Teil 1 der essenziellen Alben aus dem November findet ihr hier, die Mixe des Monats hier.
Jurango – Taíno Gold (Livity Sound)
Nach zwei EPs auf Livity Sound veröffentlicht der in der britischen Bass-Metropole Bristol beheimatete Nate Reece alias Jurango mit Taíno Gold seinen bisher umfangreichsten Release. Album möchte man das ob der offensichtlichen Club-Ausrichtung dann doch nicht recht nennen, sprechen wir also einfach von einer Doppel-EP.
Mit mehr Raum kommt mehr Variation, Breite wie Weite, in die Tracks – kompositorisch wie vom Klangdesign her. Und so beschreibt Reece einen weiten Zirkel, der von Trance-auslösenden Arpeggio-Fontänen über rau-technoide Drummachine-Workouts und tribalistische Percussion-Bass-Tracks bis zu weit ausgebreiteten Dub-Akkord-Preziosen reicht. Den Dancefloor dabei nie aus dem Blickwinkel verlierend, ist es die minimalistische Struktur der Stücke, die den Tänzer hypnotisch auf den Tanzboden kittet – mal mit gerade laufender Bassdrum, mal mit dem zeitverschrobenem Swing gebrochener Rhythmen. Und dass die Stücke alle während oder kurz nach einem zweimonatigen Aufenthalt Reeces bei seinen Großeltern auf Jamaika in einem kleinen tropischen Dorf-Idyll entstanden sind, merkt man ihnen aufgrund der organischen Qualität des Sounddesigns an. Jungle-Musik in anders – nichtsdestotrotz aber eindeutig im Hardcore-Kontinuum verankert. Tim Lorenz

L.F.T. – Hell Was Boring (Mannequin)
Johannes Haas alias L.F.T. liefert mit Hell Was Boring auf Mannequin ein Doppelalbum, das sich anfühlt wie ein nächtlicher Albtraum. Zwischen Hamburg und Berlin in den Jahren 2023 bis 2025 entstanden, verbindet das Werk minimalistischen Electro mit einer Dramatik, die punkige Dringlichkeit und mechanische Eleganz ausstrahlt. Der Opener „Waste Your Facelift” gibt den Takt vor — Drumbeats treffen auf knorrige Bassläufe und verzerrte Vocals. „Die Infektion” arbeitet mit repetitiver Härte, ohne monoton zu werden, und zeigt L.F.T.s Fingerspitzengefühl für minimalistischen Groove. Das nicht lustige Thema Mietmarkt trifft auf humorigen Electro-Wave – denn am Schluss wird es für den Vermieter teuer. In „Knebelfreunde (feat. Das Kinn)” fügen sich die Vocals von Das Kinn in den Electro-Track – sehr reduziert! Dieses Prinzip zieht sich durchs ganze Album. „Free Cigarettes” schafft Raum zum Atmen, ohne die düstere Grundstimmung zu lockern: sanfte Synthflächen schweben über pulsierenden Beats. L.F.T. reflektiert, während er tanzt. „Going in Circles (feat. Rosaceae)” wird durch hypnotische Loops und die Stimme der Gästin zur Meditation über Einsamkeit und Selbstbeobachtung. Ein Highlight ist „Totengräber (feat. Felix Kubin)”: Kubins Sounddesign verschmilzt perfekt mit leisen Fragmenten und dröhnendem Bass. Der Titeltrack ist programmatisch: gedämpfte Ritualistik statt greller Ausbrüche. Präzise gesetzte Elemente, unterschwellige Melancholie. „Beiss Mich! (feat. Rosaceae)” zeigt eine verspieltere, aber ebenso dunkle Seite: Sehnsucht in der Stimme, knurrender Beat, gefährlich schön. Das Finale, bestehend aus „Second Thoughts (feat. Children Of Leir)”, „Ironsight” und „Deutschland Verreist (feat. Konstantin Unwohl)”, führt durch ein düsteres Panorama. Stilistisch knüpft L.F.T. an große Traditionen an: den Geist von Bauhaus, den minimalen Schmerz von Linear Movement, die futuristische Sehnsucht von Gary Numan – und einen Hauch Falco-Swagger. Liron Klangwart

ML – Dreamt It (Workshop)
MLs Dreamt It ist weniger ein Album als eine hypnotische Nachtfahrt. Auf Workshop erschienen, bleibt das Tape dem Labelethos treu: authentisch und experimentell. Die beiden Mixtapes Tape Mix Side A (28:18) und Tape Mix Side B (28:45) verschmelzen jeweils die Einzeltracks zu einem großen Ganzen, in dem die Summe weit mehr ist als die Teile. Auf Side A beginnt die Reise mit „I’m Hooked”, gefolgt von „Arpeggio Rain” und „Heavy City”, die eine rituelle Atmosphäre erzeugen. Slow-Tribal-Afro-Einflüsse durchziehen „The Ultimate Authority”, während das langsam abfallende „Cultural DNA” moderate House-Lines, Bassflächen und schemenhafte Stimmen zu einem magischen Strom schichtet. „Hypnotische Insel” mit ihren Flamenco-Claps und -Vocals und das schwebende „The Ocean” führen weiter tief in verträumte Klanglandschaften, während „Ignorance of History” Reflexion über Zeit und Erinnerung einbringt. Side B öffnet sich mit „Sunday Drone” und dem geheimnisvollen, spannungsvollen „The Laugh”, bevor das treibende „Bomarzo” und die auf den Floor drückende Basslinie von „Alles Klar (feat. Vittoria Totale)” die versponnenen House- und Minimal-Electro-Seiten des Tapes erkunden. Kurze Stücke wie das drumlastige „Ama” und das fast atonale, dann durchgeschlagene „4/4-Polyklet” setzen Akzente zwischen den längeren Tracks. „Gia” versetzt in den Großstadtdschungel, und das grimmige Drum’n’Bass-lastige „Gallery Weeknd” zieht das Tempo unweigerlich an. „Hello Image” bündelt alles zum erlösenden Ausatmen – ein sanftes Ende nach der dichten, hypnotischen Reise.
Die analoge Wärme des Sounds verleiht dem Hören eine fast greifbare Nähe. Das Tape ist ein intimes Erlebnis zwischen Ambient, Electro, Lo-Fi und jazzigen Fragmenten. Eine bewusst inszenierte Traumreise, die immer wieder neue Tiefen eröffnet. Dreamt It ist eine stille Sternstunde elektronischer Musik 2025. Liron Klangwart

Mor Elian – Solid Space (topo2)
Zehn Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung lässt Mor Elian für ihr Debütalbum Solid Space den Dancefloor hinter sich. Weit hinter sich. Stattdessen: Raum. Zeit. Sich ausbreitender Klang. Yes, ladies and gentlemen, we are moving through space.
Nur dass dieser Weltraum nicht lautlos ist. Dafür krischelt und kraschelt es an allen Ecken und Enden. Stimmfetzen reverbrieren leise in die Unendlichkeit. Dumpfer Rhythmus, so überhaupt, schiebt sich in dunklen Vibrationen durch den Untergrund. Oder blubbert, schweren Lavablasen gleich, langsam an die dickflüssige Oberfläche – nur um dort gedämpft und ziellos zu zerplatzen. Ganz ähnlich den zerstobenen Ton-Artefakten, Anmutungen von Melodien, die darüber versprengt zerbrechen. All dies geschieht in einer entropisch-weiten Schwerelosigkeit, die in ihrer düsteren Dystopie wie artifizielle, synthetische Poesie klingt. Bis, ja bis dann, zur Mitte des Albums, Streicher einsetzen, das Ohr in weiten Bahnen klanglichen Stoffes umschmeicheln, um die kühle Sci-Fi-Atmosphäre in organischen Klang-Humus zu kleiden. Human Touch. Dann, im hinteren Drittel, die wohl tanzbarsten Stücke – wobei auch das aus weiten Fernen hergeholt scheint. „Future Orange” und „Spruce”. Das eine klingt wie der Mitschnitt aus einer Androiden-Reperaturwerkstatt, zwei Blöcke entfernt aufgezeichnet. Das andere wie ein futuristisches Hugo-Ball-Ballet von um- wie übereinander hüpfenden Kugel-Lauten. Nach diesem fast schon irdischen Touchdown geht es dann für die Coda wieder hinauf in die unbestimmte Schwerelosigkeit des auralen Weltenraums, um dieses so betörende wie mysteriöse Album zu beschließen. Freier Fall, der gleichwohl auf der Stelle tanzt. Ladies and Gentlemen, we are floating in space – again. Tim Lorenz

µ-Ziq – 1979 (Balmat)
1979 von µ-Ziq klingt so, wie man sich einen Space-Age-Designtraum vorstellt: futuristisch, offen, voller schwebender Synth-Flächen und klarer geometrischer Linien. Modern gestaltet, aber durchzogen von einer warmen Retro-Atmosphäre, die sofort an die späten Siebziger erinnert. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von 1977 auf Balmat meldet sich Mike Paradinas nun also mit 1979 zurück. Zwar knüpft es mit seinem Titel an seinen Vorgänger an, wirkt aber wie eine noch tiefere Reise in Paradinas eigene Vergangenheit. Es scheint, als versuche er seine Eindrücke und Erinnerungen aus seiner Kindheit einzufangen und für uns hörbar zu machen: Verspielt, verträumt, grenzenlos.
Das Album eröffnet mit „Majadahonda at Dawn”, einem sphärischen Stück mit zarten weiblichen Vocals, glockenartigen Akzenten und ohne Bassline. Mit „Houzz 14” verändert sich der Charakter des Albums leicht: Die Breakbeat-artigen Rhythmen, gepaart mit IDM-Elementen, machen den Track sogar tanzbar, obwohl er sich durch seine verspielte und experimentelle Manier ganz und gar nicht wie ein Bilderbuch-Clubtrack anhört. Das Album endet, wie es begonnen hat: Mit sanften Synth-Pads und dezenten, perkussiven Akzenten, die erneut wie glitzernde Glockenspiele klingen. Auch dieser Song mutet sphärisch an, nur dass in diesem Fall der resonante Klang einen meditativen Ausklang markiert.
1979 fängt die Stimmung einer Ära ein, in der Synthpop, frühe Ambient-Spielereien und experimentelle Elektronik ihre Wurzeln haben. Leuchtende Synth-Texturen und zarte Melodien mit klaren Strukturen erschaffen einen filigranen, weiten Sound. Celeste Dittberner

Oneohtrix Point Never – Tranquilizer (Warp)
Den Produzenten Daniel Lopatin fasziniert der Audiomüll, der mitunter hinter dem verlockend nerdigen Wort library music lauert, schon eine ganze Weile. Insbesondere auf seinem Oneohtrix-Point-Never-Album Replica von 2011 verwendete er derlei Relikte aus den Achtzigern, Sounds von Werbejingles etwa, als Samplingquelle für seltsam schillernde Collage-Miniaturen. Der Kritiker Diedrich Diederichsen bemerkte dazu seinerzeit: „Am besten genießen kann man das Zeug, glaube ich, nur, wenn man sich der ganzen Bandbreite des hier ökologisch wiederaufbereiteten Elends bewusst ist und sich dennoch nicht gegen die Verführungskraft dieser hochgradig restschmierigen Klangidylle sperrt.“ Für sein aktuelles Album hat Lopatin einen ähnlichen Ansatz gewählt. Als Quelle diente ihm die große Sammlung von kommerzieller Sample-CDs aus den Neunzigern, die im Internet Archive online bewahrt wurde, bis sie 2021 aus rechtlichen Gründen gelöscht werden musste. Anschließend tauchte sie an anderer Stelle im Netz in rekonstruierter Form wieder auf. Erneut nutzt Lopatin Klänge, die zum Zukleistern der Ohren entstanden, für ganz andere Zwecke, diesmal jedoch auf deutlich ambivalentere Weise. Das gelassene Treiben von Ambient bildet die Basis dieser meist kürzeren Tracks, eine Art Nostalgie durchweht die Musik, deren Geschlossenheit Lopatin immer wieder mit digitalem Störfeuer sabotiert. Die Vergangenheit bekommt man nicht nur nicht zurück, die Beschäftigung mit ihr ändert im Zweifel auch die Gegenwart, so scheint seine Botschaft zu sein. Tranquilizer spendet Trost, bloß eben nicht als Sedativum. Tim Caspar Boehme
