Die Pandemie-bedingte Hyperinflation von DJ-Mixen macht es nicht leicht, sich in diesem Bereich zu orientieren. DJ-Mixe wollen auf unmittelbare oder gebrochene Weise das Geschehen im Club repräsentieren, insofern hatten sie 2020 ihre unmittelbare Funktion weitgehend verloren – oder wurden in ausufernde Ambient-Epen umgedeutet. Insofern sie jetzt aber die Sehnsucht nach etwas ausdrücken, das nicht stattfinden kann, haben sie sogar einen tieferen Sinn erhalten.

Diese Sehnsucht wird in den zahllosen Mix-Serien, Radio- und Stream-Mitschnitten allerdings nur selten direkt Thema: Die meisten DJs spielten dort, was sie auch im Club aufgelegt hätten. Insofern ist François K bei unseren zehn besten Mixen das Jahres eine Ausnahme. Der NY-Disco- und House-Veteran arbeitete in einer Reihe von Isolation Streams verschiedene Aspekte der Clubmusik der 1980er und 1990er Jahren auf. Etwa erkundete er den Einfluss von Prince auf den Sound von David Mancusos Club Loft. Er steht hier stellvertretend für die vornehmlich US-amerikanischen Acts wie Louie Vega oder DJ Dez/Andrés, die besonders die Plattform Twitch nutzten und sich mit ihren regelmäßigen, oft mehrstündigen Mixen vom einstündigen Format von United We Stream absetzten.

Avalon Emerson, Ben UFO, Helena Hauff, Ikonika und DJ Plead hatten kein Interesse, Pandemie-Befindlichkeiten und -Potenziale zu erkunden. Sie stemmten sich mit ihrer Kunst der kollektiven Ekstase gegen das New Normal. Auch auf das zweite große Thema von 2020, die Ermordung George Floyds durch den Polizisten Derek Chauvin am 25. Mai und den darauf erfolgten globalen Protest, reagierten zahllose Mixe. Josey Rebelle erkundete schon davor, am Anfang des Jahres, die afro-diasporische Erfahrung in den USA und Großbritannien mit Tracks von Titonton Duvante oder Loraine James, von Hieroglypic Being oder Nubian Mindz. Nach der Untat war die Wut in zahllosen Mixen spürbar. Aber keinem gelang es wie Theo Parrish, in einer Collage aus eigenen Jams, TV-Footage, YouTube-Clips und Field Recordings aus seiner Detroiter Umgebung ein Leben unter der Geißel des Rassismus erlebbar zu machen.

Avalon Emerson – DJ-Kicks (!K7)


Für die DJ-Kicks-Serie einen Mix aufzunehmen gilt als Ritterschlag, Meilenstein oder sonstiges Superlativ. Avalon Emerson hat die Chance, die das mit sich bringt, voll genutzt. Mit ihren DJ-Kicks veröffentlicht sie zum ersten Mal seit drei Jahren eigenes, neues Material. Und was für welches: Direkt im ersten Track überrascht Emerson mit einem retrofuturistischen Cover des Indie-Songs „Long Forgotten Fairytale” von The Magnetic Fields auf dem sie – um doppelt zu überraschen – selbst singt. Beides kennt man nicht von ihr. Und beides macht sie sehr gut – eine runde Hommage an ihre Vorliebe für poppige Melodien zum Einstieg.

Das gibt jedoch nicht allein den Ton an. Danach folgt ein Set mit rasanter Energie, Tempo- und Stilwechseln. Das Coverfoto von Emerson passt: Den Blick entschlossen nach vorne gerichtet in einem Helm, der sie fit für Geschwindigkeit macht, getaucht in ein nostalgisch-gelbes Licht. Vor allem ihre weiteren Eigenproduktionen verkörpern dieses Gefühl. Anders als der Einstiegstrack haben sie typische Elemente ihrer vorherigen EPs: Zuckende und raumgreifende Synthie-Flächen mit einem modernen, technoiden Unterbau spielen die Hauptrolle. Inmitten der 20 Tracks sind sie die wiedererkennbaren Schilder am Straßenrand und zugleich großes Kino.

Sie wechseln sich mit sehr Dancefloor-orientierten Tracks ab. Das housige „Doe Doe Doe” von Anthony Acid katapultiert einen geradewegs in einen stickigen, kleinen Club. Soundstreams „3rd Movement” hat einen Break, der seinesgleichen sucht – bombastisch. Avalon Emerson ist nicht umsonst als Headlinerin gefragt. Sie hat ein Händchen für Peaktime-Bretter. Ihre Hörer*innen überfordert sie selbst dann nicht, wenn diese seit Monaten keinen Club mehr von innen gesehen haben. Einzig die Übergänge sind – wie bei den meisten DJ-Kicks-Mixen – ungewöhnlich kurz, ein wenig brüsk, aber dem Tempo des Mixes angemessen.

Emerson zufolge soll dieser Mix ihre vergangenen Jahre als DJ zusammenfassen. Jahre, in denen sie Teil der avantgardistischen A-Liga des internationalen DJ-Zirkus geworden ist. Ob sie dem Anspruch hinsichtlich der persönlichen Erfahrungen, die sie auf ihren Gigs gemacht hat, gerecht wird, kann nur sie selbst beurteilen. Auf musikalischer Ebene stehen diese DJ-Kicks jedoch für zwei Trends der letzten Jahre: Genre-Unterschiede, die Emerson sicher zusammenfügt, verkörpern eine zeitgenössische Freude an Eklektik. Heute ist es nicht nur normal, sondern hip, beispielsweise verträumte Pop-Edits auf knallende Dancefloor-Slammer zu mixen. Avalon Emerson ist da schon länger ganz vorne mit dabei: Auf das bubblegum-pop-PC-Music-hafte „Just Level 5 Cause It’s Cute” von Oklou folgt das stompige „Yellow Cone” von Oceanic. Auch Tempo begreift sie nicht strikt als Taktgeber, dem sie sich zu beugen hat. Stattdessen spielt sie damit; nutzt einen kurzen White Noise in „Butterfly” von Tranceonic (eine Zusammenarbeit der zwei Yello-Mitbegründer Carlos Perón und Boris Blank aus den Siebzigern), um gute zehn BPM hochzufahren; wird schnell schneller und schnell langsamer.

Man stelle sich vor, das wäre ein typischer einstündiger Festival-Slot: Es wäre kein Set, bei dem man sich fragt, ob man doch eine andere Stage auschecken soll oder noch kurz an die Bar will. Sondern eines, bei dem jeder Anflug dieser Gedanken dadurch unterbrochen wird, dass ein noch krasserer Track überrascht. Und bei dem man bis zum Schluss bleibt. Cristina Plett

Ben UFO – Club Quarantäne (Club Quarantäne)

Die Apokalypse wird live gestreamt. Und ab und zu lässt einen im DJ-Dschungel doch ein Set aufhorchen: Wie Ben UFO mit seiner zweistündigen Session für Resident Advisors Club Quarantäne. Wie ein Soundcloud-Kommentar ganz treffend zusammenfasst: „Ben being Ben…fucking sick!” Warum das Hessle-Audio-Wunderkind Dauergast bei unseren Mixen des Monats ist und sich über die Jahre zu einem der gefragtesten DJs mauserte, brauchen wir nicht zu erklären. Lauscher auf und seine Selektion für sich sprechen lassen: Von neuem Triology-Tapes-Material zu upsammys Dekmantel-Debüt und Luke Viberts Hypercolour-Triathlon über unveröffentlichtes Material von Pearson Sound und Floating Points zu Leckerbissen von WNCL oder Sherelles Hoover Sound. Bitte aufdrehen, bis die Nachbarn klopfen, und im Liegestuhl mit Cocktail und Fluppe ganz entspannt in den Weltuntergang raven – oder vom Berghain-Schlangestehen bei der nächsten Hessle-Labelnight träumen. By the way: Erinnert sich wer an den Horst Krzbrg anno 2011? Life was good. Raoul Kranz

fabric presents: Eris Drew & Octo Octa (fabric) 

Es gab ja damals schon gute Gründe, warum man in London die Fabric– und die Fabriclive-Mix-Serie je nach 100 Ausgaben eingestellt hatte. Soundcloud-Serien, digitale Radiosender, den Boiler Room und die Apologeten des Partystreams – sie allesamt hatten die Bedeutung der Mix-CD schwinden lassen. Warum 20 Euro ausgeben, wenn man das alles auch umsonst haben kann? Waren solche Reihen nicht schon outdated, als man Tracklisten googlen konnte?

„Hahaha”, hallt es nun aus der englischen Hauptstadt, „auf die Knie, ihr Tölpel! Kommt angekrochen.” Es konnte ja keiner ahnen, dass Virus-bedingt nun die gesamte Szene auf Live-Kamera-Einsatz umsteigen wird, die Social-Media-Feeds überschwemmt werden von Mixen, Mixen, Mixen. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Bla Bla neue Demo, bla bla alter Discogs-Fund.
Plötzlich wirkt es geradezu avantgardistisch eine CD in der Hand zu halten, die nicht bloß Promo an Promo reiht, sondern wirkliches Storytelling verspricht. Die neue Ausgabe der T4T LUV NRG-Gründer*innen Eris Drew und Octo Octa kommt mit einer Geschichte über Hoffnung in Zeiten ohne Hoffnung daher und verhandelt die Frage, was es eigentlich noch zu Feiern gibt, obwohl die Welt ein eindeutig schlechterer Ort ist als noch vor fünf Jahren. Dafür werden nicht nur die typischen Exklusiv-Tracks bemüht, sondern auch ganz viel Neunziger-Kitsch, der hier zwischen Vinyl Blair und „Sunshine” von Westbam und Dr. Motte genügend Platz lässt für eine heimische Tanzpartie.
Wer also nochmal wissen möchte, wie es war, Masken im Club bloß aus Stylegründen zu tragen, der*die sollte hier zugreifen. Lars Fleischmann

François K – Isolation Streams in 2020

Die Anzahl an Podcasts steigt unaufhaltsam: Vor allem im Corona-Jahr 2020 haben digitale Mixe teilweise fast inflationäre Züge angenommen. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man die Zeit findet, um nur einen Bruchteil davon schafft und die Sahnehäubchen entdeckt. Glücklicherweise gibt es Musikliebhaber*innen und Institutionen, die regelmäßig Listen erstellen, um die wichtigsten Sets rund um den digitalen Globus nicht zu verpassen. Besonders dankbar ist man, wenn dann eine Liste von Mitschnitten auftaucht, die von einer Person veröffentlicht wurde, die seit der Disco-Ära Musik lebt und mitgestaltet – so wie  François Kevorkian. Er war Produzent und Remixer für Künstler wie Kraftwerk, Depeche Mode und Diana Ross und mit Larry Levan auf Tour. Er gründete das Aufnahmestudio Axis Studios in New York, das er oberhalb des legendären Studio 54s einrichtete. 2005 wurde er in die Dance Music Hall of Fame aufgenommen. Heutzutage kennt man François K als einen der erfahrensten DJs und Selectors weltweit. Für alle die bisher nicht in den Genuss kamen, seine Passion live zu erleben, hat er vor fünf Monaten angefangen, themenbezogene DJ-Sets im Netz zu veröffentlichen. Unter dem Motto „Lost In Music”, erzählt er anhand von stundenlangen Aneinanderreihungen neuer und alter Stücke musikalische Geschichten. Von Bump’n’Boogie bis hin zu Tributes von Prince oder Tony Allen. Von Soul Healing über Classic Skating Jams. Jede einzelne Zusammenstellung ist eine wahre Freude, weswegen es dieses Mal eine Liste in der Liste gibt. Und das Beste daran: Jeden Freitag kommt eine dazu. Also lehnt euch zurück und verliert euch in der Musik, wann immer euch danach ist. Philipp Thull

Helena Hauff – Kern Vol. 5 (Tresor)

Offiziell über ein Label veröffentlichte DJ-Mixes sind inzwischen rar geworden, das Format der Mix-CD sowieso. Tresor führt nun aber nach dreijähriger Pause seine Kern-Serie weiter, die erscheint in gemixter Fassung sogar noch als Doppel-CD. Die fünfte Folge kommt von der Hamburgerin Helena Hauff. Die ist eh nicht für gut gelaunte und kuschelige Sets bekannt. Ihr mehr als zweistündiger, aus 31 Tracks bestehender Mix ist in seiner Schroffheit und Radikalität bemerkenswert. Bis kurz vor Schluss wird mit Tempo 150 herzerfrischend geschreddert. Bis über die Halbzeit hinaus dominiert Electro, allerdings nicht im Sinne von Dopplereffekt. Man begegnet Detroit Bass-Tracks von DJ Godfather & DJ Starski oder Musik an der Schwelle zu Breakcore, etwa von Blackmass Plastics. Ebenfalls vertreten ist der in den Neunzigern äußerst erfolgreiche Techno-Act The Advent, hier allerdings mit einer heruntergestrippten Electro-Nummer. Eine Kollabo von Hauff selbst mit Morah, „Segment 3” heißt das Stück, markiert den Übergang zu gabberesken Sounds.


Den Höhepunkt an Intensität und Schreddertum markiert der Horrorcore-Track „Intellectual Killer” von Nasenbluten, der lebt nicht zuletzt von einem prägnanten Gravediggaz-Sample. Kurz darauf streift die Hamburgerin mit einer 1991er-Platte von Q.D.T so ein kleines bisschen UK-Hardcore, bevor sie mit noch mehr Electro und fräsendem Acid den Ausgang sucht. Den gestaltet sie mit Maarten van der Vleuten und einem Stück von Andrea Parker und David Morley sehr stimmungsvoll. Düster und dystopisch bleibt aber auch das Ende dieses Rittes. Dass Helena Hauff eine leidenschaftliche Vinyldiggerin ist, sollte bekannt sein. Zu hören gibt es hier neben vielen raren und obskuren Platten aber auch eine ganze Reihe exklusiver Tracks, einer davon ist ihre bereits erwähnte Kollaboration mit Morah, weitere kommen von Umwelt, Machino, Galaxian und L.F.T. Da Helena Hauff ausschließlich mit Vinyl auflegt, hat sie von diesen Beiträge Dubplates anfertigen lassen. Kern Vol. 5 ist also in jeder Hinsicht eine durch und durch konsequente und kompromisslose Angelegenheit. Holger Klein

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Ikonika – Truancy Volume 267 (TRUANTS)

Eine der wenigen erfreulichen Entwicklungen dieses Jahres sind die beiden EPs, die die Dubstep- und Bass-Music-na ja,-Ikone Ikonika binnen kürzester Zeit auf Don’t Be Afraid und ihrem Stammlabel Hyperdub unterbrachte. Nicht nur die Eigenproduktionen der Londonerin bieten eine routinierte Parallelrealität zum New Normal, auch ihre Mixe wirken wie ein Allheilmittel. Das liegt zuvorderst an der spezifischen Genre-Signatur, die sie seit Jahren in ihren Sets auftischt. Auf perkussive und hochseriöse Clubtracks folgen in aller Regelmäßigkeit Mainstream-affine Edits von Songs meist weiblicher Popstars, nicht umsonst veröffentlichte Ikonika bereits als Ariane Granda. Im Gegensatz zu Kolleginnen wie DJ Bus Replacement Service, die Pop an der Grenze zum Trash beinahe schon fetischisiert, fügen sich diese Stücke hier nahtlos in den Fluss des Sets ein, sorgen möglicherweise mal für Stimmungs- und Lusthochs – Minute 25 –, stehen aber nicht als exponiertes Gimmick im Raum. 60 Minuten lang reiht Ikonika kunstvoll Breaks zwischen Alarmbereitschaft und Aderlass aneinander, geht über kurze Distanzen zu geraden Beats über und beginnt das Spiel nach der bereits thematisierten Vocal-Zäsur von vorne – schlicht großartig. Maximilian Fritz

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Josey Rebelle – Josey in Space (Beats in Space)

Die britische DJ Josey Rebelle ist bekannt und beliebt für ihre facettenreichen Mixturen, die Genregrenzen sowohl austesten als auch willentlich überschreiten. Ob Acid, House, Breakbeat, UK Bass, Jazz, Reggae oder R&B – der Plattenkoffer der Londonerin mit vergangener Residenz im legendären Club Plastic People ähnelt einer großen Wundertüte, aus der bei jedem neuen Auspacken eines Vinyl ein komplett anderes Exemplar hervorgeholt wird. Während ihr Schaffen erstaunt, erstaunt es nicht unbedingt, dass Tim Sweeney für seine Kompilationsserie Beats In Space, welche Formen wie auch Formlosigkeiten moderner Tanzmusik erkunden möchte, nach der Senkrechtstarterin Moko Shibata aka Powder eben Josey Rebelle ins spacige Boot geholt hat. Mit der Rinse-FM-Residentin möchte die Serie offensichtlich etwas wagen und eine Botschaft für mehr musikalische Diversität in der aktuellen Dance Music vermitteln. Denn Rebelle zählt nicht unbedingt zu denen, die man als Konsens-DJs bezeichnen könnte. Ihre sonoren, kaleidoskopischen Potpourris fordern und spalten Publika. Auf der Intention von Tim Sweeneys Kompilationsreihe aufbauend, präsentiert Rebelle eine eindrucksvolle Selektion, in der eine musikhistorisch-genealogische Linie erkennbar wird. Fancy 90er-Breakbeats vom britischen Duo Rum & Black werden vom minimalistisch-verträumten „Glitch Bitch” der Hyperdub-Newcomerin Loraine James gefolgt. Dann haut Rebelle House-Kracher von Robert Owens und Hieroglyphic Being neben energetischen Breakbeats von rRoxymore und Afrodeutsche raus. Aber auch der Mitbegründer des Techno-Kollektivs Body Release, Titonton Duvante, ist auf der Kompilation nicht weit von der jungen Londonerin Shy One entfernt. Nicht nur unterschiedliche Genres treffen in Josey In Space aufeinander, auch Generationen: Pioniere treffen auf Millennials, zuweilen mit afro-futuristischen Lyrics verbunden. Josey In Space mag vielleicht nicht jedes Gehör gleichermaßen überzeugen, weil der Mix nicht immer ganz smooth fließt, aber die außergewöhnliche Auswahl und ihre Bedeutung für Tanzmusik heute machen das wett. Franziska Finkenstein

Dekmantel Podcast 271: DJ Plead (Dekmantel)

DJ Plead ist das vergleichsweise junge Pseudonym von Jarred Beeler, einem aufstrebenden Künstler, der dem pulsierenden Melbourne entsprossen ist. Beeler war zunächst Teil eines DJ-Trios und betätigte sich darüber hinaus in dem Projekt Poison. Mit seinem aktuellen Alias hat er seine ganz eigene, percussionlastige Klangästhetik geschaffen und sich so auch abseits der heimischen Szene Gehör verschafft. Als Produzent setzt sich der Australier mit seinem libanesischen Hintergrund auseinander und verstrickt so Rhythmen, Skalen und Klangfarben des libanesischen Pop und der traditionellen Hochzeitsmusik des Landes mit R’n’B und anderen zeitgenössischen Clubstilen.
Wie verblüffend gut ihm das gelingt, stellt sich bislang anhand seiner Veröffentlichungen für Nervous Horizon und DECISIONS dar. Und wie zu erwarten zeigt sich DJ Plead nicht nur als Produzent, sondern auch als Selector vielseitig: Eine Kostprobe dessen liefert sein jüngster Beitrag für den Dekmantel Podcast, den er gleich mit einer handvoll unveröffentlichter Eigenproduktionen versehen hat. Damit zeigt er, dass er ein Meister darin ist, weltliche Trommelklänge und berauschende östliche Melodien mit vielseitigen kontemporären Sounds kollidieren zu lassen. Dabei gelingt es ihm, das Energielevel stets hochzuhalten. Bleibt nur noch zu hoffen, dass seinem Mix bald die nächste Platte folgt. Leonard Zipper

Silvia Kastel – Fact Mix 785

Silvia Kastel Fact Mix 785

Experimentalmusiker*innen und DJ-Sets – eine liaison dangereuse. Ein Mindset voller verkopfter Sound Art und eine bekömmliche Abfolge von Tracks gehen eben nicht zwangsläufig zusammen. Bei Silvia Kastel verhält sich das grundlegend anders. Die Italienerin, die 2018 mit Air Lows ein faszinierendes Debütalbum vorlegte, kredenzt mit ihrem FACT Mix ein 50-minütiges Bouquet aus zugänglich-abseitigem Spaß.

Los geht’s mit Nelly Furtado, der Schnittstelle zwischen pflichtbewussten Radiohörer*innen und Hipster*innen mit Hang zur sentimentalen, großkalibrigen Pop-Geste. Mit im Mix tummelt sich selbstredend auch eine stattliche Dosis Underground-Credibility. DJ Plead, Rrose, Mans O oder Svbkvlt-Säule Hyph11e im Kode9-Remix geben die grundlegende stilistische Ausrichtung vor: Experimentelle Bass Music mit jeder Menge Schlenkern in atonale Gefilde, durch die Kastel aber behände einen roten Faden webt. Grandios auch 6SISS’ „No Isms” oder Gafaccis „Sweetest Taboo Remix”, der Sades Soul angstlos entrückt, ohne dabei wirklich respektlos zu wirken.

Kastel nähert sich konzeptioneller Extravaganz, wie sie Festivals wie das Unsound oder das Berliner CTM propagieren, verträglicher, zutraulicher als üblich. Aufgesetzte Subversion scheint ihre Sache nicht zu sein. Gehirn und Körper tanzten hier in trauter Einheit – wenn sie denn dürften. Verdient hätte es dieser späte Mix des Jahres. Maximilian Fritz

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Theo Parrish – We Are All Georgeous Monsterss (Sound Signature)

Zwischen einer Viertel- und einer halben Stunde lang sind die sechs Tracks, aus denen We Are All Georgeous Monsterss besteht. Wobei: Von Tracks im eigentlichen Sinne lässt sich hier nicht sprechen. Vielmehr hat Theo Parrish vor dem Hintergrund der durch den Mord an George Floyd weltweit geführten Debatte über Rassismus und Polizeigewalt sowie der ebenso globalen Pandemie-Krise Track-Fragmente, Studio-Jams, Piano-Spuren, TV-Interviews und -Footage, YouTube-Clips und urbane Field Recordings zu Collagen verarbeitet, die als Statement zur aktuellen Lage unmissverständlich klarstellen: Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem mehr auf dem Spiel steht als die Zukunft der Clubkultur. Wichtiger als die Fetzen von Jazz, Blues, Funk, Soul, Techno und House, die auch zu hören sind, ist hier das gesprochene Wort. Eine Unterhaltung zwischen den Literaten James Baldwin und Nikki Giovanni über das Genderverhältnis in der Black Community, Bemerkungen über systematische Rassismen von Michael Eric Dyson, eine historische Debatte zwischen dem ehemaligen Sportler Jim Brown und Lester Maddox, dem seinerzeit offen für die Rassentrennung eintretenden Gouverneur von Georgia, stehen neben Erfahrungen von Alltagsrassismus bei Verkehrskontrollen, Verhandlungen mit Plattenfirmen und Erlebnissen mit Türstehern. Mehr denn je gibt Parrish sich mit We Are All Georgeous Monsterss nicht nur als das Gewissen der Beatdown-Musik zu erkennen, sondern lässt keinen Zweifel daran aufkommen: Black Lives Matter. Für den Zustand unserer Welt ist jede*r einzelne verantwortlich: Mit den Worten „What you wanna do?” lässt Parrish seine zweieinhalbstündige Bestandsaufnahme der Wirklichkeit ausklingen. Harry Schmidt

Der Mix wurde leider von Soundcloud und Bandcamp gelöscht.


Dieser Artikel ist Teil unserer Serie REWIND 2020. Alle Texte und Listicles daraus findet ihr hier.