Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Jane Fitz & XDB, Nathan Fake, Pender Street Steppers, Tobias Thomas und upsammy. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

5Jane Fitz & XDB – B2B (30.11.18, Pt. II)


Jane Fitz und Kosta Athanassiadis alias XDB kennen sich schon seit rund zehn Jahren. Die gemeinsame Freundschaft der beiden nahm ihren Lauf, als sie sich die ersten Male gegenseitig auf dem Freerotation Festival an der Grenze von Wales zu England haben spielen hören. Der Support der beiden, die sich ihre Posten als vertrauenswürdige Selector-Größen mehr still und beständig als pompös erspielt haben, hält bis heute untereinander an. Keine schwierige Entscheidung wird es für Jane Fitz also gewesen sein, für das letzte Set ihrer Residency in der Londoner Pickle Factory Kosta einzuladen.

Im vergangenen November gaben sich die beiden also für ein sechsstündiges All Night Long-B2B erneut die Ehre und stellten ein weiteres Mal das ohnehin Offensichtliche unter Beweis: Und zwar, dass sie zum einen ihr Handwerk bis in die letzten Feinheiten beherrschen und vor allem aber in der DJ-Booth unglaublich gut miteinander harmonieren. Das verwundert kaum, denn die Sets der sympathischen Löwenmähne und des Griechen aus Göttingen siedeln sich musikalisch ohnehin sehr nah beieinander an. Die Frage ‘House oder Techno?’ sollte man in diesem Fall allerdings gleich außen vor lassen, denn sowohl solo als auch im Doppelpack zehrt der Geschmack der beiden vor allem davon, dass er flüchtig und schwer zu fassen ist. Trotzdem lässt sich sicher feststellen, dass es die eher sphärischen, psychedelischen und mild-trippigen Strukturen sind, die für die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden den gemeinsamen Nenner bilden. Teil zwei des Mitschnitts von letztem November spricht für sich. Benjamin Kaufman

4Nathan Fake Bleep × Ninja Tune


Dafür, dass sich ein Live-Set am Laptop nicht nur im gelangweilten Abfeuern von Ableton-Clips erschöpfen muss, ist Nathan Fake das beste Beispiel. Der Produzent, der mit seinen melancholischen Techno-Experimenten über Border Community auf Ninja Tune landete, schraubt bei seinen Auftritten leidenschaftlich an alternativen Versionen seiner Tracks und bekommt die Hände kaum vom MIDI-Controller. So auch bei seiner Session für den Warp Records-Vertrieb Bleep, der bis vor kurzem zu DJ- und Live-Sets in einem Pop-Up-Shop im Neukölln Londons, dem Hipster-Viertel Hackney, lud. Ziemlich unbeachtet von der Öffentlichkeit sind die Mitschnitte auf Soundcloud gelandet, auch von illustren Kollegen wie Lee Gamble oder Peder Mannerfelt – die nächsten Regentage können also kommen. Fake, der Klangtüftler aus Norfolk, verbindet sirrende Hi-Hats und vertrackte Kickdrums mit zwitschernden Acid-Bässe und melancholischen Synthie-Flächen. Braindance at its finest, zum Wegträumen im Wohnzimmer genauso geeignet wie für den Dancefloor. Neben Edits altbekannter Tracks lässt einiges an ungehörtem Material auf neue Releases hoffen. Raoul Kranz

3Pender Street Steppers w/ Local Artist – 12th March 2019 (NTS Radio)


Die Pender Street Steppers gibt es noch? Ja, und wie! Seit sie Anfang der Zehnerjahre von der kanadischen Westküste aus House eine Frischzellenkur verpassten und grandiose Mixtapes ablieferten, flaute der Hype zwar beständig ab und pendelte sich auf einem normalen Niveau ein. Trotzdem sind die Jungs aus Vancouver nach wie vor imstande, durchweg stimmungsvolle wie unbeirrbare Mixe abzuliefern, ganz besonders zum Frühlingsanfang. Das beweist das zweistündige Set für NTS Radio vom 12. März, das sie mit Unterstützung von Landsmann Local Artist zusammenschusterten.

Schon die ersten zwei Tracks sind veritable Serotonin-Bomben: Ahmed Fakroun und eine leicht beschleunigte Saâda Bonaire lassen in Windeseile vergessen, dass wir einen eher tristen März erlebten und ziehen in ihren Bann. Um virtuoses Mixing geht es erwartungsgemäß nicht, viel wichtiger sind eine euphorische, etwas schamlose Grundstimmung und haufenweise discoide Vocals. House konventionellerer Spielarten kommt nur in Ansätzen zum Zug – etwa ab Minute 40 beispielsweise -, der Großteil der Stücke oszilliert zwischen Funk, Disco und Pop, wobei ein beträchtlicher Teil des Klangbildes durch und durch organisch klingt. Immer wieder drängen sich Bläser in den Vordergrund und Keys schaffen Fundamente, auf denen sich Soul-Diven und Crooner gesanglich niederlassen. Konsistenz bleibt dabei die oberste Maxime, beinahe mit Gewalt beschwören die Pender Street Steppers und Local Artist hier die sonnige Jahreszeit. PS: Auch DJ Noris “Happy Sunday” im Maurice Fulton-Remix schaffte es in die Auswahl – Extrapunkt! Maximilian Fritz

2Tobias Thomas – Kompakt Podcast #15

Tobias Thomas Kompakt Mix

Seinen legendären Für Dich-Mix eröffnete Tobias Thomas von Kompakt mit einem Gedicht von Jochen Diestelmeyer und brach so die Geschlossenheit des Dancefloors auf. Technogeschichte schrieb Für Dich aber aus einem anderen Grund: Wie kein anderer Mix bis dahin verkörperte das Set den Minimalsound aus der Perspektive des Kölner Studio 672. Sinnigerweise stammen aber nur drei Tracks des Mixes aus dem Hause Kompakt. Mit Baby Ford, Autechre oder dem jungen Paul Kalkbrenner trifft man dort auf Namen, die man in dem Zusammenhang weniger erwartet. Wer den Mix heute hört, findet dort nicht die minimale Gesetztheit in der Ununterscheidbarkeitszone zwischen Techno und House vor, mit der viele heute diesen Ansatz verbinden, sondern einen überraschend eskalationsfreudigen, so facettenreichen wie geschmackssicheren Technosound. Fast 20 Jahre später hat sich Thomas wieder hinter die Plattenteller des Studio 672 gestellt. Das im Februar entstandene Set ist mit seinen 120bpm um fast zehn beats per minute langsamer als der Vorgänger, es klingt verhaltener und nimmt sich Zeit für Umwege. So beginnt es mit den nachdenklichen Oboen- und Streicherklängen des Spätromantikers Anton Bruckner, wenig später erklingt ein Gitarrenriff, eine Mundharmonika und die Stimme gerade verstorbenen Sängers von Talk Talk, Mark Hollis, aufgekratzt und doch entrückt, der hier wie einst Diestelmeyer zum Außen des Dancefloors herstellt.

Mit Thomas Fehlmanns Kryptik, Jan Jelineks Optimismus, Call Supers untergründigen Soul und dem dadaistischen Pop von Sascha Funke & Niklas Wandt führt Thomas gewitzt und elegant in die Nacht, und mit Soundstream, Isolée und Anthony Naples bilden reduzierte Housetracks den Höhepunkt des Albums. Tobias Thomas wäre aber nicht Tobias Thomas, wenn er sich auf einen Sound einschießen würde. So kommen mit Beatrice Dillon, Call Super & Blawan auch die jungen Brit*innen zu Wort und mit Aleksi Perälä und Donato Dozzy deckt er den aktuellen, entrückten, psychedelischen Sound ab. Was in der Beschreibung konstruiert klingt, greift im Set über unerwartete Verwandtschaften zwischen einzelnen Klängen ganz selbstverständlich ineinander. Alexis Waltz

1upsammy – Truancy Volume 237


Whities, Nous’klaer Audio, Die Orakel – die Liste der Labels, auf denen upsammy bisher veröffentlicht hat (und das alles innerhalb einen Jahres), liest sich wie ein Qualitätsindex experimentellen, zeitgenössischen Technos. Die unheilvolle Widerspenstigkeit und gleichzeitige Sensibilität, die die Produktionen der Niederländerin an den Tag legen, passt denn auch tatsächlich sehr in das gegenwärtige Gesellschaftspanorama. Ähnlich mutet ihr Mix für die Truancy Volume Mix-Serie an. Tief grummelnde Bass-Musik wird von spitzen Toms bearbeitet, bis in die 170 BPM schraubt sich der Mix hinauf, die Spannung wird unruhig, man möchte zur Zigarette, zum Kaugummi, zum Stressball greifen und die Anspannung lösen – doch dann: Kurze Erlösung; auf einem Drum’n’Bass-Track kommt eine Streicherfläche wie auf einer Wolke dahergeflogen. Dass upsammy dieses Spiel über die Länge von einer Stunde immer wieder zu treiben vermag, ohne, dass es berechnend oder gar langweilig wird, ist eine Leistung dieses Mixes. Zu einem großen Teil liegt das an der Selektion – der britische Drum’n’Bass Master Sully („Epoch“) findet sich ebenso darunter wie der russische Produzent Nocow („Alunogen“). Upsammy vermag ihren Hörer*innen damit wortwörtlich Beine zu machen. Selten klangen Zuckerbrot und Peitsche so gut. Cristina Plett