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Die Platten der Woche mit De-Bons-en-Pierre, Bruce, Jeku, L.F.T. und Schacke

De-Bons-en-Pierre – Card Short of a Full Deck (Dark Entries)

Die Aufnahmepegel auf 11 gedreht, es kommen die De-Bons-en-Pierre! Schon das Cover referenziert die Do-It-Yourself-Ästhetik von Fanzines der Achtziger. Und auch sonst pflegen De-Bons-en-Pierre eine Punk-Ästhetik: die beiden Produzenten Beau Wanzer und Maoupa Mazzochetti hegen eine Industrial-Ästhetik mit Punch.

Das Titelstück klingt wie ein The-Bug-Dancehall-Beat, dessen lautes Hintergrundrauschen die De-Bons-en-Pierre entziffert haben und nun fein, aber nicht säuberlich präsentieren: Bleeps, Schneidegeräusche, schleichende Schellen. Noch böser stampfen die Rhythmen in „Le Râle du Mâle Alpha”, wohingegen auf „Accidental Surgeries” die Basstrommel auf einmal im Viervierteltakt durchläuft. „Puddle Points” schranzt mit seinen 140 BPM ordentlich durch, und „Scene Serpents” ist ein ultraschweres Dancehall-Fest. „Une Fuite Chaussée Mais Sans Lacets” beendet diese EP mit einem quietschblechernen Acid-Test. Christoph Braun

Bruce – Not (Timedance)

Sein Techno war abstrakt, seine leisere Elektronik wendig: der in Bristol ansässige Produzenten Larry McCarthy alias Bruce schätzt die Vielseitigkeit und hat auf Veröffentlichungen für Labels wie Hessle Audio, Idle Hands oder Timedance Genres wie Ambient, Broken Beat, abstrakte Elektronik oder Techno durch. Alles stets ohne Gesang. Das ist nun Geschichte. Zumindest für seine neue EP Not und das Album, das ihr folgt. Heute steht seine Stimme im Mittelpunkt und zieht die Musik, die sie umgibt, in ihren Bann. Pop, digital, vertrackt, mutig, hymnisch.

Songs wie „Antler” verbinden verdrehtes Source-Direct-Breakbeat-Drama mit emotionalem Gesang zu einer labyrinthischen Suspense. Ein dramatischer Tune wie „Lassoo” koppelt offene elektronische Sounds an sanft eindringlichen Gesang, der keinem klassischen Songschema folgt. Seine Geschichten sind persönlich, und genau deshalb universell. Pop ohne Scheuklappen. Einer, der keiner sein will. Elektronische Experimente jenseits der Stromlinien. Verfeinert mit einer Stimme, die zuweilen an Anohni, David Sylvian oder Jeff Buckley erinnert. Je nach Erinnerungsbild. Je nach Gemütslage. Auch das Cover ist mythisch, ganz so wie die Musik. Michael Leuffen

Jeku – Surreality EP (Craigie Knowes)

Für sein Craigie-Knowes-Debüt präsentiert Jeku vier topmoderne Dance-Tracks unterschiedlicher Prägung. So verbindet der Einstieg „Astral Dreams” Jungle-Rhythmen und wildgewordene Acid-Sequenzen mit einer Frauenstimme, die direkt dem zweiten Summer Of Love entwischt zu sein scheint. Weiter geht es mit hypnotischem Bass-House, einmal geradeheraus, einmal leicht Ragga-infiziert. Zuletzt ein psychedelischer Downbeat-Track, der Ambient-Vibes mit außerweltlichen UFO-Atmosphären verbindet und wie direkt aus dem Jahr 1991 herübergebeamt klingt – der Futurismus der Vergangenheit überschreibt hier wohl die Zukunft. Tim Lorenz

L.F.T. – Hollow Head (Mannequin)

Zuerst Liebe, dann Fäuste, schließlich Tränen. Klingt nach dem Plot eines Til-Schweiger-Streifens, ist aber so viel mehr. Wovon? Kein Plan, aber wenn L.F.T. zum Dollkraut greift, schnallt man den Nietengürtel enger, weil, Obacht, jetzt kommt’s zum backenzahnstrapazierenden Wave-Workout mit anschließender Starkstrom-Kur. Dafür muss man die Fingernägel nicht unbedingt in Pech einlegen, auch keinen Schlagschatten unter die Lider zirkeln oder Molchat Doma geil finden. Es schadet aber nicht.

Das weiß Johannes Haas, der Mann mit dem mächtigsten Mullet im Schanzenviertel, ganz genau. Mit seinem Hollow Head zieht er die Vorhänge zu, die er mit dem letzten Release bei Helena Hauff einen Spalt weit geöffnet hatte. Alles düster, farbenfroh! Deshalb umgibt er sich mit lebensaffirmativen Menschen, die ihren Kleiderschrank in Schwarz und das andere Schwarz unterteilen. Rosaceae finstert mit, Straßenmensch Nils Fock auch. Und mit Petra Flurr steht sogar die trübste Stadt in Flammen! Ja, puh, die Achtziger haben angerufen, sie wollen Gabi Delgado zurück. Oder: So viel Furcht ist nicht zu fassen! Christoph Benkeser

Schacke – Looks are deceiving (Mama told ya)

Techno hatte, wie House ohnehin, immer schon seine religiöse Dimension. So nimmt es nicht wunder, dass der Produzent Schacke auf seiner EP Looks are deceiving vier Tracks darbietet, die vom Label als „purificatory”, mithin reinigend bezeichnet werden. Tanzen als rituelle Seelenwaschung, wenn man so möchte.

Mit „The sickening” setzt die Zeremonie über einem peitschenden Beat bei hoher BPM-Zahl ein – im Folgenden wird das mehr oder minder beibehalten. Verzerrt stöhnende oder zwischen Lachen und Schreien als kurze Impulse gesetzte Stimmen sorgen für den gewünschten ungesunden Groove. „HD club destroyer” folgt als Tanzflächen-Weltenbrand mit flammenden Eurodance-Melodien. In „Microcosmic healing” geht es zusammen mit Labelchefin Anetha ans Eingemachte. Gabber spült darin alle inneren Wunden sauber. „How to blur the lines” beschließt die Liturgie mit einem schönen aufsteigenden Bass und Trance-gemäßer Staccato-Melodie darüber. Die Spiritualität der jüngeren Generation in Ehren: So eine Renaissance-Messe hat andererseits auch etwas. Tim Caspar Boehme

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