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März 2023: Die essenziellen Alben (Teil 2)

James Holden – Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities (Border Community)

Das neue James-Holden-Album geht gleich gut los: fiepende Synths, große Melodiebögen, lebhafte Drums und Samples. Keine Geheimniskrämerei, alles liegt auf dem Tisch: vorbei sind die Tage großer Konzepte. Laut Holden ist sein viertes Album jenes, das sein Teenager-Ich eigentlich schon immer mal machen wollte. Nach wie vor inspiriert von Piratensendern aus seiner Kindheit, nachempfunden einer Vision von Raves, lange bevor er alt genug war, selbst an ihnen teilzuhaben. Nachdem er zuletzt mit Bandbesetzung auf Tour war, arbeitet der Produzent nun weiter mit dem Input seiner Animal-Spirits-Kolleg:innen; Schlagzeug und Tabla, Saxofon, Bassgitarre und viele weitere Instrumente sind vertreten, in guter Gesellschaft von Modularsynthesizer und Sample-Datenbanken.

Das Ergebnis ist farbenfroh und frei von Genre-Konventionen, lässt einen Virtuoso wie Mr. Scruff erahnen und kreiert ein Paralleluniversum, in dessen Welt eine dichte Sound-Collage verschiedene Wesen zum gemeinsamen Feiern verbindet. Hoffnung, Freiheit und endlose Möglichkeiten regieren auf den zwölf Stücken, die sowohl in Kopfhörern als auch auf großen PAs überzeugen werden. Die Tage des Party-DJs Holden sind zwar gezählt, den Geist der Rave-Kultur lässt er dennoch weiterleben. Leopold Hutter

Jerome Hill – Flow Mechanics (Hypercolour)

Angesichts der Tatsachen, dass er seit 1990 als DJ unterwegs und Betreiber von Labels wie Super Rhythm Trax, Don’t oder Hornsey Hardcore ist, seit 1998 Tracks auf diversen EPs unter eigenem Namen oder in Gruppen wie Groove Asylum oder The Gruffians veröffentlicht, eine wöchentliche Radioshow auf Kool FM hat und nebenbei zwischen 1997 und 2004 noch zwei Plattenläden in London führte (Dragon Disc und Trackheads), nun aber erst, im Jahr 2023, sein Debütalbum veröffentlicht, darf Jerome Hill mit Fug und Recht als Geheimtipp bezeichnet werden.

Wer die Platten auf seinen Labels als Beispiel nimmt, weiß, wohin die Reise auf diesem Acht-Track- (digital) beziehungsweise Zwölf-Track-Album (Doppel-Vinyl inklusive einiger Skits) geht: quer durch die Geschichte so trockener wie funkiger Oldschool-Sounds, von Electro über Acid House bis zu Techno und via Garage und House wieder zurück.

Das beginnt mit den gnadenlosen 303-Grooves des Openers „Walk The Plank” und der drei folgenden Tracks und landet danach beim minimalen Maschinenfunk von „Deafening Lull”. Mit dem psychotisch-abstrakten Garage-for-Lunatics-Tune „Brought Up Badly” wird eine Abzweigung genommen, die zum Big-Room-Breakbeat-Techno von „Knob Jitter” führt. Der staubige House-Groove von „Stax Had The Funk” geht dann wieder in die andere Richtung, bis „I Don’t” einen Acid-Basslauf mit manischen Electro-Breaks und Detroit-Flächen versöhnt. All das findet sich hier nostalgisch, jedoch so roh und kraftvoll für den aktuellen Dancefloor aufbereitet, dass das Zuhören eine reine Freude ist. Tim Lorenz

Mr. G – Pearls Don’t Lay On The Shore (Childhood)

Colin McBean alias Mr. G ist seit rund zwei Jahrzehnten im Techno- und House-Kosmos unterwegs, war eine Hälfte von The Advent und veröffentlichte in den Zehnerjahren einiges auf Rekids und unzählige EPs auf seinem eigenen Label Phoenix G. Ein großer Teil der darauf zu findenden Tracks steht tief verwurzelt in US-House-Tradition, aber Pearls Don’t Lay On The Shore bricht radikal mit dieser Orientierung. Auch wenn bereits auf seinen letzten beiden Alben Breakbeats und eine größere stilistische Bandbreite zu finden waren, dieses Mal geht McBean um einiges weiter.

Etliche Stücke sind kaum stilistisch einzuordnen und wirken wie seziert und jenseits der üblichen Regeln neu zusammengesetzt. Beim Hören von „Floppy” beispielsweise las ich parallel einen Artikel über den Bassisten Tony Levin, und das Stück hätte durchaus ein ruhiges, unrockiges von Levins Prog-Projekten sein können. Oder von einem Act auf Labels wie Raster. Andere Tracks haben einen Bezug zu afrikanischer Musik oder Ambient – aber ebenso ohne das Bedienen typischer Klischees. Den meisten Stücken ist eine loopartige, kurze Grundstruktur zueigen, über der sich wenige Elemente ohne allzu viele Variationen wiederholen. Im Resultat ergibt das oft ruhige, abstrakte Stücke, die aber nichts mit chilliger Listening Music zu tun haben. Dafür ist ihre Struktur zu spröde und ihre Stimmung trotz aller Reduktion häufig zu unruhig. Die Musik transportiert fast durchgehend ein diffuses Gefühl von Aufgewühltsein, von Skepsis – und eine ganz spezielle, seltene Schönheit. Mathias Schaffhäuser

μ-Ziq – 1977 (Balmat)

Mike Paradinas ohne Beats ist wie – nein, ist gar nicht so undenkbar. Trotz Drill’n’Bass-Pionierarbeit und der vielen Platten, auf denen er sich gar nicht genug an den elektronischen Trommeln austoben konnte. 1977 ist jedenfalls sein erstes Album als μ-Ziq, auf dem er sich vorwiegend einer frei fließenden Form bedient. Man könnte Ambient dazu sagen, es aber auch einfach elektronische Musik zum Hinhören nennen. Der Titel klingt nach Vergangenheit, und die Musik tut es auch ein bisschen.

Gleich zum Einstieg meint man bei „4am” fast, es mit einem Track von Seefeel zu tun zu haben, der es 1994 nicht auf deren Starethrough EP geschafft hat. Bei „Éire” kann es einem ähnlich gehen. Doch gibt es da diese leicht kindlich tollenden Melodien, die sich im ersten Track unter die synthetischen Chöre mischen, oder die gezielt schiefsitzenden Harmonien in der Nummer danach, die wieder typisch Paradinas sind. Nostalgie ist stets im Spiel, sie hat bloß nicht das letzte Wort. Mitunter rappelt es ordentlich. „Houzz 13” hält, was sein Titel verspricht, so auch „Mesolithic Jungle”. Paradinas, scheint es, hat sich ein wenig locker gemacht. Dass sein persönlicher Rückblick auf eine Weise fließt, die sich nicht alt anhört, liegt einfach daran, dass ihm immer noch nicht die Ideen ausgegangen sind. Tim Caspar Boehme

Nathan Fake – Crystal Vision (Cambria Instruments) 

Schon den Border-Community-Veröffentlichungen Nathan Fakes haftete stets etwas Ländliches, sehr Organisches an. Und genau diese musikalische Atmosphäre, dieser Klang von feuchtem, ockerfarbenem Erdboden, von diesig-feuchten Wiesen im Morgennebel und taubenetzten Baumblättern findet sich auch hier, auf seinem insgesamt sechsten Album, wieder.

Egal, ob er Electro- oder Jungle-Breakbeats verwendet, technoide Kickdrum-Patterns mit swingend angezerrten Hi-Hat-Synkopen verbindet, wunderschön mäandernde Electronica-Melodien tief in kuschelig warme Synthesizer-Flächen einbettet oder sich zwischendurch in klingelnden Modular-Ambient-Spielereien verirrt – alles ist von einer sehr privaten Psychedelik, irgendwo zwischen modernisiertem Kraut (ohne Rock, zum Glück) und einer sehr eigenen Interpretation von Trance. Leise, zart, zerbrechlich und irgendwie durchaus poetisch, aber gleichzeitig mit einem kraftvoll-hypnotischen Sog, von dem man sich nur schwer befreien kann. Und warum sollte man auch? Musik wie der Brief eines guten, alten Freundes, der von seinem letzten Pilztrip in der Natur erzählt – nur eben mit Musik statt Worten. Denn manche Dinge kann man in Sprache nur schwer beschreiben – dafür gibt es dann die Musik. Ein Glück. Tim Lorenz

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