Das Berghain in Sommer 2020 (Sämtliche Fotos: Alexis Waltz)

Ein kurzer Spaß. Im Oktober erst fuhr der Berliner Clubbetrieb ansatzweise regulär wieder hoch. Nun, nicht einmal zwei Monate später, gibt es bereits wieder Einschränkungen – ab dem 27.11.2021 dürfen Clubs nur noch maximal 50 Prozent Auslastung fahren. Und bei realistischer Betrachtung ist dies eine Gnadenfrist, das schnelle Ende ist schon absehbar. Die Verantwortung wird auf die Clubs abgewälzt, während die staatlichen Organe drucksen; hier wird eine Schließpflicht durch die Hintertür eingeführt, könnte man meinen.   

Manche wie das ://about:blank werfen bereits jetzt wieder das Handtuch, man wolle weder mitverantwortlich am Pandemiegeschehen sein, noch mache ein halbvoller Club Spaß, äußerte sich dessen Sprecher Sulu Martini gegenüber der taz. Andere, wie das Institut fuer Zukunft in Leipzig, konnten den Betrieb gar nicht erst wieder hochfahren – statt der Wiedereröffnungsfeier gab es einen wütenden Brandbrief an die sächsische Landesregierung, deren aktualisierte Coronaverordnung Clubs faktisch einen Riegel vorgeschoben hat.

Und es ist natürlich nicht nur der Spaßfaktor. „Was uns Sorgen bereitet, ist diese 50-Prozent-Auslastung”, argumentiert Lutz Leichsenring von der Clubcommission gegenüber Radio Eins und führt an, dass ein halber Betrieb den finanziellen Aufwand vieler Tanzstätten nicht tragen könne. „Ich möchte jetzt nicht gleich in Panik verfallen”, sagt er weiter, „aber die [Clubs] haben Verträge mit Künstler*innen, mit Fremdveranstalter*innen, man kann nicht einfach den Laden dichtmachen – kann man schon, aber dann ist man direkt insolvent.” Man kann auch noch anfügen, dass bei halber Fülle kaum weniger Personal eingesetzt würde. Eine Milchmädchenrechnung noch und nöcher.


Lustbarkeiten im Dämmerlicht aufrecht erhalten wollen, weil da noch Platz ist, schickt sich nicht.


Dabei ist das (schrittweise) Runterfahren doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn es ändert nichts daran, dass sich immer noch viele Menschen – mögen sie auch geimpft, genesen und ab vergangenem Wochenende zusätzlich noch getestet sein – ohne Maske, eng an eng, in durchwachsen belüfteten Innenräumen treffen. Das ist das gleichermaßen Schöne wie aktuell wieder Gefährliche daran.

Um die Zahlen kommen wir leider nicht umhin: Die Lage ist schlimmer als im letzten Jahr – wir haben jüngst 100.000 coronabedingte Todesfälle in unserem Land zu verzeichnen, nähern uns rasant den täglichen 100.000 Neuinfektionen bei einer aktuellen Inzidenz von ca. 470, derzeit mehr als 300 Todesfälle am Tag – bald 600. Die Bundeswehr verlegt Intensivpatient*innen per Flieger, und doch: Uns, die Geimpften, die so lange ausgeharrt haben, sich in Vernunft geübt, deren Nervenkostüm längst geplatzt ist, scheint das nicht mehr zu interessieren.

Und doch sollte uns das interessieren, denn spätestens wenn eine*r doch erkrankt, doch schwer, auf dem Fahrrad von einem abbiegenden Auto übersehen wird, vielleicht Krebs bekommt, hat die jeweilige Person ein Problem: es gibt es in den südlichen Bundesländern schon jetzt kein freies Intensivbett mehr.

Überhaupt, Intensivbetten: Lutz Leichsenring sieht da noch Kapazitäten, wie seinem Zitat  „Wir haben ja jetzt gelernt in der Pandemie, dass wir uns vor allem auch an den Hospitalisierungsraten orientieren müssen und nicht an den Inzidenzen, und die sind in Berlin ja noch weitaus niedriger” deutlich wird. 


Wenn der traditionelle Sonntag in Berliner Clubs begangen wird, während in Sachsen die Krematorien sonntägliche Sonderschichten fahren, bekommt der Begriff Totentanz eine ganz neue Bedeutung.


Damit mag Leichsenring Recht haben, aber argumentiert so trocken, so marktwirtschaftlich und so zynisch, dass es schaudert. Ein Bett auf der Intensivstation wird von einem Menschen besetzt, der ums nackte Überleben kämpft und, gemäß der Bezeichnung, intensivster Betreuung bedarf. Und wie viel Puffer haben wir noch, wenn die Charité bereits alle planbaren Operationen absagt? Lustbarkeiten im Dämmerlicht aufrecht erhalten wollen, weil da noch Platz ist, schickt sich nicht.

Gleichsam vollstes Verständnis für jede*n, die sich Restaurants, Bars, nicht zuletzt den Rausch einer Nacht, umarmt von Menschen und perfekt ausgesteuerten Subbässen, nicht (schon) wieder nehmen lassen möchte. Schließlich wirkt ja auch der Impfstoff, die Inzidenz der Ungeimpften unterscheidet sich zwar regional, ist in der Regel aber etwa fünfmal höher als die der Geimpften. 2G+ sollte da doch weiterhin jenen ein halbwegs unbeschwertes Leben ermöglichen, die sich in Vernunft üben?

Es ist ein Dilemma. Man will den Betreiber*innen und letztlich sich selbst nicht noch einen Lockdown zumuten. Insolvenzen, Nervenzusammenbrüche und nicht schon wieder zahllose Streams, die nichts ersetzen können. Umso wohlfeiler ist das Argument Leichsenrings, der anhand erfolgreicher Pilotprojekte und niedriger Infektionszahlen im laufenden Clubbetrieb für ein Aufrechterhalten argumentiert, denn es ist, und das wird er wissen, nur ein Spiel auf Zeit. Clubs sind immer noch indoor, stehen immer noch für relativen Exzess. Und daran ist nichts verwerflich, nur ist es (erneut) gerade nicht geboten.

Die Schließungen werden kommen, ein verzweifelter Blick nach Bayern und Sachsen, wo sie bereits in Vollzug sind, zeigt das. Da hilft auch ein sehnsuchtsvoller Blick in andere Staaten nichts, deren Politik sich zu besserem Gebaren durchgerungen hat und deren Bevölkerung sich in puncto Impfbereitschaft – booster sich wer kann – weitaus solidarischer agiert als die unsrige, die für akute, individuelle Freiheit oft die der anderen außer Acht lässt. Wenn der traditionelle Sonntag in Berliner Clubs begangen wird, während in Sachsen die Krematorien sonntägliche Sonderschichten fahren, bekommt der Begriff Totentanz eine ganz neue Bedeutung.

Wieder einmal braucht es also Verantwortungsbewusstsein innerhalb der Szene. Und sonst: Konsequente Maßnahmen, die ohnehin kommen, nur wohl zu spät, Solidarität und wieder einmal Resilienz, vor allem aber, mit Blick auf die neuerliche in Südafrika entdeckte Variante: viel Glück. Und immer noch Impfungen. Und dann, eines hoffentlich nächstjährigen Tages, endlich wieder Nächte im Club. Hoffentlich ohne all die Vorkehrungen, hoffentlich voll, dicht gedrängt und verschwitzt. Und bis dahin Geduld, bis, wie Maximilian Fritz es bereits im Frühjahr schrieb, „der Spaß wieder einen Platz im gesellschaftlichen Diskurs einnehmen darf.”

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