Kaum ein DJ besitzt so viel Respekt und Ansehen in der Techno-Szene wie Zak Khutoretsky alias DVS1. Der aus St. Petersburg stammende und in Minneapolis aufgewachsene Musiker hat sich lange Zeit gelassen mit seinem ersten Album. Eine lange Karriere als Veranstalter von (illegalen) Raves bot kaum Gelegenheit, sich auch als Produzent den eigenen Ideen zu widmen. Erst als er nach einem gescheiterten Club-Projekt aus der Not heraus einen Teil seines Soundsystems verkaufen musste, fand er die nötige Zeit dazu. Dass die ersten Releases dann direkt bei Klockworks und Transmat erschienen, war der ideale „Türöffner”, wie er selbst sagt. Dass sein Album nun bei Jeff Mills’ Axis Recordings herauskommt – ganz ohne Vorankündigung und viele Worte – passt zur straighten Handschrift des Künstlers, der sich noch nie viel aus Personenkult im Techno-DJ-Dasein gemacht hat. Im Interview mit der Groove stellte DVS1 einst fest: „Ich habe nie Techno gemacht, weil es angesagt war oder weil ich berühmt werden wollte. Techno ist meine erste Liebe, meine Familie”


Mit bemerkenswerter Präzision halten sich die Kräfte von Chaos und Ordnung dann in etwa die Waage.


Das Album vertritt diesen ehrlichen, puristischen Ethos genauso wie er selbst. Beta Sensory Motor Rhythm verschreibt sich weder House noch Techno komplett, sondern ergründet wie die Labels HUSH und Mistress (beide unter Khutoretskys Führung) einen Grenzbereich dazwischen. Dass der hier nicht mit Tech-House zu beschreiben ist, sollte jedem klar sein, der DVS1 schon mal hat auflegen sehen. Zur Energie in seinen Sets meinte er mal: „In jedem Moment könnte etwas schiefgehen, in jedem Moment könnte die Welt in die Luft fliegen, aber ich halte sie zusammen.” Ein ähnliches Momentum erschaffen auch die Tracks auf seiner LP.

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Oft finden sich die Elemente schnell zusammen: bereits zu Beginn eines Tracks wirft DVS1 einen hypnotischen Synth-Lead in den Mix, an dem sich dann das meist analoge Rhythmusgerüst abarbeiten darf. Mit bemerkenswerter Präzision halten sich die Kräfte von Chaos und Ordnung dann in etwa die Waage. Da kann der dubbige Opener „Alpha Theta” unter Umständen gleichzeitig zurückhaltend und druckvoll klingen, stiftet der karg-kühle Lead-Loop von „Drifter” zwar Unruhe, wird aber von den verheißungsvollen Pads liebevoll umhüllt, und selbst das energisch nach vorne strebende „Delta Wave” mit seinen trippigen Stabs darf sich auf warm lodernden Subs abpolstern.


Wo andere Produzent*innen auf langsam aufbauende Arrangements setzen, stellt DVS1 den Groove meist direkt und schlicht in den Raum.


Obwohl die Intensität der Platte konstant anschwillt und gegen Mitte der Laufzeit die Techno-Kompassnadel einen deutlichen Ausschlag bekommt, besteht ein Gefühl der ständigen Kontrolle. Selbst wenn es heiß hergeht, die Percussions peitschen und sich schräge Synths in die Höhe schrauben, hält DVS1 das Ruder in der Hand und zwingt den Groove zurück in die Bahn. Das lässt die Tracks nur noch lebhafter wirken, als müsste man ständig an den Zügeln ziehen, um alles noch zusammenzuhalten. Und obwohl die Stücke allesamt stark Loop-basiert arrangiert sind, kommt kein Hauch von Stagnation auf. Einige übergreifende Kern-Elemente tragen die Energie auch über längere Spannungsbögen konstant weiter. Doch wo andere Produzent*innen auf langsam aufbauende Arrangements setzen, stellt DVS1 den Groove meist direkt und schlicht in den Raum. Er entfaltet sofort eine hineinsaugende Wirkung, die mit weiteren Schichten nur noch mehr an Dynamik gewinnt. Einen Genre-Stempel möchte man der Platte ungern aufdrücken, denn ist es vielmehr die zurückgenommene und trotzdem unbestreitbar kraftvolle Präsenz des Künstlers, die sich in seiner Musik widerspiegelt.