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Februar 2024: Album des Monats

Lost Souls Of Saturn – Reality (Slacker 85)

Wenn Zorg eintrifft, steht Ärger an. Die Figur aus Luc Bessons Science-Fiction-Komödie Das fünfte Element eröffnet mit ihrem Auftritt das zweite Album des Duos Lost Souls of Saturn: „Zorg Arriving” heißt der erste Track, und Zorg arbeitet nun mal für das Böse. Seine Ankunft wird begleitet von einem tribalistisch pulsierenden Jazz-Schlagzeug und der weich intonierten Trompete von Greg Paulus, die sich zu den im engeren Sinn futuristischen Synthesizerklängen gesellt – auch sie eher freundlich als dräuend. Das Böse tritt ja nicht automatisch mit furchteinflößender Fratze in Erscheinung.

Dass die Platte Reality verspricht, bedeutet keinen Widerspruch zum Science-Fiction-Charakter, den Bandname und die kryptische Covergestaltung mit monolithenartigem Motiv suggerieren. Science-Fiction läuft ja nicht selten auf das Stellen höchst realitätsnaher Fragen hinaus, bloß dass diese in technisch imposant aufgemotzter Gestalt präsentiert werden. Und es kann in einer Gegenwart, die nur begrenzt Anlass zum Optimismus bietet, überhaupt nicht schaden, die Realität selbst als etwas zu betrachten, das eine andere Version von sich zumindest theoretisch zulässt.

Diesmal hat sich das Duo dazu entschieden, pro Track mehr oder minder einen Groove beizubehalten. Mit dem Resultat, dass die Geschichte runder klingt, wohlgemerkt unter Beibehaltung ihrer weltallzugewandten Seltsamkeit.

Die Lost Souls of Saturn sind Seth Troxler und Phil Moffa. Beide haben als Produzenten ihre eigenen Vorzüge, Troxler vor allem als Techno-Innovator, Moffa arbeitet neben seiner mitunter an Klangkunst angelehnten Musik noch als Künstler und Tonstudiobetreiber, Letzteres lehrt er zudem als Hochschuldozent. Dass sie ihr Album beherzt konzeptuell angehen, mag da nicht übermäßig überraschen.

Schon auf ihrem vor fünf Jahren erschienenen selbstbetitelten Debütalbum verfolgten sie einen streng konzeptuellen Ansatz, mischten nach eigenen Angaben den Afrofuturismus von Sun Ra mit der zukunftsskeptischen Science-Fiction des Schriftstellers Philip K. Dick und dem psychomagischen Surrealismus von Regisseur Alejandro Jodorowsky. Das Ergebnis war eine beständig formwandelnde Angelegenheit, deren Ambient-Drift mitunter an die Chill-Out-Helden der frühen Neunziger erinnerte. Was bei Lost Souls of Saturn hier und da ein wenig ans Beliebige grenzte, wenn plötzlich aus dem Nichts ein Chor einen nicht allzu zwingenden Einsatz hatte.

Lost Souls Of Saturn by Presse
Lost Souls Of Saturn (Foto: Presse)

Demgegenüber haben sie Reality deutlich straffer gestaltet, ohne darüber ihre elektroakustische Zukunftsforschung zu vernachlässigen. Wie zuvor auf Lost Souls of Saturn operieren sie in den insgesamt acht Nummern von Reality unter Beteiligung diverser Gäste. Diesmal hat sich das Duo dazu entschieden, pro Track mehr oder minder einen Groove beizubehalten. Mit dem Resultat, dass die Geschichte runder klingt, wohlgemerkt unter Beibehaltung ihrer weltallzugewandten Seltsamkeit.

Troxler und Moffa steigern die Dynamik allmählich, lassen in „Metro City” einen übellaunigen Synthiebass auf eine verächtlich hustende Dub-Stimme treffen, und unterlegen das alles mit einem wachen Beat, der andeutet, dass Tanzen in der Zukunft immer noch möglich sein dürfte. In „Mirage” gestatten sich die beiden sogar einen Ausflug in Avant-Synthiepop, unterstützt vom nasalen New-Wave-Bariton des kanadischen Sängers Adam Ohr. Ein Risiko, zumindest könnte man das als Verrat an ihren eigenen formatsprengenden Ansprüchen verstehen. Doch trotz elegant eingängig-schlichter Melodie und übersichtlich gefügter Elemente hat der Song zugleich eine diskret kaputte Drift, die ihn auf perverse Art perfekt passend macht.

Mit Reality übertreffen Lost Souls of Saturn so ihre früheren Bemühungen mit erhöhter Konzentration aufs Detail, verlieren aber nie den Blick für den Gesamtbogen. Verloren sind diese Seelen immer noch. Sie artikulieren ihre Nöte lediglich klarer.

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