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Waking Life 2022: Die so wichtige weiche Landung

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Seit fast einem Jahrzehnt gehört Peter Marley zum Autorenstamm der GROOVE. Anders als die meisten unserer Autor:innen ist er nicht in einer Metropole zuhause, sondern immer unterwegs. Marley ist ein Weltenbummler, der seinen Seelenfrieden in der Bewegung findet.

Vor fast zwei Jahren hat er von seinem Corona-Exil in Thailand berichtet, hier erzählt er von seinem ersten Besuch beim legendären Waking Life, das sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem Geheimtipp in der Festivallandschaft entwickelt hat – vielleicht, weil es ähnlich wie Nachtdigital, Freerotation oder Sustain-Release seine eigene Festivalkultur erschuf.

Das erste Waking Life für mich hat ein paar Jahre Anlauf gebraucht. Zu groß waren die logistischen Hürden, für ein Festival mitten in die Einöde Zentral-Portugals zu reisen. Dabei ist Alentejo, eine der am wenigsten besiedelten Regionen Europas, eigentlich ganz hübsch: Olivenhaine auf sanften Hügeln, dazu Weinplantagen und mittelalterliche Dörfer. Seit 2017 veranstaltet hier ein internationales Team das Festival mit Fokus auf elektronische Musik und will gleichzeitig die Vision eines besseren Morgens vorantreiben. Nach zwei ausgefallenen Ausgaben war der finanzielle Druck auf das Projekt groß. Deshalb entschloss man sich, die Gästezahl von 4000 auf 8000 anzuheben. Ob das Gelände, der See und die Infrastruktur – vor allem aber auch der familiäre Vibe – diese Aufstockung vertrugen?

So sah sie aus, die Einöde Portugals (Foto: Peter Marley)

Im vollgepackten Linienbus aus Lissabon war die Stimmung schon mal prächtig. Neben alten Freunden aus Thailand und neuen aus den USA bestätigte sich auch der Eindruck vom Vortag, der halbe Flieger aus Berlin sei zum Festival unterwegs gewesen. Am häufigsten zu hören war tatsächlich Französisch, während Portugies:innen selbst vielleicht gerade mal ein Fünftel der Gäste ausmachten. Dank Volunteer-Status konnte ich bereits am Mittwochmorgen einen Platz für meine Hängematte auf dem mit Stoffplanen überspannten Campingplatz suchen; die übrigen Besucher:innen standen teilweise noch bis spätabends in der Autoschlange: „Waiting Life” schrieb mein Freund, dessen Odyssee ganze sieben Stunden gedauert hatte. „Walking Life!” meine Antwort, denn die gut 20 Minuten Fußmarsch zwischen Eingang und Festivalgelände hatte ich am Morgen gleich mehrmals absolviert.

Außer man drehte den Filter rein (Foto: Peter Marley)

Irgendwann hatten es dann doch alle geschafft. Der erste Abend startete mit elektronischen Live-Konzerten auf der Ambient-Stage „Chochilo” (portugiesisch für Nickerchen). Diese war samt Tee-Bar ein willkommenes Refugium, lag strategisch wichtig gleich am Übergang zwischen Zeltplatz und Gelände und lud demnach immer wieder entweder zum gemächlichen Ankommen oder auch zum entspannten Ausklingen ein.

Sei’s drum, ein Mal im Jahr geht auch ein Trance-Set klar!

Weiter hinten, etwas um den See herum, hinter den zahlreichen Ständen des vegan-vegetarischen Food Courts, begannen auf der „Floresta”-Stage schon die ersten Live- und DJ-Sets. Der von Bäumen und Bambus-Konstruktionen gesäumte Waldfloor versprühte gerade zum Sonnenaufgang ein zauberhaftes Ambiente. Pünktlich dafür war ich extra für Paquita Gordon wieder aufgestanden, hoffend auf eine Wiederholung des Sets zur gleichen Zeit beim Nachtdigital 2019. Stattdessen spielte die Italienerin mit Vinylfetisch jedoch eines ihrer Trance-Sets – sei’s drum, ein Mal im Jahr geht auch so was klar!

Manche gingen zum Yoga, andere in den See (Foto: Dan Smith)

Im Anschluss ging ich direkt zum Yoga im Workshop-Space „Apuro”, einer architektonisch beeindruckenden Bambus-Konstruktion, in deren Schatten auch Vorträge gehalten wurden zu so diversen Themen wie Psychologie oder Post-Kolonialismus. Spiral-Tribe-Mitglied 69db präsentierte hier etwa einen von elektronischer Live-Musik untermalten Ecstatic Dance und das als Caretaker bezeichnete Awareness-Team hostete jeden Nachmittag eine (Ice-)Tea-Party.

Hat hier jemand „Bachstelzen” gesagt?

Als am ersten Mittag endlich der dritte Floor „Outro Lado” (portugiesisch: andere Seite) öffnen sollte, war die allgemeine Spannung förmlich mit Händen zu greifen. Während der letzte Bagger noch piepend von der Tanzfläche rollte, strömten bereits die Menschen auf die ringsum von hohen Kiefern beschattete Anhöhe. Mit seinen großzügigen, mehrstufigen Holzpodesten erinnerte die kleine Oase am See ein wenig an den Bachstelzen-Floor auf der Fusion.

Viele Kiefern, noch mehr Holz – Hauptsache Schatten (Foto: Peter Marley)

Den Anfang machte Leafar Legov vom Giegling-Kollektiv, das übrigens seit jeher in voller Mannschaftsstärke auf dem Waking Life aufspielt. Legovs mystischer, vollmundiger Deep-House-Sound mischte sich mit den konstanten künstlichen Nebelschwaden zu einem der ersten Festival-Highlights und gab den Startschuss für die mächtige Loud-Professional-Anlage, der man bis Montagabend gnadenlos ausgeliefert sein würde.

Über dem Waking Life funkelten nicht nur die Sterne (Foto: Rim Guermazi)

Zum Sonnenuntergang lohnte sich jeweils ein Abstecher auf die hintere Seite des Sees. Der kleinste neue Floor „Praia” (portugiesisch: Strand) bestach vor allem durch seine intime Atmosphäre und das abwechslungsreiche Musikprogramm. Tagsüber leider der brüllenden Hitze ausgeliefert, gab es dort stilistisch durchweg Überzeugendes von Disco und Dub bis hin zu Sets von Hieroglyphic Being oder Kode9, bevor Stimming Sonntagabend für sein Closing-Live-Set die meisten Lorbeeren einheimste. Auf dem etwas versteckten Dancefloor bekam man kaum etwas vom Rest des Festivals mit, sodass die Illusion einer kleinen, intimen Open-Air-Party irgendwo unter einem endlosen Sternenhimmel fast perfekt war.

Es lief einfach immer und überall ausnahmslos richtig gute Musik.

Ähnlich positiv lässt sich auch der Rest der musikalischen Darbietungen zusammenfassen: Es lief einfach immer und überall ausnahmslos richtig gute Musik. Egal wo und wann, es passte dazu. Was simpel klingt, ist leider ein allzu oft schmerzlich vermisster Umstand. So brachte Deadbeats behäbiges Dub-Techno-Set samt Live-Vocals von Tikiman die „Outro Lado” am Nachmittag  langsam wieder zum Beben, nachdem der Floor zuvor, in der Mittagshitze mit einem ambienten Live-Set bespielt, eher zum Planschen im angrenzenden See eingeladen hatte.

Die Sonne ging auf. Die Menschen tanzten. (Foto: Peter Marley)

Am Morgen zuvor hatte ein artistisch an den Turntables agierender Djrum seine wilden Breakbeats einem rasenden Publikum um die Ohren geschleudert, bis es in der Ferne dämmerte, während DJ Dustins verspielte Techno-Platten gegenüber bereits den nahenden Sonnenaufgang verkündeten. Spätestens als Edward dann mit trippigem Tech-House die Afterhour einläutete und der unverkennbare Synth aus Gideon Jacksons „Taj-Mahal” noch unter Wasser an meine Ohren herangetragen wurde, war es geschehen – ich hatte mich ins Waking Life verliebt.

36 Grad und es ward noch heißer

Keine andere Veranstaltung hatte es bislang geschafft, die klaffende Lücke des Nachtdigital wieder mit See, Unterhaltung und musikalisch herausragendem Programm zu füllen. Das Waking Life tat jedoch genau das und legte jeweils eine Schippe drauf, etwa mit beeindruckenden Holzkonstruktionen und zahllosen versteckten Kunstwerken und Gimmicks, etwa einem live produzierten Radioprogramm mit übers Gelände verteilten Empfängerstationen, die dazu einluden, alle Ecken auf eigene Faust zu erforschen.

Dank des großen Sees und den vielen schattigen Badeinseln konnte man auch bei fast 40 Grad noch feiern und entging gleichzeitig den langen Schlangen vor den Duschkabinen. Mit an Seilen gezogenen Flößen ging es zwischen den Seeseiten nicht nur schneller, sondern auch abenteuerlich hin und her. Mal ergaben sich auf der Überfahrt neue Bekanntschaften, dann wieder ein spontanes Wettrennen zwischen zwei Floßbesetzungen oder sogar panisches Abspringen bei drohendem Sinken durch Überlastung.

Campingplatz am Waking Life, Öl auf Leinwand, 2022 (Foto: Peter Marley)

Die Kapazitäten des Geländes hingegen schienen auch bei 8000 Besucher:innen noch nicht ausgereizt. Obwohl der Campingplatz bis zum Bersten gefüllt war und es sich zu Stoßzeiten an den Bars auch mal staute, waren die Floors doch immer angenehm locker gefüllt. Die Party fühlte sich stets lebhaft, aber nie überfüllt an. Selbst als am Sonntagabend die belgische Live-Techno-Band Stavroz sowas wie die inoffizielle Abschluss-Show spielte und deshalb das halbe Festival zum Ambient-Floor gepilgert war, ergatterten alle noch einen guten Platz.

Weitere Entdeckungen des Wochenendes waren der Freerotation-Resident Alex Downey, der in seinen drei Stunden von dubbigem Techno über Liquid Jungle bis hin zu House so ziemlich alle Punkte des UK-Sounds stimmig zu verbinden wusste, oder die britische DJ Gwenan, deren groovige, schiebende Electrotracks einen hypnotischen Sog entwickelten.

Wie viele springende Plattennadeln während der fünf Tage auch zu hören waren, es tat der Stimmung keinen Abbruch.

Wie so viele andere DJs auf dem Festival spielten auch die beiden vorwiegend Vinyl, dem überall präsenten Wüstenstaub zum Trotz. Wie viele springende Plattennadeln während der fünf Tage auch zu hören waren, es tat der Stimmung keinen Abbruch. Im Gegenteil, das Publikum goutierte den Einsatz der DJs mit anerkennendem Wohlwollen und bewies immer wieder eine angenehme Mischung aus unkomplizierter Feierfreudigkeit bei zeitgleichem Bescheidwissertum. So entpuppte sich am Ende fast jede:r Gesprächspartner:in selbst als in irgendeiner Weise in der Szene aktiv.

Foto: Rim Guermazi

Als sich im Laufe des Montags dann bereits viele Besucher:innen auf den Heimweg machten, wurde auf der Outro Lado noch ein im Timetable lediglich als „…” angekündigtes zwölfstündiges Giegling-Closing abgerissen. Müde des Tanzens fand ich mich allerdings für die letzten Stunden auf dem Ambient-Floor ein, wo schließlich ein intimes Akustik-Konzert iranischer Folk-Musiker die so wichtige weiche Landung bot. Noch lange nach dem Ausklingen der letzten Töne war in der Luft die wohlige Energie zufriedener Erfüllung zu spüren.

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