Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit dem Nation of Gondwana-Mitschnitt von Anja Zaube, Buttechnos Resident Advisor-Mix, Josey Rebelles Auftritt beim Rainbow Disco Club in Japan sowie den Crack-Mixen von Nene H und Steffen Bennemann. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

5. Anja Zaube – Nation Of Gondwana Set 2018 Wiese

Sich nach einer Party ein aufgenommenes DJ-Set anzuhören, kann eine frustrierende Erfahrung sein: Das klingt doch ganz anders als man das vom Club oder von der Wiese noch so in Erinnerung hat! Dem intensivsozialen Drumherum und dem drückenden Bass des Soundsystems beraubt, wirkt die Musik oft profan und glanzlos. Ganz anders bei diesem Mitschnitt eines wunderbaren Sets von der diesjährigen Nation Of Gondwana. Die in Berlin lebende Anja Zaube zeigt sich wieder einmal als Meisterin des roten Fadens, von den ersten Minuten des fast zweieinhalbstündigen Mixes an kreiert sie einen sehr eigenen, hypnotischen Sog, der sich dann durch das komplette Set zieht.

Zaubes psychoaktiver Techno kennt keine plakativen Bigroom-Momente, sondern wirkt wie eine total schlüssige Acid-Erzählung, die einen ohne großen Brüche immer weiter den Kopf verdreht. Auch wenn nach einer halben Stunde zwei zehn Jahre alten Radio-Slave-Remixes von zwei Vocal Nummern (UNKLE’s “Burn My Shadow”, DeetronDJ Bones “Life Soundtrack”) einen ersten Höhepunkt setzen, fährt Zaube danach wieder umso deeper fort und wird zwar nach 90 Minuten etwas industrieller und derber in den Sounds, hält aber das Ganze bis zum Ende schlüssig und spannend. Dass man dabei auch immer wieder hört, wie sie die Tracks einpitcht, macht das Ganze nur umso authentischer. Tolles Set, nicht nur für Nation-Besucher. (Thilo Schneider)

4. Buttechno – RA.631 (Resident Advisor)

Wenn es um die Präsenz russischer elektronischer Musik außerhalb der Landesgrenzen geht, fällt neben den Namen von Philipp Gorbachev, Inga Mauer, Machine Woman und Nina Kraviz und ihrem Label Trip mittlerweile auch der von Pavel Miljakov alias Buttechno. Er gehört der neuen russischen Underground-Welle an und erregte durch Releases wie ZCAPRI auf Zodiac 44 Aufsehen in der überregionalen Szene und darüber hinaus – seinem Kumpel Gosha Rubchinskiy sei dank, der regelmäßig Buttechno-Tracks in seine Schauen integriert,

Miljakov repräsentiert den russischen Sound in seinem am Anfang des Monats erschienenen Podcast-Beitrag für Resident Advisor mit aller gebotenen Authentizität. In rund einer Stunde bringt er seine Lieblingsstücke zusammen, welche die Geschichte des Technos in Russland von 1995 bis heute aufarbeiten sollen. Dabei beschränkt sich der Gründer des Moskauer Underground-Kollektivs Johns Kingdom dementsprechend auf eine Track-Auswahl von russischen Produzenten. In Kontrast zu seinen eher experimentell ausgerichteten Mixtapes mixt Buttechno gedämpften Tech House mit minimalistischen Techno-Produktionen von meist unbekannten und in Vergessenheit geratenen Künstlern wie Motor und Lazy Fish, aber auch unveröffentlichtes Material von aufstrebenden Künstlern wie Rodion Stankevich und Roma Zuckerman, die hin und wieder Big-Room-Atmosphäre aufkommen lassen. Buttechno-charakteristisch mündet der Mix in einem trancigen IDM-Stück von XuMuk.

Es ist ein Mix, der stimmungsmäßig auf den Panorama Bar Floor im Berghain passt und vielmehr den aktuellen russischen Sound repräsentiert als die Techno-Geschichte Russlands. (Felix Linke)

3. Josey Rebelle at Rainbow Disco Club 2018

Wir müssen reden. Über wen oder was? Natürlich über Josey Rebelle. Hä, wer bitte? Genau: Das nämlich ist das Problem. Während die internationale Szene spätestens im letzten Jahr auf die Londonerin aufmerksam wurde und gefühlt kein Jahresend-Ranking ohne die Pickle Factory-Resident auskam, sind ihre Gigs im deutschsprachigen Raum bisher noch rar gesät und konzentrieren sich überwiegend auf Berlin. Dabei ist die ebenfalls mit einer Show auf Rinse vertretene DJ doch die sicherste Bank für musikalische Überraschungen, an denen es hierzulande so vielen Clubnächten mangelt.

Das beweist auch ihr Set vom Rainbow Disco Club auf der japanischen Halbinsel Izu, das vor Kurzem von Resident Advisor auf Soundcloud gestellt wurde. Schon am Anfang des anderthalbstündigen Festival-Mitschnitts wechseln sich Deep House und Acid ab, es ergibt sich jede Menge Reibung: Hier souliger Wohlklang, dort ätzende Ekstase. Nach zehn Minuten ist klar: Das hier wird ein DJ-Set als Kontrasterfahrung, das lieber gegen den Strich als mit dem Strom geht. Hier wird muffiger Industrial über nervös flackernde Breakbeats geschoben, dann wieder schnell auf Philly-Soul-sampelnden House übergeschwenkt, bevor es mit trancigem Acid weitergeht. Das Strukturprinzip lautet anything goes, was auf Deutsch ungefähr so viel wie „Gude Laune“ bedeutet. Und deswegen ist höchste Zeit, dass wir endlich über Josey Rebelle reden: Weil die Britin besser als die meisten anderen DJs verstanden hat, dass viel Reibung die meiste Spannung erzeugt. Vor allem, wenn zwischendurch gegen Ende hin noch unvermutet Piano House durch die Breakbeats flattert. (Kristoffer Cornils)

2. Nene H – Crack Mix 220

Underground-DJ zu sein bedeutet heutzutage auch mal im Monatstakt einen neuen Mix nach dem anderen herauszuquetschen. Ist ja praktisch: Irgendwann sind alle bedient und es lässt sich wieder anderen Dingen zuwenden, am besten natürlich bezahlten Jobs, eigenen Produktionen, dies das eben. Nene H war erst Ende Mai mit einem furiosen Beitrag im Groove-Podcast zu Gast und schiebt jetzt sogleich einen Mix für Crack hinterher, der vor allem eins beweist: Nene Hatun hat Bock drauf, Nene Hatun hat noch lange nicht alles gesagt.

Den Auftakt macht der Crack Mix 220 mit komplex rhythmisierten Electro-Vibes, die den schroffen und industriellen Touch in sich tragen, der auch Hatuns eigene, experimentell gelagerte Produktionen kennzeichnet. Viel Spannung, die da aufgebaut wird und sich zuerst zögerlich in gebrochenem Techno von unter anderem dem Mord-Mainstay Lag entlädt. Nene Hatun hat nämlich zwar Bock, aber keine Eile.

Erst nach und nach glättet sich das Gesamtbild mit perkussiven Tracks von Jeroen Search oder Cari Lekebusch in Richtung Industrieruinen-Techno, bevor gegen Ende hin Rave-Signale aufheulen und Acid über den Floor verschüttet wird. Warm-Up und Peak Time in unter 60 Minuten, können auch nicht viele – nur Nene Hatun, denn die hat Bock und obendrein noch das richtige Händchen dafür. (Kristoffer Cornils)

1. Steffen Bennemann – Crack Mix 219

„Wenn ich Podcasts aufnehme habe ich Schwierigkeiten in eine Partystimmung zu kommen. Also nehme ich meistens Ambient-Podcasts auf“, sagte Steffen Bennemann mal anlässlich eines Mixes für Uncanny Valley. Das passt: schließlich ist Bennemann nicht nur Booker des an diesem Wochenende zum 21. Mal stattfindenden Nachdigital Festivals, sondern auch Mitveranstalter der „Sleep In“-Serie im Leipziger Conne Island. Doch auch wenn sein aktueller Mix für das Crack-Magazin mit Ambient anfängt, schlägt er im Laufe seiner knapp 60 Minuten dann einige Haken, die von Zomby zu Gunnar Haslam und von Dubtechno zu Trance-Flächen führen.

Angenehm: Steffen Bennemann widersteht der Versuchung, mit seinem Mix das Line-Up des Nachtdigitals widerzuspiegeln, das dieses Mal unter anderem Sets von Blawan, Courtesy, DJ Dustin, Maayan Nidam oder Objekt umfasst – auch wenn wohl jeder der Tracks hier auf dem Nachtdigital laufen könnte. Und wer sich doch mehr Ambient gewünscht hätte: In Olganitz sind für den 03. bis 05. August unter anderem Ambient-Sets von Ben UFO, Huerco S. Und Johanna Knutsson angekündigt. (Heiko Hoffmann)

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