Blick in die Ausstellung Electro im Kunstpalast Düsseldorf (Foto: Steffen Korthals)

Als Kraftwerk-Ausstellung oftmals in den Medien und in der Bewerbung der Düsseldorfer Ausstellung beschrieben, ist die Schau mehr als eine Huldigung der Lokalmatadoren. Unser Autor Steffen Korthals erklärt, warum die Ausstellung eine beeindruckend vermittelnde Reflexion der über 100-jährigen Geschichte der elektronischen Musik mit dem Schwerpunkt Clubkultur ist.

Ein altes Mischpult (Foto: Steffen Korthals)

Die Ausstellung entstand zwar in Zusammenarbeit mit Ralf Hütter von Kraftwerk, zeichnet sich aber dadurch aus, eben nicht in die Selbstreferenz-Falle zu tappen. Dies mag auch daran liegen, dass Electro eine Ausstellung des Musée de la Musique – Philharmonie de Paris ist, die in Zusammenarbeit mit dem Kunstpalast und den Kuratoren Jean-Yves Leloup (Musée de la Musique) und Alain Bieber (künstlerischer Leiter NRW-Forum) produziert und für Düsseldorf adaptiert worden ist. Besucher*innen können sich bis zum 15. Mai 2022 auf einen interaktiven Gang durch viele Aspekte dessen machen, was elektronische Musik und Clubkultur wichtig, faszinierend und essenziell macht.

„Bedroom Rockers”, eine Fotoserie von Christopher Woodcock (Foto: Steffen Korthals)

Ausgehend von den Maschinen und der Entwicklung elektronischer Musikinstrumente als einer der Grundlagen von Rave- und Clubkultur nähert sich die Ausstellung chronologisch technischen Innovationen, Persönlichkeiten, Musikveröffentlichungen, gesellschaftlichen und (sound)ästhetischen Ausprägungen mit Texten, Videos, Kunstwerken und Exponaten von unter anderem Synthesizern, Plattencovern und Studioeinrichtungen.

Kraftwerk-Roboter über dem Kraftwerk-Kinoraum (Foto: Steffen Korthals)

Ein Fokus wird dabei auf die zahlreichen Erfinderinnen und Komponistinnen gelegt, wie zum Beispiel in Peter Keenes Installation In Search of Daphne. The Oramics Machine Revisted (2018). Während in vergleichbaren Ausstellungen und Übersichten meist allein auf die Düsseldorfer Schule und ihre Verbindung zur Kunst im Kontext der Entwicklung elektronischer Musik geblickt wird, öffnet Electro den Blick gleichwohl für Kosmische Musik, Elektropop, Berliner Schule, Synthiepop und Disco, später Cubase, CDJ-1000, YouTube, Kuduro, Fruity Loops, nueva cumbia, EDM, Holly Herndons Proto und viele weiteren Stationen, die sonst weniger beleuchtet werden.

Das Plattencase von Jeff Mills mit Fotografien von Künstlern aus Detroit von Marie Staggat (Foto: Steffen Korthals)

Mit dem Soundtrack von Laurent Garniers thematisch geordneten DJ-Sets (Disco Era, The Chicago Jacking Zone, German Mix, Detroit Mix, New York City Mix, French Mix, Futuristic Techno, The Second Summer of Love, Bass Culture etc.) im Hintergrund führt die lichtinszenatorisch thematisch passend, eher dunkel gehaltene und durch Geländer, die an Festivalaufbauten erinnern, raumgestaltete Ausstellung zu bekannten und stimmigen Themenfeldern der Clubkultur.

Flyersammlung (Foto: Steffen Korthals)

Detroit, etwa mit Designs von Alan Oldham und Abdul Qadim Haqq, Fotos von Marie Staggat, der Plattenkiste von Jeff Mills sowie diversen Videos, zum Beispiel Jacqueline Cauxs „The Cycles of the Mental Machine”, Chicago und New York, unter anderem mit Discobezug, Fotografien aus Paradise Garage und Music Box, David Blot & Mathias Cousins Comic Le Chant de la Machine (2002), Berlin mit humorvollen Blicken zum Beispiel in Philip Topolovacs I’ve never been to Berghain (2019) oder einem an die Ruinensehnsucht und Weltflucht des 18. Jahrhunderts angelehnten Architekturmodell des Berghain.

Fotos von Tina Paul und Bill Bernstein aus der Paradise Garage, New York, 1978 – 1987 (Foto: Steffen Korthals)

Der Weg führt nachfolgend zu UK mit Acid House, Bassmusiken, Flyern, Biceps „Glue”-Video (2017) und streift die Globalisierung von Clubkultur etwa mit Gqom. Weiteren Drehpunkten wie dem Dancefloor oder dem utopisch-politischen Gehalt von Clubkultur nähert sich die Ausstellung in Schwerpunkten auf Fotografien mit erstmals ausgestellten, raumgreifenden Arbeiten von Andreas Gursky, Verbindungen zum zeitgenössischen Tanz, Herausstellen der Wichtigkeit der LGBTIQ+-Community und von BIPoC für die Clubkultur, den Themen Geschlechteridentität, zum Beispiel in Kiddy Smiles „Let a B!tch Know” (2016), und Widerstand wie in Alice Gavin und (La) Hordes „We Dance Together / We Fight Together” (2021).

Alice Gavin & (La) Horde “We Dance Together / We Fight Together” von 2021 (Foto: Steffen Korthals)

„Masken, Monster und Alter Egos” beschreibt eine Ausstellungssektion mit Beteiligung von DJ Stingray 313, Squarepushers Videobildschirmhelm, Daft Punks Roboter-Outfits, Redshape, Aphex Twin und weiteren, die so selten thematisiert wird. Weitere Ausstellungsstücke sind in den thematischen Einheiten rund um Vinyl, Design und DJing als Handwerks- und Kulturtechnik zu finden.

Die Wegführung kommt danach bei Kraftwerk in einem Extraraum an, der das 3D-Konzert der Band zeigt. Eine gelungene Positionierung, weil sie die Faszination von elektronischer Musik an Robotern, dem Feld Identität und Körper als Überleitung zu aktuellen Topoi rund um Künstliche Intelligenz nimmt. IO24 Architecture zeigen in diesem Bereich einen zu Laurent-Garnier-Beats im Raum selbstständig tanzenden Würfel/Roboter. Bei Mouse on Mars’ in Zusammenarbeit mit KI komponiertem aktuellen Album AAI kann interaktiv gebastelt werden und Johanne Vaudes Film I am more than a machine (2015) lädt zum Nachdenken über das Identitätsspiel ein.

Alice Gavin & (La) Horde “We Dance Together / We Fight Together” von 2021 (Foto: Steffen Korthals)

Die über 500 Exponate sind in dem gar nicht mal so großem Flügel der zweiten Kunstpalast-Etage untergebracht, in den ab und an auch Besucher*innen aus der Max-Liebermann-Ausstellung in der ersten Etage einen Abstecher machen. Ein schöner Twist ist der als „Bonustrack” betitelte Zwischenraum mit Sofas und Blick von einer Galerie auf die Electro-Ausstellung. Hier ist auch André Giesemanns und Daniel Schulz’ Fotoserie Vom Bleiben (2009-2013) mit leeren Clubräumen im Morgengrauen als Endpunkt des Ausstellungsbesuchs zu sehen.

Design von Abdul Qadim Haqq (oben), Design von Alan Oldham (unten) (Foto: Steffen Korthals)

Über jede künstlerische Auseinandersetzung mit Clubkultur kann man dankbar sein, über diese wahrscheinlich besonders, da sie sowohl Interessierten als auch Nerds gleichermaßen vermittelnd wie umfassend die entscheidenden Themen an die Hand und den Körper gibt. Die Studio-54-Ausstellung 2021 im Dortmunder U hat andere Schwerpunkte wie Mode, Drogen, Clubausstattung oder mediale Echos gesetzt, die in Düsseldorf weniger thematisiert werden, vergab aber die Chance, das utopische Potenzial und den gesellschaftskritischen Impetus von Clubkultur weiter auszuformulieren. Diese Lücken konnten die benachbarten Ausstellungen der UZWEI und des Hartware MedienKunstVereins in Dortmund ausfüllen.

André Giesemann & Daniel Schulz „Vom Bleiben” (2009-2013) – hier: Rechenzentrum, Berlin (Foto: Steffen Korthals)

Die Clubkultur-Ausstellung des HMKV, die 2021 in verschiedenen im Corona-Lockdown geschlossenen Dortmunder Clubs gezeigt wurde, begriff beeindruckend die facettenreiche Clubkultur in ihrer Beziehung zum aktuellen Kunstgeschehen. Die Ausstellung der UZWEI im Dortmunder U band lokale Akteur*innen der Clubkultur mit ein, zeigte ein tiefergehendes und spannendes Begleitprogramm. Die Schau im Kunstpalast hingegen ist ein Spagat zwischen Einführung und Übersicht auf der einen und künstlerischer Interpretation und systemischer Kontextualisierung auf der anderen Seite.

Andreas Gurky „Ohne Titel XV, 2008″ –  Foto vom Cocoon Club (Foto: Steffen Korthals)

Es ist das erste Mal, dass sich der Kunstpalast mit einem musikalischen Thema auseinandersetzt, und der Plan geht auf, auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, einige Punkte ausformuliert zu wissen, wie den Stellenwert und die Entwicklungen von Clubkultur aus dem United Kingdom, die Globalisierung von elektronischer Musik, die Themen Tanz, Drogen, Architektur, was beispielsweise einige der Stärken der Dortmunder HMKV-Ausstellungen waren.

Kraftwerk-Merchandise im Museumsshop (Foto: Steffen Korthals)

Die Ausstellung Electro wird durch ein Rahmenprogramm mit Konzerten und Talks begleitet. Im Museumsshop tummeln sich Kraftwerk-Devotionalien und Literatur, die eher am Rande den Nerv der Ausstellung trifft. Der Ausstellungskatalog bildet hier die Ausnahme und ist mit Texten von Anna Schürmer oder Alain Bieber und Bildern von Tina Paul, Andreas Gursky, Hervé Lassince, Agnès Dahan, Sasha Mademuaselle und anderen – ebenso wie die Ausstellung an sich – zu empfehlen.

Weitere Infos zur Ausstellung findet ihr hier.

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