Sandwell District – End Beginnings (The Point Of Departure)
Zeiten rennen, sie kommen und gehen. So ist jeder Tag nicht nur immer wieder ein neuer Anfang, sondern auch der Erste des Rests unseres Lebens. Seit dem tragischen Tod von John Juan Mendez, besser bekannt als Silent Servant, erhalten diese vermeintlichen Banalitäten für Karl O’Connor und David Sumner ein neues Gewicht. Als Regis und Function geleiteten sie über die letzten drei Dekaden hinweg den kalt-hypnotischen Birmingham Sound der Neunziger maßgeblich aus britischen Warehouses in die Bunker und Kraftwerke des industriellen Technos – nicht nur solo, sondern zusammen mit Mendez und Peter Sutton (Female) auch als Kollektiv und Label Sandwell District.
Der zunehmend blutleeren Kommerzialisierung der Clubkultur halten die Vier den dringlichen Impetus eines neuen Selbstverständnisses entgegen, mit dem Techno in diversen Subformen während der Zweitausender seine Adoleszenz erlebt. Das Klangbild ist minimalistisch und maschinell, gleichzeitig dunkel und schlank, von der Situationistischen Internationalen ebenso wie vom Brutalismus inspiriert und wird ab 2006 nach guter alter Chain-Reaction-Manier in kaum identifizierbaren White-Label-12-Inches, später auch EPs verbreitet. Die Dezentralisierung der DJ-Persönlichkeit ist tonangebend – und funktioniert.
Einer matt schimmernden Ästhetik in Sleeve Designs, irrwitzigen Liveshows und postmoderner Bebilderung aus Mendez‘ Feder stellt das Kollektiv dann 2010 das bislang einzige Studioalbum Feed-Forward zur Seite. Wie nur wenige andere Techno-Konstrukte sollte es das Genre über die kommenden Jahre auch dann noch prägen, als die febrilen Audiotransmissionen des Kollektivs auf dem Werkhöhepunkt ein abruptes Ende finden. Wegen jahrelanger, teilweise gewalttätiger Querelen zwischen O’Connor und Sumner und weil dieser 2013 einen Gig in der Londoner fabric verpasst, ist danach Schluss. Vorerst.
Fast forward zum Sommer 2023, als das abermals sofort ausverkaufte und brillant neu gemasterte Reissue des Debüts aufhorchen lässt. Und obwohl die Compilation Where Next? (benannt nach dem von Mendez kuratierten und mittlerweile leider inaktiven Tumblr-Blog des Kollektivs) mit unveröffentlichtem Material sowie gelungenen Remixes des Distrikts in der Mache ist, arbeiten Sumner, O’Connor und Mendez da bereits an neuem Material. Veröffentlichung? Unklar.
Diese rund 50 Minuten strotzen vor durchtrainierter Koordinationsfähigkeit, der sich Tanzende bei jeder Dosis gewiss sein sollten.
Der plötzliche Tod von Projektvermittler Mendez am 18. Januar 2024, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin und Luis Vazquez (The Soft Moon) einer Überdosis erliegt, bringt das Vorhaben dann unverhofft ins Wanken. Wie kann, wie soll dieses Album noch finalisiert werden? Als Kollektiv geboren, als solches fortbestehend, ist es schließlich ein gemeinschaftlicher Kraftakt, der End Beginnings zur Produktionsreife bringt und bei dem die Namen von Seth Horvitz (Rrose), Simon Shreeve (Mønic), Mika Hallbäck (Rivet) oder Sarah Wreath quer über die Credits verteilt sind.
Das Resultat ist über die gesamte Laufzeit hinweg ein Meisterstück zeitgenössischen Technos, das einerseits die turbulente Laufbahn des Kollektivs bis hierhin zusammenfasst, sublim ausformuliert und erweitert. Andererseits aber auch eine Elegie an Silent Servant darstellt, der mit seinen endzeitlichen Grafiken und Produktionsideen stets den ästhetischen Kern von Sandwell District zu definieren wusste. Schon im Opener „Dreaming” scheint sein Geist zwischen perkussiver Beatsequenzierung und schimmernden Reverbs ins Ohr zu diffundieren, während Atemzüge von Melancholie in ihrer Andeutung zerfließen. Der Vorahnung namenloser Bedrohungen werden „Self-Initiate” und „Will You Be Safe?” mit Breakbeat-Bombardements gerecht, die den tribalen Ursprüngen repetitiver Ritualmusik ebenso Tribut zollen wie dem Gefühl von psychosomatischem Kontrollverlust. Beides ist drin, beides scheint präzise in jedem Stem wahrnehmbar.
So strotzen diese rund 50 Minuten vor durchtrainierter Koordinationsfähigkeit, der sich Tanzende bei jeder Dosis gewiss sein sollten. Nachdem die Peaktime gegen Ende von „Restless” angenehm abklingt, manövriert die zweite Hälfte dieses Trips nämlich durch dunstige Mid-Tempo-Gefilde von opaker Schönheit. Klar wird hier: deren Topografie kann nur durch das auditive Erleben auf beiden Ebenen erfasst werden – im Club und unterm Kopfhörer. „Least Travelled” erinnert mit staubigen Saitenstrichen und verzinktem Schlagwerk adäquat an die Glanzzeiten von Downwards und Blackest Ever Black, an Raime aber auch die vibrierende Erotik von Massive Attack. Und während „Citrinitas Acid” sowohl dem säurehaltigen Retrofuturismus von Gerald Donald als auch dem ziselierten Harmoniegefühl eines Speedy J huldigt, pustet „Hidden” die Seelen der Hörenden vorbei an pulsierenden roten Riesen in eine andere Ebene der Wahrnehmung. Hier, am oberen Ende des Kopfkinos, ruht zwischen weißem Rauschen und orchestraler Räumlichkeit „The Silent Servant”, entrückt vom irdischen Streben und Sterben. Sein Ende markiert nun den Beginn von etwas Neuem.