Buchcover Foto: bleep.com

Von der Techno-Hauptstadt Sheffield labert heute niemand mehr. Das war vor 30 Jahren anders. Im nördlichen UK taumelte eine No-Future-Generation an Jugendlichen auf der Suche nach einer Zukunft über einen Sound, der Subwoofer zerfetzte. Bleep & Bass war der Punk der elektronischen Musik. Schnell, brachial, ekstatisch. Zwischen Chicago House und karibischer Soundsystem-Kultur, einer Assemblage aus Sci-Fi-Futurismus aus Detroit und dem Nachhallen des Summer of Love – Bleep schepperte von den Clubs bis in die Charts. Matt Anniss, ein britischer Journalist und Autor, hat die Geschichte in seinem Buch Join The Future – bleep techno and the birth of british bass music aufgeschrieben. Und beginnt gleich mit einem Zugeständnis: Bleep & Bass sei nicht die Genesis der elektronischen Musik in Großbritannien.

Es gab vor 1989 Leute, die House und Techno in England produzierten. Der Großteil davon waren billige Kopien von Dancefloor-Hits aus den USA. Mit Bleep & Bass wehte der Wind plötzlich von der anderen Seite des Atlantiks. Der Sound, der in kleinen Bedroom-Studios auf Billo-Equipment entstand, war neu, anders – und vor allem britisch. Mit Bleep konnten sich junge Leute identifizieren, die zwischen Reggae-Soundsystems und Northern Soul aufwuchsen. Aus ein paar Typen, die auf Synthesizern rumspielten, wurde eine Bewegung. Die Produktivität war riesig, die Rivalität noch größer. Unique 3, LFO und Nightmares On Wax prügelten mit nie gehörten Bässen auf eine Crowd ein, die nur darauf wartete, von immer schnellerer und frenetischerer Musik abgeholt zu werden.

LFO - LFO (Warp)
LFO – LFO (Warp) Foto Petersdiscs

Die Sache war gut vorbereitet. Mitte der 80er veränderte sich die Szene im Norden. Jazz-Funk und Boogie gingen über in House – auch wenn den noch niemand so genannt hat. „Es war einfach Clubmusik”, so George Evelyn von Nightmares On Wax. Aber auch ohne Namen war da mehr: Ibiza und der Summer of Love, Ecstasy, das Viagra der House-Musik, und die musikalischen Importe, die Mitte der 80er aus Chicago und Detroit über den Teich schwappten, um in Yorkshire zur Initialzündung zu führen. Kein Wunder, dass Autor Matt Anniss erst nach 77 Seiten zur Geburt von Bleep & Bass kommt. Viele Jahre der unerzählten und deshalb viel zu oft vergessenen Hintergrundarbeit brauchen Platz. Und Zeit, um das Fundament von Bleep & Bass zu gießen. Anniss spricht mit vielen, die sich in der Yorkshire-Szene tummelten, beleuchtet ehemalige Micro-Szenen um Bradford, Leeds und Sheffield mit einem Hang zur Detailverliebtheit, mit der sich ganze Bücher über einzelne Episoden füllen ließen. Andauernd möchte man zwischen den Zeilen zu YouTube switchen, um sich Tracks wie „Ital’s Anthem” oder das obskure Technoprojekt von Richard H. Kirk reinzuziehen. Oder einfach aus der Bleepography, die Anniss zusammengetragen hat, eine Playlist zu basteln.

Die Stärke der Oral History von Join The Future – bleep techno and the birth of british bass music liegt in der Art, wie Anniss die Knotenpunkte verbindet. Er fragt bei den Leuten, die Ende der 80er dabei waren, die elektronische Musik umzukrempeln. Er hört zu und kommentiert – nüchtern, ohne sich ihnen entgegenzustellen. Anniss schreibt auf, was ihm die Leute erzählen, bringt das Stimmengeflecht der Pioniere (ja, Frauen kommen hier offensichtlich keine vor) in einen Kontext. Das mag sich zuerst zu einer wirren Ansammlung an Details fügen, tut aber seinen Zweck. Die Momente um 1989 werden spürbar, die verschiedenen Perspektiven machen unterschiedliche Blickwinkel auf, die im Dunstkreis einer überschaubaren Bewegung zusammenführen. Erst dadurch empfindet man die Verbindungen vergangener Rivalitäten nach, die dazu führten, dass sich Crews aus unterschiedlichen Städten in einem ständigen Wettbewerb um die bessere Platte, den krasseren Beat, den tieferen Bass battleten. 

Matt Anniss (Foto: Privat)

Den großen Namen schenkt Anniss eigene Kapitel. Ohne Unique 3, LFO und Nightmares On Wax lässt sich die Geschichte von Bleep nicht erzählen. Ohne Robert Gordon, den eigentlichen Gründer von Warp, auch nicht. Und ohne den Organisationen, die dafür sorgten, dass die Platten in den Clubs und bei den DJs landeten, kann man die Zukunft, wie Anniss den Sound des britischen Nordens nennt, genauso wenig erklären. Zwischen All-Dayer-Partys, Plattenläden wie FON und Labels wie Warp Records zeichnet Anniss die Verbindungen nach, zeigt aber auch auf, wie wichtig Kurzzeit-Labels wie Bassic oder Chill Records für die Szene waren. Das Gefühl, dass das was Großes werden könnte, schwebt permanent über den Zeilen. Manche Verträge, schreibt Anniss, schloss man hinterm Club im Auto ab. Wenn man den Aussagen Glauben schenken möchte, waren für einen Moment auch Leute dabei, die das tatsächlich selbstlos und aus Liebe zum Sound getan haben. Erst als die Sache durch die Decke ging, von manchen Platten über 100.000 (!) Stück verkauft wurden und Platten wie LFO die britischen Charts durcheinanderwirbelten, rochen die Leute das große Geschäft.

Video-Forgemasters -Track With No Name

Der Kommerz brachte das Ende – so schnell wie sich Bleep & Bass im Norden Englands aus den Bedroom-Studios ballerte, so schnell verpufften die dröhnenden Bässe. 1991 waren die Pioniere längst weitergezogen, immer mehr Nachahmer versuchten die letzten Kerne aus einer gepressten Zitrone zu quetschen. Das ging nicht immer gut. Trotzdem hat sich der Sound in die Identität der elektronischen Musik eingehämmert. Die verzwickten Rhythmen, die tonnenschweren Subbässe, mit denen man ganze Anlagen zerschießen konnte, rütteln im Drum’n’Bass der späten 90er genauso mit wie in den Grime-Produktionen der 2010er Jahre. Die frühen Veröffentlichungen von LFO, Nightmares On Wax sowie Sweet Exorcist und Forgemasters (übrigens alle auf Warp) bleiben Bleep-Banger. Und doch war die Bewegung viel größer. Matt Anniss zeichnet die Bandbreite eines Sounds nach, der als Vorbote der Intelligence Dance Music ebenso wie von Hardcore, Jungle, Dubstep und Bass Music gilt. Das ist heute so relevant wie damals.

Parallel zu seinem Buch hat Matt Anniss eine Compilation mit essentiellen Bleep & Bass-Tracks veröffentlicht. Unseren Review zu Join the Future findet ihr hier.