Wiederveröffentlichungen, vor allem die von Dekaden alter Musik, transportieren grundsätzlich eine gehörige Portion Traurigkeit. Sei es, weil sie einen unwiederbringlich verschwundenen Moment der Geschichte wiederholen und die Inspiration hinter den Werken nicht mehr rekonstruierbar ist, auch bei den Hörer*innen nicht. Oder sei es, weil die Künstler*innen hinter den Projekten nicht mehr leben, nicht mehr musikalisch arbeiten oder an ihren früheren Geniestreichen nicht mehr interessiert sind.

Umso seltener sind also die Glücksgriffe, bei denen die Beteiligten noch etwas von der Wiederveröffentlichung haben. Und wenn es erstmal nur ganz trivial um Geld und Aufmerksamkeit geht, um weitermachen zu können. Ein solcher Fall ist etwa die japanische Percussionistin und Ambient-Wegbereiterin Midori Takada, die heute mit gegenwärtigen Cutting-Edge-Künstler*innen wie Lafawndah zusammenarbeitet.

Ein anderer mehr als erfreulicher Reissue sind die Breadwoman-Tapes von 1985, auf denen Anna Homler in einer eigens dafür erfundenen Kunstsprache zu den Synthesizer-Loops des im Jahr der Wiederveröffentlichung 2016 verstorbenen Steve Moshier die Erlebnisse ihrer freundlichen und doch leicht unheimlichen Kunstfigur vokalisierte. Homler ist mit ihrer Vokal-Avantgarde seit den frühen Achtzigern  kontinuierlich aktiv, war aber außerhalb der Performance- und Free-Improv-Szene Kaliforniens nur Insidern bekannt. Das Reissue auf RVNG Intl. hat Homler einen späten Karriereschub beschert, den sie genutzt hat. Seither veröffentlicht sie tatsächlich hochinspirierte wie außergewöhnliche Arbeiten, die direkt an ihre Anfänge anknüpfen. So auch Vasi Comunicanti (Gang of Ducks, 10. Juli) von Anna Homler & Alessio Capovilla, auf dem der Italiener Capovilla, in dem Jahr geboren, in dem Breadwoman erschien, die synthetische Begleitung zu Homlers noch immer außerirdisch schönen Lautexperimenten liefert. Leider nur eine EP, hoffentlich bald mehr.

Fremd gemachte Stimme in entgrenzter Schönheit in Synthese mit modernster Technik ist ebenfalls die Domäne von Julianna Barwick. Die New Yorkerin, die aktuell in Kalifornien lebt, hat den etwas populäreren Pfad von ätherischen Folksongs in Shoegaze zu außerweltlichen Ambient-Soundscapes genommen. Die warmen Drones aus geloopter Stimme und neoklassisch anmutender akustischer Instrumentierung auf Healing is a Miracle (Ninja Tune, 10. Juli) sind allerdings nicht weniger überirdisch und weit draußen als Homlers Avantgarde-Residuen. Zauberschön und fremd sind sie beide.

Während in einschlägigen Internetforen noch über Loke Rahbeks sexuelle Orientierung spekuliert wird, hat er sich musikalisch schon mehrmals neu gegendert und seinen Sound wieder mal neu erfunden. Croatian Amor war und ist das prominenteste Alias des Posh-Isolation-Mitgründers. Der mediterrane Liebesgott des Dänen steht nicht für ein bestimmtes Genre. Es steht nur ein blitzschneller Gedankensprung zwischen dem harschen Industrial-Noise der frühen Tapes (die aber keine zehn Jahre her sind), den Post-Club-Beats und Mainstream-Abstraktionen der vergangenen Jahre, den lichtfernen Beat-Variationen, die er mit Varg2TM produziert, wie jüngst das massiv technoide aber schon deutlich von Ambient angefressene Body of Lila (Posh Isolation), und der feinstofflichen Freistil-Electronica mit Frederik Valentin von Kyo (siehe Februar). Auf All In The Same Breath (Posh Isolation) das digital bereits im Juni erschien und auf Vinyl voraussichtlich im August kommen wird, hat Rahbek zu der luftigen aber immens detailreichen Post-Meditationsmusik hin und wieder chillig-fluffige Drum’n’Bass Breaks eingefrickelt, die kein Stück neuer als ’95 klingen. Und doch ist das alles – wie immer -, zusammengenommen völlig unerhört und unerwartet.

Rahbecks schwedischer Buddy Jonas Rönnberg alias Varg2TM von Nothern Electronics ist mindestens ebenso produktiv und nur geringfügig vorhersehbarer. Dass er dunklen, schweren Ambient ebenfalls im Repertoire hat, ist bekannt. Wings Of Desire (I can take anything that’s painful – but I can’t take a lie) auf dem tollen Kopenhagener Tape-Label Janushoved kam dann allerdings doch ziemlich unerwartet. Und ja, die Kombination delikatester Klang-Schwebeteilchen mit Soho Rezanejads Sprechstimme (wiederum von zahlreichen Features auf Posh Isolation bekannt, zuletzt im Mai) ist doch wieder ganz neu und beängstigend schön.

Dass unsere gegenwärtige Kultur von den Geistern der Vergangenheit durchsetzt ist und genährt wird, ist ziemlich offensichtlich. Dass in dieser spektralen Präsenz einer unheimlich gewordenen Erinnerungskultur etwas Befreiendes und Emanzipatives stecken könnte, war die Intuition des französischen Philosophen Jacques Derrida. Ein Gedanke, den unter anderem der Kulturkritiker und Musikschreiber Mark Fisher als Hauntology produktiv machte und der mit Labels wie Ghost Box oder Kinship und Künstler*innen wie Pye Corner Audio eine nicht gerade kleine Nische in der Electronica besetzt.

Sogar die Genre-Megastars Boards of Canada haben sich immer wieder auf Hauntology als Quelle ihrer Inspiration bezogen. Und die Quelle ist noch immer fruchtbar (oder um im Geister-Genre zu bleiben: furchtbar). Die Berliner Produzentin Dolomea etwa hat vor kurzem ihre Bachelorarbeit zum Thema abgeschlossen und mit dem zugehörigen Album A Ghost In My Mind (Kinship) eine in der Tat gespenstisch-großartige Boards-of-Canada-Gedächtnisnummer abgeliefert, die – und das ist der Witz an der ganzen Geistergeschichte – interessanter und besser ist als das Original je war, je sein konnte.

Die (un)heimlichen Präsenzen, die durch Christina Chra Nemecs Seamons (Editions Mego, 27. Juli) spuken, machen auf den ersten Blick einen wenig freundlichen Eindruck. Sind sie doch abstrahiert elektrische Naturgeister des österreichischen Waldviertels, in dessen mitunter bedrohlicher Abgeschiedenheit Nemec ihr vor dunkler Elektronik brodelndes, von eisigem Sirren durchschnittenes Album aufgenommen hat. Von den ebenfalls präsenten realen Friedhöfen und dem technologischen Unbehagen der Vielfliegerei, in COVID-19-Zeiten ebenfalls zu Gespenstern geworden, mal ganz zu schweigen. Kompromisslos schroff und unerbittlich zerrende tiefenelektrische Sounds aus der Urnatur des Synthesizers.  Diese Klanggeister sind nicht gut oder böse, nicht nett oder fies, sie sind einfach Gegenwart der Natur (elektrisch).