausen. Der klassische Footwork-Rhythmus verbindet sich mit industriellem Sounddesign, und einem konstanten Rückzug in meditative Introspektion und naturnahe Ambient-Jungle-Gefilde. Als hätten sich The Bug, DJ Spinn und LTJ Bukem für ein Wochenende in ein Haus am See zurückgezogen. Auf effektive, hypnotische Club-Tools wie „We Felt The Past” folgt mit „Trust The Impulse” ein Breakbeat-Stück in rohem Ilian-Tape-Gewand. Dazu kommt mit „Look Deeper” ein experimenteller Beatless-Track, der eine mechanisch-dystopische Klangwelt öffnet – als stünde beim Blade Runner-Soundtrack der Albtraumregler auf Anschlag. Der letzte Track „This Morning” bildet das perfekte Gegenstück zum Opener: zugleich lebendig und ausklingend, eine ausbalancierte Klangreise irgendwo zwischen Jungle, Footwork und rauem Industrial-Techno. Jakob Senger

Tom Trago – Ignorance (Magnetron Music)

Zwei Dekaden nach seinen ersten Schritten als DJ und Produzent hat Tom Trago, der damals nicht zuletzt durch das Label Permanent Vacation bekannt wurde, mit Ignorance ein Album vorgelegt, das man getrost als eine Art 2.0-Version seines künstlerischen Selbst verstehen kann. Das Balearische ist ein wenig veramerikanisiert und im Sinne der Achtziger trotzdem noch spürbar.

„Powerstation” klingt nach Aux88 oder Dopplereffekt. „Sadari” könnte auch von DMX Krew stammen. „Champagne” mischt Westcoast-Electroboogie mit Deep-House-Layern. „Walk the Dog” ist Miami Bass, der durch die Detroit-Schleuder geschüttelt wird, „The Garden” endgültig Booty bass. „Ignorance” ist wieder Westcoast-Boogie mit Rah-Band-Brit-Jazz Einflüssen.

Dabei ist das Album kein nostalgisches Electro-Revival, kein klischeehafter Throwback. Der Einsatz von Modular-Drums und Synthesizern wie dem OB-6 lässt knarzig-organische Drums auf spacige, fast ambienthafte Melodien treffen. Mirko Hecktor

ZOiD – Industrial Wind Quartet (Zoitrax)

Blasinstrumente haben nicht unbedingt den besten Ruf in der elektronischen Musik. Seit einigen Jahren tut sich zwar einiges in Sachen Reputation, vor allem durch das Wiedererstarken der Jazz- und auch Neue-Musik-Szene, aber Klarinette, Fagott und Co. haben es immer noch schwer. Ob es Daniel Jacobsons Mission ist, daran etwas zu ändern? Keine Ahnung, aber es könnte ihm in der Electronica-Nische durchaus gelingen. In Zusammenarbeit mit vier Musiker:innen des irischen Cassiopeia Wind Quintet schuf Jacobson alias ZOiD neun Stücke, die melodisch und harmonisch von Klarinette, Bassklarinette, Fagott, Flöte und Waldhorn getragen werden und auf einem von Industrial geprägten Beat-Fundament fußen.

Der Albumtitel ist eindeutig programmatisch zu verstehen, die Tracks krachen ordentlich. Zudem wurden etliche Drumsounds aus Field Recordings, die in verlassenen Industrieanlagen aufgenommen wurden, generiert. Die Kompositionen für die vier Bläser erinnern separiert gehört stellenweise an Varieté-Musik, um kurz danach die Abzweigung in Richtung Impressionismus zu nehmen oder die in die wunderbare Musikwelt des Erik Satie. Dann poppen Assoziationen mit experimentellen Prog-Bands wie Henry Cow oder Minimal Music auf, und in „Heart Attract” (kein Tippfehler) kommt es zur Quasi-Rückkopplung mit dem übergeordneten Genre der Elektronik, wenn das Ensemble klingt wie eine Ambient-Liveband. Und wie ein Wunder haftet dieser ungewöhnlichen Konstellation keinerlei Kunstgalerie-Elitarismus an, was auch die angekündigten Live-Gigs unterstreichen. Mathias Schaffhäuser

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