Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Giegling Giegling ist das Undergroundmärchen par excellence: Ohne sich szeneüblichen Vermarktungsstrategien zu unterwerfen, hat es das Kollektiv aus Weimar ganz nach oben geschafft. Mit ihrer ersten Welttournee „Planet Giegling“ präsentierten sie in 18 Städten ein interdisziplinäres Konzept. „Oh Mist, jetzt hab ich dich glatt vergessen!“ Hastig springt Konstantin von der Couch auf, als ich die Schöneberger Galerie The Ballery am Nollendorfplatz betrete. Silberne Heliumballons hängen unter der Decke, zwei Männer schieben ein schwarz glänzendes Klavier durch den Raum, während eine junge Frau die Hängung ihres großformatigen neonpinken Gemäldes kritisch begutachtet. In wenigen Tagen soll hier die Vernissage stattfinden. Die Ausstellung mit Werken der Giegling-Künstler ist neben einem Livekonzert und einer Partynacht Teil des dreiteiligen Konzepts der „Planet Giegling“-Welttournee, von der Konstantin und der Rest des Kollektivs gerade ziemlich erschöpft zurückkommen. Giegling scheint das Label zu sein, auf das sich zurzeit alle einigen können. Mit ihren melodischen Produktionen führen sie die DJ-Charts an, Resident Advisor kürte sie zum Label des Jahres 2016. Dabei geht es bei Giegling um weit mehr als die Musik. Neben Musikern und DJs sind auch Maler, Lichtkünstler, Bildhauer, Kuratoren und Kreative verschiedenster Disziplinen Teil des Kollektivs aus Weimar. Die Welttournee sehen sie als Versuch, einen Rahmen zu schaffen, diese verschiedenen Einflüsse zu bündeln. Doch es gab auch persönliche Gründe: „In den vergangenen Jahren hat jeder viel an seinen eigenen Projekten gearbeitet. Daher gab es für die Tour diese Motivation von innen heraus, dass wir uns alle mal wieder zusammenfinden und in ein Projekt gemeinsam einbringen. Dass sich alle wieder damit infizieren lassen und sich diese ganze Energie von allen wieder konzentriert“, erklärt Konstantin, als wir mit einem Kaffee in der Hand durch den belebten Schöneberger Kiez spazieren. Es ist ein sonniger Nachmittag Ende März, in bunte Fleecedecken gehüllt sitzen die Wintermüden vor den Straßencafés und schlürfen nicht ganz ohne Trotz den ersten Cappuccino im Freien. Es ist nicht mein erstes Gespräch mit Konstantin, der unter anderem als Teil des DJ-Duos Kettenkarussell auflegt. Für ein Feature über die mit Giegling verwachsene Künstlergruppe Syc haben wir uns bereits vergangenen Sommer auf der Fusion getroffen, wo sie jährlich die Querfeld-Bühne gestalten. Für Konstantin bedeutet Giegling ein Aufgehen des Einzelnen im Kollektiv, jeder kann und soll sich mit seinen jeweiligen Fähigkeiten und Talenten gleichberechtigt einbringen. Gemeinsam etwas Größeres zu erschaffen, wozu der Einzelne außerhalb des Kollektivs nicht imstande gewesen wäre, wurde somit auch zum Leitgedanken der Tour. „Planet Giegling erforscht die hintersten Ecken des Giegling-Universums. Es wird eine Reise zurück zu unseren Wurzeln und in unsere Zukunft sein. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der uns einen Schritt näher zum Gesamtkunstwerk bringt“, heißt es in dem etwas esoterischen Pressetext zur Tour. Das „Gesamtkunstwerk“, ein von Richard Wagner entlehntes Konzept, plädiert für die völlige Einheit der verschiedenen Kunstformen. Gleichzeitig stellt sich Giegling damit in die Weimarer Bauhaus-Tradition, die ihrerseits versuchte, die Architektur als Gesamtkunstwerk mit den anderen Kunstformen zu verknüpfen. Auch wenn fast keines der Kollektivmitglieder noch dort lebt, bleibt der gemeinsame Studienort Weimar künstlerischer Ausgangspunkt und glorifizierter Sehnsuchtsort zugleich. Der Weimar-Spirit „Ich hab die krasseste Nostalgie für diese gemeinsame Zeit in Weimar, das war einfach ein magischer Ort! Es gab Architekten und Produktdesigner, Musiker, Künstler, Grafikdesigner, die alle so am Puls der Zeit waren. Alle irgendwie in dieser Bauhaus-Denke mit interdisziplinären Gedanken, alle wollten ihre Sachen […]

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