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Die Platten der Woche mit DJ Prime Cuts, Ebende, Eduardo De La Calle, MCR-T & Partiboi69 und Omar S

DJ Prime Cuts – Chartist (The Trilogy Tapes)

DJ Prime Cuts ist ein DJ, der zweifelsohne weiß, wie herum man einen Turntable aufstellt, gehörte er (wir sprechen hier vom Beginn und der Mitte der Neunziger) doch den Scratch Perverts, einem Hip-Hop-DJ-Kollektiv an. Ein Battle-Jockey also, der weiß, wie man die Nadel in den Groove setzt. Und der mit dieser höchst abwechslungsreichen EP zeigt, dass er ebenso gut weiß, wie man diesen Groove fabriziert, auf mannigfaltige Weise sogar.

Los gehts mit „Norwood G”, einem galoppierenden Four-to-the-Floor-Kleinod voll glitzernder Jazz-Akkorde über stoischer Bassline, das wie ein von Herbie Hancock auf zu viel Amphetamin produzierter House-Tune klingt. Es folgt, um wieder etwas zu beruhigen, ein waschechter Dub-Reggae-Track, der im verschlufften Verlauf immer mehr in einem Ozean übereinander stolpernder Hall- und Echo-Effekte verschwimmt. Ganja-Psychedelic vom Feinsten.

Die nächsten drei Stücke führen mitten auf den Dancefloor – und von dort in die diversen Nischen elektronischer Tanzmusik. Da gibt’s düster brodelnden Electro Detroiter Machart, ein minimalistisches, Mills-artiges Peaktime-Techno-Tool und schließlich ein Drum-Machine-Workout mit krachig verzerrtem Industrial-Flair. Und zu guter Letzt einen sanft in die Nacht wandelnden Ambient-Track, dessen einzige Beats das Plätschern von Regentropfen sind. Wie eingangs erwähnt: eine höchst abwechslungsreiche EP, tiptop vom Anfang bis zum Schluss. Tim Lorenz

Ebende – Arkajo 4 (Arkajo)

Weiterhin deep, weiterhin umwerfend: nach einem so vielseitigen wie relaxten Album im Januar und einem deephousigen Remix auf der Arkajo 3 kriegt Ebende jetzt den Platz für eine Club-EP auf Arkajos Label. Ganz klassisch, je Vinyl-Seite ein Original und ein Remix. Und er haut schon wieder etwas ganz etwas Anderes raus.

„The Source” fitzelt in einem Mikro-Geflecht aus Hi-Hats bei 140 Beats durch den Kosmos, steht jedoch in der Hälfte der Zählzeit fest auf dem Boden der Erde und schwankt bloß ein bisschen hin und her. Perkussiv geht es bald in Breite und Tiefe, und bamm! Daraus macht der Labelboss einen Neo-Dubstepper mit subterranen Bässen und Radar-Flächen.

Auf der Rückseite schreitet „Magic Land” schärfer durch eine geometrisch abstrakte Beat-Programmierung aus Kreisen, Dreiecken, Geraden. Dreht sich einmal um und bleibt und bleibt und bleibt auf der Tanzfläche. Pugilist macht daraus so eine Art Street-Electro: hinternwackelndes Wuppen auf 808, zermalmte Handclaps, einstürzende Tonhöhen. Ein Hit, ebenso wie die beiden Tracks von Ebende. Christoph Braun

Eduardo De La Calle – Kardama EP (Futurepast)

Der Spanier Eduardo De La Calle produziert in der Regel recht loopigen, trockenen Techno mit einem gewissen Understatement, was seinen Reiz ausmacht. Wenige Elemente, trippige Sounds – diese Trademarks finden sich auf seiner neuesten EP für das Berliner Label Futurepast in einer bislang ungekannten Lebhaftigkeit.

Produziert im letzten Winter, arbeitete De La Calle mit analogen Methoden, Effektgeräten und Fußpedalen. Das Ergebnis ist immer noch geradliniger Techno, doch britzelt und knistert es hier mehr als gewöhnlich, tanzen die Sinuskurven ständig modulierend auf und ab. Vom elektrisierend fiependen Opener „Son of Sri Ranchor” hin zum nervösen, metallischen Funk des Titeltracks bis zum ungewöhnlich melodischen „Deva Juti”. Highlight ist jedoch die überraschend groovige Schlussnummer „ARNOHCR”, die mit jazzy Pianoriff und Vocalsample einen neuen Eduardo De La Calle zeigt, bevor der Track in der zweiten Hälfte zum galaktischen Technostomper mutiert. Leopold Hutter

MCR-T & Partiboi69 – Naughty By Nature (Mutual Pleasure)

Wer 1800-69-PARTY wählt, bekommt geliefert. Erwartungsgemäß ist purer Hedonismus das Resultat, wenn der Schutzpatron der Church of 69 auf den Westberliner Atzen MCR-T trifft, pur wie das K im Schritt des Partiboi. Bei aller Ekstase sollte aber nicht die Raffinesse übersehen werden, mit der die Tracks zwischen Genres changieren.

„Sex in the Club” schaltet von 150 BPM im Break plötzlich auf Halftime und Codein-triefende Trap-Vocals. Das ist die Handschrift von MCR-T, den die GROOVE-Leser:innen unter die besten Produzent:innen und DJs des letzten Jahres gewählt haben. Aus gutem Grund, denn jedes seiner Sets ist diverser als der gesamte Spotify-Jahresrückblick nerdiger Techno-Evangelisten. Und während die noch darüber streiten, ob es Ghetto Tech oder Ghetto House heißt, greift MCR-T zum Mic und rappt obendrein hinter den Decks. Ob das dann Rave oder Hip-Hop ist, klärt sich im Moshpit. Die Platte ist Retro in allen Facetten, vom Miami-Bass-Rap auf „Go to My Show” bis zum Spielkonsolen-Look des Covers. In einer Ära, die von trancigen Pop-Edits nicht genug bekommen kann, ist sie damit exakt am Zahn der Zeit. Philipp Gschwendtner

Omar S – Pain (FXHE)

Seit 2003 veröffentlicht Omar S unermüdlich neues Material. Sein Label FXHE mausert sich neuerlich zur Schaltstelle für eine neue Generation von Künstlern:innen aus der Motor City, vertreten durch Acts wie Dastardly Kids, Full Body Du Rag, Hi Tech und natürlich John FM.

Letzterer beseelt mit seiner Stimme „I Love Your Girlfriend”, den Soul-Tune auf der jüngsten Omar-S-EP Pain. Er hat das größte Hitpotenzial, wirkt nur leider so, als würde er nur halb ausgespielt, denn nach zwei Minuten ist der Zauber kurz vor der House-Abfahrt vorbei. Der Titeltrack präsentiert sich hingegen als schneller Ghetto Tech, über dessen ansteckendem Swing King Milo von Hi Tech salopp rappt. Und „Some Good Loving”, der Sängerin Tayloe viel Raum für Soul-Humming gewährt, ist ein lässiger Beatdown-Tune, der sich perfekt zum Cruisen auf den endlosen Freeways von Detroit eignet. Einzig „Tongue Pecker” ist ein klassisch hypnotischer Omar-S-Track. Kaltschnäuziger House, ausgestattet mit bohrenden Melodien und ansteckenden Claps.

Eine sexy EP, schnörkellos und erfrischend. Sie macht Lust, eine Omar-S-Party in Detroit zu besuchen, wo alle hier zu hörenden Gäste oft live auftreten und die Zukunft der Techno-City präsentieren. Wer zum diesjährigen Detroiter Movement Festival über den Atlantik düst, sollte Omar S deshalb im Auge behalten, denn einige FXHE-Newcomer:innen stellen bei seinen Events erstmals neue Alben live vor. Michael Leuffen

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