10 Years of Monkeytown (Monkeytown) 

Monkeytown feiert Zehnjähriges und dazu möchte man gratulieren! Das 2009 von Modeselektor gegründete Label hat es geschafft, sich durch konstant soliden Output bis heute eine breite Zuhörerschaft zu erhalten. Der von Anfang an gesetzte Anspruch, diverseste Künstler*innen zu betreuen und sie in ihren voneinander unabhängigen Stilen auf und neben dem Dancefloor zu präsentieren, erhält sich auch auf dem neuen Sampler zum runden Geburtstag. Hier bilden zwölf Tracks einen ungefähren Querschnitt, der aufzeigt, wie musikalisch bunt das Label tatsächlich aufgestellt ist. Da wären einerseits die Vertreter der alten Garde wie Siriusmo mit einer knalligen, futuristischen Electrodance-Nummer, Shed mit ernsteren Breakbeats oder Modeselektor selbst mit einer vor sich hinfließenden Hommage an Rolands wohl beliebteste 201-Echomaschine. Andererseits kommen auch neuere Mitglieder wie Catnapp zum Zug, die in ihrer Art, auf elektronische Beats zu rappen, an die Kanadierin Tommy Genesis erinnert. Auch die tropischeren Klänge von Mouse On Mars wie die drahtigen, meditativen Vibes, die Gajek anbietet, passen ins Gesamtbild – man findet schnell einen Zugang. Die meisten Sounds und Kompositionen scheinen nämlich nicht der Anforderung genügen zu müssen, all zu sehr in intellektuelle Tiefen zu gehen, sodass man unangestrengt genießen kann und gespannt sein darf, womit die Berliner Crew wohl in den nächsten zehn Jahren so überrascht! Lucas Hösel

15 Years of Systematic (Systematic)

Marc Romboys Label Systematic steht mit Künstlern wie Mike Dunn, Robert Babicz oder Spirit Catcher für einen Housesound mit einer ungewöhnlichen Affinität zu elektronischen Klängen, die sich auch als solche zu erkennen geben. 15 Years of Systematic beginnt mit „Shooting Stars Never Stop“ von Romboy selbst, das wie ein Manifest wirkt. Die an die klassische, französische Schule der elektronischen Musik mit Jean-Michel Jarre erinnernden Synths werden von einer repetitiven, pulsierenden Bassline gebrochen. Der Track klingt durch und durch elektronisch und verbreitet doch eine sehr menschliche Haltung. So formuliert Romboy eine zielgerichtete, optimistische Zukunftsvision, die über einzelne Clubtracks hinaus strahlt. 
Die anderen Tracks sind funktionaler, Sascha Braemer, Artbeat oder John Digweed & Nick Muir klingen kühl und trancig, Rodriguez Jr., Jimpster & Fur Coat housig und körperlich. Robert Babicz liefert mit „Coast to Coast“ eine überraschende Progressive-Techno Nummer: Neben einer dominanten Bassline schafft der Track es, durch spacige, dreckig klingende Synthies und durchdachte Drum-Einlagen einen lebendigen, unberechenbaren Fluss zu erzeugen. 
Mit dem Kollaborationstrack „L’aspiration“ von Marc Romboy und Rodriguez Jr. wird das Album auf harmonische Weise abgerundet. Bekannte Elemente aus bisherigen Produktionen beider Künstler, wie ruhige, melodische Piano-Akkorde, die man bereits aus früheren Rodriguez Jr.-Tracks kennt, treffen hier auf kräftige und teils druckvolle Kicks und Snares, die dem Stil von Marc Romboy entsprechen. Bastian Kremser

Peggy Gou – DJ-Kicks (!K7) 

DJ-Kicks, die 69ste. Dass !K7 dafür auf Peggy Gou vertrauen, wirkt zwar wenig überraschend, fügt sich aber mehr oder minder nahtlos in die Reihe der bisherigen Compiler ein. Schließlich hat die einflussreiche Mix-Serie ihr Renommee von jeher darauf aufgebaut, angesagte Namen auf dem Zenit ihrer Karriere abzupassen. Im Fall der Südkoreanerin war das höchste Zeit, stand Gou zuletzt doch immer mehr im Fokus einer sich kapitalismuskritisch gerierenden Kontroverse. Omnipräsenz, Warenförmigkeit, Ausverkauf, so lauteten die allerdings ebenfalls wohlfeilen Vorwürfe, die gegenüber der Senkrechtstarterin erhoben wurden. Dass Gou nun offensichtlich gewillt ist, es mit ihrer DJ-Kicks allen recht zu machen, muss in dieser Situation gleichzeitig als Vorzug wie als Problem dieses Mixes wahrgenommen werden. Kaum ein Genre, das Gou nicht bedient: Techno, House, Electro, Acid, Detroit, Bassmusik, Ambient, Drum’n’Bass – you name it. Löblich ist dabei das Konzept der Wahlberlinerin, ihrer eigenen Sozialisation nachzuspüren: Mit dem organischen Dub-Track „Hungboo“ hat sie den ersten Tune integriert, den sie je produziert hat, weitere Exclusives kommen von I:Cube und Pert. Spacetime Continuums „Fluresence“, Aphex Twins „Vordhosbn“ und Andrew Weatheralls Remix von Sly and Lovechilds „The World According To Sly and Lovechild“ markieren einige ihrer wichtigsten Einflüsse. Auch wenn die Selection also alles andere als beliebig daherkommt, mag manches Rezipient*innenohr sich doch ein entschiedeneres Statement gewünscht haben. Dennoch besitzt Gou unbestreitbar ein gutes Gespür für atmosphärische Qualitäten. Wer einen roten Faden sucht, vermag unter der gefälligen Oberfläche, einer verlorenen Gussform gleich, einen Hauch von TripHop aufzuspüren. Harry Schmidt

place: Colombia / place: Georgia (place: music and activism / Air Texture)

Im Jahr 2011 begann das Label Air Texture ein ambitioniertes Compilation-Projekt, das in der Folge Ambient-induzierte Kurationen von Größen wie Deadbeat, Juju & Jordash sowie zuletzt Steffi und Martyn hervorgebracht hat. Die nun neu angelaufene Serie place: music and activism ist die vertonte Meine Stadt-Rubrik mit sozialer Komponente. Die Erlöse gehen an soziale Einrichtungen in den jeweiligen Ländern. Teil eins und zwei rücken Kolumbien und Georgien in den Fokus. Die zwei Länder trennen fast 12.000 km Luftlinie voneinander und doch verbindet sie in ihrer aufstrebenden elektronischen Musikszene eine Gemeinsamkeit, mit der die jetzige Generation die politischen Überwerfungen seit den 90er-Jahren überwinden will. Der Drogenkrieg um das sogenannte Medellín-Kartell, die Korruption sowie die Lossagung von der Sowjetunion und der Kaukasuskrieg prägen die Länder bis heute. Die Aufbruchstimmung in Medellín oder Tiflis wird dabei gerne mit dem wiedervereinten Berlin nach dem Mauerfall verglichen.
Die lokal engagierten DJs, Produzent*innen und Aktivist*innen Juliana Cuervo aus Medellín und Giorgi lakobidze und Sandro Mezurnishvili aus Tiflis gewähren auf den beiden Compilations Einblick in die lokale Szene.Im Fokus stehen Techno, Ambient und experimentelle Electronica. Die bisher geltende Stilrichtung auf Air Texture wird damit auf bekannten Pfaden weitergeführt.
Mit Blick auf die Tracklist sticht bei der kolumbianischen Ausgabe zunächst der Name Adriana Lopez ins Auge. Die in Bogota geborene und aufgewachsene Produzentin hat sich als DJ in Europa mittlerweile einen Namen gemacht, arbeitet mit Developer und Svreca und veröffentlichte zuletzt auf DVS1s Label Mistress. Ihr Track „KWL“ gehört zusammen mit „Silence No More“ von Merino zu den geradlinigsten Stücken der Platte. Der Techno von Adriana Lopez reduziert sich auf Wesentliches, ist toolig und griffig und darum so gut spielbar. Auch Daniel Restrepo war als Astronomical Telegram kürzlich auf Developers Modularz vertreten. Als The Baker steuert er hier ein stringlastiges Ambientstück bei. Ähnlich vertrippt verhält es sich auf Rodolfo Alzates „Ecosistema“, Julio Victorias „Glare“ oder Aleja Sanchez „Cassiopeia“. Gladkazukawiederum ist mit einem Electro-Acid-Hybrid vertreten. Als Teil des Series Media-Kollektivs hatte er an der Seite von Lucrecia Dalt wesentlichen Anteil am Erstarken der elektronischen Musik in Medellín.
Auch im georgischen Pendant geben Ambient und Drone den roten Faden vor. Natalie Beridze etwa arbeitete in der Vergangenheit mit Thomas Brinkmann, Gudrun Gut oder Ryuichi Sakamoto. Auf „Before Sail“ improvisiert sie mit gelayerten Vocalfetzen, Piano-Chords und dumpfen Bässen. „Keys of Rome“ von Mess Montage klingt wie ein warmer Sommertag, den man durch ein Kaleidoskop betrachtet. „Parallel Life“ von Benvol fühlt sich wie der Soundtrack zu im All umherkreisenden Sternenjägern an. SSeq ist in etwa das sphärische Gegenstück zu „Parte Un“ von Gladkazuka, während Greenbeam & Leon für den tooligen und Kohlf und MVMNT für den stringlastigen Technopart stehen. Felix Hüther

The World Of Keith Haring (Soul Jazz)

Nicht nur werden alte Werke von Keith Haring wieder neu entdeckt, auch erfährt das Lebenswerk des 1990 mit nur 31 Jahren verstorbenen US-amerikanischen Street- und Pop Art-Künstlers allgemein wieder neues Interesse. In der Tate in Liverpool findet dieses Jahr die erste große Ausstellung seiner Malereien und Skulpturen in UK statt. Pünktlich dazu veröffentlicht Soul Jazz Records eine Sammlung von Disco, Boogie, Punk- und Funk-Songs, die ihn beeinflusst haben. Nicht wenige der Interpreten zählten auch zu seinen Freund*innen, wie Jean Michel Basquiat oder Yoko Ono. Funk und Punk bekommen auf dem Sampler ordentlich Platz. So liefert Damon Harris von den Temptations mit „It’s Music“ eine solide, sonnige Funknummer. Die untergrundige Post-Punk-Band Pylon ist mit „Danger“, einer dancigen Nummer ihres Klassikers Gyrate vertreten. Eher obskur ist der queere Ohrwurm „Pak Jam“ der Jonzun Crew, der sich wie alle anderen Songs auch am roten Faden der Tanzbarkeit entlang hangelt. Sehr schön an guten Compilations ist ja, wenn man durch sie Neues für sich entdecken kann. Das ist hier bestimmt der Fall, viele der Bands hatten doch eher eine beschränkte Laufzeit, sind Kurzprojekte aus der Kunstszene und dementsprechend schwer „zu kriegen“. Doch hier bekommt man sie, zum Beispiel das synthige „Jeffrey I Hear You“ von The Girls, die später mit ihrem zweiten Hit „The Elephant Man“ wieder auftauchen. Aber auch die allseits bekannten Talking Heads sind zu hören, mit „I Zimbra“ nämlich. Besonders cool und 1980s ist Art Zoyds „Sortie 134 (Part 2)“, an dessen Album-Artwork er zudem mitwirkte. The Golden Flamingo Orchestra sind tatsächlich so cool, wie ihr Name es vermuten lässt, „The Guardian Angel Is Watching“ allerdings wohl der einzige Song, den die Gruppe je veröffentlicht hat. Basquiat tritt in einem, naja, HipHop/TripHop-Track auf. Witzig, reiht sich ein in ein stabiles Arrangement für heiße Sommerabende in der Loftwohnung bei einem Drink mit Freunden. Lutz Vössing