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Die Platten der Woche mit Baltra, Jacek Sienkiewicz, Legowelt, Robin Wylie und Sepehr

Baltra – Breathe Deep (Future Classic)

Der aus Philadelphia stammende Produzent Michael Baltra vereint auf seiner neuen EP für das australische Label Future Classic seine Vorlieben für melodisch^e Elemente, emotionale Samples und treibende, gerade Grooves. Der Titeltrack stiehlt hier eindeutig die Show mit einer guten Balance aus klassischer House-Perkussion, schiebendem Subbass und zuckersüßen Vocals. Auf „Overdrive” sind die Zutaten ähnlich, doch klingt der Track deutlich pumpender und flirrt zu schnell, um wirklich einnehmend zu wirken. Auf „Good Intentions” schließlich widmet sich Baltra einer Trance-geschwängerten Italo-Ausprägung, die mit ihren großen Arpeggios und sirenenhaften Synth-Stabs Skeptiker:innen des aktuellen Trance-Revivals Anlass zum Naserümpfen geben dürfte. Leopold Hutter

Jacek Sienkiewicz – Pivot EP (International Day Off)

Das Wort „Pivot” hat neben vielen anderen auch die Bedeutungen „Dreh- und Angelpunkt”. Letzterer könnte in der Musik von Jacek Sienkiewicz in seinem Spaß an der Weiterentwicklung von Klängen gesehen werden. Er schafft es, Sounds, die an schlecht geölte Türen erinnern, ins Positive zu wenden und daraus coole Melodien zu bauen oder Synthies klingen zu lassen wie krude Field-Recordings. Immer dominiert bei ihm das Erweitern des eigenen Sound-Reservoirs, aus dem er schöpft und Harmonien, Melodien, aber auch Soundschlieren, spacig-atmosphärische Cluster und Noise kreiert. All das bewegt sich meist in einem steten Fluss ohne Eskalation, ohne das Zelebrieren eines Höhepunkts über ebenfalls überwiegend stoisch-gleichbleibenden Beats, die klanglich nicht die Besonderheit des harmonisch-melodischen Materials weiterführen. Die Grooves fußen auf traditionellem Techno und fungieren als Leinwand, auf der sich das restliche musikalische Material wunderbar kreativ austoben kann. Mathias Schaffhäuser

Legowelt – The Sad Life Of An Instagram DJ (Selvamancer)

Jährlich veröffentlicht der aus den Niederlanden stammende Danny Wolfers als Legowelt oder unter einem seiner unzähligen anderen Aliasse oder als Teil einer seiner vielen Formationen mindestens einmal – während er ständig durch die Welt reist und Sets unter die Leute bringt. Selvamancer, barcelonisches Label in der Hand von DJ Watusawa, veröffentlicht erstmals fünf Tracks von Legowelt – mit mindestens einem richtigen Höhepunkt.

„Alpha Juno Storm Watch” ist Electro mit Acid und Techno – schiebt gut, mit zwielichtiger Melodie, gar nicht mal schlecht. „Soundblaster Pro Tripper”: Der Name schließt an den ersten Track an, klanglich ist er ähnlich, aber wesentlich verhaltener und eigentlich nicht recht spannend. „Kawaii K4 Acid Spring” kann, zumindest was das Klangspektrum in diesen sechseinhalb Minuten angeht, punkten. Das Ergebnis hat was Ambientes, Gediegenes, spart aber nicht am Acid-Sound, und man kann sich gut vorstellen, wie Person X, nach einem Goa-Festival zu Hause auf dem Sofa sitzend, diesem lauschend die Restfertigkeit bongrauchend ausschleicht. Geschmackvoller Move – vom Tripper und Künstler. Aufgepasst, „The Sad Life Of An Instagram DJ”: Instant Classic. Mehr als eine eindringliche, zeitlose, leicht melancholische Melodie und einen Beat braucht es eigentlich nicht. Wie ein guter Koch mit wenig Zutaten Deliziöses delivert, arbeitet Legowelt hier ganz nach Rezept und dem Gusto des Connaisseurs. Wer nach zehnfacher Wiederholung endlich am Ende der EP ankommt, hört mit „No One Wants To Buy My NFT” noch einen relativ unspannenden Track, skippt zu Recht zurück zum Titeltrack und wiederholt diesen, bis der Saft vom Discman endgültig alle ist. Tipp: Ersatzbatterien im Halfter mitführen. Lutz Vössing

Robin Wylie – What Is Zero? (Ritual Poison)

Nach einem Beitrag, „St Pauls”, auf Ritual Poisons letztjährigem Label-Sampler Pharmakon kommt der Ire Robin Wylie auf dem von Bufo Bufo und Corporeal Face betriebenen Label nun full on. Will heißen: mit einer properen Vier-Track-EP. Dafür braut Wylie einen ekstatisch dampfenden Sud aus Techno, Electro und Breakbeats, dessen Genuss unweigerlich zum Dancefloor geleitet. Mal geht’s, wie bei den beiden A-Seiten-Stücken, eher in Richtung bleepender Techno. Dann, beim B-seitigen Eröffnungstrack, mehr hin zu epischem Electro. „Kid Dynamite” entlässt schließlich mit einer zwirbelnden Breakbeat-Explosion. Und für alle Stücke gilt: Die 303 ist stets dabei. Tim Lorenz

Sepehr – Genesis Domain (Dekmantel)

Nach den Pomegranate Skies folgt die Genesis Domain. Was sich auch immer hinter Letzterer verbergen mag, Sepehr nutzt sie auf jeden Fall höchst kreativ. Und das mit selbstbewussten Gesten: Zitiert er in der Bassline des Titeltracks etwa „Fade to Grey” von Visage, um die Trance-Stimmung inklusive regenschwerer Melodieansätze etwas ambivalenter und zugleich zeitlich weiter aufgefächert nostalgisch zu gestalten? Broken Beats, Selassie-Lobpreisungs-Sample und geflüsterte Stimme beherrschen die traumartige Angespanntheit von „Delicate Senses”. Auch nicht unbedingt optimistisch: das Electro-Gerüst von „Twisted Solstice” in Kombination mit leicht nachhallendem Bass, wie Sepehr überhaupt eher nicht für ausgelassene Tanzfreude steht. Dafür kultiviert er eine einnehmende Form von Unbehagen im Club, wenn er etwa in „Planet Lonely” den aufgekratzt geradlinigen Drumcomputer mit einem an Robin S’ „Show Me Love“ erinnernden Bass wehmütig konterkariert. Auch aus mutmaßlich Traurigem kann bekanntlich Schönes entstehen. Tim Caspar Boehme

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