Das britische Duo aus Stephen Thrower und David Knight, das sich nach der Berliner Surrealistin UnicaZürn benannt hat, eskaliert die Situation rapide. Die beiden seit den frühen Achtzigern in diversen Postpunk- und Industrial-Zusammenhängen aktiven Multiinstrumentalisten beginnen ihre Tracks auf Sensudestricto (Touch) meist mit einer überschaubar flächigen oder geloopten Synthesizergrundierung, die als Dark Ambient oder stimmungsvolle Horror-Electronica durchgehen könnte, enden aber früher oder später (meist früher) in einem deftigen elektronischen Freakout, der von kreischendem Gitarrenfeedback bis zu einem dunkel schmeichelnden Saxophon-Solo nach Art von Bohren und der Club of Gore so ziemlich alles beinhalten kann, was gute schlechte Laune macht. Von einer Einschränkung der Sinne, wie der Titel andeutet kann also keine Rede sein. Ihr viertes Album ist in dieser Hinsicht ihr bisher freiestes und von Genrekonventionen befreitestes. Schönheit ist hier eine Überraschung, aber sie ist möglich. Der etwa eineinhalb bis zwei Generationen jüngere Italiener Alessio Dutto verfolgt eine ähnliche Logik der Anhäufung mit nachfolgenden Ausbruchsversuchen. Sein Debüt Blurred Boundaries (Midira) geriet so zu knusprigem, von Feedback verstörtem Noise-Ambient. Gerne laut und dramatisch, immer ordentlich verrauscht und darin immer sehr hübsch. Diese von Shoegaze vererbte, introvertierte aber an Lautstärke und Noise doch ordentlich austeilende Grundhaltung rückt Dutto in die Nähe des New Yorker Chefmelancholikers Rafael Anton Irisarri und der Drone-Szene Irans, beispielsweise an Siavash Amini oder Tegh, lässt aber hoffen, dass Dutto, wenn er etwas eigenwilliger agiert, vielleicht irgendwann mal selbst einen Sound definieren könnte.

Angesprochener Rafael Anton Irisarri hat diesen Zustand und Status definitiv bereits erreicht. Seine distinkte Verwirrung von Gitarrenfeedback, digitalen Effekten, mächtigem Hall, verwaschenen Loops und elektronischen Partikeln zu einem schweren, schwer durchschaubaren und schwermütigen Sound war in den frühen Noughties ein entscheidender Game-Changer im Dreieck von Drone, Postrock, und Ambient. Die Verfeinerungen, Variationen und Erweiterungen seines Sounds, die er seither verfolgte, waren immer interessant genug, um den Verbleib in diesem Dreieck zu rechtfertigen. Das ist für Solastagia (Room 40, VÖ 21. Juni) nicht anders. Der Fokus liegt vielleicht etwas mehr im Noise und weißen Rauschen als zuvor, passend zum Thema des Albums. Solastalgia ist der Stress des Anthropozäns, das Unbehagen und die Orientierungslosigkeit, die aus Umwelteinflüssen resultieren. Eine Elegie auf das Zeitalter der Menschen also. Und wer könnte dieses Malaise besser in Szene setzen als Irisarri?

Stream: Alessio Dutto – Sculpted Strain

„… für die Jahreszeit zu kalt.” In der Motherboard-Wettervorhersage bleiben die kommenden Nachttemperaturen unter dem erwarteten saisonalen Mittelwert. Für das erste Frösteln einer zu kühlen Sommernacht sorgt das Multimediaprojekt Only The Stars Come out at Night (Posh Isolation) des Posh Isolation-Co-Labelbetreibers Christian Stadsgaard alias Vanity Productions. Die digitale, von jeweils einem Video pro Track begleitete EP demonstriert, was Tolles passieren kann, wenn skandinavischer Post-Techno a la Varg mit dem Pop Ambient-Ansatz von Kompakt gepflegt zusammengedacht wird: also Partikel von Mainstream-Pop, R&B und EDM digital pürieren, durch feinste Siebe filtern und wieder zu einem flächigen Schwebesound einzuköcheln. Während dieser in der Pop Ambient-Reihe eher lauwarm temperiert ist, bleibt er bei Stadsgaard halbroh, körnig und wird zu einem erhabenen, von erstem Frost geküssten Drone-Ambient aufgelassen. Das ebenfalls multimedial angelegte Album Between The Silence (Southern Lights, VÖ 24. Juni) des australischen Produzenten David Thomson alias Lost Few dringt klimatisch noch tiefer in den Eiskeller. Das beeindruckende Album voller grauschwarz graupelnder Noise-Electronica und herzrhythmusstörender Bässe auf dem tollen Melbourner Label Southern Lights führt den (gerade noch) boomenden Knusper-Rausch-Techno ohne Beats, den man zum Beispiel von Opal Tapes kennt, in beachtlicher Konsequenz an ein gefühltes Ende. So könnte sich Techno nach der Ketamin-Apokalypse anhören, wenn niemand mehr Techno hören kann.

Video: Vanity Productions – Faith Alone

Ist die Nacht am tiefsten, sorgt Jim Mroz mit seinem Lussuria Alias unfehlbar für noch tiefergehende atmosphärische Verstörung. Mit unverständlichem, geröcheltem Raunen, metallischem Klappern, splatterfilmischem Knirschen und bedrohlich untergründigem Donnergrollen bedient der immer noch langhaarige, ehemalige Doom-/Black-Metaller so ziemlich alle Klischees, die man von Dark Ambient erwartet. Die EP Three Knocks (Hospital Productions) auf einem der bekanntesten einschlägigen Labels liefert das bekannte Sortiment allerdings auf dem höchstmöglichen Niveau. Der Boden, auf dem die gespenstisch hohläugigen Ruinen ehemaliger Schönheit vermodern, ist so brüchig und täuschend, dass direkt Freude aufkommt, wenn der Boden, auf dem wir stehen, uns noch nicht verschlungen hat. Das ist gleichermaßen auf die Apokalypse wartender Anthropozän-Soundtrack wie nostalgisches Early-Industrial-Revival. Kevin Richard Martin muss nicht wiederbelebt werden. Er war quasi schon immer dabei, hat seine Affinität für frühen Industrial und Noise aber meist in Form von abstrahiertem Dub ausgelebt. Was sich in Projekten wie Ice, God, King Midas Sound oder The Bug nur unterschwellig andeutete, lebt Martin unter seinem bürgerlichen Namen nun voll aus. Er kann Düsternis nicht nur ultralaut und brutal, sondern gleichermaßen karg und still. Sirens (Room40) verzichtet auf den Bass-Überdruck seiner anderen Projekte. Die Klänge sind, obwohl weiterhin dystopisch, griesgrämig und von einer nahenden Apokalypse inspiriert, beinahe zart und zurückgenommen. Das ist nicht weniger beeindruckend als die überlauten Druckwellen, die er sonst so fabriziert.

Stream: Kevin Richard Martin – Sirens