Peter Kruder: Wir hatten Glück, dass die Leute bei unseren Gigs immer sehr offen waren. Klar kam’s immer mal wieder vor, dass ein Mädel daherkam und sich Nummer sieben von unserer CD wünschte. Aber das war selten. Wir legten auch nie Downbeat-Platten auf. Ab 1995 spielten wir ausschließlich Drum’n’Bass.

Alexander Hirschenhauser: 1997 veröffentlichte das Label !K7 eine Wien-Compilation: Viennatone. Die war ganz schlecht gemacht. Die baten mich noch, ihnen Tipps für die Tracklist zu geben, was ich auch tat. Aber heraus kam eine komische Werkschau.

Richard Dorfmeister: Es gab dann am Ende der ganzen Lounge-Szenerie eine Art Abwehr. Diese ganze Wien-Sache, da sagten viele: „Das ist totale Scheiße, totaler Sell-out.“ Diese Viennatone-Compilation war dann schon nicht mehr so gut. Viele Leute hassten diesen Lounge-Sound – und gaben uns die Schuld daran! Dabei wollten wir einfach nur gute Tracks machen und nicht so in Nischen denken.

Peter Kruder: Das große Problem war: Was wir gemacht hatten, wurde nicht als das verstanden, was es ganz am Anfang war. Für unsere Tracks nahmen wir verschiedene Einflüsse und bauten daraus etwas ganz Neues zusammen. Das wurde dann halt zu einer tausendfach kopierten Formel vereinfacht: Du nimmst ein brasilianisches Sound-Sample von da und einen Gesangsfetzen von dort. Das war das Problem. Es wäre schön gewesen, wenn die Nächsten dann ihr eigenes Ding gemacht hätten.

Klaus Waldeck: Der Trend wurde dann breitgetreten von einer Maschinerie von Trittbrettfahrern, die alle sagten: „Halt! Wir sind auch alle aus Wien.“ Egal ob die eigentlich aus dem Burgenland oder aus Linz waren. Das wurde dann so groß, dass sich der Hype am Höhepunkt selber zerstört hat.

Alexander Hirschenhauser: Dann gab’s auch bald die Vienna Scientists. Die wurden vom Kern der Szene nicht wirklich geschätzt, obwohl da schon einige gute Leute beteiligt waren. Das war ein Grenzfall. Wirklich unangenehm wurde es, als sich die großen Plattenfirmen auf das Thema stürzten und Compilations wie Eclectic Sound of Vienna machten. Die schlachteten das Ding dann aus.

Rodney Hunter: Es ist halt normal, dass es Trittbrettaktionen gibt. Das gehört zu jeder guten Bewegung. Das kann man ja auch als Qualitätsmerkmal erachten, wenn Leute etwas Ähnliches machen wollen. So gesehen war das schon eine super Sache, endlich hatte Wien auch eine gewisse Identität. Das gab’s in der Form vorher nicht. Wir waren hier ja alle nie so gut wie die Leute in Bristol. Massive Attack und so. Aber Wien hatte diesen Bristol-Ruf. Und Wien schaffte es sogar, länger auf der musikalischen Landkarte zu bleiben als Bristol selbst.

Alexander Hirschenhauser: 2001 knackte The K&D Sessions™ die Millionenmarke. Bis heute
wurden angeblich zwei Millionen Exemplare verkauft. Hype hin oder her. Was wichtiger ist: Was damals hier aufgebaut wurde, war ja nach dem Hype nicht weg. Viele Strukturen – Labels wie Vertriebe – existierten schließlich weiter. Eine nachfolgende Generation konnte darauf aufbauen. Junge Musiker, die vom Erfolg der Szene um Kruder & Dorfmeister motiviert waren. Leute, die sich dachten: „Schau, das geht auch von Wien aus. Das probieren wir auch!“

Christian Fennesz: Ich denke schon, dass der Hype um Wien der Szene guttat, weil es das Land als Musiknation international einfach wieder bekannter machte. Wenn ich mir die junge Generation anschaue: Anja Plaschg alias Soap&Skin ist eine gute Freundin von mir, und sie geht an das alles ganz anders heran. Für sie war es nie ein Problem, aus diesem Land zu kommen. Sie sieht sich sowieso als internationale Künstlerin. Für uns war das in den Achtzigern noch anders, wir waren Ostblock. Und ich denke schon: Wenn wir irgendwas erreicht haben, dann war es zumindest das, dass die neuen Generationen da viel selbstbewusster auftreten können. Und das ist gut.

Personenverzeichnis (geordnet nach Namensnennung im Text):

Peter Kruder (*1968): Startete seine Karriere als Mitglied der Hip-Hop-Crew The Moreaus, gründete 1993 mit Richard Dorfmeister das Label G-Stone und wurde im Duo mit ihm zum Downbeat-Dreamteam, ist heute als Solokünstler und DJ aktiv.

Richard Dorfmeister (*1967): Bevor er mit Peter Kruder die EP G-Stoned aufnahm, produzierte er unter dem Künstlernamen Evangelista und spielte in der Band Sin. Veröffentlichte als Tosca (Projekt mit Rupert Huber) 2013 das Album Odeon auf seinem Label G-Stone.

Rodney Hunter (*1971): Sänger bei The Moreaus, startete danach mit Werner Geier das Label Uptight, feierte Erfolg mit der Hip-Hop-Crew Aphrodelics, ist heute als Solomusiker aktiv, sein jüngstes Album Hunter Express erschien 2013.

Alexander Hirschenhauser (*1962): Gründer des Plattenladens Black Market sowie des Vertriebs und der Clubreihe Soul Seduction; heute Klubobmann der Grünen im ersten Wiener Gemeindebezirk.

Samir Köck: DJ, Musikkritiker der Zeitung Die Presse und Herausgeber themenspezifischer
Musik-Kompilationen.

Klaus Waldeck (*1966): Musiker, Labelbetreiber (Dope Noir) und Urheberrechtsanwalt.

Andy Orel (*1960): Gründer der Multimedia-Plattform Abuse Industries, Musiker (Sin), Stamm-Grafiker von Cheap und International Gigolo Records.

Sugar B alias Martin Forster (*1967): Sänger bei The Moreaus, Mitbegründer des Dub Clubs (Flex), Radiomacher (FM4), Tour-MC von Kruder & Dorfmeister.

Peter Rehberg alias Pita (*1968): In London aufgewachsener DJ, Noise-Experte, Musiker und Betreiber des Elektronik-Labels Mego/Editions Mego. Im Mai 2013 erscheint das Debütalbum seines neuen Projekts Shampoo Boy (Licht).

Christian Fennesz (*1962): In den frühen neunziger Jahren Gitarrist des Postrock-Trios Maische, mit seinen Alben Hotel Parallel und Endless Summer (beide Mego Records) avancierte er zu einem der wichtigsten Elektronik-Musikern der Gegenwart.

Fritz Ostermayer (*1956): Der Musiker (Viele Bunte Autos, Der Scheitel) war gemeinsam mit Werner Geier Chefredakteur der Jugendkultur-Radiosendung Ö3-Musicbox; heute FM4-Feuilletonist und Leiter der Schule für Dichtung.