20in20 (Klakson)

Zur Jahrtausendwende gegründet, war Klakson von Anfang an mehr als Boutique-Label denn als Fließbandhitschmiede aufgestellt: Das bezaubernde Logo – ein stilisierter Kinderwagen, aus dem ein Grammophonschalltrichter ragt – signalisierte stets seriösen Electro mit einem zeitgenössischen Twist. Mit einer dreiteiligen Jubiläumscompilation feiert Steffis Imprint nun das 20-jährige Bestehen. Drei 4-Track-Maxis, die auch in einem limitierten Boxset inklusive T-Shirt erhältlich sind, unterstreichen nachdrücklich die Mission von Steffie Doms: Im Gegensatz zur Vielzahl an retrospektiv orientierten Projekten in diesem Genre blickt Klakson nach wie vor nach vorn. Die zwölf Exclusives von Producern wie Duplex, Mesak, Sepehr, Luxus Varta und Fastgraph halten das Tempo hoch, das Sounddesign tendiert zur Anschlussfähigkeit an Techno und IDM. Mittels Bündelung durchgehend massiver Tracks wird sichtbar, was sonst vielleicht nur Klakson-Aficionados erreicht: Die Stringenz dieser Compilation dürfte manches Ohrenpaar überraschen. Besonders funky und evokativ: „Misty Spots“ von 214. Fast schon D’n’B: Hadones „Futuristic Spell“. Steffi selbst ist mit zwei Kollaborationen vertreten: „Explanatory Power“ zeigt die langjährige Panorama-Bar-Resident-DJ an der Seite von Detroit-Electro-Veteran Stingray, der Peaktime-Banger „Reprogram/Rewrite“ zusammen mit Privacy als Negroni Nails. Insgesamt eine nachhaltige Erinnerung an die Relevanz dieses sicherlich von einigen unterschätzten niederländischen Electro-Imprints. Harry Schmidt

Crysta Ampullaris Vol. 4: La Forge & Guests (La Forge)

Wo wenig geht, wird oft am meisten losgetreten. Reims ist eine mittelgroße Stadt in der französischen Champagne und hat neben viel Schaumweinverköstigungsangeboten auch eine imposante Kathedrale, nicht unbedingt aber eine stabile Infrastruktur für Techno, House und verwandte Spielarten zu bieten. Das Kollektiv La Forge arbeitet immerhin seit geraumer Zeit daran, dass der heimische Sound auch von der Außenwelt wahrgenommen wird. Crysta Ampullaris Vol. 4: La Forge & Guests stellt dreizehn Artists aus dem engeren und erweiterten Umfeld vor und folgt auf drei seit September 2019 vorausgehende Einträge der Serie, die sich zuvor nur auf den personellen Kern der „Schmiede”, wie sich der Name Kollektivs übersetzt, beschränkten. Schon der Opener des Genfer Produzenten Hermeth macht als bleepiger Electro-UK-Bass-Hybrid klar, was über die kommenden 75 Minuten Programm sein wird: Ballern soll es, bouncen aber auch. An Bass und großen Gesten wird nicht gespart, hin und wieder laufen Italo- oder sogar Hardcore-Referenzen durch den Mix. Eine Prise Neunzigernostalgie schwebt vor allem über der ersten Hälfte der Compilation, ob nun Electro, Bleep Techno oder sogar Verschnaufpausen-Ambient-Techno angesagt sind. Spätestens auf den hinteren Tracks allerdings werden auch zunehmend jüngere Stränge des Hardcore Continuums durch die Mangel genommen, mit anderen Genres kombiniert und zu einem bombastischen Monumentalismus aufgebauscht. Gerade weil der Sound-Maximalismus dieser Tracks sich nicht immer bierernst zeigt, überfordern diese überraschenden Stilmischungen weniger, als dass sie tatsächlich als Herausforderung zu verstehen sind: Die Szene in Reims und ihre Anrainer*innen sollen doch bitteschön mit der gebührenden Aufmerksamkeit bedacht werden. Sie haben es sich redlich verdient. Kristoffer Cornils

Do You Have The Force? (Jon Savage’s Alternate History Of Electronica 1978-82) (Caroline True)

Mit England’s Dreaming hat der britische Musikjournalist Jon Savage eines der anerkannten Standardwerke zur Geschichte der Punk-Ära vorgelegt, mit „Teenage“ eine profunde Untersuchung über die historischen Wurzeln der Jugendkultur. Do You Have The Force? ist bereits seine dritte Compilation für Caroline True. Nachdem sich die Vorgänger Post-Punk und dem Psychedelic-Revival der Achtziger widmeten, fokussiert Savage hier auf einen Schlüsselmoment der Popmusikgeschichte: Innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne, die Savage hier als die Jahre zwischen 1978 und 1982 identifiziert, kommt es zu einer Umwertung auf dem Dancefloor. Stand Punk noch kurz zuvor in direkter Opposition zu Disco, führt der Einzug von elektronischen Produktionsmitteln in der Clubmusik dazu, dass die als „Alienation“ kritisierte Entfremdung nun ins Zentrum einer neuen Soundästhetik rückte: Kühle Synthesizerprogrammierung trat an die Stelle der „ehrlichen“ Handarbeit schweißtriefender Rockmusiker, anonyme Projekte an die des patriarchalischen Bandmodells. Elektronische Discomusik war gleichzeitig die Zurückweisung der Authentizitätsmythen des Punkrock sowie die Fortführung seiner DIY-Selbstermächtigungsstrategeme mit anderen Mitteln, so die Analyse des Pophistorikers. Das alles ist zwar nicht neu, wird aber von Savage in seinen Linernotes kenntnisreich vorgetragen und auf den Punkt gebracht. Angenehmerweise entspricht die Reihe von Acts, die er zur Untermauerung seiner These in den Zeugenstand ruft, nicht mehr als nötig einer Inszenierung als Herrscher über obskures Geheimwissen: Neben einigen wenigen echten Raritäten (The Sea of Wires, Rayon Laser, BGM, Monoton) bedient sich Savage hauptsächlich zumindest Underground-Disco-Fans verhältnismäßig geläufiger Beispiele wie Droids, Sylvia Love, Transvolta, Slick oder Harry Thumann, aber auch Acts wie Suicide, Cabaret Voltaire und The Flying Lizards, die eher die vom New Wave kommende Seite repräsentieren, fehlen nicht, ebenso wenig wie A Number Of Names Proto-Techno-Track „Sharevari“. Ein mexikanischer Patrick-Cowley-Megamix rundet die Anthologie ab. Auch jenseits der didaktischen Perspektive für Vinyl-Disco-DJs eine sinnvolle, weil platzsparende Investition. Harry Schmidt

More Light (Berlin Atonal)

Das Berlin Atonal Festival ist – neben der Transmediale – das bekannteste Festival für zeitgenössische elektroakustische, analoge und digitale Klang- und Medienkunst in Berlin. Gegründet wurde es 1982 von Dimitri Hegemann. Mit unzähligen Projekten und dem Tresor Club ist er zweifellos der dickste Fussabdruck im Berliner Punk-Industrial-Techno-Experimental-Sumpf der 1980/1990er Jahre. Bei Atonal spielten die frühen Einstürzenden Neubauten, Laibach oder 808 State. Seit 2013 beleben Laurens von Oswald – der Neffe des Techno-Veteranen Moritz Von Oswald, Paulo Reachi und Harry Glass das Festival erneut. Das dazugehörige Plattenlabel Atonal Records, heute Berlin Atonal Recordings, existierte ebenso lang und vereint legendäre Elektronik-Pioniere wie Psychic TV und Cabaret Voltaire. Die erste 12” – von fünf Platten – der More Light-Compilation erinnert mit dem Aho Ssan + Exzald S-Track „Wondertomb”, den hochfrequent zerhackt-kratzenden Nu-School-Ambient-Flächen, an die dystopische Stimme von Björk. Die B-Seite beruhigt mit quasi-asiatischen Zen-Harmonien von Tunes Of Negation („Unremembered”). Die zweite 12” bietet Geigen-artige 16-tel-Vibrato-Hollywood-Soundscapes für Landschafts-Flugaufnahmen von Galya Bisengalieva („Aralkum”). Eine Gitarre von Alessandro Adriani shoppt irgendwo zwischen Sisters Of Mercy und Nirvana („I Wish I Could Save You”). Nkisi hackt daraufhin gabbaesk mit kurzer Reverb-Hall-Zeit und langen Delays auf den Hörer ein („La Parole”). XOR Gate alias Gerald Donald – die bei Murnau lebende Drexciya- und Dopplereffekt-Legende – liefert gepanten Ambient („Boolean Logic Gate”). Die arabische Klangwelt ist in diesem Genre seit Brian Eno und David Byrne keine Neuigkeit. Dank der kristallklaren Stimme wirkt Abdullah Miniawys „The CYG” aber sphärisch edel. More Light vereint weitere Klangforscher wie Pablo’s Eye, Laurel Halo, Caterina Barbieri, Hiro Kone und Peder Mannerfeldt. Das ist ein in sich stimmiges Archiv. Allerdings sprengt die Compilation keine Erwartungshaltungen in Bezug auf Avantgarde-Experimente. Mirko Hecktor

Somewhere Between: Mutant Pop, Electronic Minimalism & Shadow Sounds Of Japan 1980-1991 (Light in the Attic)

Zeitlich etwas später, vom Stil her aber eben genau „zwischen“ den beiden vorigen Light-in-the-Attic-Compilations Kankyo Ongaku: Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990 und Pacific Breeze: Japanese City Pop, AOR & Boogie 1976-1986 ist der neueste Wurf des Labels anzuordnen. Auf Kankyo Ongaku kann man dem Ambient-Sound, wie ihn Brian Eno popularisierte und allem, was daraus hervorging, lauschen. Das ist dann ziemlich sophisticated und verleiht dem von Optimismus und Zukunftsvisionen geprägten Lifestyle im Japan der Zeit Ausdruck. Neben Aufführungen im Künstler*innenmillieu fanden aber auch große Firmen wie Muji, Sanyo oder Seiko Gefallen an diesem Sound und schossen Geld in die Avant-Garde-Szene. Somit fand die Musik via Commercials auch Zugang in den Alltag, wurde Mainstream. Die Songs auf Pacific Breeze gaben Einblick in die privaten Räume und Befindlichkeiten der glorreichen Jahre eines prosperierenden Japans. Viele der Größen des City Pop entstammen der Musikszene der 1970er, die man auf der ersten Nummer der Japan-Reihe Even a Tree Can Shed Tears: Japanese Folk & Rock 1969-1973 bestaunen kann. Das Leben war offenbar easy-going, man fuhr mit dem Mazda durch die neu gebauten Vorstädte oder slackerte funky über Palmen-Promenaden. Neon-farbener Optimismus halt. Die Songs von Somewhere Between haben etwas von diesem Pop-Vibe, verbinden ihn aber mit dem eher experimentellen Charakter der Ongaku-Sammlung. Und mitunter schleicht sich auch eine Portion Zweifel und Melancholie in die Stimmung. Der große Opener „Arrows & Kights“ von Noriko Miyamoto ist zugleich der große Ohrwurm der Sammlung. Schöne Stimme, Atmosphäre leicht gloomy, so Drive-OST-mäßig. Der folgende Synth-Track von Mishio Ogawa erinnert stark an Sakamoto und Sylvian. Mkwaju Ensembles Marimba-Musik klingt wie eine Kopie von Steve Reichs „Six Marimbas“. Letzteres entstand 1986, 5 Jahre bevor das Ensemble debütierte und dabei westliche Musik auf ihre Ursprünge zurückverfolgte, in diesem Fall auf die Rhythmik tanzanianischer Tribes. Sidefact: Produziert von Joe Hisaishi, der von Studio Ghibli. RNA-Organisms Weimar lässt an Moondogs eigentümliche Percussionérie denken. Takami Hasegawa ist mit den eindringlichen, tiefen Synth-Tönen ein weiterer Höhepunkt, für den man sich nur bedanken kann.  „Wha Ha Ha“ fährt dagegen die Avant-Prog/Zolo-Schiene, ist schon sehr experimentell, aber eben mit typisch poppigen Gesangsparts. Die Geschichte findet ein Ende mit Sonokos „Wedding with God“, das interessanterweise damals mit Hilfe von Colin Newman (Wire, Post-Punk) und Aksak Maboul (Rock in Opposition, Avant-Prog) auf dem belgischen Label Crammed Disc – verantwortlich für alles Mögliche zwischen Experimental, Weltmusik und Pop – veröffentlicht wurde. Lutz Vössing

Resonance News 12/20 (Resonance Moscow)

Da kommt Freude auf! Wer hätte schon gedacht, dass die vielen unbekannten Killer-Tracks, die Nikita Zabelin bei seinem Besuch im leuchtend grünen Berliner Radio Studio von HÖR im August 2020 herausknallte, allesamt auf der neuen Resonance Moscow News 12/20 erscheinen würden? Und sind wir doch mal ehrlich: es wäre auch zu schade um diese Schätze gewesen, wenn sie nie den Sprung von Zabelins USB-Stick ins Rampenlicht geschafft hätten. Wie schon die vorangegangen Editionen dient auch diese Compilation dazu, (noch) weniger beachteten russischsprachigen Künstler*Innen als Sprungbrett zu dienen. Und das heißt im Gegenzug natürlich auch, dass diese 18-Track-Ansammlung aus freshen elektronischen Zuckerstückchen eine große Gelegenheit für alle westlichen Underground-Musik-Voyeur*innen darstellt, die nicht bloß das spielen wollen, was eh schon jede*r andere droppt. Die erste recht herzliche Empfehlung geht an den abgebrühten Elektrogroover „Qo’rqinchli Ko’zlar“ von винер, der sich zur Trackmitte hin von seinen Phaserdrums löst, um eine kurze obskure Breakbeat-Sequenz einzuleiten, nur um sich dann wieder mit dem Ausgangsthema zu vereinen. Wer’s lieber eine Stufe härter mag, das Seminar „kyrillisch für Anfänger“ verpennt hat und um die 2010’er herum gar nicht genug von Mike Dehnert’s rumpelndem „Fachwerk“ – Techno kriegen konnte, der sollte sich die Kollaboration von Rugo und Mike Rud unbedingt anhören. Schön verschachtelt, aber sich nie in unzugänglichen Gefilden verlierend, liefern diese beide mit ihrem Track „Bipolar“ einen Peak-Time-Geniestreich ab, der, wenn endlich, endlich wieder die Clubs aufmachen sollten, sicherlich seine wohlverdiente Playtime finden wird. Dazu würde dann auch Gostwork’s klassisch-psychedelischer Techno-Trip mit verspulten Bleeps und analogen Drums passen. Vor dem Einfluss neuerer brandaktueller Musikströmungen sind übrigens auch die Resonance Moscow News nicht geifeit. Was hervorragend ist! Denn diese wirken, egal wo, Stagnation und repetitiven Denkansätzen entgegen. Viel Spaß beim Erstöbern und wieder und wieder (…und wieder) hören dieser! Andreas Cevatli

Richie Hawtin – CONCEPT I 96:12 (From Our Minds)

Auch Minimal-Maestro Richie Hawtin hat die Zeit im Lockdown genutzt, um ein neues Labelprojekt an den Start zu bringen: nachdem auf From Our Minds Ende letzten Jahres seine erste Dance-EP in langer Zeit erschien, nutzt der Kanadier nun das Sublabel zu seinem etablierten +8-Pferd, um ein altes Release neu aufzulegen.

Concept I 96:12 erschien ursprünglich vor 25 Jahren als Abo-Modell, in dem Fans monatlich eine 12“ mit damals radikal reduzierten Tracks von Hawtin zu erhalten. Außerdem gab’s am Ende eine schöne Sammelbox für alle der auf jeweils 2000 Stück limitierten Platten.

Heute versucht Hawtin mit dem Release gleichfalls auf die empfundene Schieflage der Distributionswege in der Musikindustrie sowie die Wichtigkeit unabhängiger Labels hinzuweisen: er veröffentlicht die Reissue deshalb zunächst exklusiv digital auf der Plattform Bandcamp, weil diese für ihn „den Spirit der Mitt-90er“ abbildet. Danach folgen jedoch irgendwann ein 3×12“-Paket sowie Downloads bei allen Anbietern.

Für Hawtin bedeutete die Entstehung von Concept I „einen wichtigen Schritt in seinem Produktionsprozess“; ein Experimentieren mit der Reduktion, „ohne welches es die späteren Plastikman-Alben wohl so nie gegeben hätte“.

Tatsächlich sind die Tracks auf Concept I (24 an der Zahl) allesamt sehr spärlich mit Sounds gespickt. Dadurch bekommt jeder einzelne natürlich mehr Raum und Zeit, seine Wirkung zu entfalten. Was damals ein Vorreiter in Sachen Experimentalismus der Dancemusik und vor allem dem aufkeimenden Minimal-Genre war, hat man heute einerseits schon oftmals anderswo gehört, andererseits begeistert es hier in seiner stringenten Konsequenz abermals. 

Wer für überlange Stücke (viele bewegen sich um oder über der 10-Minuten-Marke) ein Ohr hat, wird an den langsamen, dubbig-trippenden Klangerforschungen seinen Spaß haben. Wo sonst darf sich heute noch ein Loop über das gesamte Panorama-Spektrum hinweg und sämtliche verschiedene Hall- und Filter-Effekte lang ausprobieren?

Für die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Instagram eine Herausforderung, aber für Fans, die schon immer mal die Ursprünge des Plastikmans verstehen wollten, ein gefundenes Fressen. Leopold Hutter