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Oktober 2022: Die essenziellen Alben (Teil 2)

Joachim Spieth – Terrain 1 (Affin)

Joachim Spieth wird gerne mit der legendären Phase von Kompakt um die Jahrtausendwende assoziiert, betreibt aber mittlerweile schon seit 15 Jahren sein eigenes Label Affin und veröffentlicht zudem regelmäßig Ambientmusik – wie auch nun wieder auf Terrain.

Das Album steht in einem Spannungsfeld zwischen einerseits tiefgründigen konzeptionellen Überlegungen, die mit der menschlichen Beziehung zur Natur zu tun haben, aber auch mit ganz persönlichen Fragen der künstlerischen Verortung – wo ist mein Terrain, wie beeinflusst mich meine Umgebung? –, zum anderen aber auch mit ganz weltlichen Dingen wie dem erwähnten Label-Jubiläum und der Erscheinungsform des Albums auf Vinyl.

Letzteres äußert sich in der Dauer der Stücke, die im Gegensatz zu anderen Ambientproduktionen durchweg kürzer ist – Spieth hat sich für gestraffte Arrangements und Strukturen entschieden, kein Stück erreicht die Sieben-Minuten-Marke. Sollen mehrere Tracks auf einer Schallplatte untergebracht werden, ist eine solche ökonomische Denkweise unumgänglich, aber diese Entscheidung hat über diesen Pragmatismus hinausgehend die positive Wirkung, den Stücken eine komprimierte Überzeugungskraft zu injizieren – durchaus verwandt und auf einer Stufe stehend mit Alva Notos Album Xerrox Volume 2.

Die Verdichtung packt und verhindert jedes Ausufern und Abgleiten in Belanglosigkeit wie bei etlichen Produktionen des Genres. Spieths Stücke bleiben kompakt und schlagen damit durchaus wieder eine Brücke zur alten Labelheimat und deren Pop-Ambient-Ansatz. Mathias Schaffhäuser

Joachim Spieth – Terrain (Affin)

Konduku – Mantis 0910 (Delsin)

Die Lücken zwischen den Tönen und der expansive Raum, in dem sich Klänge in alle Richtungen ausbreiten, füllen Mantis 0910 aus. Als Serie konzipiert, veröffentlicht der niederländisch-türkische Produzent und DJ Ruben Üvez alias Konduku nun seine neuesten Machenschaften über Delsin Records.

Betont minimalistisch und beherrscht kreisen die einzelnen Tracks um ihre Rhythmen, die zwischen Vordergrund und Hintergrund tänzeln. Explorativ erkundet Üvez den Raum, den seine Tracks ausfüllen. Bei „Özlem” klatscht etwas Hallendes gegen eine weit entfernte, imaginäre Wand, während vordergründig eine Glockenmelodie ertönt. Bei „Scale” fressen sich windende Perkussionen ins Ohr, bis sie in einen abgespeckten technoiden Track übergehen. Gerne legt Üvez, wie bei „Trail”, mehrere Rhythmen übereinander, die wie im Wettlauf gegeneinander im Reigen tanzen, gepaart mit einem Mindestmaß an blechernen Synths. Gerüstartig baut der Wahlberliner seine neun Titel mit akzentuiert eingesetzten Perkussionen und schemenhaften Techno-Referenzen zusammen.

Sein Minimalismus hinterlässt dabei keineswegs den Wunsch nach Mehr und Fülle, sondern lässt aufhorchen – die verschiedenen Klänge verorten. Dabei erinnert Mantis 0910 an den entzerrten Sound der französisch-tunesischen Produzentin Azu Tiwaline, der die Leere der Sahara aufsaugt, indem Üvez erkundet, wie er Lücken und Raum zwischen Klängen ausschöpfen kann. Mit einer Vorfreude darauf, wohin seine Erkundungstouren ihn für seine nächste Veröffentlichung verschlagen, verbleiben diese mit einer Geste der Zurückhaltung. Louisa Neitz

Konduku – Mantis 0910 (Delsin)

Loraine James – Building Something Beautiful For Me (Phantom Limb)

Weltumarmend bei gleichzeitig individueller Gereiztheit, so lässt sich dieses Album der Londoner Produzentin Loraine James zusammenfassen. James ist schwarz und queer, und das ließ sich auch über den New Yorker Komponisten Julius Eastman sagen, an dessen Werken sie sich hier abarbeitet. Eastman ist einer der großen Vergessenen der Musikgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch eine Professorenstelle schützte ihn nicht davor, 1990 obdachlos im Alter von nur 50 Jahren zu sterben. In Zusammenarbeit mit dem Label Phantom Limb erhielt James die Original-Spuren wegweisender Einspielungen des Minimal-Komponisten aus dem Nachlass, den Eastmans Bruder Gerry verwaltet.

Einige der Titel verweisen auf die Originale, doch selbst bei Kenntnis dieser lässt sich keine große musikalische Nähe der neuen Stücke feststellen: „Choose To Be Gay” etwa ist ein Fluten im Dunkeltank warmer Sounds, wo Eastmans Original-Komposition „Femenine” ein stehendes Xylophon-Motiv durchvariiert. „What Now?” hingegen gründelt durch den Klang eines obertonreichen, Gong-Frequenzen ausspuckenden Synthies. Und flicht nur kurz vorm Schluss eine Gesangspassage aus Eastmans „Prelude To The Holy Presence Of Joan D’Arc” ein.

Der direkte Vergleich zeigt, da wo der abenteuersuchende Eastman seine Randexistenz in Lamento, Schwarzer Musikgeschichte, Konfrontation suchte, umhüllt Loraine James ihre Arbeit mit einer Wärme, teils sogar einem Geborgenheitsgefühl. So in „The Perception Of Me (Crazy N*****)”, wo flötende und spinettartige Keys gegen Ende von watteweichen Beats verpackt werden. Es gilt also gleich zwei Musiken zu entdecken, die von Eastman und die von Loraine James. Christoph Braun

Loraine James – Building Something Beautiful For Me (Phantom Limb)

Ludwig A.F. – Air (Exo Recordings)

Die Zimmerbrunnen-Vibes mögen mit uns sein – Ludwig As Fuck Röhrscheid veröffentlicht mit Air sein erstes Album als Retrospektive. Soll heißen: Der Frankfurter Yung-Hurn-Lookalike blickt auf seine ersten Jahre im Producer-Game zurück und schreibt seine musikalischen Memoiren. Ein paar EPs kamen auf dem eigenen Label aus, das Berghain buchte seinen Bimmelbammelbummelzug, der Name wurde kürzer.

Air glüht deshalb wie ein Lavendelfürzlein im Spa-Bereich. Wasser plätschert, Engel trällern, Murmeln murmeln. Weil das nicht nur nach einem inneren Blumenpflücken klingt, sondern genauso wirkt, pennt man zwischendurch ein. Geweckt wird man sowieso. Rob Gordon macht Radau im Ruhebereich, weil: Warp Records will den Labelkatalog aus den Neunzigern zurück. Tja, blöde Sache. Ludwig A.F. schraubt sich den Fluxkompensator für den Trip in die Vorvergangenheit schon selbst zusammen. Dass Air damit 30 Jahre zu spät dran ist? Wurscht. Das Teil ist lit AF! Christoph Benkeser

Ludwig A.F. – Air (Exo Recordings)

Massimiliano Pagliara – See You In Paradise (Permanent Vacation)

Seit er 2008 mit der EP Transmissions Florales auf Daniel Wangs Label Balihu debütierte, hat sich der in Italien geborene Wahlberliner Massimiliano Pagliara mit Veröffentlichungen auf Live at Robert Johnson, Uncanny Valley, CockTail d’Amore, Rush Hour, Correspondant, Love On The Rocks und Ostgut Ton in einem Soundspektrum zwischen synthieverliebtem Deep House und Nu Disco als einer der verlässlichsten Producer etabliert.

See You In Paradise ist sein viertes Album, zugleich das erste für die Münchner Labelinstitution Permanent Vacation, die Hälfte der zehn Tracks sind Kollaborationen. Bereits dadurch entsteht eine enorme stilistische Bandbreite, die Panorama-Bar-Resident Pagliara indes mit einer an Techno geschulten Klangästhetik zu einer Gesamtheit zusammenzieht, die tatsächlich größer als die Summe ihrer Teile ist. Mit INIT entstand der Downbeat-Tune „Half-Time Dreams”, mit Snax die pianogetriebene Garage-House-Nummer „Snap Out”, eines der Highlights hier. Gemeinsam mit Fort Romeau und Coloray emuliert Pagliara auf „Reset” einen UK-Eurodance-Hit der Spätachtziger. In „Pepper On The Tongue” sorgt Curses für sinistren New Wave-Flair. Der Titeltrack wiederum geht auf ein Zitat Patrick Cowleys zurück, die gesprochenen Vocals von Vanessa machen daraus ein beatloses Manifest der Clubkultur. Dazu der grandiose Underground-Disco-Tune „Persistently There”, Chicago House mit einer Hookline zwischen Bleep und Trance („Nocturnal Prowler“), Dub Techno mit Acid-Einsprengseln („Intense Affectionate”) und Ambient mit Live-Instrumentierung wie Saxofon oder Klavier („Mitate”), exquisit die Synth-Soundscape-Arbeit „Non Attachment” zum Ausklang.

Insofern lässt sich auch der Albentitel nicht der Übertreibung bezichtigen: Kein Wunsch bleibt unerfüllt. Harry Schmidt

Massimiliano Pagliara – See You In Paradise (Permanent Vacation)

Niño Árbol – Soulless (Ssensorial)

Kevin Mártinez ist Mitbegründer des Kollektivs und Plattenlabels Ssensorial, auf dem er im Jahr 2019 mit der EP Hyperactive als Niño Árbol debütierte und wo er nun mit Soulless seine erste LP nachlegt. Die ist der Verarbeitung sonderbarer Zeiten zwischen den Extremen von Chaos und Harmonie, Stress und Ruhe gewidmet.

So totgenudelt der thematische Aufhänger auch wirken mag, wartet das Ganze musikalisch doch mit einigen Überraschungen auf. Mártinez beweist schon mit dem Opener und Titeltrack sein feines Gespür dafür, disparate Rhythmus- und Klangelemente zu komplexen und doch schwingenden Gebilden zusammenzuschachteln. Dubstep, Breakbeat, Techno – das sind die Wegmarken eines Pfades, der aus bekannten Gefilden heraus zu den weißen Flecken auf der Landkarte führt.

Von dort aus geht es quer durch verschiedene Stimmungslagen und stilistische Spektren weiter, die jeweils eine bestimmte Tiefe gemein haben: Laune und Frequenzen gehen gemeinsam in den Keller. Und doch macht dieses weitgehend freudlose Album Spaß, weil es sehr gekonnt verschiedene Arten von Bass- und Breakbeat-Musik miteinander in Bewegung setzt. Mitunter erinnert das an den frühen Skee Mask, zumindest hinsichtlich der gleichermaßen auskennerischen und doch unbekümmerten Geste dahinter. Kristoffer Cornils

Niño Árbol – Soulless (Ssensorial)

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