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Tag der Clubkultur: Ein Verständnis für die Bedeutung solcher Räume

Es ist Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr, und wir befinden uns in der Weserstraße in Berlin-Neukölln. Wo später Nachtschwärmer:innen durch die Bars ziehen, befindet sich auch die erste Location der Pressetour des diesjährigen Tag der Clubkultur. Dieser gab Anfang Oktober Clubs und Kollektiven, die vorher mit einem Preis ausgezeichnet worden waren, im Rahmen eines stadtweiten Festivals die Möglichkeit, ihr Verständnis der Clubkultur Berlins zu präsentieren. Nun stehe ich vor Gelegenheiten, einem gemeinnützigen Verein, der unter anderem Konzerte, Filmreihen und Informationsveranstaltungen organisiert. In seinen Räumlichkeiten sollte an diesem Tag eine Ausstellung des Kollektivs Warning stattfinden. Mit Flyer Of Consciousness präsentiert die Gruppe, die unter anderem Künstler:innen wir Marie Montexier als Residents an Bord hat, die Welt des Flyerdesigns.

Beim Klingeln an der Tür warte ich allerdings vergebens auf eine Antwort. Dass an diesem Ort heute keine Veranstaltung ist, stellt sich einige Momente später heraus. An der Straßenecke befindet sich eine kleine Gruppe von Leuten, darunter auch Alma, die Kommunikationsleiterin der Clubcommission. Sie erklärt, dass es zu einer Verwechslung im Programm kam und die Ausstellung erst am darauffolgenden Tag stattfinden wird.

So geht es direkt weiter zur nächsten Location, für die Präsentation des Radio Showcase RISE Meets Refuge Worldwide. Dieses findet in einer Bar in der gleichen Straße statt, heißt es, woraufhin sich die Gruppe unter Almas Führung auf den Weg macht. Sechs Leute sind es im Ganzen, die sich in Zweiergruppen fortbewegen und schnell ins Gespräch kommen. Die meisten unter ihnen sind freie Journalist:innen und zeigen großes Interesse an dem Geschehen in der Berliner Clubszene. „Nirgends gibts es so ein pulsierendes Nachtleben wie in Berlin”, meint eine amerikanische Reporterin auf dem Weg zur Bar.

Rise Oona Bar (Jascha Müller-Guthof)
Das RISE-Showcase bei Refuge Worldwide in der Oona Bar. (Foto: Jascha Müller-Guthof)

Nach kurzer Zeit ist das Ziel erreicht: die kleine Bar namens Oona. Draußen sind ein paar Tische aneinandergereiht, drinnen befinden sich drei Sitzgelegenheiten inmitten des rot dämmernden Lichts. Dicht gedrängt versuchen die Beteiligten, einen Blick in den hinteren Raum zu werfen. Dort befindet sich nämlich das kleine Studio mit DJ-Booth von Refuge Worldwide. Noch ist die Kabine besetzt. Richard Akingbehin, Mitgründer von Refuge Worldwide, beantwortet Fragen. Mit einer Marke für ein Freigetränk werden die ungeduldigen Presseleute gezügelt, immerhin warten diese bereits seit einer Stunde auf den ersten Vortrag. Bis jetzt fühlt sich die Tour eher an wie eine Art Barhopping, die Journalist:innen warten noch auf Hintergrundinformationen und Input. Leicht angespannt tritt Akingbehin dann nach vorne, um 19 Uhr habe er einen Gig, meinte eine Mitarbeitende vorhin zu uns. Er müsse sich zwar beeilen, jedoch beantworte er gerne die wichtigsten Fragen. Vor dem Eingang beginnt er, umgeben von der neugierigen Gruppe, über den Ursprung von Refuge Worldwide und über das heutige Event zusammen mit dem Afrohouse-Kollektiv RISE zu sprechen.

Unter dem Namen „Refuge” wurde das gemeinnützige Projekt während der Flüchtlingskrise 2015 von George Patrick gestartet. Patrick sammelte mit Soli-Partys in Clubs wie dem Ohm und ://aboutblank Spenden, um geflüchteten Menschen Unterkunft und Schutz zu bieten. Als die Pandemie kam, wurden kurzerhand alle Veranstaltungen gestrichen, und Patrick musste umdenken. Dann entwickelte er mit Akingbehin das Konzept für ein Online-Radio. Mit dem Preisgeld des damals neu gegründeten Tag der Clubkultur bauten die beiden eine eigene Webseite.

Tag der Clubkultur/Preis (Foto: Charlotte Elsen)
Der Preis zum Tag der Clubkultur. (Foto: Charlotte Elsen)

Akingbehin erzählt stolz, dass sie heute mit RISE, einem der 40 Gewinner des Tag der Clubkultur, zusammenarbeiten. Für die Clubkultur seien Kollaborationen von großer Bedeutung, fügt Alma hinzu. Aziz Sarr, Gründer von RISE, der sich nun zur Gruppe gesellt hat, präsentiert das Konzept des Kollektivs und Berliner Labels. Er erklärt, dass das seit acht Jahren stattfindende monatliche Showcase im Watergate und die hauseigene Radioshow sich vor allem auf Künstler:innen mit afrikanischem Migrationshintergrund fokussieren. Ziel war es von Anfang an, afrikanischen House in die Berliner Musikszene einzubinden und damit auf die Bedeutung von Diversität hinzuweisen. Das Projekt sei damals als Alternative zur vorwiegend weißen Berliner Musikszene gestartet, so Sarr. Mittlerweile gilt RISE als international etablierte Plattform.

Eine Mittvierzigerin mit französischem Akzent hält Akingbehin ein Aufnahmegerät hin und fragt, wie die Hörerschaft des Radios denn aussehe, ob sie eher jung oder alt sei. Richard lacht, das wisse er nicht so genau, aber er vermute mal, dass hauptsächlich jüngere Personen einschalten. Den Zeitstress sieht man ihm durchaus an, wohl auch der Grund, weshalb keine weitere Fragen mehr kommen. Alma bedankt sich bei den beiden, die Gruppe verabschiedet sich. Die letzten Gläser Hauswein werden ausgetrunken, und dann geht es auch schon weiter.

Der Einfachheit halber fokussiert die Pressetour sich nur auf Locations in der unmittelbaren  Umgebung. Die nächste Bar, die zu den Gewinnern des diesjährigen Preises gehört, die Tennis Bar, ist dennoch 25 Gehminuten entfernt, was Zeit zum Austausch mit den anderen Beteiligten gibt. Laura, ebenfalls GROOVE-Autorin, eine Amerikanerin in ihren besten Jahren, die früher im New Yorker Nachtleben tätig war, und eine Journalistin aus Prag – sie und weitere sind zusammengekommen, um sich mit der Berliner Clubkultur zu befassen.

Tennis Bar (Andrea Rojas)
In der Tennis Bar, einer der ausgezeichneten Locations, findet eine Präsentation statt. (Foto: Andrea Rojas)

Auf dem Weg zur Tennis Bar gibt uns BLEACH ein paar Hintergrundinformationen zum Tag der Clubkultur. BLEACH ist Performer:in, Produzent:in und Moderator:in und aufgrund der eigenen Expertise und Erfahrungen in der Szene Teil des Kuratoriums des Tag der Clubkultur. In einer abschließenden Kuratoriumssitzung entscheidet BLEACH gemeinsam mit vier anderen Mitglieder:innen über die Vergabe der Preise an rund 177 Bewerber:innen. Sie erklärt auch das diesjährigen Motto der Preisverleihung – „Never Conforming – Ever Evolving”. Ein Motto, das durch die Herausforderungen für die Clublandschaft allen voran in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat.

Der Tag der Clubkultur wurde 2020 von der Clubcommission, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Musicboard Berlin gegründet. Man sieht BLEACH an, dass dieses Projekt eine Herzensangelegenheit ist. Sie setzt sich gerne für die Berliner Clubkultur ein, bezeichnet die Tätigkeit als „spaßige Gemeinschaftsarbeit” und unterstreicht, dass die Clubs sich trotz Hindernissen immer weiterentwickeln. So geht es bei der Preisverleihung vor allem um die soziale und kulturelle Arbeit der Berliner Kollektive. Für sie ist die Clubszene ein essenzieller Teil der Stadt. „Doing good things for good people for good times”, meint sie lachend.

Die Tennis Bar entpuppt sich von außen betrachtet als gewöhnliche Kiezkneipe. Wirft man jedoch einen Blick hinter die Kulissen, wird schnell klar, dass sie so einiges zur Berliner Clublandschaft beiträgt. Hinter der Bar sind mehrere Schallplatten aneinandergereiht, eine amerikanische Barkeeperin erzählt ein wenig über die Location, die bereits seit acht Jahren für viele als Stammlokal und Kulturtreffpunkt in Neukölln fungiert. Hier finden regelmäßig Konzerte, DJ-Auftritte, Karaokeabende und Talks statt. Der Ort bietet außerdem Raum für angehende Künstler:innen sowie für Projekte und Performances aus der queeren Community Berlins.

Tennis Bar (Foto: Andrea Rojas)
Die Tennis Bar. (Foto: Andrea Rojas)

Am Tag der Clubkultur stellt Miteigentümer Ryan Rosell in einer Präsentation die Gründer:innen einer erfolgreichen Partyreihe vor. Einige aus der Gruppe sind interessiert an der Präsentation, die im Nebenraum bereits begonnen hat. Dieser ist gut besucht, einen freien Sitzplatz sucht man vergeblich. Wer dennoch versucht, den Raum zu betreten, wird streng angeschaut, so wird signalisiert, dass die Kapazität erreicht wurde. Bei einigen führt dies zu Enttäuschung, für die Journalist:innen wäre ein kurzer Einblick interessant gewesen.

Als letzte Location geht es für eine Performance von Open Music Lab ins KWIA, beide Parteien sind Gewinner des diesjährigen Preises. Draußen warten die Leute darauf, die Bar am Maybachufer betreten zu dürfen. Eine Frau mit Mikrofon und Kamera kommt an und spricht vor dem Eingang mit Alma. Es stellt sich heraus, dass sie für NPR, das BBC-Radio der USA, arbeitet und hier ist, um über die Krise in der Berliner Clubkultur zu schreiben. Im Gespräch kommt unter anderem das Mensch Meier vor, ein linker Club, der Ende des Jahres aufgrund finanzieller Überlastung schließen muss. Auch die Schließung der Re:mise und der Weiterbau der A100 werden als katastrophale Entwicklungen für die Nachtkultur erwähnt. Deutlich wird, dass die Clubs Förderungen wie die vom Tag der Clubkultur mehr denn je brauchen.

Die Tür der Ambient Listening Bar öffnet sich, man dürfe jetzt für die nächste Show reinkommen, heißt es. Die Türsteherin wirkt kühl, Gäste sollen ihr sagen, wie viel Eintritt sie zu zahlen bereit sind. Zwar gibt es einen Mindestpreis, dennoch ist jede zusätzliche Spende erwünscht. Vor dem Betreten heißt es: Shoes off. Was an die Prinzipien eines Yogastudios erinnert, soll die Essenz der Bar widerspiegeln.

KWIA ist ein Ort, den Menschen besuchen, um sich wohlzufühlen und runterzukommen. Die futuristische Siebzigerjahre-Deko bringt die Gruppe zum Staunen. Direkt am Eingang steht die schwungvoll gebogene Bar, an der Decke hängen Kunststoffwolken. Hinter einer schwarzen Gardine befindet sich der Listening Room, Blumen aus Papier und ein beeindruckendes Mandala mit Lichtinstallationen schmücken die Wände. Im Gegensatz zum typischen Clubsetting sieht es hier gemütlich aus, neben Sofas findet man auf Kissen und Decken vor dem tiefliegenden DJ-Pult mit Hi-Fidelity-Soundsystem Gelegenheit zu Sitzen.

KWIA (Foto: Jascha Müller-Guthof)
Das KWIA, die letzte Location der Tour. (Foto: Jascha Müller-Guthof)

Im hinteren, ebenso detailreich eingerichteten Raum legt niemand auf, dafür kann man sich dort ebenfalls auf den Boden setzen und sich unterhalten. Hier wartet Barbara Rühling auf die neugierigen Journalist:innen. Ihre Stimme ist ruhig, sie passt perfekt zur Location. Listening Bars haben ihren Ursprung in Japan, Barbara selbst bezeichnet die Bar jedoch eher als „Ambient Chill-Out Space”. Zusammen mit dem ehemaligen Profibasketballer Arnold van Opstal hat Rühling das KWIA 2020 gegründet. Als einen Ort, an dem Musikliebhaber:innen sich abseits der Tanzfläche treffen, um Musik zu hören oder zu spielen. „Wir laden die Menschen dazu ein, sich als angreifbar zu zeigen und Verbindungen zu schaffen.”

Barbara fügt hinzu, dass das KWIA eine Antithese zum industriellen Look von Berliner Clubs darstellt, beide Konzepte sich jedoch auf eine gewisse Art ergänzen. In den Neunzigern, etwa in New York, waren Ambientfloors in Clubs keine Seltenheit, sie fungierten als Alternative zur lauten und schnellen Musik und boten einen Safe Space zum Runterkommen und Entspannen an. Barbara spricht auch über die heutige Performance des Open Music Lab, einer Plattform, die sich an marginalisierte Gruppen richtet und nach gleichberechtigter Musikbildung für alle strebt. MINQ, eines der Mitglieder des OML, setzt sich seit Jahren für die queere Musikszene ein und stellt sein DJ-Set, begleitet von Sailesh Naidus Poetryshow, vor.

Die Besitzerin unterstreicht, dass der Support der Community für das Überleben der Bar von großer Bedeutung sei. Die Pandemie, die Rezession und die steigenden Kosten bekommt auch das KWIA zu spüren. Die Reporterin aus den USA fragt zum Schluss, was die Lösung für die vielen Herausforderungen in der Berliner Clublandschaft sei. „Wenn ich das bloß wüsste”, lacht Barbara. Sie sieht die Situation in der Stadt aber optimistisch, weil es in Berlin ein gewisses Verständnis für die Bedeutung solcher Räume gibt. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig etablierte Kulturpreise wie der Tag der Clubkultur sind.

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