upsammy – Zoom (Dekmantel)

Tau tropft von den jungen Blütenständen einer Trauerweide, die Sonne wellt sich über Facettenaugen glänzender Smaragdlibellen, während der Wind süße Düfte am Ufer entlang trägt – alles ist ruhendes Arrangement und doch vollkommen der Dynamik fraktaler Reflexionen erlegen. Was die Natur vom Mikroskopischen bis zum Überwältigenden durchskaliert, fügt Thessa Torsing als upsammy in einen audiovisuellen Kontext, der Licht, Luft und Loslösung zu definierenden Sound-Markern erklärt. Nach jeweils zwei träumerischen EPs auf Sjoerd Obermans Nous’klaer Audio und Oliver Hafenbauers Die Orakel debütiert die junge Amsterdamer Produzentin nun auf Dekmantel mit ihrem ersten ausgewachsenen Album Zoom, das der Intelligent Dance Music tatsächlich neue Vitalität angedeihen lässt. Absehbar war das nicht.


Inmitten dieser luziden Klangökologie scheinen Melodien wie Rhythmen zu sprudeln, zu schimmern, zu schwimmen.


Als sie sich vor ein paar Jahren bei der Hogeschool voor de Kunsten in Utrecht einschrieb und nebenbei als VJ arbeitete, wollte sie nämlich eigentlich Musikvideos kreieren. „Das war mein ursprüngliches Ziel, weil ich Musik und Videos wirklich sehr mochte”, erinnert sich die aufmerksame Naturbeobachterin in einem Interview mit De School aus dem vergangenen Herbst. „Ich realisierte, dass Videos ein wichtiges Element von Erfahrungen im Nachtleben sein können. Also begann ich mit dem Entwerfen von Fotografien und Bewegtbildern und glaube, dass mir das erlaubte, freier mit meiner eigenen Musik zu arbeiten, da sie nicht unmittelbar mit einem Nachtclub verbunden war und deshalb auch keinen bestimmten Parametern folgen musste.” Torsing selektierte zu diesem Zeitpunkt schon sehr genau, mit wem sie an welchen Projekten zusammenarbeiten will, und ließ sich zwischen diesen Zeit, um Ideen zu sammeln, mit ihnen zu spielen und zu experimentieren. Kollaborationen mit Künstlern wie Leeza Pritychenko oder Sjoerd Martens für das Netherlands Institute for Sound and Vision RE:VIVE demonstrierten in den letzten zwei Jahren ihre Faszination für das Zusammenspiel von Bild und Klang, dem sie sich in immer neuen Ausprägungen widmet.

Zwar ist Zoom ein primär auditiv anregendes Erlebnis, doch sucht der menschliche Temporallappen bei der innerlichen Verortung von Musik immer auch nach einer optischen Entsprechung, erzeugt aufblitzende Momentaufnahmen, gespeist aus Assoziationen, Erinnerungen, synaptischen Verschränkungen. In upsammys akustischen Stilleben geht es dabei um die Struktur von Oberflächen, perspektivische Staffelung, Immersion durch Räumlichkeit. Was das Intro „Melt In My Heated Hands” mit Wasser-Samples unter dem Anfluten und Abebben flirrender Pads vertont, manifestieren Tracks wie „It Drips” oder „In A Shade” auch in delikaten Drum-Patterns, deren Klangfarben weitgehend am heimischen Eurorack zusammengeschraubt wurden und daher ungemein plastisch wirken. Kristallklar hebt sich auch im Verlauf von „Send-Zen” oder dem enigmatischen „Overflowering” jede Spur aus der Produktionssumme ab, tönt definiert und wird etwa in „Extra Warm” oder dem Phyto-technoiden „Reality Places The Platform” von gerade genug Harmonie zusammengehalten, um nicht zur bloßen Mikrostudie in Sachen Sounddesign zu verwässern – als schauten wir über die Oberfläche eines Sees, dessen Wellenmuster sich jede Sekunde tausendfach brechen und erfolgreich reproduzieren.


Was die Natur vom Mikroskopischen bis zum Überwältigenden durchskaliert, fügt Thessa Torsing als upsammy in einen audiovisuellen Kontext.


Inmitten dieser luziden Klangökologie scheinen Melodien wie Rhythmen zu sprudeln, zu schimmern, zu schwimmen. Zoom verfolgt so eine vor allem auf Mitten und Höhen spezialisierte Ästhetik, die mit wenigen Mitteln das Große im Kleinen fokussiert und während dieses Prozesses nahezu rauschhafte Klarheit erreicht. Aus einem Fundus von über 50 Tracks sorgsam kompiliert, lässt dieses Album erahnen, wie viel Thessa Torsing noch in petto haben muss. Nils Schlechtriemen