Lissie Rettenwander (Alle Fotos: Daniel Jarosch)

Der meteorologische hat noch gar nicht begonnen, da läuft der Festivalsommer 2022 bereits auf Hochtouren. Eben hatte das CTM Festival sein Publikum durch Berghain, Volksbühne und SchwuZ hetzen lassen, schon geht es für vier Tage nach, genau, Innsbruck. Beim Heart of Noise sind mit den Posi-Doom-Avant-Folkloristen von Senyawa und dem Wie-Burial-ohne-die-Beats-Duo Space Afrika gleich zwei Acts zu sehen, die am Wochenende zuvor in Berlin gespielt haben.

Doch sind diese Überschneidungen im Line-up kein Indikator für die Gesamtausrichtung des Heart of Noise. Denn die beiden Kuratoren Chris Koubek und Stefan Meister verfolgten auch bei der zwölften Ausgabe ihres Festivals eine Mischung aus sorgsamer Organisation und anarchischer Kuration. Zweiteres ist weniger auf diskursive Einrahmungen denn stattdessen ästhetische und soziale Konfrontation bedacht: „Love Action” lautete das diesjährige Motto.


Allerhand Action gab es im Vorfeld und während dieses ersten Juniwochenendes auch für das Organisationsteam. Selbst kleinere Unfälle und große Widrigkeiten schlugen sich aber weder negativ auf die Stimmung im Publikum noch maßgeblich auf den Festivalverlauf nieder. Bohren & der Club of Gore sagten krankheitsbedingt ab, The Bug musste nach viel Flugchaos um sein Equipment bangen, eine Performance von Künstler*innen aus dem Bassiani-Umfeld wurde kurzzeitig unterbrochen, weil der großzügige Einsatz der Nebelmaschine die örtliche Feuerwehr auf dem Plan rief, und ein DJ-Set in einer Semi-Open-Air-Location, dem Musikpavillon im Hofgarten, musste abgebrochen werden, nachdem ein Sturm einen nur 30 Meter entfernten Baum in die Knie gezwungen hatte. Trotzdem ging immer alles weitgehend pünktlich weiter, fanden sich Ersatzlösungen und ein Publikum, das sich in Nach- sowie Rücksicht übte.

Sowieso: Das Heart of Noise setzt kulturelle Gegenakzente in einer Stadt, die vor allem von Alp- und Sporttourismus dominiert wird – trifft dabei aber auf offene Ohren. Ein Gast, der vor wenigen Jahren in die Tiroler Landeshauptstadt gezogen ist, berichtet etwa bei einem Pausenbier, dass er eigentlich mit dieser Art von Musik wenig anfangen könne. Trotzdem kaufe er sich jedes Jahr ein Ticket, interessant sei das ja schon. Auch prangt im Publikum auf gefühlt jedem vierten T-Shirt der mehr oder weniger lesbare Name einer Metal-Band, obwohl auf dem Festival Gitarren einen seltenen Anblick darstellen. Die Leute kommen stattdessen, weil sie mal etwas anderes hören wollen – etwas Neues.

Perila Heart of Noise 2022 by Daniel Jarosch
Perila gibt Intimissimo-Ambient zugute

Das markiert einen der großen Unterschiede zwischen dem Heart of Noise und größeren europäischen Festivals mit einem ähnlich avancierten Ansatz: Es wird in jeglicher Hinsicht auf Durchlässigkeit gesetzt, und das in der Regel mit Erfolg. Sound-Spektakel und Stadtleben verschwimmen wieder und wieder – auch wenn das bedeutet, dass am Samstagnachmittag im Musikpavillon ein kleines Kind gegen die Pforte hämmert, während drinnen Perila ihren Intimissimo-Ambient zugute gibt. Die findet das aber ebenso charmant und witzig wie das Publikum, ein Grinsen kann sie sich nicht verkneifen. Überhaupt, Spaß an der Sache: Den gab es beim Heart of Noise zu haben, und das ist keineswegs selbstverständlich in einer Sparte, in der Acts oft mit bleierner Miene schwerwiegende Töne von sich geben. 

Vor Lachen auf dem Boden rollen

Am meisten wurde zweifelsfrei am Donnerstag im Hauptschauplatz der diesjährigen Ausgabe, dem Treibhaus, gelacht. Fast das gesamte Tagesprogramm war Artists gewidmet, die auf dem ans Festival angeschlossene Label veröffentlicht haben. Wie etwa Maurizio Nardo alias BRTTRKLLR, dessen zur diesjährigen Ausgabe erschienenes Album Yonkoma die zehnte Katalognummer markiert. Es ist neben den klanglichen Abstraktionen von Lukas Moritz Wegscheider und dem Duo Michaela Senn und Juliana Heider aber vor allem Lissie Rettenwander, die für das erste von vielen Festival-Highlights sorgt.

Lissie Rettenwander Heart of Noise 2022 by Daniel Jarosch
Performance Art ohne die damit oft und meistens zurecht assoziierte Bierernstigkeit – Lissie Rettenwanders Modus Operandi

Auf einem großflächigen, weißen Laken räkelt sich die Experimental-Sängerin im pinken Trainingsanzug, loopt zerstreute Summlaute vor sich hin und fängt schließlich an, mit operettenhaftem Duktus spitze Schreie von sich zu geben, deren Phrasierungen sie mit Tusche und Pinsel auf postkartengroßem Papier nachmalt – bevor sie dann durchs Publikum läuft, in einer Tür des dreistöckigen Gebäudes verschwindet und in anderen weiter oben wieder auftaucht, die Menschen mit Blicken fixiert, losschreit und sich dabei selbst das Lachen nicht verkneifen kann.

Performance Art ohne die damit oft und meistens zurecht assoziierte Bierernstigkeit – das ist selten zu erleben. Umso mehr noch, wenn damit trotzdem eine Reihe von Themen zur Reflexion angeboten werden: Häuslichkeit und Weiblichkeit, Kleinkunst und Hochkultur, ephemere künstlerische Praktiken und knallharte Wertschöpfungsprozesse etwa: „Ihr könnt die Kärtchen gerne kaufen, für 25 Euro”, heißt es sogar am Ende, bevor sich die Künstlerin wortwörtlich vor Lachen auf dem Boden rollt.

Es ist auf mehreren Ebenen verständlich und doch schade, dass die sich aus Innsbruck beziehungsweise den regionalen Zusammenhängen rekrutierenden Künstler*innen dieses ersten Tages nicht noch enger ins reguläre Programm eingebunden wurden, obwohl mit dem Improv-Noise-Projekt PLF und der Dub-Post-Rock-Gruppe Innode allemal Acts mit Österreich-Bezug dabei sind.

Jeder Abend wie ein Clubset

So abwechslungsreich das Programm auch ist, so konsequent wird es in einen Fluss gebracht. Jeder Abend ist wie ein Clubset aufgebaut, das erst leise Töne anschlägt und schließlich im Keller des Treibhaus mit DJ-Sets von etwa Hieroglyphic Being, DJ Marcelle und DJ Diaki sowie zum Finale Electric Indigo im Exzess endet, darüber aber kaum Hierarchisierungen vornimmt. Dennoch verstecken sich die Highlights oftmals wie auch an diesem noch moderat besuchten ersten Abend in den Details.

Nachdem beispielsweise der libanesische Künstler Anthony Sayoun am Samstagnachmittag mit seinem rhythmischen Noise den ersten Besucher*innen des Tages im Musikpavillon die Ohren freigespült und Perila auditiven Balsam nachgeschüttet hat, meldet sich mit Kenji Araki ein weiterer versteckter Höhepunkt an. Er braucht nicht mehr als eine höfliche Handgeste und ein paar Worte, um die sich auf dem Parkett fläzenden Besucher*innen entsprechend dem diesjährigen Festivalmotto zum Aufstehen zu motivieren. 

Kenji Araki Heart of Noise 2022 by Daniel Jarosch
Ein weiterer versteckter Höhepunkt: Kenji Araki

Der interdisziplinär arbeitende Künstler bewegt sich auf seinem jüngst über Affine Records erschienenem Debütalbum Leidenzwang mit Tempi und Rhythmik zwischen raumgreifendem Experimental-Hip-Hop und pointiertem Techno, erweitert das aber um klangliche und stilistische Elemente, die sich mal am Hypergrunge eines Oneohtrix Point Never und Deconstructed Club Music orientieren, bisweilen aber ihrer sauberen und räumlichen Produktion wegen auch Amon Tobin in Erinnerung rufen – unter anderem. Eine sehr gegenwärtige Interpretation dessen, wie ein fürs Jahr 2022 geupdateter IDM-Ansatz klingen könnte.

Der Spaß an der Sache

The Bug Flowdan Heart of Noise 2022 by Daniel Jarosch
The Bug & Flowdan bringen den Boden zum Vibrieren

Nicht nur dieses Set beweist: Beim Heart of Noise werden Herausforderungen als Einladungen verstanden. Als etwa Samstagnacht plötzlich der Boden zu vibrieren beginnt, schreckt im Backstage-Bereich eine am Telefon klebende aya von ihrem Telefon hoch. Ja, das muss dann wohl The Bug sein, wird sich zugegrinst, und ein kurzes Gespräch entspinnt sich. „Aber hört nicht mir zu und stattdessen lieber The Bug an!”, lacht die Hyperdub-Künstlerin. Kevin Richard Martin sitzt derweil ein Stockwerk tiefer am Seitenrand der Kellerbühne über seine Gerätschaften gebeugt, während sein Feature-Gast Flowdan jede Lücke im tieffrequenten Sound nutzen muss, um hin und wieder ein paar verständliche Lines zu spitten. Wobei ein Wort wie „Skeng” und die dazugehörige Bassline eben auch ausreichen, um den stockdunklen Floor in Bewegung zu bringen.

Eine ganz andere Form von Überwältigung bietet am Tag darauf das Set von aya, die vor dem Gang auf die Bühne die Person aus dem Backstage-Raum gegen eine exaltierte Persona eintauscht. Zwischen persönlichen Anekdoten und (Meta-)Kommentaren zu Musik und Publikum schlüpft sie in verschiedene Performance-Rollen, räkelt sich auf ihrem Tisch und haucht Poesie über die Tyrannei der Intimität ins Mikrofon oder post wie eine Mischung aus Grime-MC und Hardcore-Sänger*in auf der Bühne, bevor sie mitten ins Publikum rennt. Bisweilen fasst sie darüber weder Laptop noch Controller an, was wohl genauso als Ansage gegen reaktionäre Authentizitätsfimmel zu verstehen ist wie ihre Musik als solche. Die nämlich bezieht sich zwar gekonnt auf gängige Tropen aus der Clubmusik, formuliert aber aus Frustration über den konservativen Purismus, mit dem diese verwaltet werden, aufregende(re) Gegenvorschläge dazu.

aya Heart of Noise 2022 by Daniel Jarosch
Eine ganz andere Form der Überwältigung: aya

Es gibt im Verlauf des viertägigen Festivals noch mehr solcher Momente, in denen sich künstlerische Renitenz gegenüber dem Tradierten mit konfrontativen Ausbrüchen gegenüber dem Publikum paart, ob nun in musikalisch-klanglicher oder performativer Hinsicht. Das Publikum aber nimmt das dankend auf, lässt sich auf die leisesten Töne wie den brachialsten Krach ein – unter freiem Himmel, im stickigen Treibhaus oder dem vernebelten Keller darunter. Das ist einer der vielen Faktoren, die das Heart of Noise so besonders machen: Die Leute kommen wirklich der Musik wegen, folgen der Kuration mit uneitler Aufmerksamkeit und sind obendrein auch noch nett zueinander. Das lässt sich von größeren Festivals mit ähnlich gelagerter programmatischen Philosophie und diskursiven Ansprüchen nicht immer uneingeschränkt sagen.

Komme also, was wolle: Für den nächsten Festivalsommer steht erneut eine Reise nach Innsbruck auf dem Programm. Der ästhetischen und sozialen Konfrontation, vor allem aber dem Spaß an der Sache wegen.

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