Wenn die Vergangenheit in Form von verinnerlichten, verkörperten Musikerfahrungen auf die aktuelle Befindlichkeit drückt, kennt die Begeisterung kein halten mehr, zumindest wenn sich das Alte als so toller, neuer Avantgarde-Pop manifestiert wie im ersten Soloalbum von Stefanie Schrank, die ansonsten bildende Kunst fabriziert und seit fast zwanzig Jahren bei den Kölner Indierockern Locas In Love und Karpatenhund am Bass arbeitet. Unter der Haut eine überhitzte Fabrik (Staatsakt) vernetzt die davor liegenden Dekaden von motorischem Synthesizer-Krautrock, Synth-Wave und Indie-Electronica in kluge, deutschlische Popmusik von kosmischer Übersicht und bodenständiger Melancholie. Eine beeindruckend kluge und lebensnahe Innerlichkeit, wie sie ähnlich etwa von Barbara Morgenstern in Songs gegossen wird, nur dass Stefanie Schrank den Sound analoger Synthesizer über herkömmliche Rockinstrumentierung stellt.

Video: Stefanie Schrank – Spooky Action

Ebenfalls in Köln, aber seit ein bis zwei Musikergenerationen früher wirkt der Gitarrist Dominik von Senger, dessen schmale Diskografie seine zentrale Position in der hiesigen experimentellen Musikszene nicht mal annähernd widerspiegelt, ihm aber immerhin drei Veröffentlichungen auf dem freidenkerischen New Yorker House-Label Golf Channel ermöglichte. Brüsseler Platz (Inversions) ist ein verlorenes Tape von 1981. Aufgenommen in Sengers WG-Wohnzimmer am titelgebenden Brüsseler Platz, kurz vor dessen Gentrifizierung (heute die Outdoor-Partymeile und Cornering-Ecke Kölns schlechthin) findet sich auf dem Band eine ziemlich abrupt zusammengeschnittene Collage von Trackskizzen, dadaistischem Humoreinschüben und richtig ausgespielten Songs. Die äußerst lässigen Jams bewegen sich zwischen Krautrock, Improv-Freakout, psychedelischem Funk und Proto-House, in denen jede Menge bekannter und unbekannter kölscher und internationaler Prominenz mitwirkte, etwa Rebop Kwaku Baah von Traffic, Jaki Liebezeit von Can und der spätere Harald Schmidt Show-Bandleader Helmut Zerlett und dessen Tochter Isis, die, wie hier dokumentiert ist, schon als Kleinkind an eine spätere Musikkarriere herangeführt wurde. Senger, Zerlett und andere Kölner Musiker*innen ihrer Generation spielen auch heute noch regelmäßig zusammen in schönen und souverän improvisierten Jam-Sessions. So unformatiert und enthemmt wie auf diesem wohl nie für eine Veröffentlichung vorgesehenen Tape spielen sie heute allerdings nicht mehr auf. So ist Brüsseler Platz nicht nur hellsichtiges Zeitdokument, das einige der wieder topaktuellen Sounds zwischen Köln und Düsseldorf vorwegnimmt, sondern ebenso eine melancholische Zeitreise in vergangene Freiheiten. Wobei es Musik, die ungezwungen, quasi „natürlich“ weird wird, wohl immer geben wird. Der Brite Alexander Tucker, neben der Musik als Comiczeichner aktiv, ist so einer, dem es mühelos gelingt Drone-Metal und Mittelalter-Folk mit neuzeitlicher Elektronik zu verschmelzen ohne dass es im geringsten angestrengt wirkt. Höchstens phasenweise anstrengend, wenn Tuckers manierierter Gesang zu sehr im Vordergrund steht. Das wird aber durch den faszinierend seltsamen, hochgradig psychoaktiven Gitarren-Electro-Sound auf The Guild Of The Asbestos Weaver (Thrill Jockey) allemal wettgemacht. Improvisiert, leicht psychedelisch und droney aber nicht ganz so weird agiert der in Berlin lebende dänische Gitarrist Rolf Hansen auf Elektrisk Guitar (Karaoke Kalk). Anders als in seinem Bandprojekt Il Tempo Gigante spielt er auf dem ersten Album unter seinem Eigennamen weniger instrumentale Songs als “loopige” Pedal- und digital verhallte Tracks, die oberflächlich betrachtet als äußerst angenehm einlullende Lounge-Jazz Stücke daherkommen, sein immenses, einer Vergangenheit in der dänischen Improv-Szene wie als Sessionmusiker geschuldetes instrumentales Können aber nie versteckt. Was so vielleicht erstmal ein wenig seicht, wenn auch wunderschön, wirken kann, ist doch detailstark und profund.

Stream: Rolf Hansen – Blik

Eine gewisse Neigung zu einer hippiesken Soft-Psychedelik lässt sich dem kalifornischen Duo aus Brijean Murphy und Doug Stuart alias Brijean wohl kaum absprechen. Ihr superlässiges und ganz leicht sixties-avantgardistisch angehauchtes Debüt, die Walkie Talkie EP (Native Cat/Melodic) hat von Afrobeat, Dub, Easy-Listening, Exotica bis Lowrider-R&B, Westcoast-Hip-Hop und viel Sonnenwärme und strandnahe Salzluft so ziemlich alles auf sich einwirken lassen, was im immer noch leicht gegenkulturell geprägten Universitätsstädtchen Berkeley so an Sounds herumschwirrt. Die lockere Perfektion ihrer Song-Tracks zeigt, dass beide schon lange in der Indie-Szene Berkeleys aktiv sind, zum Beispiel als Gäste und Sessionmusiker bei Toro Y Moi und U.S. Girls. Kazu Makino, Sängerin und Gitarristin der New Yorker Indie-Rocker Blonde Redhead hat sich ebenfalls mächtig Zeit gelassen für ein eigenes Album. Auf ihr Solodebüt warten wir jetzt schon knapp fünfundzwanzig Jahre sehnsüchtig. Kazu, die zur Zeit auf der Mittelmeerinsel Elba lebt, hat sich diese Reifeperiode und Auszeit von der Band genommen, um einen eher introvertierten, eher elektronischen und verglichen mit dem Bandsound sehr unrockigen Song-Ambient zu perfektionieren, der unverkrampft avantgardistisch daherkommt und gleichzeitig doch feinster Pop bleibt. Die lose dahinfließenden Stücke von Adult Baby (Adult Baby/K7!, VÖ 13. September) wirken wie Skizzen, lassen viel Luft und lose Enden, und sind darin nicht weniger schlüssig und überzeugend als die besten Blonde Redhead-Stücke. Die wieder zum Boy/Girl-Duo geschrumpften HTRK haben inzwischen einen ähnlich abgeklärten, wie luftig lässigen Sound perfektioniert. Venus in Leo (Ghostly International) muss nichts beweisen, nährt sich von aufgeklärt erwachsener Popmusik ebenso wie von leicht experimentellen Elektroniksounds. Jonnine Standish und Nigel Young schreiben immer noch wunderschöne und schlaue, kultursatte Songs, die vielleicht sogar etwas wenig düster geraten sind als gewohnt. 

Video: Kazu – Salty

Wenn junge Menschen nicht wissen, wohin mit ihrer überquellenden Inspiration und ihrem scheinbar grenzenlosen Talent, muss das nicht unbedingt in großartiger Musik enden. Bei Sequoya Murray ist aber alles gut gegangen. Der zweiundzwanzigjährige aus der Trap-Metropole Atlanta, Georgia denkt gar nicht daran die etablierten Styles seiner Stadt zu bedienen. Stattdessen ist sein Debütalbum Before You Begin (Thrill Jockey) ein wundervoller, an keiner Stelle gezwungen wirkender Cocktail aus Avantgarde-Pop, Dark Wave, Afrobeat und einem eigenwilligen Prog-R&B. Hat mal etwas von Blood Orange, wobei Murray musikalisch und stilistisch weitaus variabler ist. Benjamin Clément, aber weniger anstrengend genial, und als Black Music gewendetem Synthpop. Murray kann schmeicheln und croonen wie Devonte Hynes, aber genauso gut aus dem unteren Register ziehen wie Martin Gore von Depeche Mode, wenn der Song danach verlangt. Faszinierendes Debüt das Eklektizismus als Idee und vor allem als Praxis, was ihn zu hundert Prozent sympathisch macht. 

Video: Sequoyah Murray – Penalties of Love

Zwischen Techno, Synthpop und Dark Wave mag nicht mehr viel Platz für außergewöhnliche oder radikal neuartige musikalische Ideen sein, für tollen, herzwärmenden (oder kühlenden) Pop ist Raum und Zeit genug, wie drei aktuelle Platten, allesamt von Duos zeigen. The Golden Filter, die zur Zeit von London aus agierenden Penelope Trappes und Stephen Hindman, haben sich in den vergangenen zehn Jahren von einem eher konservativen Verständnis von Cold Wave zu einem deutlich von Rave-Erfahrungen mit Techno, House und Italo-Disco inspirierten, offenen wie experimentellen Electronica Sound entwickelt. Autonomy (4GN3S) vernachlässigt aber dennoch nie die Kernkompetenz des Duos, feine atmosphärische Popmusik zu machen. Das Berliner Duo Yeah But No! findet die Balance zwischen aufgeregter Kühle und introvertierter Üppigkeit ebenso leicht. Ihr Sound kommt konventioneller daher, bedient sich vorwiegend beim Synthpop und Shoegaze der Achtziger, verstanden aber mit einer Techno-Sozialisation, also ohne besonders Retro klingen zu wollen. Was aber Demons (Sinnbus)  angenehm macht, ist das feine, leichte Songwriting, das der melancholische Schwere der Instrumentierung ein Gegengewicht setzt. Die beiden Kopenhagener von Lust For Youth haben ihr zehntes Album in zehn Jahren nach sich selber benannt. Mit gutem Grund, denn auf Lust For Youth (Sacred Bones) ist ihr früherer noch von Industrial und Noise geprägter Lo-Fi Dark Wave Sound endgültig einem brillanten, hochpolierten Synthpop gewichen, der mit dem besten Achtziger Acts mithalten kann. Einzig der zwischen gelangweilt überlegen und manieriert theatralisch wechselnde Gesang Hannes Norvides ist gleich geblieben. Lust For Youth zielt mit Verve auf die Charts und das ist gut so.

Video: The Golden Filter – Autonomy

Noah, die wohl außergewöhnlichste und undergroundigste J-Pop Diva, hat ihr Genre bereits mehrmals jenseits der durchaus engen Grenzen japanischsprachiger Popmusik geführt. Hin zu Ambient, zu experimentellem Instrumental-HipHop und Bedroom-R&B. Ihre jüngste musikalische Metamorphose Thirty (Flau, VÖ 18. Oktober) führt sie wieder weg vom düster-unheimlichen urbanen Neo-Soul, den sie zuletzt verfolgte, tief hinein in ein ganz neu imaginiertes Japan der Achtziger, in dem zuckersüßer Synthpop, Vaporwave und analoger Electro-Boogie eine herrliche Synthese eingehen. Entgegen der eighties-glamourösen Anmutung der discokugelig glitzernden Oberfläche ihrer Stücke bleibt ihr Charakter allerdings weiterhin tief melancholisch und leicht außerweltlich bis unheimlich. Eine fein vibrierende Restunruhe, die aus dem nicht ignorierbaren Gefühl heraus entsteht, dass die pastellig neonbeleuchteten Disco-Nächte im Boom-Tokio dieser Tracks so nie stattgefunden haben können, ihr Soundtrack also eine Nostalgie für das Versprechen einer vergangenen Zukunft darstellt, die nie manifest wurde, sogar unmöglich war, aber als fundamental unnostalgische Utopie weiterhin in die Zukunft weist und ihrer Lebenswerdung harrt. Das Versprechen jeder wirklich wichtigen und großen Popmusik. Noah ist an diesem Versprechen näher dran als fast alle anderen. Die indische Produzentin Sandunes aus Mumbai taucht ähnlich tief in ein mellow loungiges Achtziger-Sentiment ein. Die Tracks ihrer EP 11:11 (K7!) sind allerdings weniger Vaporwave-dekonstruktiv denn ernsthaft chillig und enthalten nur noch Spurenelemente ihrer früheren 2-Step-und UK-Garage-Faszination. Feinste, semi-instrumentale Popmusik geben allerdings auch sie ab.

Stream: Noah – メルティン·ブルー 

Alyssa Auvinen Barrera stammt aus dem Grenzland der USA und Mexiko. Sie lebt nach einem Musikstudium in New York zur Zeit in Wien. Oder vielleicht doch eher in einer dunklen, von statischer Elektrizität erfüllten Echokammer? Die technoide Knister-Electronica, die sie unter dem nerdigen Alias LDY OSC (wobei OSC für Oszillator steht) fabriziert, ruft jedenfalls weder Assoziationen zur sonnenverbrannten Wüstentrockenheit von Texas noch zum gemütlich rauchwaren-affinen Indie-Electro der österreichischen Hauptstadt wach. Stattdessen dominiert auf sōt (Kontra Musik) eine hochgradig abstrakte Form von Acid und Dub (nicht unähnlich dem eigenwilligen Neo-Acid Sound ihres Lebenspartners Tin Man, aber düsterer), die das genre-immanente Restleben von Party zu schwarzer Asche aus reinem Klang verfeuert hat – das legt zumindest der Albumtitel “sōt“, altenglisch für Ruß, nahe. Trotz aller elektrischen Finsternis ist ihr Albumdebüt auf eine unpersönliche und doch nahbare Weise weniger kühl als der Sound ihrer Combo Artefactos de Dolor mit Todd Sines und Charles Noel. Deren beeindruckendes Debüt La Niña (Helic.Al) sucht die Synthese von mexikanischem Minimal-Wave mit texanischem Tribal-EBM. Eine karge Dunkelheit, in der Zuneigung nicht ohne Entfremdung und Schmerz zu bekommen ist, Hedonismus und Sex sich in Masken abwaschbarer, schwarzer Fetischware kleiden. Die IDM-Electronica des Brasilianers Ricardo Donoso ist nur unwesentlich weniger finster und von schwermütigem Noise durchzogen wie die Barreras. Und doch hat Donosos Sound eine ähnlich Qualität des beinahe gemütlich heimischen in einer erstmal abweisend anonym wirkenden Architektur. Seine Beats sind noch weniger gerade und vermeintlich formloser, doch umso genauer konstruiert. Eine genau eingegrenzte, freie Form, die Donoso in der vergangenen Dekade perfektioniert hat, und die auf Re_Calibrate (Denovali), einer Art Rework oder Neueinspielung seines Calibrate-Albums vom vergangenen Jahr, in urtypischer Form dokumentiert ist.

Stream: Artefactos de Dolor – AI Revés

Das ursprünglich tunesische, inzwischen weltweit verteilte und wieder zusammengesetzte Produzent*innen-Kollektiv Arabstazy hat für die Fortsetzung der auf drei Teile angelegten Kompilation Under Frustration Vol.2 (Infiné) sogar noch stärkere Stimmen und interessantere, eigenwilligere Positionen gefunden als in der ersten Folge vom vergangenen Jahr. Die Kompilation ist angetreten, die Vielfalt der panarabischen elektronischen Musikavantgarde zu zeigen, einer Szene, die keinesfalls homogen ist, sich gleichermaßen auf die aktuellen (Post-)Club Sounds aus Berlin, London und Brooklyn beziehen, wie auf diverse traditionelle Klänge – über religiöse, ethnische und nationale Grenzen hinweg. Das musikalische Erbe ihrer jeweiligen Heimat ist für die Künstler*innen ebenso wichtig wie die globale Soundwelt, gerade auch wenn sie aus der Diaspora kommen, wie über die Hälfte der vertretenen Arbeiten. Der prominenteste Beitrag dürfte von DJ Haram stammen, die hier ihr komplexes Verständnis von musikalischer Vererbung (siehe Motherboard vom Juli diesen Jahres) in eine spektakuläre Basswalze gegossen hat. Die Mehrzahl der Stücke bewegt sich zwischen ekstatischem, äußerst tanzbaren, arabesken Breakbeats und von experimentellem Free Jazz beeinflussten Improvisationen (gerne in Loops rhythmisiert). So gibt der abschließende Field-Recording-Drone der Newcomerin Miss Machine den ruhigen Deep-Listening Gegenpart zu DJ Harams Clubtune. Die Erlöse des Albums kommen übrigens teilweise der NGO Basmeh & Zeitooneh zugute, das syrischen Flüchtlingen im Libanon hilft, Arbeit und Ausbildung zu finden. Der Berliner Israeli Roi Assayag war schon auf dem ersten Teil der Under Frustration Trilogie vertreten. Unter seinem Alias Tropikal Camel entwirft der ansonsten als „Rocky B“ aktive Hip-Hop Produzent aus Jerusalem ein synkretistisch-utopische Musikwelt des nahen Ostens, die kurdische, nordafrikanische wie hebräische Traditionen als moderne Multifunktions-Bassmusik miteinander versöhnt. Nach einigen Mixtapes ist Awakening Spirits (Rebel Up Records) sein erstes Album. Ein starkes Statement, das die Möglichkeit einer panarabischen musikalischen Spiritualität jenseits politischer und religiöser Konflikte (aber im steten Bewusstsein seiner ost-west-östlichen Migrationsbiografie) glaubwürdig behauptet. 

Stream: Under Frustration Vol.2: Saint Abdullah – Zeynab

Das Münchner D-Step Trio Carl Gari, deren musikalischer Hauptakteur Jonas Yamer das tolle Freistil-Techno-Breakbeat Label Molten Moods betreibt, haben sich ebenfalls einer eigenwilligen Verbindung von Dubstep und Electronica mit arabischer Musik verschrieben. Für Carl Gari ist der Kairoer, inzwischen im französischen Exil lebende Sänger und Poet Abdullah Miniawy die Verbindung zwischen nicht nur musikalisch fremden Welten. Nach zwei tanzbaren EPs ist das gemeinsame Albumdebüt The Act of Falling from the 8th Floor (Whiti.es) noch etwas melancholischer und dunkler geworden. Eine düstere Bestandsaufnahme der ägyptischen Gesellschaft orchestriert als introvertierte Post-Club-Elektronik und düsterster Trip-Hop. Die Sängerin Emel Mathlouti, eine der prominentesten Stimmen des arabischen Frühlings in Tunesien lebt seit knapp zehn Jahren im Exil, erst in Frankreich und seit kurzem in New York. Auf ihrem zweiten Diaspora-Album Everywhere we Looked was Burning  (Partisan) singt sie vorwiegend auf englisch, was der Dringlichkeit und emotionalen Kraft ihrer experimentellen Trip-Hop- und Synthpop-Songs allerdings keineswegs schadet. Von der Reichweite und der ausprobierend Grenzen einreißenden Qualität ihre Stücke her, ist sie inzwischen schon so etwas wie die Björk der (nicht nur) arabischen Popwelt.

Video: Emel Mathlouti – Rescuer

Ihr frei- wie zeitgeistiger Groove Podcast 204, in dem gerade und ungerade Beats, Techno, Electro, Dubstep und Drum‘n‘Bass gleichberechtigt miteinander feiern durften, klingt noch nach, da hat die Brooklyner Produzentin mit georgischen Wurzeln Sophia Saze ein massives, zweiteiliges Debütalbum nachgeliefert, das den bollernden Party-Vibe ihrer DJ Sets mit einem eher introvertierten, an Dubstep und Dark Ambient orientierten Sound konterkariert. Die vierzehn bzw. fünfzehn Tracks der Tapes Self Part I (Kingdoms) und Self Part II (Kingdoms) wirken vergleichsweise introvertiert, nur hin und wieder verirrt sich ein zögernder Dubstep in die Tracks, und länger als eine Minute halten die Beats selten durch, bevor sie sich in den Hintergrund aus Field Recordings und knisterndem Ambient wieder in die Selbstaufgabe verstolpern. Die verrauscht-verlorene Schönheit des Unaufdringlichen, Unfertigen, Fragmentarischen, die zum Beispiel Burial in Tracks wie „Night Bus“ oder „Prayer“ andeutete, sind von Sophia Saze zu einer vielfach gesplitterten Spiegelcollage neu zusammengesetzt worden und in Lofi-Perfektion zu einer großen Erzählung gefügt. 

Stream: Sophia Saze –  Mtvare (მთვარე) 

Die nigerianisch-britische Produzentin Klein ist zwar geographisch näher an den Quellen des genuin Londoner Dubstep Vibes, musikalisch hat sie ihn allerdings sehr weit hinter sich gelassen. Was an üblichem 2-Step, Breakbeat oder R&B-Ideen auf ihrer Hyperdub EP Tommy noch präsent war, hat sich auf Lifetime (IJN Inc.) fast komplett in den Äther verkrümelt. Viel eher ist ihr zweites Album eine sehr persönliche, extrem reflektierte und durchdacht wirkende (Neu-) Definition von Dark Ambient als „Black Music“. Eine „Schwarze Musik“, die Fetzen von Black Music Klischees in etwas völlig anderes, oft leicht Unbehagliches verwandelt. Gospel, Soul, und Jazz treffen auf verfremdete filmische Dialoge und Radio-Reportagen, auf verflüssigte Field Recordings und rhythmisierten Noise. Die komplexen, inhaltlichen und musikalischen Bedeutungsebenen dieser Stücke restlos zu entschlüsseln dürfte eine Lebensaufgabe sein. Klar ist jedenfalls, dass Lifetime eine der interessantesten und in jeder Hinsicht besten „Post-Anything“-Musiken dieser Dekade ist, ein Album, das weit über seine Bestandteile hinaus weist und an dem sich abarbeiten weitaus mehr Freude bringt als etwa an den ähnliche Strategien verfolgenden aber weitaus unsubtileren Arbeiten von Dean Blunt. 

Stream: Klein – Claim It

Und wieder muss ich mich wiederholen: das musikalische Import/Export-Business boomt gerade, und das ist sehr erfreulich. Weil so etwa der junge Dubstep/Grime-Produzent Rey Sapienz aus der Bürgerkriegsregion Kivu im Osten Kongos, der jetzt in Kampala, Uganda lebt und produziert, eine Chance bekommt weltweit wahrgenommen zu werden. Denn seine Tracks verbinden das lokale und globale auf clevere und vor allem überall unmittelbar verständliche Weise. Seine Tape-EP Mushoro (Hakuna Kulala) nimmt die aggressiven Beats von Grime und legt sie unter Tracks, die vom kongolesischen Electro-Rumba Soukous und dem sambianischen Kalindula Style beeinflusst sind. Das geht direkt in die Beine und in den Kopf. Wie das Tape der Kenyanischen Rapperin und Vokalistin MC Yallah, die auf Kubali (Hakuna Kulala) die derben Lo-Fi Hip Hop und Grime Beats des in Berlin lebenden französischen Produzenten Debmaster zu einer wahrhaftig kosmopolitischen Affäre macht. Einerseits Conscious-Party Tracks eindeutig ostafrikanischer Herkunft, aber deswegen nicht weniger internationale Club-Musik, die den Berliner Post-Post-Irgendwas-Styles zeigt, wo der Hammer hängt. Genau wie The Resurrection (Sermon 3, VÖ 26. September), das Debüt des Brookylner Produzenten William McNair. McNair, der unter anderem für die feministische Rapperin Angel Haze gearbeitet hat, macht als The 83rd lärmige Beyond-Club-Tracks, wie sie expliziter und ausdrucksvoller nicht sein könnten. Die überbordenden Stücke transportieren den Spirit der Straße und der schwulen Underground-Clubs New Yorks, filtern derben Noise, von ganz weit draußen kommenden R&B genauso wie Tribal-Industrial und aktuelle afrikanische Beats und Styles, in den Mix. Queer und Schwarz mit großem „S“ ist das musikalisch wie inhaltlich ganz weit vorne. 

Stream: The 83rd – Tinder

Der Zugriff des Berliner Deep House.Produzenten Ross Alexander Payne auf afrikanische Klänge wirkt im Vergleich dazu eher bieder. Payne, der als The Wanderer interessante Jazz-Electronica macht, agiert allerdings zu respektvoll und immer im direkten Austausch mit afrikanischen Musikern, als dass Vorwürfe von klanglichem Kolonialismus greifen könnten. Seine LP Memorias Vol.2 – High Atlas to The Sahara Desert (Discrepant), direkter Nachfolger des in Uganda aufgenommenen Tapes Memorias Vol.1 – Bugandan Sacred Places (Sucata Tapes) versucht nicht weniger als das altehrwürdige „Fourth World“ Idiom der sogenannten Weltmusik in frischen New Age-inspirierten Ambient umzusetzen. Absolut gelungen übrigens. Die Münchner Hochzeitskapelle macht bayerisch-indigene World Music als kleinformatigen akustischen Fusion-Jazz. Und das trotz oder wegen der prominenten Besetzung mit den Acher-Brüdern von The Notwist und Posaunist Mathias Götz vom Alien Ensemble. Die Verbindung zur modernen Folkore und zig anderen Bands aus der Gegend sind dabei Evi Keglmaier und Alex Haas. Auf ihrem dritten Album If I Think Of Love (Gutfeeling) spielen sie, wie es sich für eine echte Hochzeitskapelle gehört, vorwiegend Coverversionen. Allerdings nicht unbedingt so Festzeltklassiker von Gloria Gaynor oder Barry Manilow, sondern Songs von Freunden wie den ewigen Motherboard-Lieblingen, den Tenniscoats (oder besser gesagt von deren Acher-Brüder Kollaboration “Spirit Fest”) und Vorbildern wie dem elektronischen Minimal Music-Jazzer René Aubry, der tollen, heute leider weitgehend vergessenen amerikanischen Singer-Songwriterin Lisa Germano, oder Michel Legrands einprägsame Titelmusik zum 1968er Original von “The Thomas Crown Affair”. Ein Song der Muppets fehlt ebensowenig. Was den genreübergreifend treffsicheren Geschmack angeht ist die Hochzeitskapelle stets auf der sicheren Seite.

Stream: Hochzeitskapelle – Sonido Amazonico

Abschließend möchten noch zwei Kompilationen erwähnt werden, die den schwindenden Restsommer würdige Elegien singen, und darüber hinaus noch einiges zu sagen haben. Die in jeder Hinsicht überwältigende Zusammenstellung TOTAL SOLIDARITY (Oramics) der polnischen Queer-Plattform Oramics, mit 121 exklusiven, vom holländischen Doom-Techno Produzenten Drvg Cvltvre kuratierten Tracks, spendet den Erlös an polnische LGBTQIA*-Organisationen, die im gegenwärtigen politischen Klima des Landes zunehmend unter ideologischen und finanziellen Beschuss gerieten. Die Stücke bewegen sich zwischen Dark Ambient, straightem Synthpop, experimenteller Elektroakustik, Post-Club-Breakbeats, Neo-Gabber und bollerndem Electro-Techno. Und es haben sich so viele auch prominente Produzent*innen beteiligt, dass es schwierig wird, einzelne hervorzuheben. Daher nur soviel: das Ding gibt einen exzellenten Überblick über aktuelle avancierte Elektronik nicht nur aus Polen und ist daher nicht nur im anvisierten guten Zweck wichtig. Und es gibt personelle Überschneidungen zu der anderen großvolumigen Kompilation dieser Saison: die Labelschau Summer Storms (Posh Isolation) der Kopenhagener Post-Industrial und „Heavy Ambient“ Spezialisten, die aus noch überschaubaren 22 Tracks dezidierter „Today Music“ vorwiegend, aber nicht ausschließlich skandinavischen Ursprungs besteht. Beide Kompilationen haben, bei der Menge an Beiträgen fast unvermeidbar, auch schwächere Stücke bis hin zu Totalausfällen, wie einem wirklich grottenschlechten Cloud-Rap Track auf Summers Storms. Aber die besseren bis wirklich genialen Stücke machen das allemal wett.

Stream: TOTAL SOLIDARITY: Varg²™ – Oh so u in to dark electronic dance music, sounds siq tbh (plz tell me more)