Industrial, Soundart, Shoegaze oder Artschool-Pop sind bei weitem nicht die einzigen Traditionslinien, in denen Geräusche und Noise mit flächigen elektronischen Klängen zu erzählenden Soundscapes montiert werden. Im akademischen Musikschaffen hat die Geräuschcollage mit Field Recordings einen ebenso ausgreifenden Stammbaum aufzuweisen, von Komponisten wie Edgar Varèse oder Luc Ferrari über die italienischen Futuristen zur Musique Concrète führen hier einige Spuren zur aktuellen Klangkunst und digitalen Sound-Collage. Persistence of Sound ist ein brandneues britisches Label, das auf genau diese Schnittstellen fokussiert. Der Gründer Iain Chambers vom Langham Research Center, das sich um die historisch korrekte Aufführungspraxis von Musique Concrète-Klassikern und „alter” elektronischer Musik verdient gemacht hat, hat die erste Laufnummer des Labels direkt selbst bespielt. The Eccentric Press (Persistence of Sound) sind zu zwei ausgedehnten (und preisgekrönten) Sound-Trips montierte Feldaufnahmen, die sich mit vergangener Technologie beschäftigen, von der Schwerindustrie im Museum zum lange ausgemusterten Desktop-PC. Die nächsten Laufnummern Thames von The London Sound Survey und Factitious Airs von Robert Worby diversifizieren den Ansatz des Labels nochmal. Wo ersteres, eine Collage von Natur- und Industrieklängen, vom Leben am großen englischen Fluss erzählt, ganz ähnlich wie es die Sound-Maps Annea Lockwoods für die Donau und den Hudson getan haben, ist Worby, der ebenfalls im Langham Research Center aktiv ist, an den Studiotechniken der frühen elektronischen Musik interessiert: Was genau Stockhausen und Eimert im Kölner WDR-Studio für akustische Kunst gemacht haben, was genau Pierre Henry und Pierre Schaeffer am Pariser GRMC.

Der Franzose Félix Blume arbeitet im selben Zusammenhang von gefundenen Klängen, Dokumentation und Collage. Seine Arbeiten sind aber deutlich näher an Musik im konventionellen Sinne. Das können singende Drähte sein, Haitianische Funeral Marches oder Nebelhörner wie auf Fog Horns (Discrepant). Feldaufnahmen aus griechischen Häfen und Schiffsrouten, die zu einer epischen Trötenerzählung geordnet sind. Praktisch jeder Soundscape, der mit Feldaufnahmen arbeitet, betont das Besondere der verwendeten Klangquellen, deutet auf kleinste Details der spezifischen Sounds, zeigt das besondere im vermeintlich gewöhnlichen alltäglichen Geräusch. Eine erhöhte Sensibilität gegenüber Geräuschen gehört also quasi zur Grundausstattung dieser Art von Kangkunst. Die australische Künstlerin Alexandra Spence treibt den skrupulösen Umgang mit ihren rund um die Welt aufgenommenen Quellen auf die Spitze. Die subtilen Feldaufnahmen auf ihrem Debütalbum Waking, She Heard the Fluttering (Room40) sind in noch subtilere elektronische Sounds eingebettet. Respektvoller kann der Umgang mit Sound kaum sein, kaum zarter der sich daraus entfaltende Ambient.

Video: Alexandra Spence – Bodyscan

Der bei Live-Auftritten und auf Promofotos immer extra-grimmig schauende Franzose Franck Vigroux ist als Akustik- und E-Gitarrist seit zwanzig Jahren in zahlreichen Improv- und Free Jazz-Besetzungen aktiv. Eine Praxis, die er immer mit einem Ausschlag in Richtung Elektroakustik und elektronischer Neuer Musik betreibt. Berührungsängste mit konventioneller Elektronik hat er dabei nie gezeigt. So kollaboriert er regelmäßig mit Mika Vainio und hat sich solo an astreinem Electro oder Dark Wave versucht. Totem (Aesthetical), erste Laufnummer seines neuen Labels, bringt die elektronischen Lebensaspekte seiner Stücke zusammen. Das ergibt deftige Drone-Feedback-Tracks mit ordentlich Noise im Wechsel mit sauberen wie scharf geschnittenen Electro-IDM-Beats und abstrakten Post-Club Sounds. Zusammen klingt das erstaunlich konsensfähig, wie Pan Sonic mit etwas mehr Pop.

Der gelernte Wiener Schlagzeuger und Elektroakustik-Avantgardist Martin Brandlmayr arbeitet ungern alleine. Seine Kollaborationen und Bandprojekte gehen in die Dutzende. Radian, Polwechsel und Trapist sind nur drei der bekannteren Combos, in denen er spielt. So ist seine Radioarbeit Vive Les Fantômes (Thrill Jockey, VÖ 14. Juni) für den SWR tatsächlich sein erstes offizielles Soloalbum und eine komplette Abkehr von jeder vorstellbaren Art von Bandsound. Waren Brandlmayrs kollaborative Arbeiten schon karge, wohldurchdachte und hochkonzentrierte Minimalismen, treibt er hier das Prinzip der Freiheit durch Leerraum auf die Spitze. Das Album ist von Geistern im Sinne Jacques Derridas bevölkert. Fragmentierte Erinnerungen an eine verlorene Zukunft aus Interviewfetzen und Jazz-Samples. Erstere geben vor allem die Stille zwischen den Worten wieder, das Atemholen und Zurücklehnen. Letztere sind Fetzen sehr bekannter Stücke etwa von Miles Davis, Thelonious Monk, oder Billie Holiday, die zwar durchaus wiedererkennbar sind, aber in ihrer Kürze und Isolation zu etwas Abstraktem mutierten. Eine geisterlogische Schnitzeljagd nach Soundbits in einer wüstenhaften Landschaft aus nervöser Beinahe-Stille.

Der inzwischen fünfundachtzigjährige Berliner Ernstalbrecht Stiebler war und ist noch immer ein kompromissloser Neutöner, dessen elektroakustische Kompositionen trotz oder gerade wegen der konsequenten Abwesenheit gängiger Harmonien und Rhythmik die abenteuerlustigeren unter den rein elektronisch arbeitenden Folgegenerationen inspiriert hat. So ist die Hommage Reworks (Karlrecords) ebenso Feier von Stieblers Lebenswerk wie Visitenkarte einiger der interessantesten aktuellen Elektronik-Produzent*innen. Spannend, wie divers und unterschiedlich sich dabei der Bezug auf Stieblers Arbeiten manifestiert. So hat Jasmine Guffond Fetzen von Stiebler-Aufnahmen durch den Schredder eines randomisierten MaxMSP-Patches geschickt. Ein ambitioniert nervenzerrender Soundhack. Das Kammerflimmer Kollektief und Phonosphere hommagieren Stiebler rein akustisch, übersetzen seine Kompositionstechniken in die Sprache von Jazz und Free Improv, zwischen Powerplay und gespannter Stille. Die Bearbeitung von Frank Bretschneider, ein geloopter, klanglich hochpolierter Soundscape an der Grenze zu Ambient, wirkt dagegen beinahe gefällig. Die interessanteste Bearbeitung kommt von Bérangère Maximin, die mit ihren kargen, formstrengen und doch frei wirkenden Synthesizerdrones Stieblers Arbeit zugleich respektiert wie in aktuelle Elektronik transformiert.

Stream: Franck Vigroux – Capaupire