Der seit den späten Neunzigern aktive Balearic- und Downtempo-Producer James Bright kann auch ganz ohne Beats. Mit gelegentlicher Hilfe der Sängerin Gaeya auf Imaginal (Life On Earth Recordings, 4. April) gelingt das sogar ausnehmend charmant. Das ganze Album besteht aus grundsympathischem Ambient mit leichten, aber nicht esoterischen New-Age-Anklängen, fluffig eingebettet in milde melancholische Sundowner-Romantik. Als wäre Ibiza eine schöne Idee, auf die man vor allem im verregneten britischen Sommer kommen könnte.
Im schwerem, manchmal rhythmisiertem Drone, sind die Bristoler James Ginzburg und Paul Purgas so etwas wie die grauen Eminenzen. Ihrem ungefähr 15 Jahre konsequent und stetig liefernden Projekt Emptyset gelang es den beiden, die Möglichkeiten verzerrter Bässe und tieffrequenter Feedbacks immer wieder aufs Neue zu vermessen. Ihre Referenzen und Inspirationsquellen sind dabei nie eindeutig von bestimmter Herkunft. Es können Industrial und Power Electronics hineinspielen, Metal und Shoegaze, aber mit gleichem Anspruch an elektroakustische Komposition, die Drone-Minimal-Music der Sechziger oder die Arbeiten früher Synthesizerpionier:innen. Auf Dissever (Thrill Jockey, 23. Mai), der jüngsten Iteration dieser klanglich mäandernden Tiefseetaucherei, geht es um das Verhältnis von Kunst zu Technologie, speziell in den Anfängen elektronischer Musik, ein immergrünes, noch lange nicht erschöpftes Thema.
Ebenfalls ursprünglich aus Bristol, hat die inzwischen Londoner Combo Amp vor über 30 Jahren, Anfang der Neunziger, als Rockband angefangen. Obwohl sie sich keineswegs mehr danach anhören, sind sie sind im Grunde immer eine psychedelische Rockband geblieben. Über Shoegaze, Psychedelik, Noise, Free Jazz und kosmische Krautimprovisation zum Kernduo aus Richard Walker und Karine Charff kondensiert, verweilen sie inzwischen häufiger, ja sogar vorwiegend bei Ambient und Drone aus Feedback-Gitarre und Elektronik. „Ambient” haben sie diesmal sogar wörtlich genommen. Auf dem vierteiligen Album Ambient Love Darkness Share (Ampbase, 14. März) spielen sie die ganze Bandbreite ihres reduzierten Setups aus, als Rockband ohne Rocker, aber mit Indie-DIY-Spirit und der inneren Freiheit, die sie von Beginn an begleitete.
Pénélope Michel und Nico Devos kommen ebenfalls aus Indie-Rock-Zusammenhängen (in Lille), die sie als Sound weitgehend zurückgelassen haben, in Geste und Geist allerdings nicht. Als Puce Moment haben sie sich den dunkleren, rostroten Augenblicken von Ambient und Drone verschrieben. Auf dem teils in Japan, teils in Frankreich aufgenommenen Sans Soleil (Parenthèses Records, 21. März) nehmen das japanische Maskentheater und die perkussive Klassik des Gagaku die Rolle ein, die bislang Post-Industrial, Power Electronics, und Noise innehatten. Die west-östlichen Wechselwirkungen sind allerdings subtil, die Gagaku-Klänge sind jederzeit in die schweren cinematischen Drones des Duos eingebettet.
Bei der immensen Produktivität und Qualität der Arbeiten von Alexandra Zakharenko alias Perila ist es absolut sinnvoll, einen fundiert kuratierten Überblick auf Vinyl zu bekommen, wie ihn The air outside feels crazy right now (A Sunken Mall, 3. April) anbietet. Die Auswahl aus diversen EPs, Tapes und Digitalveröffentlichungen gibt einen zwar tendenziell unvollständigen, aber doch sehr schön ausgewählten und erhellenden Einblick in die Entwicklung von Perilas Soundwelt in den pandemischen Jahren. Die Klammer um ihre expansiven Klänge sind Elektroakustik und Stimme. Wo zuvor noch Field Recordings und Dub-Effekte bestimmend waren, nehmen die Soundscapes zwischen 2021 und 2023 zunehmend Elemente von Jazz, Folk und akustischer Neuer Musik auf. Was bleibt, ist die gefühlte Zerbrechlichkeit dieser Klänge, ihr zartestmöglicher Minimalismus. Es sind Beinahe-Songs und Fast-Nichts-Elektroakustik. Irres Wetter, in der Tat.