Fotos: Fee Gloria Groenemeyer
Zuerst erschienen in Groove 173 (Juli/August 2018).

An unterschiedlichen Perspektiven auf ihr musikalisches Handwerk mangelt es Courtesy alias Najaaraq Vestbirk mit Sicherheit nicht – DJ, Musikjournalistin und Labelmacherin sind nur ein Ausschnitt aus Vestbirks Erfahrungen in der Musikindustrie. Dank ihrer unterschiedlichen Blickwinkel und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Selbst entwickelte sich Vestbirk zu einer der aktuell spannendsten DJs der internationalen Technoszene.

Seit zwei Wochen hat das Pendeln zwischen Kopenhagen und Berlin für Vestbirk ein Ende, und so treffen wir uns für unser Interview Ende April in ihrer WG in Neukölln. Nach einer kurzen Wohnungsführung machen wir es uns mit Kaffee und Tee auf dem Sofa in ihrem Zimmer gemütlich, hinter uns stapeln sich Vestbirks Bücher. In ihrem neuen Zuhause braucht die Einrichtung vielleicht noch etwas Zeit – musikalisch hat Vestbirk ihren Platz dafür schon seit einiger Zeit definiert. Ihr Sound ist experimentierfreudig und kontrastreich, gekonnt und stilsicher mixt sich die Dänin durch Genres, Epochen und Tempi. Raviger Neunziger-Techno trifft auf Breakbeats, zeitgenössischer Electro auf Jungle-Tracks, und 140 BPM reduzieren sich schonmal auf 120. Worauf es Vestbirk dabei ankommt und was Anfänger von erfahrenen experimentierfreudigen DJs unterscheidet: „Du kannst ziemlich weird werden, solange du weißt, wie du da wieder rauskommst. Und solange du weißt, wie du dorthin und wieder rauskommst, ohne die Leute zu verlieren, ist es auch egal, wie groß die Bühne ist, auf der du spielst.“


Stream: Courtesy – Dekmantel Podcast 166

Courtesys heutige musikalische Identität ist dabei alles andere als ein Zufallsprodukt. Was habe ich als Künstlerin zu sagen? Was macht mich aus? Fragen, mit denen sich Vestbirk beschäftigt hat, wobei ihr Music-Management-Studium am Konservatorium in Kopenhagen äußerst hilfreich war. Dass sie einen der sechs Plätze des Studiengangs bekommen hatte, war für Vestbirk die Erfüllung eines Traums. Als Teenager ging sie vorzeitig von der Schule ab: „Ich war nicht sonderlich gut im Lesen und Schreiben, aber schon immer an Musik interessiert“. Also brach sie ab und machte unbezahlte Praktika bei Labels und Festivals, während sie nebenbei Kinderschuhe, Hotdogs und Suppen verkaufte. Zur gleichen Zeit startete sie mit ihrer Schulfreundin Johanne Schwensen das Projekt Ung Flugt – „zwei Teenager, die Tech House spielen“. Diese Zeit ihres Lebens beschreibt Vestbirk als ziemlich chaotisch, und das Projekt wurde nicht so groß, wie es womöglich hätte sein können. Vestbirk sieht das heute positiv: „Rückblickend war mein Musikgeschmack damals noch nicht voll entwickelt. Erst seit kurzem habe ich das Gefühl, dass ich als DJ etwas zu sagen habe.“ Das Duo trennte sich – leider nicht im Guten. Vestbirk nahm die schwierige Trennung von ihrer engsten Freundin vorerst die Lust am Auflegen. „Außerdem hatte ich viele Ängste, die sich darin manifestierten, dass ich große Probleme hatte aufzutreten und sehr nervös wurde, und in anderem destruktiven Verhalten, das ziemlich schädlich ist für
deine Beziehungen und Arbeitsbeziehungen.

Eine harte Zeit, wie für viele andere in ihren Mittzwanzigern auch.“ Mit der Gründung der Apeiron Crew 2014 kam für Vestbirk auch der Spaß am Auflegen zurück. Das Kollektiv, bestehend aus Vestbirk, Smokey (Simone Øster), Solid Blake (Emma Blake) und Mama Snake (Sara Svanholm), fand sich teils durch gemeinsames Ausgehen, teils auf Empfehlung von Freunden zusammen. „Ich kannte Simone von Partys, Emma und Sara kannte ich zwar nicht so richtig, hatte aber schon viel von ihnen gehört. Die Leute meinten, das sind richtig coole Frauen, die auf richtig coole Musik stehen.“ Schnell entschieden sich die vier, gemeinsam Partys veranstalten zu wollen. Darauf folgte eine intensive Zeit, in denen die vier vor allem in Kopenhagen gemeinsame Gigs spielten. „Die Zeit war ein großer Lernprozess. Die drei haben einen einwandfreien Musikgeschmack, es war also auch eine großartige Plattform, um mehr über Musik zu lernen.“

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