In diesem Ladengeschäft an der Hasenheide in Berlin-Kreuzberg befindet sich das gekachelte Studio von HÖR. (Sämtliche Fotos: Alexis Waltz)

Weiße Kacheln. Fischauge. Ein Fenster in die Matrix. HÖR ist für die Techno-Szene ein Ausbruch aus der Pandemie. Ein Stück Streaming-Normalität im Lockdown-Alltag. Eine Möglichkeit, neue Musik zu hören, den Vibe vom Dancefloor ins Wohnzimmer zu beamen. Und zu Hause am Sofa nicht durchzudrehen. HÖR Berlin streamt seit Beginn der Corona-Pandemie täglich. Jeden Abend. Mit wechselndem Programm – meistens Techno. Die Größen der Szene standen schon im Aquarium an der Hasenheide in Kreuzberg: Ellen Allien, FJAAK, Blawan, VTSS. Sie brachten dem Kanal sechsstellige Klickzahlen und machten ihn groß. Heute folgen HÖR über 210.000 Leute auf YouTube, 90.000 haben die Facebook-Seite abonniert. Irgendwie hat eine Streaming-Idee dem Maschinenraum der Frontal-Beschallung, Boiler Room, das DJ-Pult unter den Fingern weggezogen. Für unseren Autor Christoph Benkeser bleibt zu fragen: Wie wurde HÖR so groß? Warum konnte der Kanal zum Underground-Medium der Pandemie explodieren?


Die Geschichte von HÖR beginnt am 19. Juli 2019. Das böse C-Wort kursiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ist nur ein Buchstabe im Club, auf der After, am nächsten Morgen. XTC, Cocaine, Neo-Citran – wer da von Corona labert, ist Virologe oder schielt in die Kristallkugel. Mitte August 2019 setzen Ori und Charly, die beiden HÖR-Gründer, einen YouTube-Kanal auf. Am 13. August spielt das israelische Techno-Duo Deep’a & Biri das erste Set vor laufender Kamera. Am Anfang schauten nur Freunde zu – das Debüt-Video hält bei 2000 Klicks. Keine zwei Wochen später, Ende August 2019, spielt Chloé Lula ein Set im Rahmen des Label-Showcases von aufnahme + wiedergabe. Ihr Video ist heute eines der erfolgreichsten von HÖR – 740.000 Klicks, oder wie der Top-Kommentar auf YouTube meint: „dooooope”. Dass das Set so explodiert, es ist eines der vier meistgeklickten Videos der Seite, hätten damals nicht mal Ori und Charly geglaubt.

Ein paar Monate nach dem Launch im Sommer 2019 haben erst einige Hundert Leute den Kanal abonniert. HÖR ist weit davon entfernt, in die Recommendations gespült zu werden, gründelt unter dem Radar des YouTube-Algorithmus herum. Dann kommt 2020. Am 27. Januar gibt es den ersten nachgewiesenen Corona-Fall in Deutschland. Zwei Monate später heißt es: Lockdown. Alles fährt herunter, die Clubs sperren zu, die Bevölkerung klatscht am Balkon. Während man zu Beginn der Pandemie united aus Berliner Locations gestreamt hat, war HÖR schon weiter. Allein im Februar 2020 abonnierten 13.620 User*innen den YouTube-Channel. Im März und April kamen insgesamt 55.000 dazu. Man kann die Kurve der neuen Follower*innen über die der Corona-Infektionen legen und erkennt kaum einen Unterschied. Corona war der Boost. Die Tatsache, dass viele Leute zu Hause saßen, Tiger King glotzten und der letzten Clubnacht nachheulten, konnte HÖR für sich nutzen. Man war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das mag angesichts von über 80.000 Corona-Toten zynisch klingen, ist aber so. Die Streaming-Idee von Ori und Charly füllte ein Vakuum, das nicht vorgesehen war.

Seitdem ist HÖR „da” – nicht einfach nur so, sondern für dich und mich. Man könnte sagen, eine Mischung aus statischer Intimität und beständiger Ausdauer charakterisiert das Konzept von HÖR. Es geht aber auch einfacher: Die Leute können sich darauf verlassen, dass gestreamt wird. In einer Zeit, in der man nicht mal weiß, ob man morgen im Home-Office eine Hose tragen soll, sorgt HÖR für Stabilität und Verlässlichkeit. Kein Wunder, dass man an der Hasenheide in Berlin-Kreuzberg nicht allzu viel verändern will. Ein*e DJ legt auf, frontal, in die Kamera. Es ist immer dasselbe Setting mit unterschiedlichen Sets. 


Die Aufmerksamkeit ist so endlich wie der vorgegebene Zeitrahmen. Eine Stunde hat man vor der Kamera, um zu liefern. Danach wartet das nächste Set. 


Wenn weiße Fliesen im Neonlicht schimmern, CDJs blinken und Plattenteller rotieren, weiß man: Visuelle Beständigkeit und Konstanz prügeln in stabilen 140 Beats in der Minute aus den Laptop-Speakern. Schließlich experimentiert HÖR nicht mit den Tropen von Techno. Special Effects? Wehe dir! Das Konzept ist vielmehr, kein Konzept zu haben – oder es aufs Minimum zu reduzieren. Kein Laser-Ballast, kein Nebel-Brimborium. Nur eine stabile Verbindung und ein Fenster, das die Matrix mit der Außenwelt verbindet. 

Die Attitüde, die man in den Sets verfolgt, ist so profillos wie die Kacheln in der HÖR-Zentrale. Nichts lenkt ab, nichts penetriert die Aufmerksamkeit, alles perlt ab am kühlen, puristischen Nihilismus. Dadurch fokussiert man sich im Gegensatz zu DJ-Sets auf Twitch auf die Musik – oder das Banküberfall-Outfit von The Brvtalist. Wer checkt, was online geht, weiß auch, wie man im Stream auffällt. Die Herrensaunisten um CEM und MCMLXXXV spielen bei HÖR im Anzug, Nick Höppner macht aus dem Ambient-Set einen Papa-Nachmittag, Dana Montana goes full-Goth. Dabei handelt es sich um Ausreißer auf der Aufmerksamkeitsskala. Der normale Dresscode liest sich eher wie die Schlange vorm Berghain, die Farbe der Saison gleicht dem Turbo-Kaffee am Morgen oder den Abgründen der eigenen Seele. Daran können nicht mal zwei verrückte Aliens etwas ausrichten.

Schließlich wird bei HÖR fast immer Techno geflext. Die ein oder anderen Breakbeats mögen sich schon mal zwischen Hip-Hop-Heads oder Footwork-Gesteppe verirren. Am Ende rattert aber doch der Sattelschlepper über die Autobahn. Wer fünf Pillen zum Abendessen runterspült, bekommt den Soundtrack quasi to go. Schneller, härter, HÖR. Hauptsache, das Ding knallt. Klar, der Kanal ist auch ein Abbild der Berliner Techno-Szene. Wer hier auflegt, ist Teil des Ganzen. Und das Ganze ist inzwischen ziemlich groß geworden. Dutzende Showcases mit Labels und Kollektiven aus Berlin hat HÖR schon gehostet, immer wieder dürfen DJs selbst kuratieren, laden Bekannte ein. Das spricht sich rum.

Berlin wird bei HÖR zum Dorf. Der Wirkkreis der Seite potenziert sich. In weniger als zwei Jahren haben sich hunderte Videos auf dem Kanal angesammelt. Manche erreichen sechsstellige Klickzahlen. Andere, die große Mehrheit Videos, nur wenige Tausend. Denn die Aufmerksamkeit ist so endlich wie der vorgegebene Zeitrahmen. Eine Stunde hat man vor der Kamera, um zu liefern. Danach wartet das nächste Set. Das nächste Video. Der nächste Klick. An einem Tag reihen sich mindestens fünf Streams aneinander. Oft bis 22 Uhr, am Wochenende auch länger. Dafür ist der tägliche Timetable den Zuseher*innen, was der Stundenplan für den Realschüler. Ein Überblick im Durcheinander, Stabilität im Chaos – und eine Einordnung der Namen, von denen die strammen Jungs im Berghain noch nie gehört haben.


Die Corona-Pandemie mag alle an ihre Grenzen bringen, aber das Signal, das von HÖR ausgeht, ist: Wir machen weiter. 


Die Entdeckung ist der Wesenskern von HÖR, der Standort sein Kapital, das Netzwerk die Währung. Selten doppeln sich Auftritte. Auch wenn Headliner den Kanal groß gemacht haben, ihm Sichtbarkeit und Legitimation verschafft haben. Die Basis hält das Teil am Laufen. Und die Berliner Basis scheint riesig zu sein. Sie trägt den Kanal, während HÖR sie repräsentiert und die DJ-Szene nicht nur hör-, sondern sichtbar macht. Dadurch entsteht ein Archiv, das nie geschlossen wird; das sich ständig erweitert und zum Zeitdokument wird. Die Corona-Pandemie mag alle an ihre Grenzen bringen, aber das Signal, das von HÖR ausgeht, ist: Wir machen weiter. Wir stehen zusammen. Und wir werden größer und stärker zurückkommen. Wenn, ja, wenn es irgendwann wieder safe sein sollte, vor Ort, mit anderen Menschen, in einem Raum zu tanzen. 

In der Zwischenzeit ist HÖR die Alternative, die logische Konsequenz von Boiler Room. Eine Streaming-Mutation, die den eigenen Wirt attackiert. Und auch: Ein Auswuchs von Business Techno. „No middlemen, no vibe, just stream straight to YouTube”, nennt es einer aus der Szene, der lieber ungenannt bleiben möchte. Es ist Kritik, die man im Dunstkreis der Streams selten hört. Gerade der „Vibe” sei es, der die Sets bei HÖR ausmache, liest man in vielen Kommentaren der Videos. Die Party müsse schließlich weitergehen. Daran ist nichts falsch, der Drang nach ein bisschen blindem Hedonismus verständlich. Wenn man schon nicht auf Sansibar die Maske fallen lässt, dann immerhin zu Hause, am Sofa, vor dem Laptop.


Auf HÖR zeigt sich also eine Szene. Nicht aber als kollektive Identität, sondern als individualisierte Masse, die gegeneinander antritt. Was man tatsächlich zu sehen bekommt, ist der Kampf um den Klick. 


Dass das Publikum dabei so fragmentiert ist wie die Rekordbox von Héctor Oaks, fällt in der aktuellen Situation nicht auf. Man klickt rein, glotzt und klappt zu. Es gibt keinen Dancefloor, auf dem die Zeit stillsteht, keinen Körperkontakt und Rausch. Sondern nur den Blick auf den Bildschirm. Pure Simulation. Maximale Distanz. Und damit auch: die Überwindung des Publikums. Bei Boiler Room eierten immerhin noch Leute im Rücken des DJs rum. Manchmal tanzte sogar jemand. Jedenfalls waren Leute anwesend. Oft hörte man nicht trotz, sondern schaute wegen ihnen zu. Bei HÖR herrscht nur Leere. Ein*e DJ in der Matrix und man selbst. Auf der Couch. Ganz allein. Im Solipsismus der vorgetäuschten Interaktion.

Der Blick durch die Kamera zeigt die Auswüchse der Techno-Kommerzialisierung. Was man sieht, ist mehr als eine Auslage, in der sich Schaufensterpuppen zu Maschinenmusik bewegen. Zwar stellen sich alle aus. Gleichzeitig wollen alle ein Stück vom Kuchen, der schon längst verteilt ist. Von Streaming profitieren nur die, die sich auszustellen wissen. Oder pre-pandemic die Möglichkeit hatten, sich in die Auslage zu stellen. Jene DJs also, die ihren Namen innerhalb der Szene verteidigen können gegen eine Armada an anderen CDJs, die sich die immer gleichen 5000 Klicks teilen müssen.

Im Ohr der einen mag das besser sein als nichts. Im Ohr der anderen klingt es einfach nur unfair. In jedem Fall spiegelt es die Ökonomie der Aufmerksamkeit auf digitalen Plattformen wider. Sie ist zu bekommen, ist wie der Einlass in die Clubnacht: ziemlich begehrt, aber eben auch ziemlich hart. Auf HÖR zeigt sich also eine Szene. Nicht aber als kollektive Identität, sondern als individualisierte Masse, die gegeneinander antritt. Was man tatsächlich zu sehen bekommt, ist der Kampf um den Klick. Die Verrenkung in der Auslage. Der Vibe, der keiner ist.

Über 28 Millionen Mal wurden die Videos von HÖR inzwischen angeklickt. Eine Zahl, die ohne Pandemie nicht möglich gewesen wäre, das wissen auch die beiden HÖR-Macher Ori und Charly. Trotzdem: Der Kanal ist mehr als nur Nutznießer der Situation. Er ist Symptom unserer Zeit. Etwas, das vor vielen Jahren mit Boiler Room seinen Ausgang nahm und seither mutiert wie ein, nun ja, ihr wisst schon. Wohin sich der Streaming-Boom kanalisiert, wenn soziale Kontakte wieder möglich sind, wenn man sich treffen oder im Club tanzen kann, bleibt eine andere Frage. Bis dahin wird in der Simulation weiter geflext.

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