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Motherboard: April 2021

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Nicht ganz so leichtflüchtig kommt der improvisierte Postrock des Wiener Projekts Innode auf Syn (Editions Mego) daher. Das Trio aus altbekannten Playern der hiesigen Improv- und Noise-Szene setzt auf die geballte Kraft zweier Schlagwerke und elektrotektonischer Verstärkung und Verzerrung. Das könnte abstrakter Trip-Hop sein, oder das andere Ende von Hubschrauber-Metal. Wer weiß das schon so genau?

Die jüngste Tape-Kollektion von Not Not Fun aus Los Angeles kommt dagegen erstaunlich gelassen daher. Der Kanadier Masahiro Takahashi übt sich auf Flowering Tree, Distant Moon (Not Not Fun, 30. April) in Japan-Ambient alter Schule, in kleinteilig feinem Geklöppel, das aus dem Synthesizer kommen kann oder aus Marimba-Holz. Der ultraentspannte Vibe allerdings ist ein genuin japanischer. Einer der die Environmental Music der achtziger Jahre von Hiroshi Yoshimura, Midori Takada bis Yasuake Shimizu reflektiert, aber ebenso ihre bis heute andauernden Nachwirkungen.

Das australische Duo Troth setzt ebenfalls auf die Kraft der Ruhe in der Natur, aus der Natur in die elektrische Nacht hinein. Small Movements In Radiance (Not Not Fun, 30. April) transportiert die abendliche Restwärme eines hitzeflirrend sonnenverbrannten Tages im Outback. Denn in der Wüste werden die kleinsten Dinge groß und die Endlosigkeit des Horizonts ganz alltäglich und normal. Der Respekt vor der Erhabenheit der Natur und der Kultur ihrer Bewohner*innen wird hier zu klanglicher Intimität, zu kleinen eindringlichen Drones.

Der Japaner Kazuya Nagaya hat sich durch seine offen vorgetragene Spiritualität und Naturverbundenheit und seine raren Veröffentlichungen stets eine Aura des Geheimen bewahrt, selbst wenn seine Sounds sich in einem durchaus fixen Rahmen von J-Ambient und modernem New Age abspielen (Motherboard berichtete). Das macht ihn zu einer beliebten Quelle für Neubearbeitungen und Remixe. Gleich zwei seiner jüngeren Arbeiten sind nun in Remixform erhältlich. Einmal Dream Interpretation (The Remixes) (Sci+Tec, 7. Mai) auf Dubfires Label mit erwartbaren Techno-Bangern von Künstlern aus dem Label-Umfeld. Außerdem Microscope of Heraclitus Reworked (Indigo Raw), das deutlich näher an den Originalen bleibt, mit elektroakustischen Neuinterpretationen weniger prominenter, meist Label-lokaler Künstler*innen aus Barcelona (Murcof vielleicht als Ausnahme). Bei allem Respekt und aller Liebe zu den Originalen, die in beiden Arbeiten zu spüren sind, wirkt letztere doch um einiges sinniger und sinnlicher.

Spiritualität und ein Interesse an fernöstlichen Philosophien kann sich auch als elektroakustische Collagenkunst ausdrücken. In The Thousand Buddha Caves (Room40, 2. April) des in Melbourne lebenden US-Amerikaners David Shea ist die mönchisch-buddhistische Tradition von Klang als Mittel und Zweck von Meditation und Trance an der Oberfläche ziemlich direkt und unmittelbar eingegangen. Allerdings – das verbindet Shea mit Kazuya Nagaya – genauso unmittelbar und deutlich wie die westlichen Traditionen von Elektroakustik, New Age und World Music. Zusammengenommen gongt und dengelt und scheppert sich das Album entlang disruptiver Klänge, die das konkrete buddhistische Ritual abstrakt machen und die abstrakten Kompositionsprinzipien der Elektroakustik konkret.

Auf Jan Jelineks Label Faitiche liebt man das Spiel mit Masken, Pseudonymen und Anonymität und eine Ästhetik grobkörnig verwaschener Schwarzweiß-Aufnahmen, der obsoleten Formate und rätselhaften Botschaften. Label-Neuzugang Dmytro „Dima” Nikolaienko teilt all diese Vorlieben auf beinahe schon zu passende Weise. Es spricht allerdings einiges dafür, dass es sich bei dem in Estland lebenden Ukrainer nicht um ein weiteres Pseudonym Jelineks handelt, betreibt er doch in Kiev die Labels Muscut und Shukai, letzteres ein Reissue-Label für sowjetische Elektroakustik-, Film- und Fernsehsoundtrack-Tapes, also angemessen obskur und fake/fetischistisch. Nikolaienkos Obsession für abgenudelte, beinahe vollständig abgeschliffene, leer gespielte Kassetten ist das Fundament, auf dem sich Rings (Faitiche, 9. April) entfaltet. Loop-Variationen und minimale Synthesizerklänge als Dub im besten Sinne machen dieses Album kleiner Klänge, auf dem sehr wenig passiert, zu einem ganz großen.

Die schwedisch-polnische, in Berlin lebende Komponistin Marta Forsberg kultiviert in ihrer Loop-Musik einen äußerst spannend anzuhörenden Hang zur Unvorhersehbarkeit. Setzte ihre geniale EP New Love Music (Warm Winters Ltd.) aus dem Oktober vergangenen Jahres noch auf extreme Stille, Akustikgitarre und als Kontrast einen Männerchor, so modellieren die Pieces from Anne’s Lullaby (Superpang) ein sacht gehauchtes schwedisches Wiegenlied mit Ringmodulator und Synthesizer in ein wunderschönes, viel zu kurzes Stück Song-Ambient. Und TKAĆ (Thanatosis) wiederum bringt delikate Loops aus Synthesizer und Violine in lange Drone-Form, die zum Gewitter anschwellen kann. Alle drei Arbeiten formulieren für sich genommen jeweils einen exquisiten Minimalismus ganz eigener Art aus, oder vielleicht sogar je mehrere. Zusammengenommen demonstrieren sie Umfang und Größe von Forsbergs Vision, in der zwischen elektroakustischer Komposition, warmem Drone-Ambient und babytauglichen Schlafliedern kein Kontrast bestehen muss.

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