AceMoMa – A New Dawn (HAUS of ALTR)

Früher gab’s im Skatepark zwei Möglichkeiten: Entweder plärrte Punkrock à la NoFX aus dem Ghettoblaster oder der Wu-Tang Clan mischte sich mit Ganja-Geruch unter Baggy Pants. Wer Techno hörte, konnte die ärgsten Playstation-Skills auspacken – und war trotzdem der Außenseiter, den man nur wegen Pillen anhaute. Kein Wunder, dass Skateparks heute leer sind wie ausgebrannte Business Punks auf zu viel Kokain. Schließlich ist Techno wieder mal das große Ding, alle wollen raven, aber nur wenige reißen den Laden ab. Wyatt Stevens alias MoMA Ready, Ende 20, aus New York und Skater, betreibt mit HAUS of ALTR ein Label, das gerade für Heat in der Szene sorgt. Gemeinsam mit Producer AceMo (Adrian Mojica) vermischt er Detroit Techno mit Chicago House, UK Jungle mit Hip-Hop-Attitüde, um zurück zu den Wurzeln zu gelangen und afroamerikanischen Teenagern das Vermächtnis von Underground Resistance näherzubringen.

„Für eine ganze Zeit lang hatten wir nur die großen Namen, die Legenden von früher – jetzt gibt es eine Generation, die die Geschichte von Techno fortsetzt”, sagt Stevens im Interview mit Jenkem, jenem Label, auf dem 2019 die Debüt-EP von AceMoMa, seiner Kollabo mit AceMo, erschien. Eine Veröffentlichung, die die roughe Energie von frühen Planetary Assault Systems-Platten auf Peacefrog genauso einsackelt wie deepen Chicago House von Trax Records und technoide UK-Breakbeats auf 90er-Scheiben bei Metalheadz. Musik also, die mit einem Auge in die Vergangenheit schielt, aber unverkennbar den Sound zweier Typen einfängt, die Anfang der 2010er-Jahre damit begonnen haben, auf einer gecrackten Ableton-Version Beats für ihre Skatevideos zu bauen. Inzwischen haben beide ihren Stil gefunden. AceMo kam von Lo-Fi-Gedudel über House-Ausflüge zu hyperrealem Techno-Jungle für die Langstrecke. Stevens, der solo als MoMA Ready produziert, hat erst im Januar ein neues Projekt gestartet. Mit Gallery S schleppt er sich in den „versteckten Raum, wo ich meine innersten Gedanken, Ängste und Wünsche verberge.” Und dann ist da noch A New Dawn, das erste gemeinsame Album, das bei HAUS of ALTR erschien.

„Die ausgehöhlte Kickdrum auf „Amen 2 Swing” presst dem Break im Viervierteltakt die Luft aus den Röhren, lässt ihn ein paar Sekunden röcheln und scheppert schließlich über ein
aufgeritztes Rave-Riff.”

Die Sounds, die man darauf zu hören bekommt, hat man – surprise – an anderer Stelle schon einmal gehört. Man weiß nur nicht genau wo, was die Sache ein bisschen unheimlich macht. Samples, Basslines – alles nicht neu und in manchen Ohren eigenartig bekannt, zumindest wenn man sich in den letzten 20 Jahren in den ein oder anderen Club verirrt hat. Die ausgehöhlte Kickdrum auf „Amen 2 Swing” presst dem Break im Viervierteltakt die Luft aus den Röhren, lässt ihn ein paar Sekunden röcheln und scheppert schließlich über ein aufgeritztes Rave-Riff. „Disrupt The System” prescht im Flugmodus durch den Acid-Parcour und katapultiert in fünfeinhalb Minuten trotzdem mehr Energie in einen Track als Richie Hawtin in ein ganzes Set. Manchmal, wie auf „Distant Peak”, verrutscht das Unheimliche in ein heimliches Unbehagen – gestretchte Snares schnippeln zwischen einer Bassline, die AceMo im Original bereits auf seiner 2019er-Hymne „Where They At???” ohne Schuld und Sühne gecovert hat. Trotzdem passt das, irgendwie. Und zieht dem Crossover zwischen Jungle und House die Hosen runter.

„Als Teenager war ich oft bei Breakdance-Jams, nahm an Battles teil und spielte bis zur High School Schlagzeug. Diese vertrackten Rhythmen hören sich in meinem Kopf einfach sinnvoller an als in anderen”, so Stevens, der Breakbeats über alte Underground-Resistance-Platten pflastert. „Das ist eine meiner Lieblingsideen beim Produzieren.” Er bezeichnet Robert Hood als großen Einfluss, will aber auch andere Detroit-Legenden einem größeren Publikum bekannt machen. Gerade in New York habe es bis vor Kurzem kaum mehr Diversität im Club gegeben – „auch hinter den Decks.” Stevens will das gemeinsam mit AceMo ändern, die Aufmerksamkeit auf das Erbe von Techno und House lenken. A New Dawn ist da nur der Anfang, der den Sound der Vergangenheit zurück in den Skatepark bringt. Christoph Benkeser