Die Platten der Woche mit DJ Nobu, John Noseda ft. Luca Lorenzo, Max F, PPP und Silicon Scally & Fleck ESC

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

DJ Nobu – Shō (fabric Originals)

DJ Nobu, bürgerlich Nobuhitu Horiuchi, ist einer der bekanntesten japanischen DJs. Musikalische Anfänge fand er im Punk in seiner Heimatstadt Chiba. Seit Jahren tritt er weltweit auf den großen Festivalbühnen und in Clubs auf. Regelmäßig bespielt er das Berghain und sorgt nicht nur dort mit seinem individuellen Sound für euphorische Reddit-Beiträge.

Nun meldet er sich mit seiner EP Shō zurück. Die Namen der Tracks entsprechen den Brahmavihāras, Geisteshaltungen aus dem Buddhismus, die eine Grundlage für Meditationsübungen sind. „Mudita” ist ein düsteres Intro, es ziehen sich dunkle verzerrte Bässe von rechts nach links. Das ist psychedelisch gut. „Kuna” hört sich wie ein hypnotischer Sonnenuntergang an. „Metta” ist definitiv für die Tanzfläche gemacht und wird dort viel Spaß bereiten – aggressiv, mit hohem Tempo und das Maximum aus den Kicks herausholend. Stakattoartige, industrielle Salven beschießen die Ohren. Ob diese EP meditative Wirkung entfalten kann, bleibt offen. Feine Handwerkskunst ist sie allemal. Robert Zimmermeier

John Noseda ft. Luca Lorenzo – My Desire (Running Back) 

„You’re my desire, can you feel it too?” – mit dieser mantraartig wiederholten Zeile zieht Luca Lorenzo tief in die emotionale Welt von My Desire, der neuesten Veröffentlichung von John Noseda. Die Frage nach dem Gegenüber bleibt dabei bewusst unbeantwortet, ein offener Raum, in dem sich Projektion, Sehnsucht und persönliche Geschichten entfalten können. Gerade diese Unbestimmtheit verleiht dem Track eine besondere Intensität und macht ihn anschlussfähig für ganz unterschiedliche Stimmungen auf dem Dancefloor.

Musikalisch weckt der belgische Italo-, Disco- und House-Veteran eine sehnsuchtsvolle Rückbesinnung auf die Klangwelten der Achtziger. Glänzende, polierte Synths treffen auf eine rastlose, pulsierende Bassline, die für stetige Bewegung sorgt, während die euphorische Stimme den Track antreibt.

Veröffentlicht auf Running Back, verbindet My Desire Italo-Romantik, Disco-Appeal und House-Energie zu einem Sound, der gleichermaßen nostalgisch wie gegenwärtig wirkt. Der Track schafft Bilder von flackernden Lichtern, verschwitzten Tanzflächen und endlosen Nächten. Ein musikalischer Sog, der auf die schillernden Disco-Floors der Achtziger entführt und für einen Moment die Gegenwart vergessen lässt. Daniel Böglmüller

Max F – Hidden Atmospheres (Peace World)

Der Newcomer Max F, der Autor ist hier nicht gemeint, muss ein Träumer sein. Seine EP Hidden Atmospheres ist ein akustisches Manifest des Aufbruchs gen gute Zeiten, dem trotzdem melancholische Rückwärtsgewandtheit innewohnt. Früher war manches besser, und manches davon ist unwiederbringlich verloren. Vom kalifornischen Peace World zum kanadischen Pacific Rhythm ist es dabei nicht weit, die Veröffentlichung klingt nach introspektivem Küstenpanorama-Deep-House amerikanisch-kanadischer Prägung, wie ihn Project Pablo oder Active Surplus einst zauberten.

Nicht nur beweist der Interpret ein beeindruckendes Gespür für Wehmut in seinen Synths, besonders einschneidend in „Zone 6”. Die Basslines grooven spielerisch, sorgenfrei, während die Sonne den geschlossenen Augen ein Spektrum aus Rottönen auf die Netzhaut brennt („Earth Effects”). Max Fs Deep House kommt nicht notwendigerweise funky daher. Er sucht, wie auf „Soul Control”, die tiefsten Gefühlsebenen auf und hat für sich beschlossen, dass es noch mehr geben muss als bloße Funktionalität. Überlebensgroße Melodien etwa, die den Dancefloor transzendieren, so nachdenklich, dass einem mulmig wird. Zum Schluss doch nochmal zu „Zone 6”, der mit „Dream Channel”, in der herkömmlichen Version wie im „Space Ghost Club Remix”, fröhlichere Geschwister hat: Im Track hallt das Echo von Carl Craigs „At Les” nach, während grobkörnige, gedankenverlorene Synths erst aufblühen und in Hall sterben. Das bleibt. Für immer. Maximilian Fritz

Silicon Scally & Fleck ESC – Slip (Central Processing Unit)

Carl Finlow alias Carbon Academy alias Random Factor alias Voice Stealer und natürlich alias Silicon Scally hat nicht nur einen Haufen Aliasse. Ebenso hat er mittlerweile einen Haufen Produktionen und Würdigungen angesammelt, von den bedeutendsten Electro-Heads dieses Planeten. Das Duo Aux 88 meinte etwa, in Europa oft besonders herausstechende Tracks auf Partys gehört zu haben. Ein Blick auf die Platte habe Carl Finlows oder den Namen eines seiner zahlreichen Pseudonyme angezeigt – immer.

Die ersten beiden Tracks der EP, „Phased Array” und „Stax”, könnten die nächsten sein, bei denen Aux 88 neugierig wird. Spannender, tiefer, dunkler Electro, der sich sehr danach anhört, als wäre er von Robotern komponiert worden. Dieser Stil ist keine Überraschung, sondern üblich für Carl Finlow. Es scheint, als könnte er nie die Finger stillhalten, unendlich viele Veröffentlichungen auf anerkannten Labels wie Central Processing Unit, Alien Communications oder Fundamental Records pflastern seinen über 20-jährigen Karriereweg.

Franck Collin alias Fleck ESC ist ein französischer Electro-Produzent und nun in Tokio ansässig. Er produzierte die zweite Hälfte dieser Split-EP. In „Good Ride” kommt ein menschliches Stöhnen vor, das daran erinnert, dass beide Meister ihres Handwerks eben doch keine Roboter sind. „Intox Remedy” ist der Closer und rundet Slip mit elektrisierenden vier Minuten und 42 Sekunden ab. Greta Allgöwer

PPP – Born Again (Wisdom Teeth)

Born Again. Wiedergeboren, unmittelbar nach Ostern. Wirklich herrlich, ich meine: Ist ein Segen, wenn die Stadt mal leer ist, weil alle entweder am sechsgliedrigen Essenstisch in Oberfranken oder im Berghain mit dem Reflux kämpfen, nur damit beim anschließenden Verdauungsspaziergang alle Lebensentscheidungen herzhaft wiedergekäut werden dürfen. Na ja, egal ob angenagtes Osterlamm oder Punisher-Oblate, immerhin scheint die Sonne gelegentlich durch das eingetrübte Altbaufenster und der Wind trägt eine pittoresk-tänzelnde RISA-Verpackung durch die leergefegte Hauptverkehrsader. Und man selbst steht wie ein angegrauter, willenloser Tulpenbund da, schnauft dreimal tief hach und tauft es: Großstadtromantik.

Ein Glück also, dass, während die eigene Sozialfähigkeit auf Halbmast schwingt, der Bandcamp-Feed mal wieder ins Rollen kommt. Der liefert dieser Tage mit Piezo, DJ Plead und DJ Python die heilige Dreifaltigkeit verspielter und schwelgerischer Bass Music. Hier gibt’s unter anderem tribalistische Downtempo-Träumerei auf „Coni” und abstrakten, dekonstruierten Tech-House auf „Pez”. Immer wieder hört man eindringlich-rhythmische Perkussionsfolgen und Ethno-Anleihen von DJ Plead sowie losgelöste Klangfragmente des schrägen und verspulten Sounddesigns Piezos, die sich mit der balearischen Laidback-Melancholia von DJ Python paaren. Das abschließende „Plz” ist eine gedrückte Ambient-Techno-Nummer, die sich zwischen rhythmischer Reduktion auf seine wiederkehrenden Minimalbestandteile und einer sich ausbreitenden Klangdecke bewegt. Das schreit ganz gewaltig nach einem zyklisch-wiederkehrenden Comeback. Jakob Senger

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Die Platten der Woche mit Andy Martin, Any Mello, Klasse Wrecks, Vakula und Will Hofbauer

Unsere Platten der Woche kommen diesmal von Andy Martin, Any Mello, Klasse Wrecks, Vakula und Will Hofbauer.

Die Platten der Woche mit Click † Click, Donato Dozzy, Katerina, Untold und Wax

Unsere Platten der Woche kommen diese Woche von Click † Click, Katerina, Donato Dozzy, Untold und Wax auf nOWtRecordings.

April 2026: Album des Monats

Mit dem Album des Monats kündigen Jump Source die Renaissance housiger Popmusik an – ohne als Radiomusik verstanden zu werden.

Motherboard: April 2026

Das Motherboard erkundet neue Ambient-Welten, kongolesische DIY-Street-Art und Synth-Pop-Visionen zwischen Poesie und Bass.